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Ausgabe:

1895 Nr. 2

Spalte:

516-518

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Büchler, Adolf

Titel/Untertitel:

Die Priester und der Cultus im letzten Jahrzehnt des jerusalemischen Tempels 1895

Rezensent:

Schürer, Emil

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515

Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 20.

Die früheren Ausgaben, bis zum J. 1891, ruhten alle
nur auf einer Handfchrift, der Wiener. Erft die Ausgabe
von Ryle und James {Psalms of the Pharisees,
commonly called tlie Psalms of Solomon, Cambridge 1891;
vgl. Theol. Lit.-Ztg. 1891, 323) verfügte über eine breitere
handfchriftliche Grundlage, indem zu der Wiener Handfchrift
noch drei andere hinzugekommen waren: eine
Kopenhager, Moskauer und Parifer. Eine weitere Bereicherung
des Materiales konnte dann Swete in feiner
Septuaginta-Ausgabe vorlegen, indem er den Text einer
vatikanifchen Handfchrift nach einer von Erich Klofter-
mann angefertigten Collation mittheilte {The Old Testament
in Greek aecording to the Septuagint, vol. III, Cambridge
1894). Der neuen Ausgabe von Gebhardt liegen
nicht nur genauere Collationen diefer fünf bisher bekannten
Handfchriften zu Grunde (für die Kopenhagener
eine Collation von Graux, für die vier anderen folche
von Gebhardt felbft, während die bisherigen Collationen
der Wiener, Moskauer und der vatikanifchen Handfchrift
fich als ungenau erwiefen haben, f. Gebhardt, S. 10, 11 f.);
fondern es find auch noch drei neue hinzugekommen:
zwei vom Athos (eine aus dem Kloner Iwiron und eine
aus dem Laura-Kloner) und eine römifche (ein Casa-
natensis). Für die Handfchrift von Iwiron konnte G. eine
Abfchrift des Entdeckers Ph. Meyer, jetzt Studiendirector
in Erichsburg bei Markoldendorf, benützen, für die
beiden anderen Collationen von Herrn Alexandros, bez.
Dr. Tfchiedel.

Die Prolegomena v. Gebhardt's unterfuchen zunächfl
eingehend die Vorlage der editio prineeps. Es wird
namentlich auf Grund von Briefen Hoefchel's an den
Wiener Bibliothekar Tengnagel aus den Jahren 1614—1616
der Beweis erbracht, dafs in diefen Jahren die Wiener
Handfchrift an Hoefchel nach Augsburg verliehen war,
dafs alfo die vermeintliche ,Augsburger' Handfchrift, aus
welcher die editio prineeps gefioffen ift, keine andere war
als die Wiener. Nach einer Charakterifirung der fpäteren
Ausgaben und der Ueberfetzungen (unter welchen S. 13
die deutfehe Ueberfetzung von Geiger aus Verfehen
nicht genannt ift) werden dann die einzelnen Handfchriften
befchrieben und ihr Verwandtfchaftsverhältnifs
fowie ihr relativer Werth auf Grund minutiöfefter Einzel-
Unterfuchung beftimmt (S. 14—70). Eine Gruppe für fich I
bilden die vier von Ryle und James benützten Handfchriften
. Die nahe Verwandtfchaft derfelben ift zwar
den englifchen Herausgebern nicht verborgen geblieben.
Aber den wahren Sachverhalt haben fie doch nicht erkannt
. Während fie alle vier nur auf einen gemein-
famen Archetypus zurückführen (Ryle und James S.
XXXI—XXXVII), kann es nach den Nachweifen Gebhardt
's kaum noch einem Zweifel unterliegen, dafs die
Wiener, Moskauer und Parifer direct oder indirect aus
der Kopenhagener gefioffen find, dafs alfo für die Textkritik
überhaupt nur diefe eine (H — Havniensis) in Betracht
kommt. In Gebhardt's Apparat ift daher in der
Regel nur diefe berückfichtigt, die drei anderen find aus
dem Apparat ausgefchieden.

Von den vier feit der Ausgabe von Ryle und James
hinzugekommenen Handfchriften bietet der Vaticanus (R)
am meiften eigenthümliche Lesarten. Er bildet gegenüber
allen anderen geradezu eine felbftändige Claffe.
Sein Text mufs alfo am früheften von dem gemeinfamen
Archetypus fich abgezweigt haben. Ihm zunächfl fleht
der Codex von Iwiron (J), demnächft der vom Laura-
Klofter (L) und der Cafanatenfis (C). Am meiften entfernt
fich von R der Havnienfis. Dabei bilden aber doch
JLCH eine gemeinfame Gruppe gegenüber R. Leider
kann nicht gefagt werden, dafs R einen überwiegend
befferen Text giebt als JLCH (deren Hauptrepräfentant
J ift). Beide Claffen halten fich vielmehr ungefähr die
Wage, fo dafs bei ihrem Auseinandergehen nur von Fall
zu Fall entfehieden werden kann.

Der letzte Abfchnitt der Prolegomena (S. 70—88) behandelt
,die Fehler des überlieferten Textes'. Auch die
Uebereinftimmung aller Handfchriften ift nämlich noch
' keine Bürgfchaft für die Richtigkeit des Textes. In nicht
wenigen Fällen war fchon der Text des Archetypus
fehlerhaft. In manchen kann durch Conjectur geholfen
werden, in anderen bleibt nur ein non liquet übrig. Und
felbft wenn wir in allen Fällen den griechifchen Urtext
erreichen könnten, wäre damit immer noch nicht der
i Urtext der Pfalmen felbft gewonnen. Denn der griechifche
i Text ift Ueberfetzung eines hebräifchen; und es unterliegt
keinem Zweifel, dafs der griechifche Ueberfetzer
j feine hebräifche Vorlage nicht immer richtig wieder-
! gegeben hat.

Man darf fonach auch an diefe mufterhafte Ausgabe
nicht mit allzu fanguinifchen Hoffnungen herantreten.
Aber das durch Textkritik Erreichbare ift hier geleiftet.
Gegenüber den bisherigen Ausgaben ift der Text mit
Hülfe der neu herangezogenen Handfchriften an nicht
wenigen Stellen verbeffert. Bei dem Stande der Ueber-
I lieferung kann man felbftverftändlich in manchen Fällen
I über die aufzunehmende Lesart verfchiedener Meinung
j fein. Im Ganzen mufs das Urtheil Gebhardt's als ein
wohl erwogenes anerkannt werden. Von der Conjectur
ift ein nicht übermäfsiger, an manchen Stellen entfehieden
glücklicher Gebrauch gemacht. Aufgenommen find von
älteren Conjecturen, wenn ich recht gezählt habe, je
eine von Fabricius (18, 3), M. Schmidt (1, 2), Lagarde
(6, 3), Wellhaufen (13, 5), je zwei von Geiger (2,26. 17,22)
und Fritzfche (5, 18. 17, 45), drei von Hilgenfeld (2, 4.
8, 3. 12, 3). Dazu kommen noch fünfzehn eigene Gebhardt
's (2, 19. 3, 8. 5, 3. 5, 10. 9, 6. 9, 7 zwei. 9, 9. 15, 7.
16, 1. 17, 9. 17, 14. 17, 15. 17, 21. 17, 33).

Aufser dem textkritifchen Apparat find unter dem
Text auch zahlreiche fachliche Anmerkungen beigegeben,
welche werthvolle Fingerzeige für das Verftändnifs des
Textes bieten 1).

Göttingen. E. Schürer.

Büchler, Prof. Dr. Adolf, Die Priester und der Cultus im
letzten Jahrzehnt des jerusalemischen Tempels (Jahresbericht
der ifraelitifch-theologifchen Lehranftalt in
Wien für das Schuljahr 1894/95). Wien, Verlag der
ifraelit.-theol. Lehranftalt, 1895. (207 S. gr. 8. ohne
den Jahresbericht.)

Nach dem Titel diefes von gründlicher Gelehrfam-
keit zeugenden Werkes könnte man erwarten, darin eine
Zufammenfaffung alles deffen zu finden, was wir über
,die Priefter und den Cultus' im letzten Jahrzehnt des
jerufalemifchen Tempels wiffen. In diefer Erwartung
hat Referent das Buch in die Hand genommen und demnach
auf manche Belehrung für den denfelben Gegen-
ftand behandelnden g 24 feiner ,Gefchichte des jüdifchen
Volkes' gehofft. Aber das Thema, welches der Verfaffer
in Wirklichkeit behandelt, ift trotz der 207 Seiten ein
viel enger begrenztes. Er will nur zeigen, welche Um-
geftaltungen die Organifation der Priefterfchaft
I und des Tempelcultus Im letzten Jahrzehnt ihres Be-
1 ftehens, nämlich im Jahre 63, nach der Willkürherrfchaft
des fadducäifchen Hohenpriefters Ananos, erfahren hat.
Diefe ,allen pharifäifchen Principien Hohn fprechende'
j Willkürherrfchaft hat es nämlich veranlafst, dafs die
Pharifäer nun ernftlich Vorfichtsmafsregeln trafen, um
folche Dinge für die Zukunft zu verhüten (S. 57 f.). Es
wurde ,eine tiefgreifende, einfehneidende Um-
geftaltung im Tempeldienft und in allen mit dem
Heiligthume zufammenhängenden Einrichtungen

1) Nach einer brieflichen Mittheilung Gebhardt's ift in einem Theil
I der Auflage bei der Figur S. 39 ein Buchftabe (V) abgefprungen. Die
Ergänzung ergiebt fich aus der Wiederholung derfelben Figur auf S. 90.
Ferner ift S. 102 Z. 16 (Pf. IV, 14) ftatt Inwmöv dov zu lefen tW-
| 7110V dov.