Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1895 Nr. 19

Spalte:

489-491

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bugge, F. W.

Titel/Untertitel:

Das Johannes-Evangelium 1895

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

489 Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 19. 490

achtbarer Gelehrfamkeit auftretenden, anonymen Werkes | Ueberfetzer. .Eigenes' habe ich fogar kaum darin ge
Supernatural religion, welches dem beftehenden Vor- funden, aufser dafs der Apoftel Johannes in feiner Jugend

urtheil meift mit gefchichtlichen Unterfuchungen über
die Bezeugung der neuteftamentlichen Schriften und mit
begrifflicher Auflöfung des Wunders zu Leibe ging. Von

das Glück hatte, von einem Hauslehrer unterrichtet zu
werden (S. 2). Im Uebrigen wird man nicht blofs durch
die Eintheilung (S. 46. 84 f. 137 f. u. f. w.) an B. Weifs

derfelben Art ift das vorliegende, auf den genannten j erinnert, von dem fie faft nur durch Erhebung von 12,
Vorgänger durchweg Bezug nehmende Buch; nur dafs j 12—50 zum Range eines eigenen Abfchnittes abweicht,
die dort reichlich aufgefpeicherte theologifche Gelehr- i Ueberhaupt geht diefe norwegifche Auslegung im Tone
famkeit hier wegfällt und dafür mehr zufällige Anläffe ' der bei uns meift gelefenen Commentare; fie macht
zu Auseinanderfetzungen mit diefem oder jenem Schrift- ! nichts weniger als einen fremdartigen Eindruck. Mit
fteller benutzt, namentlich auch religionsgefchichtliche Namen angeführt, überhaupt citirt wird gleichwohl durch
Betrachtungen ' gepflogen werden. Im Uebrigen lauter , das ganze Buch Niemand, aufser zuweilen der Verfaffer
Dialektik, mathematifches Räfonnement, Nachweis der felbft bezüglich feines Lucascommentars. Die Erklärung
Berechtigung zu Skepfis und Negation bezüglich des felbft vollzieht fleh in fortlaufender Weife und ftreift
Einzelnen, dabei durchgehende Zufpitzung der ganzen ! mehr an eine in etwas höherem Stil gehaltene, zur
Argumentation auf die Wunderfrage, aber keine pofitive ! Grundlage für Bibelftunden geeignete, Paraphrafe (zumal
Darftellung der Entftehungsmotive und der Bildungs- ! bezüglich der johanneifchen Chriftusreden), als dafs fie
gefetze einer urchriftlichen Tradition! Bietet das Buch , gelehrte Fragen von irgend welcher actuellen Bedeutung
für den deutfehen Theologen fachlich nicht eben viel zu fördern vermöchte. Ja fie berührt diefelben kaum,
neue Belehrung fo ift die Methode felbft um fo charak- Letzteres im Unterfchiede z. B. von Godet, an deffen
teriftifcher. Die Apoftelgefchichte mit ihren zweifelhaften Manier die Vortragsweife des Verfaffers fonft vielfach
Nachrichten über das Pfingftzungenwunder, ihrer Corne- erinnert. Das Ganze lieft fleh glatt und leicht; kein
liuslegende und ihrem jerufalemifchen Concilsapparat 1 griechifches Wort fchiebt fleh ftörend ein. Jeder Laie
und Kirchenthum, ja felbft mit ihrem Stephanusmartyrium kann, eine Ueberfetzung des Neuen Teftaments in der
(diefes foll ungefchichtlich fein, weil es nicht in den Hand, den Commentar ohne Schwierigkeit in fleh auf-
paulinifchen Briefen vorkommt) kann keinen Anfpruch , nehmen. Die Studenten aber, welchen eine folche Speife
auf Gefchichtlichkeit erheben, folglich auch nicht die, vorgefetzt wird, find vor jeder ernfthaften Anfteckung
ihrem Inhalt als Vorausfetzung dienende, evangelifche mit kritifchem Gift gefichert. Die Harmonie mit der
Gefchichte, folglich auch nicht die, letztere enthaltenden, fynoptifchen Erzählung wird ftets auf die einfachfte
Evangelien. Obwohl wir fomit fchon S. 29. 63 wiffen, Weife bewerkftelligt. Stimmt die Berufungsfcene 1, 35—93
wofür0 diefe Schriften zu halten find, führt uns der Verf. j nicht mit Marc. I, 16—20, fo mufs man wiffen, dafs Jefus
noch durch alle Einzelheiten der Evangelienkritik, foweit diefelben Perfonen dort zu Jüngern, hier zu Apofteln
fie ihm bekannt und intereffant ift, und zugleich damit gemacht hat (S.67). Steht die Tempelreinigung 2, 14—17
auch in die Probleme der Gefchichte Jefu. Wo diefe am Anfang, Marc. II, 15. 16 am Schluffe von Jefu öffent-
Gefchichte übrigens in den echten Paulusbriefen einen licher Thätigkeit, fo kommt folches daher, dafs er dort

Anhalt zu haben fcheint, da zeigt fleh fofort, dafs letztere
gerade an der betreffenden Stelle, alfo namentlich i Kor.
11, 23—25. 15, 3—9 Interpolationen erfahren haben (S. 73.
400. 481 f.). Sagt Jemand, die Autographen unterer neuteft.
Schriften feien verloren gegangen, fo heifst das für
unferen mit unbarmherziger Logik verfahrenden Verfaffer
eingeftehen, dafs man nicht wiffen kann, ob es überhaupt
jemals folche gegeben habe (S. 155). Das Examen
rigorosum, welchem die evangelifche Gefchichte nach
derartigen Grundfätzen unterworfen wird, hat natürlich
kein anderes Ergebnifs, als die Conftatirung eines grofsen
Netzes von Widerfprüchen. Beifpielsweife haben wir in

als Prophet, hier als König gehandelt hat (S. 91). Nicht
um zu rationaliflren, fondern um zu harmoniflren, wird
6, 21 .plötzlich war das Schiff am Lande' herabgemindert
zu dem Satze: ,fie näherten fleh dem Lande- (S. 161).
Eine zuverflehtliche, auch Häufungen nicht fcheuende
Sprache dient zu weiterer Befriedigung der Gemüther.
,Es liegt fchlechterdings nichts Auffallendes darin, dafs
die fynoptifchen Evangelien über die erfte Begegnung
Jefu mit feinen Jüngern fchlechterdings nichts berichten
' (S. 67). ,Die Erweckung des Lazarus liegt aufser-
halb der Grenzen, innerhalb welcher fleh die fynoptifche
Darfteilung der evangelifchen Gefchichte bewegt'. Diefe

den Erzählungen von der Kreuzigung eine Reihe von verfügt ja fchon über die Jairus- und Nain-Gefchichte.
Zügen, unter welchen kein einziger mit demjenigen j .Hiermit fällt jede zwingende Nothwendigkeit für die

Mafs von Sicherheit und Fettigkeit erzählt wird, welches
ihn vor einem britifchen Gerichtshof als in's Gewicht
fallend erfcheinen liefse (S.438). Dafs dabei der Verfaffer
trotzdem auf einer ftattlichen Zahl von controverfen
Punkten an fleh richtige Pofitionen vertritt oder wenigftens
fcharffinnige und beachtenswerthe Bemerkungen macht,
foll ausdrücklich gefagt fein. Aber als Ganzes genommen
würde das Werk, wenigftens bei uns, einen Schlag in's
Waffer bedeuten.

Strafsburg i. E. PI- Holtzmann.

Bugge, Prof. F. W., Das Johannes-Evangelium. Erklärt von
B. Deutfch von Paft. Lic.Dr.H. J.Beftmann. Autorif.
Uebertragung. Stuttgart, J. F. Steinkopf, 1894. (IV,
507 S. gr. 8.) M. 6. 50

Der Verfaffer, Profeffor der Theologie in Chriftiania,
hat fchon die meiften Schriften des N.T. (Briefe des
Paulus, 3. Aufl. 1886; des Petrus und Judas, 2. Aufl. 1892;
Apoftelgefchichte 1884 und Lucas 1889) in derfelben
Weife erklärt, wie jetzt (norwegifch 1893) das vierte
Evangelium. ,Es findet fleh neben dem Eigenen manches
deutfehe Gut in dem vorliegenden Buch' — fagt der

Synoptiker fort, die Auferweckung des Lazarus zu erzählen
; fie hätten das nicht thun können, ohne die von
der fynoptifchen Darfteilung gezogenen Umrifslinien zu
überfchreiten' (S. 289). Wer diefenCirkelbeweis belangreich
findet, mit dem ift ja nicht weiter zu ftreiten. Ebenfo-
wenig mit demjenigen, der mit unferem Verfaffer (S. 19)
fogar die johanneifche Redeweife Jefu für treuere Wiedergabe
des Gefchichtlichen hält, als die fynoptifche.
Ganz ungenügend find angefichts deffen, was man heute
über die Begriffswelt des Spätjudenthums und des Neuen
Teftaments weifs, die aus den Fingern geflogenen Excurfe
über den Menfchenfohn (S. 72 f.; nicht aus Daniel, fondern
= letzter Adam), das Gottesreich (S. 100f.: erft
.geiftliches Reich', dann Kirche, zuletzt regnum gloriae).
Doch wir find ja in Norwegen. Aber nein! Wir find in
Deutfchland, und ein bekannter deutfeher Theolog, der
Ueberfetzer des vorliegenden Werkes, hält fich für Autorität
genug, um es einzuführen mit den Worten: ,Das
Johannesevangelium fteht da wie ein rocher de bronce in
dem Wogendrang der zerftörenden Kritik'. ,Der geiftes-
mächtige Angriff Baur's gegen dasfelbe ift zurückge-
wiefen' und was nachkommt ift ,nur ein Beweis mehr
für die Thatfache, dafs es mit unferer exegetifchen
Theologie reifsend bergab geht'. Letzteres wäre möglich.