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Ausgabe:

1895 Nr. 19

Spalte:

488-489

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

The four gospels as historical records 1895

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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487 Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 19. 488

Ueber die erfte Abhandlung können wir kurz fein: I zu empfehlen find; die Mehrzahl bezieht fich auf die LXX.
fie handelt über die Transfcriptionen von rYlrV, W, IV, [ Beiläufig: vlög in Paraphrafen ift und bleibt hebräifch,
als 'laovs, 'lato, Ict u. f. w. in eingehendfter und lehr- j und Redeweifen wie v'iög xrjg rröXeiog auf Infchr. (von der
reichfter Weife. Beiläufig: Act. 19, 18 kann 7igctg~eig kein | Adoption hergeleitet) und gar evyovog xov dyad-ov bei
/. techn. für Zaubereien fein (S. 5, A. 5), weil von diefen
erft der folgende Vers handelt. Die zweite Abhandlung
betrifft eine in Hadrumetum gefundene Bleitafel mit Liebeszauber
, deffen Formeln (wie auch fonft die Zauberformeln
nicht feiten, aber kaum je fo ungemifcht) in
altteftamentlichen Redensarten verfafst find. Wir wollen

Plato können daran nicht das Geringfte ändern (S. 165 f.).
Der vermeintliche Beleg für dyctni} (S. 80) aus einem
Papyrus des Louvre (Nr. 49) ift leider keiner: man darf
fich auf diefe Transfcriptionen nicht verlaffen, fondern
mufs ftets das Facfimile vergleichen. Der fragliche Satz
fcheint darnach zu lauten: . . . xr]v e/iuvxov eXeoiregiav
mit dem Verf. nicht rechten, dafs er hier ein Stück ,Volks- 1 (Liberalität, anftändige Gefinnung) [xat o]v ßavavolav
rdinmni orkll^U ___j rc -. j:„ T T« f.-1.;... 10 „...:r.-u„„ <i...,, 2.. a. '___......'l...__—: ____: _ ~

religion' erblickt und (S. 24) die Unterfchiede zwifchen
,Glauben' und .Aberglauben', zwifchen .kirchlich' und
.apokryph, häretifch, gnoftifch' möglichft zu nivelliren
fucht (etwa wie der Naturforfcher die zwifchen Menfch
und Mücke); wir hätten, von unferem Standpunkte aus,
dem Verf. öfters feine allgemeinen, nicht immer kurzen
Betrachtungen gern gefchenkt. Die von G. Maspero 1890
herausgegebene und hier durch ein vorzügliches Phototyp
veranfchaulichte Tafel findet ausführliche Erläuterung.
Z. 19 wird D. wohl Recht haben, wenn er nach dvo/ta
00t Xtysxai interpungirt und ev xgt . ^. .ot (unergänzbarl
zum Folgenden zieht. Aber Z. 35: Öl Sv (d-sdv) . . . xa
Oßij xge/isi xat r] yrj xcd x d-dXaoaa, tv.aaxog iddXXexai
di' i-'yti mößog xov vvglov, giebt keinen Sinn, und e.v.aozog
ift Aenderung D.'s ftatt ev.aoxov. Da nun die Tafel auch
wdßov ziemlich deutlich zeigt, fo möchte ich fchreiben:
(öd dv) xct doiq xge/tei v.ai r] yrj xat 7) IruXaoaa V.v.aoxov
IddXXexai dv eysi rpoßov xov v.vginv, d. i. erfcheint mit,
zeigt (iödXX. für eiödXX. und das foviel als IvödXX.,
welches allerdings fo wenig wie das von Hefychius angeführte
tiöuXX. in tranfitiver Bedeutung belegbar ift). —
Die dritte Abhandlung geht wieder von allgemeinen Betrachtungen
aus, deren Ziel ift, dafs man Unrecht thue,
eine neuteftamentliche oder auch eine biblifche Gräcität
als etwas Gefondertes und Ifolirtes anzufehen, während
die Papyrusurkunden und Infchriften wefentlich gleich-

evxtlXsiv.a 7iäaiv aviXoionotg, iiüXioiu de ooi xat xiü oi~>
ddijXrpöj, did xe x[t]v} xagayijv (P deutlich; ayunirv unmöglich
) v.al xryv orjv iXe.ixtegiav, xaft] nEneiqatiai, dm
ovxs ovvEOxäd-rjg /.toi, eig näv xo ooi ygxjot/iov i/iavtov
ETtididovai. — Schön find die Nachweife über Xoyeia
(nicht Xoyla) .Sammlung' aus den Papyri (S. 139 ff.). Desgl.
in Abfchn. IV (S. 172 ff.) die über den Heliodor des 2. Mak-
kabäerbuches aus Infchriften von Delos, während die
Identificirung von Bagvdßag mit dem infchriftlichen Baq-
veßovg (S. 175 ff.) uns völlig unmöglich fcheint. — Bei V
hätte man befonders gern gröfsere Kürze gewünfcht.
Der Verf. erörtert die Gefchichte des Briefes von Anfang
an, aufserhalb der Literatur und in der Literatur, mit
vieler Gelehrfamkeit und Sachkenntnifs, und betont den
Unterfchied von Brief und Epiftel, d. h. dem wirklichen
Brief und dem nur die Form des Briefes tragenden, von
Anfang an für die Oeffentlichkeit beftimmten Literatur-
product. Indem er nun dies auf das N.T. anwendet,
bezeichnet er richtig die Briefe des Paulus als wirkliche
Briefe, will aber den 1. Petrusbrief nicht als folchen
gelten laffen (S. 254). Und doch fleht auch diefer in
derfelben Reihe, nur ein Glied weiter: Privatbrief —
Gemeindebrief — Circularbrief; b verhält fich zu a wie
c zu b, und ein anderes Beifpiel von c ift das Schreiben,
von dem in Act. 15 eine freie und abgekürzte Wiedergabe
vorliegt. Dafs der Beauftragte (Silvanus) manches

artig feien und ebenfalls zum .Buch der Menfchheit' ge- fehr hätte verwenden müffen, um in dem ungeheueren
hörten, dem man ,Pietät' fchuldig fei. Uns fcheint dies j Ländercomplexe den Brief überhaupt beftellen zu können,
mehr naturaliftifch als theologifch geredet; doch abge- 1 ift ein bischen übertrieben, aber folche Infpectionsreifen,
fehen hiervon bleibt es unanfechtbar, dafs innerhalb des , von denen wir noch mehrere Beifpiele kennen und die
griechifchen Schriftthums die neuteftamentlichen Bücher j auch heute vorkommen, find immer von längerer Dauer,
eine befondere, zunächft aus fich zu erklärende Gruppe j Dafs der Hebräerbrief nur fcheinbar Brief und in Wahrbilden
, einmal des eigenthümlichen Geiftes wegen, und ' heit Epiftel fei (S. 242 f.), werden auch nicht Alle dem
zweitens weil fie allein oder faft allein uns die damalige Verf. zugeben; den 1. Johannesbrief und die fieben Send-
Volksfprache im Gegenfatz zur literarifchen zwar nicht ! fchreiben der Apokalypfe kann man mit gutem Rechte
ganz, aber doch leidlich unverfälfcht und in Stücken als Circularfchreiben faffen, fo dafs als ,Epiftel' im Sinne
grofsen Umfanges darftellen. Hieran ändern auch alle des Verfaffers fehr wenig überbleibt, und nur Deutero

kanonifches. — In VI wird, aufser dem bereits Erwähnten,
u.A. die Deutung der chronologifchen Angabe im Prolog
des Siraciden durch neue Belege völlig ficher geftellt.

Halle. F. Blafs.

Papyrus nichts, und wenn ihrer noch viel mehr würden
der Geift und damit der innere Werth geht ihnen ab,
und dazu find fie zu einem beträchtlichen Theile in
Kanzleifprache oder Buchfprache verfafst. Eine vollkommen
ifolirte Stellung des N.T. wird ja wohl kein

Menfch behaupten, noch anders als denkbar fein wenn The four |g as historjca| records. London, Williams &
eine feltfame Wendung einmal durch die Parallele in -t . 0 . ,vvv1i, „ 0n ~ ,
nem Panvrus Licht und Klarheit emofänet. Man thut 1 Norgate, 1895. (XXXIII, 539 S. gr. 8.) Geb. 15 s.

Der ungenannte Verfaffer fchreibt ausgefprochener
Mafsen für Engländer, näher für Angehörige der angli-
kanifchen Kirche, welchen er den Sinn für hiftorifche
Wahrheit auf theologifchem Gebiet fchärfen will. Gewifs
ein an fich nicht blofs lobenswerthes, fondern auch fehr
wohl angebrachtes, ort- und zeitgemäfses Unternehmen!

einem Papyrus Licht und Klarheit empfängt. Man thut
aber wohl, feine Erwartungen nicht zu hoch zu fpannen.
Die intereffanteften Probleme bringt der Verf. in Nr. VI:
eine Vergleichung von Gal. 6, 17 mit einer Papyrusftelle
(S. 268 ff.) und die von 2 Petr. 1, 3 ff. mit einem Decret
von Stratonikia (S. 277 ff). Aber wir möchten hier noch
nicht von Licht und Klarheit reden, und auch der Verf.

denkt zumal fichtlich des zweiten Problems nicht fo, j Der Bann des Traditionalismus laftet fchwer felbft auf
fondern erörtert die Sache fehr befonnen. In der Stelle den verdienteften und anerkannteften Leiftungen der
des Paulus ift das Gemeinfame mit dem Papyrus: ,man | englifchen Theologie. Lediglich confervative Zwecke
laffe mich in Ruhe, denn ich trage' . . . (etwas Heiliges), verfolgen bewufst oder unbewufst die Einen, während
was noch keineswegs foviel ift, wie wenn (was der Verf. 1 die Anderen wenigftens regelmäfsig vor den Schranken,
vergleicht) jemand heute in ähnlichem Zufammenhange welche die landläufige Apologetik einmal gezogen hat,
das Wort ,feien' gebrauchte oder das Kreuz als feinen Halt machen, ähnlich wie man fich hütet, wider die
.Talisman' rühmte. Aber ein gewiffer Zufammenhang j conventionelle Sitte zu verftofsen. Mit diefer Refpects-
der Ausdrucksweife fcheint allerdings vorzuliegen. Der j leiftung gegenüber dem Beftehenden theilt nun aber auch
Abfchnitt III enthält eine Fülle von alphabetifch geord- I die fich dawider erhebende Oppofition den Charakter
neten kleinen Beobachtungen, die forgfältiger Verwerthung j der Aeufserlichkeit. Man erinnert fich noch des mit fo