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Ausgabe:

1895

Spalte:

462-464

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Papadopoulos-Kerameos, A.

Titel/Untertitel:

Ierosolymitike bibliotheke etoi katalogos ton en tais bibliothekais tou agiotatou apostolikou te kai katholikou orthodoxou patriarchikou thronou ten Ierosolymon kai pases Palaistines

Rezensent:

Meyer, Philipp

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4Ö2

gezogenen Demengenealogien, welche den O. zum Vater
ihres Stammvaters machen und weiter nichts beweifen,
als was man auch fonft wufste, dafs zur Zeit ihrer Ent-
ftehung, im VI. Jahrh., in Attika die Orphifche Bewegung
in Blüthe Band und jedenfalls gegen die fonft allgemeine
, auch von Aifchylos befolgte Herleitung des O.
aus Thrakien nichts beweifen. Diefe Hellenifirung des
Orpheus ift gleichartig und gleich ausfichtslos, wie die
früher beliebten Annexionsgelüfte gegenüber dem thra-
kifchen Gott Dionyfos. Es kommt übrigens auf den
fremden Urfprung diefer Götter wenig an; wenn fie
hellenifcher Religion heterogen gewefen wären, würden
fie nicht recipirt worden fein, fie haben eben nur das
alterthümlichOrgiaftifche längere Zeit bewahrt, das helle-
nifche Götter, z. B. Artemis, auch kennen. Die Bemerkung
, dafs die Verfchmelzung des Orphifchen und
Bakchifchen fecundär fei, ift richtig, ob aber noch Herod.
II 81 zwifchen orphifchen und bakchifchen Weihen unter-
fcheidet, ift fehr zweifelhaft. Die Behauptung, dafs aus
den Sagen ein nationaler Gegenfatz hervorgehe, ift
falfch. Die Sagen find ganz analog der Sage vom Streite
des Dionyfos und Lykurgos, die auch nur den Cult als
Compromifs nach vorangegangenem Streit motiviren
follen. Die Betrachtungen S. 168—172 über das Ver-
hältnifs des Bakchifchen, Orphifchen und Pythagoreifchen
zu einander find intereffant, doch ift mir fehr fraglich,
ob die orphifche Religion fo lange von der bakchifchen
gefondert exiftirte, als Maafs annimmt.

Das 3. Capitel S. 175—204 behandelt die orphifche
Hymnenfammlung durchaus richtig als eine Contamina-
tion aus verfchiedenen älteren kleineren Sammlungen,
eine Art Codification der liturgifchen orphifchen Poefie
und bringt dabei im Einzelnen manche gute Bemerkung
über den Stil folcher Poefie überhaupt.

Das 4. Cap. ,Die Niederfahrt der Vibia' knüpft an
ein römifches Grabgemälde und an die Unterwelts-
fchilderung des pf. Virgilifchen Culex Betrachtungen
über die der Aufnahme des Chriftenthums vorarbeitende
Mifchung allerhand griechifcher und fremder myftifcher
Culte, die zwar im Allgemeinen richtig find, aber weder
in der Hauptfache neu, noch der Grundlage, von der fie
ausgehen, proportional. Dafs die Unterweltsfahrt der
Vibia, deren Gatte Vincentius Sabaziospriefter ift, nichts
Chriftliches enthält, ift richtig, ebenfo die Bemerkung,
dafs fich noch manche Vorftellung und manche Formel,
die bisher als chriftlich galt, als heidnifch herausftellen
werde; im Ganzen ermüdet in diefem Capitel befon-
ders die Sucht, von jeder Einzelnheit fofort zu weltum-
fpannenden Perfpectiven zu gelangen, die grofsentheils
nicht neu find; dazu kommt eine unangenehme Mifchung
des Stils aus falopper Nachläffigkeit, die fich auch auf
die Dispofition erftreckt, mit öligem hohenpriefterlichen
Pathos, das den Ungläubigen nicht überzeugen wird.
Auf S. 246 wird der einfache Gedanke ausgeführt, den
ich auch fonft gelefen zu haben glaube, dafs Antike und
Chriftenthum gegenfeitig von einander empfangen haben.

,Auf der Vereinigung beider Elemente ruht---die

geiftige Cultur auch unferer Tage. Wer das verkennt,
wahrt nicht, was er zu wahren wünfcht: das Wohl des
Volkes'. Sollten bösliche Verkenner der einfachften
Wahrheiten exiftiren, fo werden fie fich durch tragifche
Jamben eines fchwergeniefsbaren Buches fchwerlich er-
fchüttern laffen.

Capitel V ,Aus den Apokalypfen' enthält fehr ver-
fchiedenartige Miscellen, deren Inhalt hier nur kurz angedeutet
werden kann. 1. Aus der altchriftlichen Literatur,
S. 250—261, Anregungen zur Gefchichte der chriftlichen
Apokalyptik. Die ftarke orphifche Strömung in diefem
Speculationszweige ift ja gewifs jetzt auch von zahlreichen
Theologen anerkannt, und wenn diefe von Grae-
ciften zu einfeitig betont wird, fo laufen fie Gefahr, fich
fagen zu laffen, dafs man die Alexandrinifche Apokalyptik
ohne Kenntnifs des Koptifchen auch nicht unge-

ftraft behandelt. 2., Aifchylus und Pindar, behandelt einzelne
eschatologifche Stellen bei diefen beiden Dichtern
in fehr beachtenswerther Weife, namentlich Aifch. Eumen.

: 185 ff. S. 266 lies Wilhelm ft. Jakob Wackernagel. 3., Phi-

i letas, enthält eine fehr hübfche Unterfuchung zur Alexan-
drinifchen Literaturgefchichte, durch welche fich mit
Wahrfcheinlichkeit Philetas als Quelle der Vergil'fchen
Ariftaiosgefchichte vom Tod und der Neufchaffung der

: Bienen ergiebt. Unter den Anhängen ift S. 303 jedenfalls
verfehlt, dafs das bei Stob. flor. IV p. 107 M erhaltene
Bruchftück aus einer Schrift ;nqi pv%f$ dem
Plutarch, dem man es feit Wyttenbach allgemein zu-
fchreibt, wieder abgefprochen wird.

Die Eigenart des Buches machte die Ausführlichkeit
diefer Anzeige nothwendig, um der grofsen Gelehr-

; famkeit und dem aufgewendeten Scharffinn wenigftens
durch Angabe der vermeintlichen und wirklichen Reful-
tate gerecht zu werden. Die freilich dornige Leetüre
mufs jedem, der fich eingehend mit griechifcher Reli-
gionsgefchichte befchäftigt, empfohlen werden. Sie hätte
vom Herrn Verfaffer fehr erleichtert werden können,
auch würde bei forgfältiger Dispofition und Darfteilung

! der Umfang fich auf '% haben reduciren laffen, bei Be-
fchränkung auf das einigermafsen Sichere auf noch weit
geringeren Raum.

Bafel. Ferdinand Duemmler.

JIa7ttc6öjtovXoq-Keqauevg, 14., 'ItQOOoXvftizixri ßißXio-

S-tjxri r[xm xaxäXoyog xüv ev xaig ßißXinßiyxoug vov
äyuaxäxov änoaxoXixov xs v.ai xad-oXixov ogfrodoSov
naxqiaqyiyov üqovov xiov 'leqnoo/.vuwv y.ai 7täarjg
Ilalaiaxivrjg ctnoxeiutviov eXXrjVixiov y.wdr/Mv ovvxay-
Seiaa fiiv xai (pojxozvmxoig xoofirjd-eioa tclvoHgiv. Tv-
noig cf ey.do&eioa draXwuaoi xov avxoyqaxoqiyov
nqd-nöo^ov TlaXaioclvnv avXXüyov. Töung II. I xal 2.
rtexqovnoXei, 1894. (Leipzig, O. Harraffowitz.) (XV,
894 S. Lex.-8.) M. 30. —

Der erfte Band des vorliegenden Werkes ift in Nr. 19
des vorigen Jahrgangs diefer Zeitfchrift (1894) von Herrn
Dr. Achelis angezeigt. Dort ift bereits über die Ver-
hältnifse der Centraibibliothek des orthodoxen Patriarchats
in Jerufalem berichtet. Enthält der erfte Theil der
'IeqoonXvj.uxiy.il ßißXio&vy.i] die Handfchriften des Klofters
Tov äylov Tarfnv, fo find in dem vorliegenden Bande,
der die erfte Abtheilung des zweiten Theils ausmacht,
die Schätze der alten berühmten Lawra Tov ayi'or Sdßa
xov ly/iaouevov verzeichnet, die 1887 von dem Patriarchen
Nikodemos zum beffern Schutze aus dem Klofter nach
dem Patriarchate in Jerufalem überführt wurden. Sie
bilden feitdem einen Theil der Centraibibliothek des
griechifchen Patriarchats.

In dem vorliegenden Bande werden zuerft auf 662
Seiten die 703 Handfchriften der Bibliothek, unter deren
Zahl aber auch einige ältere Drucke eingerechnet find,
verzeichnet. Dann folgen S. 663—730 zehn Anhänge!
Verbefferungen und mancherlei Zufätze enthalten die
Seiten 731—754. Aufserordentlich reiche Indices aller
Art machen den Reff des Buchs, S. 756—894 aus. Vierzehn
gut ausgeführte Lichtdrucke ftellen befonders inter-
effante Codices dar. Das Buch ift ausgezeichnet aus-
geftattet, wie alle Veröffentlichungen des ruffifchen
Paläftinavereins, der auch an diefem Werke betheiligt ift.

Die Befchreibung der Handfchriften ift fehr detaillirt.
Nicht nur, dafs Gröfse, Stoff und überhaupt das Aeufsere
derfelben genau verzeichnet ift. Auch der Inhalt ift
meiftens bis in's Genauefte angegeben. Ganz befonders
werthvoll aber ift der Nachweis bei jedem Stück, ob es
und wo es herausgegeben ift. Hierbei kommt dem
Verfaffer namentlich auch die grofse Vertrautheit mit
der orientalifchen und ruffifchen Literatur zu Hülfe.