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Ausgabe:

1895

Spalte:

457-462

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Maass, Ernst

Titel/Untertitel:

Orpheus. Untersuchungen zur griechischen, römischen, altchristlichen Jenseitsdichtung und Religion 1895

Rezensent:

Duemmler, Ferdinand

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Göttineren.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark.

N°- 18.

31. Auguft 1895.

20. Jahrgang.

Maafs, Orpheus, Unterfuchungen zur grie-
chifchen, römifchen, altchrlfllichen Jenfeits-
dichtung und Religion (Dümmler).

IlttTtadönov).o(-KtQttiitvq,lfQoao).viu-
Tix>) ßtfiltp&qxtl, Töftoc II (Ph. Meyer).

Maltzew, Andachtsbuch der orthodox-katholi-
fchen Kirche des Morgenlandes (Kattenbufch).

Stähelin, Huldreich Zwingli, I, u. 2. Halbbd.
(BofTert).

Kolde, Die kirchlichen Bruderfchaften und das
religiöfe Leben im modernen Katholizismus
(Reufch).

Nippold, Die jefuitifchen Schriftfleller der
Gegenwart in Deutfchland (Reufch).

Knoke, Grundrifs der Pädagogik und ihrer
Gefchichte feit dem Zeitalter des Humanismus
(Fay).

Kühn, Der Meifter ift da und rufet dich, evan-

gelifche Predigten (Kattenbufch).
Zur griechifchen Ueberfetzung von Hieronymus'

De viris illustribus (Bernoulli).

Maass, Prof. Ernft, Orpheus. Unterfuchungen zur griechifchen
, römifchen, altchriftlichen Jenfeitsdichtung
und Religion. München, Beck, 1895. (VII, 334 S. m.
2 Taf. gr. 8.) M. 8. —

Vorliegendes Buch reiht fich mit einer Anzahl von

in's VI. vorchr. Jahrh. zurückreichenden und wiederholt
erneuerten Weinkelter enthält und daher von Dörpfeld
überzeugend mit dem iv lif.ivaig gelegenen uralten Bezirk
des Dionyfos Lenaieus dem Lenaion identificirt
worden id. Die fchwierige Frage, ob das Haufen des
Iobakchenvereins an diefer altehrwürdigen Cultftätte das

Einzelunterfuchungen den im letzten Jahrzehnt in lebhafte | Erlöfchen des ftaatlichen Cultes vorausfetze, verneint
Aufnahme gekommenen religionsgefchichtlichen Forfch- | Maafs mit Recht. Er meint, dafs der heilige Bezirk
ungen an, die wohl zum Theil feit längerer Zeit con- ' durch die Verheerungen Sulla's im Jahre 86 gewiffer-
cipirt find, zum Theil aber erft den Erfcheinungen der > mafsen profanirt worden und der ftaatliche Cult daher
letzten Jahre, unter welchen die Forfchungen Rohde's an eine andere Stätte verlegt worden wäre, wo er auch

und Dieterich's hervorragen, ihre Entftehung verdanken,
woraus fich eine gewiffe Ungleichmäfsigkeit der Ausarbeitung
und Läffigkeit der Form erklärt. Die Kürze
des Haupttitels ift zum Citiren zweckmäfsig, erregt aber
viel zu weitgehende Erwartungen hinfichtlich des Inhalts;
das Buch bringt nur einzelne Beiträge zur Gefchichte
der Orphifchen Religion, vorwiegend der fpäteren Zeit,
in welcher die urfprünglich charaktenTtifchen Formen
verfchiedener Erlöfungslehren bereits vielfach in einander
überzugehen beginnen, fo dafs Rückfchlüffe auf die ältere
Zeit meift nicht rathfam find. Wichtige Grundfragen der
Orphifchen Religion, fo namentlich die nach Alter und
Entftehung der fog. rhapfodifchen Theogonie, welche von
O. Kern wieder angeregt und feither in fehr verfchie

nach dem 2. Jahrh. noch fortbeftand. Der Iobakchen-
verein hat alfo nur das Local von dem alten ftaatlichen
Culte übernommen; wie weit er überhaupt zurückreicht,
ifl ganz unficher. Die in der Infchrift erwähnten früheren
Statuten des Vereins fetzen auch bereits Hadrianifche
Einrichtungen voraus.

Für den Cult der Jobakchen felbft ift am bezeich-
nendften Z. 120, wo es fich, wie Maafs mit Wide über-
einftimmend annimmt, um Vertheilung der Opferantheile
bei gewiffen dramatifchen Aufführungen handelt. Zehn
Perfonen follen an diefem .Portionenfeft' einen Fleifch-
antheil erhalten: der Priefter, der Vicar, der Archibakche,
der Caffirer, der ßov/.olixog, ferner Dionyfos, Kore,
Palaimon, Aphrodite und Proteurythmos, d. h. diejenigen

denem Sinne discutirt worden find, werden kaum berührt j lobakchen, welche die betreffenden göttlichen Wefen dar-
und würden fich auch nur durch eine gründliche fprach- j Hellten, wahrfcheinlich bei einem Lectifternienfefte. Unter

liehe und fachliche Prüfung fämmtlicher, bei den Neu-
platonikern erhaltenen Fragmente, einer Löfung näher
bringen laffen, welche auf Einigung der competenten
Beurtheiler Ausficht hätte.

Cap. I behandelt ,Athen und die Orphifche Religion'

/_e; ,25). S. I—14 fchildert richtig den langfamen orga-

nifchen Verfall der antiken Staatsculte, welcher mit dem
Rückgang und der Verarmung der Bevölkerung zufammen-
hängt. Der 2. Abfchnitt des Capitels befchäftigt fich mit

den fünf Beamten bereitet nun der ßor/.oli/.ög derErklärung
Schwierigkeiten, unter den Göttern der Proteurythmos.
Maafs meint, dafs mit letzterem Namen nur Orpheus
felbft als Vater des guten Rhythmos, d. h. als erfter
Meifter von Gefang, Mufik und Tanz habe bezeichnet
werden können, derfelbe habe als guter Hirt feiner Gemeinde
den Namen ßovy.olog geführt und der ßovxohxos
fei alfo fein Priefter, während Dörpfeld den Namen vielmehr
vom Bukoleion, dem unfern des Lenaion telegenen

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einer kürzlich gefundenen Infchrift aus dem 2. Jahrh. n.Chr., Amtslocal des Archon-Königs abgeleitet hatte, in wel-
welche bereits von dem fchwedifchen Philologen S. Wide chem jährlich die Gattin des Archon-Königs dem Dio-
in den Athen. Mitth. gut erläutert worden ift; fie hat | nyfos feierlich vermählt wurde. Es kommt Maafs darauf

zum Gegenftand die Wiederconftituirung des lobakchen
Vereins und die Codification der Statuten für das gefellige
Verhalten und die Aufnahme der Mitglieder. Diefe Neu-
organifation fällt zufammen mit der Ceflion der Priefter-
würde von feiten des früheren Inhabers an den höchlt
vortrefflichen Claudius Herodes, in welchem E. Maafs
mit grofser Wahrfcheinlichkeit den bekannten Herodes
Atticus (II) erkennt, wonach er dann die Infchrift in die
60er oder 70er Jahre des Jahrhunderts fetzen kann. Mit
der Munificenz diefes reichften Atheners feiner Zeit hängt
naturlich die Uebernahme des Priefteramtes und die

an, durch die Interpretation der beiden Namen zu er-
weifen, dafs die lobakchen ein orphifcher Dionyfos-
verein gewefen feien. Von Etymologien auszugehen ifl
nun immer mifslich und hinfichtlich des Bukolikos mufs
man zugeftehen, dafs die Dörpfeld'fche Erklärung möglich
und fehr anfprechend ift. Denn was den Proteurythmos
betrifft, fo fcheint mir der von Wide a. a. O.
S. 278 vorgetragene Erklärungsverfuch als eines kosmo-
gonifchen Dämons in der Art des orphifchen Phanes-
Enkapeios fachlich vorzuziehen, wenn feine fprachliche
Analyfe auch einer kleinen Modification bedarf. Dafs

Gefammt-Neuconflitution des Vereins zufammen. Fund- , orphifche Ideen in den Iobakchencult gedrungen find
ort der Infchrift ift ein grofser Feftfaal in einem heiligen wäre allerdings auch auf diefem Wege erwielen, aber
Bezirk des Dionyfos, welcher Refte einer mindeftens bis feit wie lange, bliebe ganz unficher; die ganze Götter-

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