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Ausgabe:

1895

Spalte:

444-446

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Flemming, Wilh.

Titel/Untertitel:

Zur Beurteilung des Christentums Justins des Märtyrers 1895

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

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urchriftlicher Schriften, die man mit gröfserer oder geringerer
Wahrfcheinlichkeit nach Kleinafien fetzt, vornehmlich
alfo dem Epheferbrief und den johanneifchen
Schriften. Richtig widerfpricht v. d. Goltz der Auf-
faffung, dafs die ignatianifchen Briefe eine letzte Stufe
des Paulinismus neben den Paftoralbriefen feien (fo Pfleider
er und ähnlich Reville), und zieht fie vielmehr in
die ,johanneifche' Linie ein. Er führt in feinen Bemerkungen
über die /kleinafiatifche Tradition' (165—177) die
von Loofs in feiner Dogmengefchichte gemachten Andeutungen
weiter. In der That find die Beziehungen zu
frappant, als dafs wir nicht die geiftige Atmofphäre, die
wir bei Johannes, in den Abendmahlsgebeten der Didache,
in einigen Stellen der fynoptifchen Evangelien, im Polykarpbrief
und fchon im Epheferbrief finden (168), auch
für Ign. in Anfpruch nehmen füllten. Nicht fo ficher
aber ift mir, ob man berechtigt ift, hier eine fpecififch
,kleinafiatifche' Tradition zu finden, und der naheliegende
Einwand, wie denn der antiochenifche Bifchof in
folche kleinafiatifche Atmofphäre hineingerathen fei, läfst
fich, wenn man einmal mit der Annahme einer blofs
literarifchen Beeinfluffung gebrochen hat, nicht anders
als mit dem Hinweis auf die Möglichkeit beantworten,
dafs Ign. in früheren Jahren fich in Kleinafien aufgehalten
und mit dem ,johanneifchen Kreis' in Verbindung ge-
ftanden habe. Das thut v. d. Goltz, und ich fehe keinen
andern Ausweg, obwohl es fich dabei offenbar um eine
blofse Behauptung handelt.

Der Kernpunkt unferer Differenz liegt freilich tiefer.
Wenn nämlich v. d. Goltz den kleinafiatifchen Kreis
fchliefslich an die Perfon des Apoftels Johannes knüpft,
fo mufs ich geftehen, dafs mir diefe Verbindung völlig
in der Luft zu fchweben fcheint. Er fchliefst fein Buch
mit der Bemerkung, dafs im vierten Evangelium, das er
felbft nicht für ein Werk des Apoftels hält, eine ungemein
werthvolle Tradition von urchriftlichen Gedanken,
echten Herrnworten und gefchichtlichen Erinnerungen
enthalten fei, die direct auf den Apoftel Johannes zurückgeführt
werden müffe und die auch vor dem fpäteren
Bekanntwerden des Evangeliums und unabhängig von
ihm grofsen Einflufs geübt habe (177). Den Satz im
Allgemeinen einmal zugegeben (übrigens meinerfeits nur
mit Zurückhaltung), warum ,Apoftel' und warum ,mufs'?
Die Berufung auf Irenäus oder gar Polykrates, der noto-
rifch die beiden Philippus verwechfelt (Euf. V, 24,2), kann
nun einmal nicht aufkommen gegen das Zeugnifs des
Papias (III, 39, 4 vgl. 1 u. 7), der unmifsverftändlich als
feinen (und Polykarp's) Lehrer einen Presbyter Johannes
anfieht und von einer Wirkfamkeit des Apoftels in Kleinafien
nichts weifs, ja durch feine Ausdrucksweife fie aus-
fchliefst. Natürlich kann man darauf keine Häufer bauen,
aber auf die entgegengefetzte Auffaffung kann man's
auch nicht. Darum wäre es richtiger, rein fubjective
Urtheile zu unterdrücken wie etwa diefes: ,Den lebensvollen
Eindruck, den Ign. im Unterfchied von feinen
Zeitgenoffen noch von Leben und Charakter des Herrn
hat, möchten wir auf den Einflufs des Apoftels Johannes
zurückführen' (171). Das Chriltenthum des Ign. bedarf
an fich folcher Begründung fo wenig wie das irgend eines
wirklich frommen Chriften unferer oder einer anderen
Zeit, der einen lebensvollen Eindruck von dem gefchichtlichen
Chriftus als feinem erhöhten Herrn hat. Der Einflufs
der eigenen frommen Perfönlichkeit ift hier ganz
unberechenbar, und Ign. war eine ,Perfönlichkeit' wie
Paulus es war und der Verfaffer des vierten Evangeliums,
wer immer er gewefen fein mag. Uebrigens bemerkt
v. d. Goltz felbft, dafs es für feine Beftimmung des Ver-
hältnifses des Ign. zu Johannes mifslich ift, dafs der
Bifchof gar nichts von den gefchichtlichen Erinnerungen
des Apoftels wiedergiebt (172).

MitVorftehendem möchte ich das Vorhandenfein einer
kleinafiatifchen Tradition nicht fchlechtweg beftritten,
fondern nur die Beweiskraft der daran fich knüpfenden

Behauptungen erfchüttert haben. Das Zeugnifs der Tradition
und die Gefchichte feiner Aufnahme in der Kirche
fcheint das Evangelium nach Kleinafien zu verweifen,
ausgefchloffen ift aber weder Syrien noch Paläftina. Will

! man an der Ueberlieferung fefthalten, fo mufs man die

j Frage fich doch wenigftens vorlegen, ob nicht der Presbyter
bei der Abfaffung das Evangeliums direct oder
indirect betheiligt ift. Auch er war ja wa^r/Wjg xvgiov,
und manche paläftinenfifche Reminiscenz würde fich fo
erklären laffen. Sicher ift bei alledem nur die geiftige
Verwandtfchaft zwifchen den öfter genannten Schriften.
Nicht unerwähnt möchte ich dabei laffen, dafs v. d. Goltz
(120) einen feinen Unterfchied zwifchen der Anfchauungs-
weife des vierten Evangeliften und des Ignatius nachweifen
zu können meint: im Evangelium fei von vorne
herein der gefchichtliche Chriftus der Ausgangspunkt,
an deffen Perfon das Ewige offenbar wird; bei Ign.
hafte das Intereffe, der Ausgangspunkt, an dem Ewigen,
Göttlichen, und die gefchichtliche Perfon fei nur der
beftändige Anhaltspunkt. Abgefehen davon, dafs mir
diefe Diftinction überhaupt zu ,fein' ift, was ich aber
gern als einen Mangel meiner Begabung anerkennen will,
mufs ich ihre Spitze für verfehlt halten: fie wird dem
Prolog des Evangeliums nicht gerecht, und die Berufung
auf Harnack (Zeitfchr. f. Theol. u. Kirche 1892) kann

1 daran nichts ändern.

2) Dafs im Oktateuchcommentar Prokop's von Gaza
Origenes benutzt fei, conftatirte zuletzt Wendland mit
Bezug auf den Genefis- und Exoduscommentar fowie
die zweite Genefishomilie. Kloftermann liefert den
Nachweis, dafs Prokop auch die erften vier und die
letzten elf (16—26) Jofua-Homilien verwerthet hat und
zwar fo gründlich, dafs in einzelnen Fällen felbft die
Textkritik Anregungen empfangen kann. Warum die
übrigen Homilien nicht benutzt find, vermag Kloftermann
nicht zu fagen. Die Frage, wie fich die Texte
Rufin's und Prokop's zum Original verhalten, beantwortet

1 er dahin, dafs, während bei Prokop nur verfchieden ftark
verkürzte Excerpte aus Origenes vorliegen, Rufin uns
eine erweiternde Paraphrafe überliefert hat. Kloftermann
fchliefst mit dem Hinweis darauf, dafs eine Vorbedingung
für die Herausgabe der griechifchen Kirchenväter
die Reconftruction der «xAoyc« Prokop's fei. Bei
flüchtigem Durchblättern fand fich z. B. faft die ganze

| achte Homilie zum Leviticus.

Giefsen. G. Krüger.

Flemming, Dr. Wilh., Zur Beurteilung des Christentums
Justins des Märtyrers. Leipzig, Dörffling & Franke, 1893.
(IV, 76 S. gr. 8.) M. 1. 20

Die Schrift ift leider ein paar Decennien zu fpät
gefchrieben. Wenn einft die Schrift Engelhardts mit
ihrem Nachweis, dafs Juftin mit feinem Chriftenthum
nicht nur in das gebräuchliche Schema des orthodoxen
Lutherthums nicht hineinpaffe, fondern auch ftarke Abweichung
vom biblifchen (paulinifchen) Chriftenthum und
Beeinfluffung durch hellenifche Philofophie zeige, eine
befreiende That war, die den dogmengefchichtlichen
Blick vieler um ein Bedeutendes erweiterte, — fo find
wir mit der Zeit doch über feine Frageitellung hinausgekommen
. Es handelt fich nun für uns gar nicht mehr
zunächft um Beurtheilung des Chriftenthums Juftin's,
um ein Meffen feiner Anfchauungen an einer Normal-
auffaffung des Chriftenthums, fondern zunächft — und
mit diefer Aufgabe find wir noch gar nicht fertig — um
ein wirkliches Verftändnifs. Ein Verftändnifs, ein wirklich
lebendiges und förderndes Verftändnifs erreicht man
nur dann, wenn man lernt, nicht von aufsen, mit fremden
Gefichtspunkten an die Sache heranzutreten, fondern
diefe in fich zu verftehen im Stande ift. Das ift ein Gemeinplatz
, den man faft auszufprechen fich fcheut, deffen