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Ausgabe:

1895 Nr. 17

Spalte:

439

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Witz, Ch. Alphonse

Titel/Untertitel:

Keine Lücke im Leben Jesu. Antwort auf die Schrift von Nikolaus Notowitsch: Die Lücke im Leben Jesu 1895

Rezensent:

Lobstein, Paul

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439

Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 17.

440

Witz, Ch. Alphonfe, Keine Lücke im Leben Jesu. Antwort
auf die Schrift von Nikolaus Notowitfch: Die Lücke
im Leben Jefu. Wien, Konegen, 1895. (82 S. 8.) M. 1. 50

Die durch die Tagespreffe in weiten Kreifen bekannt
gewordene Schrift des ruffifchen Reifenden Nikolaus
Notowitfch fchien allen irgendwie urtheilsfähigen Lefern
einer Widerlegung nicht zu bedürfen. Indeffen zeigte
der auffallende Erfolg des Buchs, das in Frankreich
innerhalb weniger Monate die fiebente Auflage erlebte
und deffen deutfche und englifche Ueberfetzung ebenfalls
eine weite Verbreitung gefunden, dafs weder der
Inhalt des den Stempel der Fälfchung an der Stirne
tragenden Werkes, noch die ausdrückliche Erklärung
des in der Hauptftadt von Ladak wirkfamen Miffionars
F. B. Shawe es vermochten, überall den hier getriebenen
Schwindel blofs zu legen. Um den ,Argwohn' zu zerftreuen
, dafs ,man kirchlicherfeits gegen das auch in
Wien fehr verbreitete Buch nichts einzuwenden wiffe',
hat der Verf. in einem öffentlichen, für den Druck erweiterten
Vortrag den ,gefchichtlichen Inhalt der Aufzeichnungen
von Notowitfch' dargelegt und geprüft, und
er ift zu dem auch von K. Blind begründeten Urtheil

falen Beurtheilung ift in den neu hinzugetretenen Ausführungen
auch nicht überall vermieden worden. Oder
laffen fleh wirklich die folgenden Erklärungen innerlich
vereinbaren? ,Ich bin feft überzeugt, dafs Gott heute
noch ganz ebenfo wie vor achtzehn Jahrhunderten in der
Welt zu wirken fortfährt, und dafs die Periode der
Wunder nicht abgefchloffen ift, wie gewiffe Theologen
es fleh einbilden' . . . (S. 48), und: ,Da uns die Gefetze
der meiften diefer Erfcheinungen bekannt find, können
wir in denfelben kein Wunder mehr im alten Sinne fehen.
Deshalb werden auch die Wunder, wie die Erfahrung
uns lehrt, in dem Mafse feltener, als wir weiter in der
Kenntnifs der Naturgefetze voranfchreiten' (S. 56). Wenn
auch in beiden Sätzen der Ausdruck ,Wunder' nicht
diefelbe Tragweite und Bedeutung hat, fo unterliegt
doch beiderfeits diefelbe Erfcheinung einer Betrachtungsweife
, die verfchieden orientirt ift, ohne dafs der Lefer
genügend darüber aufgeklärt wäre. Sehe ich recht, fo
ift M. durch das Beftreben geleitet, die wiffenfehaftliche
und die religiöfe Weltbetrachtung in eine höhere Syn-
thefe aufzuheben, weil er fich ,bei einem dem Menfchen-
geifte unerträglichen Dualismus nicht beruhigen kann.
Allein ift denn der Verf. wirklich der Anficht, dafs er

gelangt, Notowitfch fei das Opfer, nicht der Urheber j diefen Einklang durch theoretifche Deductionen und
der Fälfchung gewefen. ,Die Priefter in Tibet fuchen | Beweife wird feftftellen können? Er möge mir geftatten,
einem etwaigen Eindringen des Chriftenthums dadurch ihn an die Worte eines Theologen zu erinnern, der ihm

Einhalt zu thun, dafs fie „Iffa" felbft einfach als einen
nach Indien gekommenen und dort feine Erleuchtung
durch die Buddha-Lehre erhaltenden Apoftel darftellen'.
Witz verfährt in feiner Schrift nicht wie Nöldeke,
welcher durch Prüfung der ethnologifchen und religions-
gefchichtlichen Elemente die plumpe und dreifte Erfindung
entlarvt hatte. Den Beweis, dafs Jefus zum Zwecke
feiner geiftigen Ausbildung niemals die Heimath ver-
laffen hat', führt Witz durch Berufung ,auf den Charakter
der altteftamentlichen Offenbarung, fodann auf die Eigenart
des israelitifchen Volkes und endlich auf die Mittheilungen
der Evangeliften felbft'. Der klare und warme
Vortrag erhebt keinerlei wiffenfehaftlichen Anfprüche; er
wird aber gewifs den Zweck des Verfaffers erfüllen, der
zufrieden fein will, wenn feine Worte ,dazu dienen, vor
Irreführung zu fchützen und den richtigen Weg zu weifen'.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Menegoz, Prof. D. E., Der biblische Wunderbegriff. Mit

Nachträgen deutfeh hrsg. von Dek. D. Aug. Baur. Freiburg
iß., J. C. B. Mohr, 1895. (IV, 59 S. 8.) M. —. 80

Die klare und elegante, durch den Verfaffer felbft
genau controlirte Ueberfetzung des Nr. 14 diefer Zeitschrift
angezeigten Vortrags ift durch werthvolle Nachträge
bereichert worden, welche den Angriffen gegen
und Anfragen an den Herrn Verfaffer ihre Entftehung
verdanken. Der erfte diefer Nachträge ift ein Auszug
aus der Einleitung in die Debatten, die in der ,Theolo-
gifchen Gefellfchaft' der Parifer evangelifchen Geiftlichen
am 18. Dec. 1894 und am 15. Januar d. J. ftattgefunden
haben; die zwei andern Nachträge find aus Kirchenblättern
entnommen (Le Refuge, 1895, Nr. 2; Le Christia-
nisme au XIXe siede, 1895, Nr. 5. 6), in denen Menegoz
den von ihm vertretenen Standpunkt eingehender entwickelt
und begründet hat. Befonders fcharf unter-
fcheidet der Verf. zwifchen dem Glauben an ein Wunder
und diefem Wunder felbft, zwifchen der fubjectiven
Ueberzeugung und dem objectiven Sachverhalt; mit

nicht verdächtig fein wird, da derfelbe nicht zu den
Schülern oder Freunden Ritfchl's gehört: ,Die Welt ift
gröfser als ihr euch nach euern theologifchen Compen-
dien träumen lafst, und der Einklang der Werke Gottes
liegt nicht fo auf platter Hand, wie die es wähnen,
welche von ihrer Ecke aus die Weltharmonie zu con-
ftruiren fich anfehicken. Warum wollen wir nicht auch
in diefem Stücke einmal glauben, nämlich fo, dafs wir
des Einklangs gewärtig find, ohne ihn einftweilen zu
fehen?' (Frank, Syftem der chriftlichen Sittlichkeit: II,
339). Diefe Ausftellung foll indeffen den Dank nicht
fchmälern, den wir fowohl dem Verfaffer für die Bereicherung
feines Vortrags als auch dem deutfehen Herausgeber
für die wohl gelungene Ueberfetzung fchuldig find.
Üebrigens ift der durch M.'s Vortrag in Frankreich angeregte
Streit noch in vollem Gang. Sehr beachtenswerth
find befonders die in der Revue chretienne vom I.Juli d. J.
veröffentlichten Ausführungen: A propos du mirade von
einem geiftvollen Laien, der unter dem Namen Mcdicus
fich durch eine Brofchüre Lourdes et le Mirade vor
Kurzem bekannt gemacht hat.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Goltz, Lic. Cand. Ed. Frhr. v. der, Ignatius von Antiochien
als Christ und Theologe. Eine dogmengefchichtliche
Unterfuchung. — Griechische Excerpten aus Homilien des
(Eigenes von Erich Klostermann. [Texte u. Unter-
fuchgn. zur Gefchichte der altchriftl. Literatur, hrsg.
von O. v. Gebhardt u. A. Harnack, XII. Bd. 3. Hft]
Leipzig, Hinrichs, 1894. (IX, 206 u. 12 S. gr. 8.) M. 7. 50

1) V. d. Goltz hat den Verfuch unternommen, unter
Vorausfetzung der Echtheit der fieben ignatianifchen
Briefe eine Gefammtanfchauung des darin enthaltenen
Chriftenthums zu gewinnen und unter Heranziehung aller
Vergleichsobjecte diefes Chriftenthum als ein Erzeugnifs
der nachapoftolifchen Zeit und zwar des beginnenden
zweiten Jahrhunderts verftändlich zu machen. Er hält
grofsem Feinfinn und Gefchick weifs er die Confequenzen ! die Echtheit, d. h. die Abfaffung der Briefe durch den
diefer Unterfcheidung zu ziehen und die für die Stellung ; Bifchof Ignatius von Antiochien auf Grund der neueren
und Beantwortung der Frage aus feiner Pofition fich er- j Unterfuchungen, vornehmlich Zahn's, Lightfoot's und
gebenden Refultate darzuthun. Daneben aber kann ich Reville's für hinlänglich gefichert, weifs aber, dafs die

nicht umhin, zu geftehen, dafs die von mir früher ge-
äufserten Bedenken auch durch die vorliegenden Beigaben
m. E. nicht befeitigt worden find. Die Verquickung
der religiös teleologifchen und der wiffenfehaftlich cau-

Chronologie der antiochenifchen Bifchöfe notorifch angreifbar
ift (Harnack, Hort), und bemerkt daher richtig,
dafs die erwiefene Echtheit den möglichen Zeitraum zwar
auf die erfte Hälfte des zweiten Jahrhunderts befchränkt,