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Ausgabe:

1895 Nr. 1

Spalte:

25-26

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Im Lichte des Herrn. Jes. 2,5. Eine Sammlung fortlaufender Predigtjahrgänge über die in den verschiedenen evangelischen Landeskirchen Deutschlands bestehenden Perikopen 1895

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 1.

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Das theologifche und befonders das homiletifche Ur-
theil deckt fich jedoch nicht ohne weiteres mit dem der
Pietät und der Freundfchaft. Schon die häufige Anrede
feiner Gemeinde mit ,verehrte Chriften', ,verehrte Chri-
ftenbrüder' u. dgl. muthet uns etwas altfränkifch und
unkirchlich an; der oftmalige Appell an den Renkenden
Geift', an die .Menfchenwürde', an die ,Weisheit', die
Umfchreibung Gottes durch ,den unendlichen Geift', ,der
Allheilige, ,der Allliebende' u. f. w., der Gegenfatz des
römifchen Katholicismus und des Proteftantismus als
Gegenfatz des Stillftandes und des Fortfehrittes, des
Aberglaubens, der Finfternifs, der Glaubensfatzung und
der Aufklärung, der freien Entfaltung der Wiffenfchaft,
der Bildung, der Gefittung weifen mehr auf rationalen
Humanismus, als auf evangelifches Chriftenthum hin.
Von Chriftus felbft, von feiner Perfon und feinem Werk
ift nur ganz allgemein und nur im Vorbeigehen die Rede,
und der evangelifche Hauptartikel von der Rechtfertigung
und Verföhnung wird kaum einmal in dem ganzen Buch
geftreift, während Menfchenlob (in der Gedächtnifspre-
digt für den verftorbenen Bifchof D. Binder) mit allzu
vollen Händen ausgeftreut wird. Vom homiletifchen Ge-
lichtspunkte aus ift in vielen Fällen nicht erfichtlich,
weshalb ein Text der Predigt vorangeftellt wird; der
Text wird kaum beachtet, irgend ein Wort oder irgend
ein ganz nebenfächlicher Gedanke wird herausgenommen,
zum Thema gemacht und in willkürlicher Partition ausgeführt
; Anfpielungen auf einzelne Ausdrücke des Textes
in grofser Zahl, die dem Hörer jedoch, zumal da er die
ftörenden Anführungszeichen nicht fieht, ganz unver-
ftändlich bleiben muffen, vertreten die homiletifche Ver-
werthung des Textes. Z.B. Zum Bufstag wird Joh. 2,
1 —II als Text genommen; Thema: Was er euch faget,
das thut 1) haltet Mafs in den Freuden und Vergnügungen
der Zeit 2) feid einfach in Freude und Vergnügung
3) haltet die Seele in den Freuden und Vergnügungen
rein und unbefleckt; vielleicht dient es zur Erklärung
des fonft Unbegreiflichen, dafs diefer Bufstag an dem
Anfang der Fafchingszeit ftattfand. Oder Mt. 23, 34—39:
Was mufs ein Gefchlecht thun, wenn es in den Strömen
der Zeit nicht untergehen foll? 1) es mufs kenntnisreich
2) willensftark 3) gottesfürchtig fein. Auch in den
Citaten wird mit der Heiligen Schrift nicht läuberlich
gehandelt; Paulus mufs es fleh gefallen laffen, dafs ihm
das Wort zugefchrieben wird: ,Prüfet alles und das Belle
behaltet' (S. 6), und dafs mit ausdrücklicher Berufung
auf ihn fein Wort: ,Wir leiden Verfolgung, aber werden
nicht verlaffen' u.f.w. verändert wird in: ,das Gute kann
Verfolgung leiden' u.f.w.; ,dem Propheten' wird zugefchrieben
, was Pfalm 46, 3 geichrieben fteht (S. 25).

Da darf fich E. M. Arndt nicht beklagen, wenn in
feinem lieblichen Weihnachtsliede die Zeile: ,die Sünden-
angft ift weg' verwäffert wird in: ,Wahn, Irrthum, der ift
weg'. Einiges von dem Angeführten und manches Andere
mag durch kirchliche bezw. homiletifche Tradition in
Siebenbürgen veranlafst fein; dahin rechnen wir auch
die Sitte, eine oft mehr als ein Drittel der ganzen Predigt
umfaffende Einleitung der Textverlefung voranzu-
ftellen, fo dafs für die Abhandlung der Predigt ,nur
wenige Augenblicke' zur Verfügung bleiben. Allein es
giebt doch für Inhalt und Form der evangelifchen Predigt
ganz beftimmte Gefetze, die nicht übertreten werden
dürfen, wenn nicht der Charakter der Rede als evange-
lifcher Predigt verletzt werden foll.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Im Lichte des Herrn. Jef.2, 5. Eine Sammlung fortlaufender
Predigtjahrgänge über die in den verfchiedenen evangelifchen
Landeskirchen Deutfchlands beftehenden
Perikopen. Unter Mitwirkung namhafter Prediger aus
ganz Deutfchland nach beigefügtem Mitarbeiterverzeichnis
hrsg. von Pfr. Adf. Ohly u. Stadtpfr. Chrph.
Kolb. 2. u. 3. Bd. Stuttgart, Greiner & Pfeiffer, (gr. 8.)

ä M. 6. —; geb. ä M. 7. 50
Inhalt: 2. Die Epifteln des 2 Württemberger Perikopenjahrgangs.
(VII, 696 S.) 1893. — 3. Die Evangelien des 2. Braunfchweig-
ifchen Perikopenjahrgangs. (VII, 690 S.) 1894.

Vorliegende Bände find Theile der von A. Ohly in
1 Ginsheim und Chr. Kolb in Stuttgart veranftalteten
Predigtfammlung, genauer: Poftillenfammlung, die in einer
fehr grofsen Anzahl von Bänden über fämmtliche in allen
Landeskirchen Deutfchlands eingeführten alten und neuen
Perikopenreihen fich erftrecken foll. Wir werden etwa
30 Bände demnach zu erwarten haben. Jeder Band wird
eine vollftändige Poftille bilden, alfo Predigten über alle
1 Feft- und Feiertage, etwa 70 an der Zahl enthalten.

Predigten drucken zu laffen ift ein fittliches Wagnifs.
Der Prediger mufs von dem Bewufstfein, das natürlich
der Selbfttäufchung ausgefetzt ift, getragen fein, ein
eigenthümliches Pfund von Gott empfangen zu haben,
das auch auf dem literarifchen Markt fei es zu unmittel-
j barem religiöfen Gebrauch der Gemeinde oder zur Bereicherung
der homiletifchen Literatur zu verwerthen feine
Pflicht ift. Diefer Gefichtspunkt fcheint bei vorliegendem
Predigtwerk nicht anwendbar zu fein. Denn nicht ein
Prediger nimmt kraft der von Gott gegebenen Pflicht
öffentlich das Wort, fonderu in jedem Bande find es
ihrer 70 Prediger; fie find der Aufforderung der Heraus-
j geber, eine Predigt beizufteuern, gefolgt. Demnach unter-
: nehmen nicht fie, wohl aber unternehmen die Heraus-
[ geber das fittliche Wagnifs. Zu welchem Zweck? Sollen
es Mufterfammlungen fein, die das Befte bieten, was
heute geboten werden kann? Es find nicht Mufterfammlungen
; allerdings ift es den Herausgebern gelungen, für
jeden der beiden Bände manche tüchtige Prediger zu
gewinnen, deren Beiträge von wirklichem Werthe find;
allein die gröfsere Hälfte erhebt fleh doch nicht über
die Mittelmäfsigkeit nach Inhalt und Form, und es fehlt
auch nicht an Beiträgen, die nicht hätten gedruckt werden
follen (z.B. III, 436 f. 411 f.). Oder follen die Sammlungen
ein Augenblicksbild darbieten, wie gegenwärtig in den
verfchiedenen Landeskirchen gepredigt wird? Solches
Bild wird nicht geboten, denn die Prediger jedes Bandes
find aus aller Herren Ländern verhimmelt worden. Oder
follen den Gemeinden diefe Sammlungen zum Gebrauch
im Hausgottesdienft dargeboten werden? Die Poftillen
lefendeGemeinde hat erfahrungsmäfsig keinenGefchmack
an Sammlungen von vielen Verfaffern; fie hat ihre Vertrauensmänner
, ihre Lieblingsprediger, fie begehrt die
perfönliche Leitung eines Einzelnen. Die Käufer und
Benutzer diefer Predigtjahrgänge werden wohl aus-
fchliefslich in den Kreifen der Pfarrer und derer, die es
werden wollen, zu fuchen fein, und zu dem Uebermafs
von homiletifchen Hülfsmitteln, deren legitimer Gebrauch
fich auf Schritt und Tritt in Mifsbrauch verkehrt und
dadurch den Zeugenberuf des Predigers gründlich verdirbt
, ift ein neues hinzugekommen. Summa: folche
Poftillenwerke überhaupt, und dies infonderheit, mögen
buchhändlerifchen Werth haben, im Uebrigen find fie
ein zweifelhaftes Gut.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Grashoff, Confift.-Rath W., Meditationen. Der Gang durch
die Propheten des Alten Teftamentes zum Tifche des
Herrn. 2. Teil des Beicht- und Communionbüchleins.
Hermannsburg, Miffionshandlung, i894.(VIII, 277S. 12.)

M. —. 80

Seit die Hermannsburger Miffion ihren FTieden mit
der hannoverfchen Landeskirche gemacht, ift es der
letzteren am Herzen gelegen, durch erneute Theilnahme
und befondere Hingabe die Freude über die wiederge-