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Ausgabe:

1895 Nr. 16

Spalte:

419-421

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sepp, Johann Nepomuk

Titel/Untertitel:

Religionsgeschichte von Oberbayern in der Heidenzeit, Periode der Reformation und Epoche der Klosteraufhebung 1895

Rezensent:

Bossert, Gustav

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419 Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 16. 420

Sepp, Prof. Dr. Joh., Religionsgeschichte von Oberbayern in
der Heidenzeit, Periode der Reformation und Epoche der
Klosteraufhebung. München, Literar. Inftitut Dr. M. Huttier
, 1895. (III, 309 S. gr. 8.) M. 5. —

Mit lebhaftem Intereffe hat Ref. zu dem Buch des
vielgereiften, viel beobachtenden und allzeit gut bayerifch
fchreibenden Sepp gegriffen. Hat Ref. doch als Mitarbeiter
der ,Württb. Kirchengefchichte' (Stuttgart u. Calw
1893) und der Blätter für württb. Kirchengefchichte die
Ueberzeugung, dafs der Fortfehritt der allgemeinen wie
der deutfehen Kirchengefchichte bedingt ift durch genaue
Erforfchung der provinzialen Kirchengefchichte.

Sepp wendet fich feiner oberbayerifchen Heimath zu.
Eine erfchöpfende, lückenlofe und wiffenfehaftlich abgeklärte
und geglättete Darfteilung feines Gegenftands giebt
er nicht, aber Beiträge und zwar werthvolle, denn feine
Gelehrfamkeit fetzt Sepp in den Stand, Vieles zu beachten
, was Andern entgeht, und in einen überrafchenden
Zufammenhang zu bringen. Freilich fetzt er fich felbft
Schranken, denn die oberbayerifche Religionsgefchichte
intereffirt ihn vorzüglich vom Standpunkt des gebornen
Tölzer's, des Bayern aus dem Ifarwinkel. Dabei kommt
manches Andere zu kurz. In dem Abfchnitt über die kirchlichen
Irrungen in Altbayern (Reformation) S. 129 ff.
fucht man z. B. vergeblich etwas über Kafpar Güttel,
über den in München gefangenen Leonhard Beyer, den
Genoffen Luther's und feine Befreiung, über die ftill-
reformirende Thätigkeit des Münchner Dekans Venetfcher
in den 50er Jahren, fo viel Neues Sepp auch bietet.

Vielfach wird der Lefer überrafcht durch verwunderliche
Ausfprüche und Urtheile. Z.B. ,Luther mifsverftand
die Worte Pauli über die Abfchaffung der Werke des
Gefetzes, welche fich auf das mofaifche Ceremonien-Ritual
bezogen — von den guten Werken, als ob diefe die
ausfchliefslichen Verdienfte Chrifti in Frage Hellten' S. 131.
Vgl. 147 der Satz, der wahre Qlaube bleibe nicht ohne
gute Werke, foll offenbar gegen Luther gerichtet fein.
Wer Luther nur ein wenig kennt, der ftaunt über die
Vorftellungen, die einen im Dienfl der Wiffenfchaft ergrauten
kgl. bayerifchen Univerfitätsprofeffor, der noch
dazu einen offenen Blick und ein überrafchend freies Ur-
theil belitzt, beherrfchen. Es wäre Sepp fehr zu empfehlen,
nur einmal im Regifter der Erlanger Luther-Ausgabe,
deutfehe Schriften, Band 66 und 67 die Artikel .Glaube'
und .Gute Werke' fich anzufehen. Ebenfo überrafchend
heifst es S. 24: ,die Reformatoren haben fich dadurch an der
Nation verfündigt, dafs fie als vermeintlich römifch be-
feitigten, was doch urdeutfeh war'. Alfo die Reformatoren
follten die aus dem altdeutfchen Götterglauben im römi-
fchen Heiligencult geborgenen Rede weiter cultiviren.
Man mufs folch ein Urtheil kühlen Blutes lefen, um dem
furor teutonicus, der dem Kraftbayern nicht übel anfleht,
etwas zu Gute zu halten. Geradezu verblüffend ift für
den nicht tiefer Eingeweihten folgendes Urtheil über
Döllinger (S. 217): Döllinger war nur ftark in der Polemik
und fo unbeftändig fchwankend und von Perfonen und
Umftänden abhängig, dafs er während feines ganzen
Lehramtes faft keinen Satz aufftellte, den (!) er nicht fpäter
widerfprach; zehrte er doch in feinen Vorträgen nur zu
lange von den Collegienheften aus Würzburg und Bamberg
. . . Dr. Ignatius lebte viel von zweiter Hand und
handhabte die Feder auch in Dingen, worüber er gar
nicht geforfcht. . ., ja er verflieg fich über Themata Licht
zu bieten, wovon er keinen Schein hatte, wie im gründlich
verfehlten ,Heidenthum und Judenthum', als wollte
er mit der ihm eigenen Menfchenverachtung fagen: Ihr
verfleht es doch nicht beffer. Amphibius Tartuffius,
wie ihn Fallmerayer hiefs, that, aus Franken nach
München verfetzt, die hochmüthige Aeufserung: ,Nennen
Sie mir einen einzigen Bayer, der jemals Verftand gehabt
!' und fah fich als erfler Gottesgelehrter in halb
Europa gefeiert, um zuletzt ebenfo ungerecht vom Him-

| mel zur Hölle gezerrt zu werden ... Er war weder überzeugungstreu
noch wiffenfehaftlich fattelfeft'. Sepp berichtet
, Döllinger fei von feinem eigenen Vater als der
Mann ,mit zwei Herzen, der Gott und die Welt für Narren
halte', charakterifirt worden. Vgl. auch die Anmerkung
S. 300.

Aber man traut feinen Augen nicht, wenn man
S. 258 die Aeufserungen über die katholifche Andachtsweife
lieft, die Sepp einen fortgefetzten Pharifäismus
nennt. Hier fei nur der Schlufs wiedergegeben: ,In den
Kriegen mit dem erden Napoleon, dem Welteroberer,
I bedürmte man den Himmel mit Stofsfeufzern und Schufs-
gebetlein, um den Frieden zu erzwingen, — da kannte
man aber den Corfen fchlecht. Uns haben auch gegen
den dritten Napoleon nur drei grofse Heilige geholfen:
Infanterie, Cavallerie, Artillerie! In Zukunft wollen wir
auch diefe wieder anrufen, wenn eine Macht uns anfeindet,
und einen Rofenkranz von Kanonenkugeln abbeten'.

Dies nur ein paar Proben, welche zeigen, wie Sepp's
Buch dem Urgebirgsbach gleicht, der über die Fellen
herab tod und fprudelt und zifcht. Man kann dem
Mann nicht böfe werden, fowenig als feinem bärbeifsigen
Landsmann Sigl. Denn fein Buch verräth wiederum gefunden
Mutterwitz, gefcheites Urtheil und rückfichtslofe
Wahrheitsliebe. Man hört dem ergrauten Gelehrten
gern zu, wenn feine Dardellung zum kaleidofkopifchen
Ergufs wird, der preisgiebt, was ihm aus feinem reichen
Wiffensdoff aufdöfst. Vgl. z. B. die Aneinanderreihung
der Bemerkungen S. 64 u.65 über den Tod dreier Bifchöfe
in der Ungarfchlacht 907, die Wahl des h. Wolfgang,
Holzkirchen und den Kirchbau, die Bifchofswahlen und
Abt Haneberg.

Sepp geht in erder Linie den Spuren des altdeutfchen
Götterglaubens in Oberbayern nach, dann fchildert er
die Chridianifirung Bayerns und die Entwickelung der
bayerifchen Kirche bis zum Ende der Karolinger-Zeit;
weiterhin kommt er auf die Zeit der Kämpfe zwifchen
Kaifer und Papd bis auf Ludwig den Bayern und zeigt,
wie der Sieg Roms alsbald in den Zerfall umfehlägt
trotz aller Reformverfuche. Hierauf läfst er Streiflichter
auf die Zeit der Reformation und Gegenreformation
in Bayern fallen, um dann mit befonderer Liebe
P. Amort und feine Zeit zu zeichnen und endlich eine
volle Schale feines Zorns über die Zeiten eines Mont-
gelas und des damaligen Kirchen- und Kloderdurms
auszugiefsen. Man kann nicht leugnen, dafs die bayerifche
Bureaukratie fich damals aufs fchmählichde nicht nur
an der römifchen Kirche, fondern auch an der Wiffenfchaft
verfündigte. Aber wie gründlich mufste auch der
Ekel an dem alten Wefen fein, wie innerlich faul mufste
die bayerifche Kirche fein, wenn fie gegen die Gewalt-
dreiche des feichten Montgelas fich fo wenig wehren
konnte!

Allenthalben begegnet man intereffanten Mittheilungen
, z. B. über Hirnfchalen der Heiligen als Trinkbecher
S. 28, über die Taufen todtgeborner Kinder S. 191,
über die heil. Kümmernifs S. 14, S. Leonhard und Ko-
lomann S. 19 fr. 24 fr. Aber man wird doch zu manchen
Aufdellungen Sepp's z. B. über heilige Aecker, Heiligenholz
, Stein-, Holz- und Baumkirchen ein Fragezeichen
machen muffen. Heiligenäcker, Heiligenwiefen, Heiligenwald
find in Schwaben unzweifelhaft Befitzthümer der
Pfarrkirchen oder Kapellen. Das Kirchenärar heifst der
Heilige. Die Spenden an Geld- und Grundbefitz wurden
dem Schutzheiligen der Kirche, Kapelle oder des Altars
gemacht.

Holz-, Baum-, Steinkirchen bezeichnen ganz ficher
den Stoff, aus dem die Kirchen gebaut find. Auf der
fchwäbifchen Alb liegen in geringer Entfernung von
einander Holzkirch, Steinenkirch, Böhmenkirch, alt Bov-
menkirch. Letzteres bezeichnet die Kirche noch als
Blockhaus; Holzkirch fetzt bearbeitetes Holz, alfo Fort-
fchritt der Miffion voraus und Steinenkirch beweid fchon