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Ausgabe:

1895 Nr. 14

Spalte:

376-377

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heidrich, R.

Titel/Untertitel:

Hülfsbuch für den Religionsunterricht in den oberen Klassen 1895

Rezensent:

Bornemann, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 14.

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Hülfsmittel zum evangelischen Religionsunterricht für ev.

Religionslehrer und Pfarrer, Studierende und Semina-
riften und reifere Schüler höherer Lehranftalten. Unter
Mitwirkung von Prof. W. Feller, Oberlehr. Dr. F. Hupfeld
, Prof. Dr. L. Lenffen etc. hrsg. von Gymn.-Dir.
M. Evers und Gymn.-Prof. Dr. F. Fauth. I. Abtlg.
3. u. 6. Hft, u. 1. Hft. 2. Aufl. Berlin, Reuther &
Reichard. (gr. 8.) M. 1.60

Inhalt: 3. Die Gleichuifse Jefu. 2. Hälfte. Von M. Evers.
(40 S.) 1893. M. —.50. — 6. Die apoftolifche Urgemeinde nach der
Apoftelgefchichte und anderen zeitgefchichtlichen Quellen von Dr.
F. Hupfeld. (47 S.) 1894. M. —.60. — I. Die Bergpredigt v. M.
Evers. 2. durchgehends verb. Aufl. (40 S.) 1894. M. —.50.

Im Jahrgang 1893 diefer Zeitfchrift ift die erfle Hälfte
von Evers' Behandlung der ,Gleichnifse Jefu' angezeigt.
Für die inzwifchen erfchienene zweite Hälfte gilt das
gleiche Urtheil. Man mag nicht überall mit der Gliederung
und Einzelauslegung einverftanden fein, auch zuweilen
die ausführliche Paraphrafe bei einfachen Gleich-
nifsen unnöthig finden; aber im Ganzen find diefe Hefte
ein ebenfo anregendes wie förderndes Vorbereitungsmittel
für den Religionslehrer. Sie find aus reicher, fleifsiger
Arbeit in der Theorie und Praxis hervorgegangen und
enthalten auf engem Raum eine ungemein grofse Fülle
von Stoff in klarer, überfichtlicher Zufammenfaffung. Nicht
blofs aus wiffenfchaftlichen und praktifchen theologifchen
Arbeiten, fondern auch aus der allgemeinen Literatur
des Alterthums und der neueren Zeit find mannigfache
Anregungen gewonnen und wiedergegeben. Es ift ebenfo
begreiflich wie erfreulich, dafs Evers' Heft über die Bergpredigt
fobald eine zweite Auflage erlebt hat; diefelbe
ifl: in manchen Punkten bereichert und verbeffert.

Das Heftchen von Hupfeld, das die apoftolifche
Urgemeinde behandelt, verdient im Allgemeinen diefelbe
Anerkennung und Empfehlung. Es unterfcheidet fleh
von den Arbeiten von Evers befonders dadurch, dafs es
fich viel weniger an den Wortlaut der Schrift anfchliefst
und viel mehr jede einzelne Gefchichte unter allgemeine
hiftorifche und praktifche Gefichtspunkte ftellt. Das ift
ein Vorzug, aber auch eine Gefahr. Denn auf diefe Weife
wird eine Verftändigung und eine unmittelbare Benutzung
des Hefts für einen Vertreter anderer Anfchauungen er-
fchwert. Dazu kommt, dafs Hupfeld — was in meinen
Augen allerdings ein Lob ift ■— die Schwierigkeiten
weder umgeht noch verfchleiert, iondern in mehreren
Fällen ein fehr beftimmtes, felbftändiges Urtheil ausfpricht.
In einigen Punkten kann ich ihm nicht beiftimmen. So
ilt es meiner Anficht nach nicht richtig, wenn man immer
noch den eschatologifchen Sinn der Pfingftrede verkennt
. Petrus fagtganz deutlich: die gegenwärtige Geiftes-
ausgiefsung beweift nach Joel die unmittelbare Nähe des
Gerichts. Wer diefem entgehen will, mufs nach Joel den
Herrn anrufen. Wer ift diefer ,Herr'? Jefus, der Mef-
fias. Darum wird gerettet werden von den Juden, wer
feinen Sinn ändert und Jefum in der Taufe als Herrn
anerkennt. Dann wird er Vergebung und Geilt empfangen
u. f. w. Die Gründung der ,Gemeinde' ift in Act. 2
mit keinem Worte erwähnt: die Gemeinde befteht fchon
(vgl. 1,14 u. // poc*/<''V>r;ff«r 2,41). Die Verwendung der
altteftamentlichen Stellen 1,20 und der Inhalt der Ste-
phanusrede c. 7 verdiente auch wohl einige Worte der
Erklärung. Die Gefchichte von Ananias und Sapphira,
bei der das Benehmen des Petrus mindeftens der Frau
gegenüber unchriftlich ift, empfängt wohl ihr richtiges
Licht erft von dem Gedanken der Sünde wider den
heiligen Geilt. 2 Th. 2,4 hat mit Caligula wohl nichts
zu thun. Von den Siebenmännern wiffen wir fo gut wie
nichts. Die Corneliusgefchichte hat ihren eigentlichen
Kernpunkt in dem wunderbaren Ineinandergreifen übernatürlicher
, gottgewirkter Ereignifse; d ad u r c h wird Petrus
veranlafst, in das Haus des Heiden einzugehen, ebenfo

| wie er durch die Geiftesausgiefsung veranlafst wird, die

j gläubigen Heiden zu taufen. Jakobus tritt nach den Acta
durchaus nicht ,refervierter' auf als Petrus. Principiell
Itimmt er ihm vielmehr ausdrücklich zu und bekräftigt
feine Beweisführung noch durch ein altteltamentliches
Wort. Sein Antrag bedeutet durchaus nicht eine theil-
weife Auferlegung des Gefetzes, fondern will die Ver-

1 hältnifse auf Grund der gefetzesfreien Heidenmiffion fo
regeln, dafs die Judenchriften, ohne das Gefetz zu übertreten
, mit ihren heidenchriftlichen Brüdern verkehren
können. Darum follen die Letzteren die Profelytenregeln
halten, die nicht ein Theil des Gefetzes find. Bei einer
neuen Auflage wird Hupfeld nunmehr auch auf die Auf-
ftellungen von Blafs Rückficht nehmen müffen. Trotz
der gemachten Ausftellungen fei auch diefes Heft den

1 Fachgenoffen zur Anregung beftens empfohlen.

Magdeburg. W. Bornemann.

| Heidrich, Prof. Gymn.-Dir. R., Hiilfsbuch für den Religionsunterricht
in den oberen Klassen. Berlin, Heine, 1893.
(XI, 248 S. gr. 8.) Geb. M. 3. -

Das vortreffliche dreibändige Handbuch Heidrich's
für den Religionsunterricht in den oberen Claffen ift von
mir im Jahre 1893 in diefer Zeitfchrift (Sp. 145 fr.) ange-
zeigt und gerühmt worden. Die wefentlichen Vorzüge
und Tugenden des Handbuchs fpiegeln fich auch in dem

! für die Schüler beftimmten Hülfsbuch wieder. Schade
freilich ift es, dafs Heidrich fich nach den neuen Lehr-

| plänen bei der Anlage feines Hülfsbuchs hat richten
müffen. Das gilt befonders von der Glaubens- und
Sittenlehre; hier bietet Heidrich, wenn er fich zum Theil
an den Römerbrief, zum Theil an die Confessio Augustana
anfchliefst, ebenfowenig wie alle andern in den letzten
vier Jahren erfchienenen Lehrbücher etwas Einheitliches

1 und wirklich Befriedigendes. Aber die Schuld liegt nicht
bei ihm, fondern bei dem Lehrplane, der in diefem
Punkte geradezu einen Rückfehritt bedeutet. Aber auch
bei der Kirchengefchichte hat die Rückficht auf die
neuen Vorfchriften die Glanzfeiten der Heidrich'fchen
Arbeit beeinträchtigt. Uebrigens aber foll im Allge-

I meinen anerkannt werden, dafs auch dies Hülfsbuch
einen überaus reichhaltigen Stoff in felbftändiger, anregender
und wohlthuender Art zur Darfteilung bringt.

1 Nach einer methodifchen Anweifung (V—VIII) enthalt
es zuerft in einem ,Lehrbuch' die heilige Gefchichte
(i—78), die Kirchengefchichte (78—151), die Glaubens-

j und Sittenlehre (152—194), fodann in einem .Kirchenbuch'
Erörterungen über die heilige Schrift, Symbole und Con-
feffionen und Gottesdienft (195—212), endlich in einem
.Lernbuche' die Ueberfchritten der biblifchen Bücher,
Tabellen zur heiligen Gefchichte und Kirchengefchichte,
den Luther'fchen Kleinen Katechismus und 60 Kirchenlieder
(213—247). Die unbedeutenden kritifchen Bemerkungen
, die ich zu machen hätte, kann ich hier bis auf
wenige unterdrücken. Auf S. 200 wird die Urkunde der
Union mit unter den ,Glaubensbekenntnifsen der chrift-
lichen Kirche' aufgeführt. Die auf S. 202 gegebene Con-
itruetion des kleinen Katechismus ift weder richtig noch
haltbar und gehört zu den beliebten Verfuchen, Luther's
Katechismus eine ,Architektonik' unterzufchieben, von der
Luther felbft nichts weifs. Auf S. 210 fpricht Heidrich
ebenfo wie mancher andere Schriftsteller unferes Faches
von einem Weihnachtskreis, Öfter kr eis (ftatt Weih-

| nachtszeit, Ofterzeit), — ein Sprachgebrauch, dem man

| wegen feiner Gedankenlohgkeit keine weitere Verbreitung
wünfehen möchte. Die Notiz über die Schmalkaldifchcn
Artikel S. 199 ift nicht ganz genau. Auf S. 121 hätte
Melanchthon's Wirksamkeit auf dem Gebiete des Schul-
wefens mit einem kurzen Worte erwähnt werden müffen.
Endlich darf nicht verfchwiegen werden, dafs manche

J Paragraphen und Abfchnitte diefes Hülfsbuchs in einem