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Ausgabe:

1895 Nr. 14

Spalte:

368-370

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hoch, Alex.

Titel/Untertitel:

Lehre des Lohannes Cassianus von Natur und Gnade. Ein Beitrag zur Geschichte des Gnadenstreits im 5. Jahrhundert 1895

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 14.

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getreten. Sie find nicht einfach den Maurinern nachge-
fchrieben, wie Jülicher tadelte, fondern öfter find bei
jenen überfehene Stellen notirt, wie zu p. 187, 16 Kol.
3, 2; p. 343, 1 Rom. 12, 3; p. 416, 9 Gal. 5, 22, 23; p. 416,
11 Rom. Ii, 36. Druckfehler find corrigirt, wie p. 351,
15 Ps. 2, 11 IL 12 und p. 356, 21 Gal. 3,16 ft. 10. Bei längeren
Citaten ift, foviel ich gefehen habe überall, nicht mehr
nur der Anfangsvers, fondern die ganze Satzgruppe angeführt
. Aber es fehlen auch Stellen, die die Mauriner
haben, wie p. 180, 23 Hebr. 7, 9 (dafs die Stelle zu 179,
10 citirt war, trägt nichts aus); 355, 13 Joh. 8, 44; 364, 5
1. Kor. 15, 44; 378, 12 1. Tim. 2, 13; 279, 11 Rom. 7, 23
und 281, 1 Rom. 8, 10 (die beiden letzten Stellen fchon
von Preufchen notirt). Die Ergänzungen find nicht
immer richtig, wie p. 198, 11, wo ftatt Rom. 5, 12 und
1. Kor. 15, 22 Rom. 8, 10 citirt werden mufste, welche
Stelle übrigens auch p. 364, 8 fehlt. Auch ein Druckfehler
, den die Mauriner nicht haben, findet fich: p. 347,
2 1. Eccl. 10, 15 ft. 13. Warum fteht zu p. 338, 8 hinter
prov. 16, 18 ein Fragezeichen? Eine fyftematifche Nachprüfung
des ganzen Apparats würde vermuthlich ergeben
, dafs fich in diefem Punkt Lob und Tadel die
Wage halten.

Eine unbegreifliche Willkürlichkeit bedarf noch einer
energifchen Kennzeichnung: ich meine die Behandlung
der Schriftcitate im Text der Locutiones. Wie Zycha
in der Praefatio (p. XXI) angiebt, hat er an 15 Stellen
den handfchriftlichen Text nach Parallelen aus anderen
Schriften Auguftin's, an 16 Stellen auf Grund der LXX
oder des griechifchen Neuen Teftamentes verändert. Ich
will nicht einmal davon reden, dafs er diefen ,Studien'
Tifchendorf's Septuaginta und desfelben kleine Stereotypausgabe
zu Grunde gelegt hat! Aber man höre: wenn
alle Handfchriften bieten (p. 512, 14): hoc Signum testa-
menti, quod egoponam etc. (gen. 9, 12), fo corrigirt Zycha
nach LXX po/10; p. 592, 3 fetzt er in dem Citat aus
Num. 19, 9 reponet ft. ponet ein gegen die Handfchriften,
weil in Quaest. in Num. quaest. XXXIII fo gelefen wird
u. f. w. Einmal (p. 578, 26) ift ein ganzer Satztheil eingefügt
! Als ob wir wüfsten, dafs Auguftin ftets diefelbe
ßibelhandfchrift benutzte, und als ob nicht alle Differenzen
gerade in diefem Punkte forgfältig beachtet werden
müfsten!

Zu einer Schlufsbemerkung, die fich aber weniger an
Zycha's Adreffe als an die der Leitung des Wiener Unternehmens
richtet, giebt das Titelblatt Veranlaffung. Die
Werke Auguftin's werden nach dem allgemeinen Plan in
Sectionen, diefe wiederum in Partes eingetheilt. Vol. XII
des Corpus (Speculum ed. Weyhrick) bringt ganz richtig:
X. Aureli Augustini Operum Sectionis III Pars I. Die
von Zycha herausgegebenen Bände bringen die entfpre-
chende Notiz ganz finnlos in Klammern hinter Vol. XXV
bezw. Vol. XXVIII. Als ob die Sectiones und Partes
etwas mit der Bandeintheilung des Corpus zu thun
hätten! Vol. XXVIII ift noch dazu unrichtig als Sect. III
Pars I ft. II (vgl. oben zu Vol. XII) bezeichnet. Und
warum fteht auf dem zweiten Titelblatt des Vol. XII:
X. Aureli Augustini Hipponensis Episcopi, der Voll. XXV
und XXVIII nur Saucti Aureli Augustini. des jüngft
von Goldbacher herausgegebenen Vol. XXXXIV gar
X. Aureli Augustim HipponiensisiX) Epistulae. Es ift diefelbe
Ungenauigkeit in einer Kleinigkeit, die fich an
den Bänden des Corpus im Grofsen auf Schritt und Tritt
beobachten läfst. Von einheitlicher Regelung keine Spur!
Der Eine macht's fo, der Andere anders: der Eine liefert
fachliche Einleitungen, der andere nicht, ja er läfst einen
ganzen Band ohne Prolegomena ausgehen und vertröftet
den rathlofen Lefer auf die Fortfetzung; der Eine berichtet
über frühere Ausgaben forgfältig und eingehend, der
Andere kurz oder gar nicht; der Eine bemüht fich um
die Schriftftellen, der Andere nicht; der Eine geht der
gefammten handfchriftlichen Ueberlieferung bis in die
Einzelheiten nach, der Andere läfst gar einen wichtigen

Codex unbenutzt; der Eine zählt Paragraphen, der Andere
nicht u. f. f. Die Herren Leiter des Unternehmens dürfen
fich nicht wundern, wenn das immer und immer wieder
in den Recenfionen zum Ausdruck kommt, zumal wo
fich die Herren Mitarbeiter gelegentlich auf die Intentionen
der Akademie' berufen. Und dazu die exorbitanten
Preife der Bände, die da gedruckt werden con-
silio et impensis Academiae litterarum Caesareae Vin-
dobonensis! Ich fürchte, die Auguftinausgabe wird, wenn
fie fertig vorliegt, zwar fehr viel mehr Geld koften als
die der Mauriner, fchwerlich aber entfprechend beffer
fein, nach den von Zycha vorgelegten Proben ficher
nicht. Und ift es nicht abfcheulich, dafs in Vol. XXVIII
das Papier bald weifs, bald weifsgelblich, bald gelb ift?!
Im Namen der zahlreichen Benutzer des Corpus erlaube
ich mir die dringende Bitte an die Leitung zu richten,
in den aufgezählten wie in anderen Punkten berechtigten
Wünfchen mehr als bisher entgegenzukommen.
Dafs auf eine Mufterausgabe, wie fie das Wiener Corpus
doch fein foll, höchft gefpannte Erwartungen gefetzt
werden, ift doch wahrlich nicht zu verwundern1).

Giefsen. G. Krüger.

i Hoch, Dr. Alex., Lehre des Johannes Cassianus von Natur
und Gnade. Ein Beitrag zur Gefchichte des Gnaden-
ftreits im 5. Jahrhundert. Freiburg i. B., Herder, 1895.
(VII, 116 S. gr. 8.) M. 1. 60

Der Verfaffer diefer Studie behandelt fein Thema
in folgenden fieben Abfchnitten: 1) der Standpunkt
Caffian's; 2) die menfchliche Natur im jetzigen Zuftand
als Widerftreit zwifchen Geift und Fleifch; 3) der Sündenfall
; 4) die fittliche Anlage des Menfchen nach dem
Sündenfall; 5) Prädeftination, Freiheit und Gnade, Noth-
wendigkeit der Gnade; 6) Gnade und Rechtfertigung;
7) Kurze Zufammenfaffung des Caffianifchen Lehrbegriffs
. — Hiftorifch-kritifche Würdigung desfelben.

In feinem Leitfaden der Dogmengefchichte hatLoofs
(3. Aufl. § 54) den ,Semipelagianismus' als den ,antipela-
gianifchen Vulgärkatholicismus des 5. Jahrhunderts' dar-
I geftellt und gemeint, was man feit den Tagen der Scho-
i laftik Semipelagianismus nenne, könne man mit faft
demfelben Recht als Semiauguftinismus bezeichnen. Gerade
die Theologie Caffian's hat er für diefe feine Auf-
faffung in Anfpruch genommen (f. auch feine Recenfion
von Arnolds Caefarius in diefer Zeitfchrift 1895, 211).
Mir hat fich, als ich an der Hand der Ausführungen
Hoch's der Frage wieder nachging, von Neuem aufgedrängt
, dafs die alte Bezeichnung doch die treffendere
ift. Freilich ift insbefondere Caffian's Theologie eine
richtige Vermittelungstheologie, und infofern ift fie in
der That fowohl femiauguftinifch wie femipelagianifch.
Auch darüber liefse fich ftreiten, ob die Kirche berechtigt
ift, ihrem eigenen Standpunkt gegenüber den geg-
nerifchen als femipelagianifch zu bezeichnen. Aber der
,Kernpunkt der Differenz' ift eben doch, wie Loofs felbft
es richtig bezeichnet, dafs Auguftin ,das Seligwerden der
Erlöften allein auf Gottes Gnade zurückführte, während
die Maffilienfer jedem Menfchen die Entfcheidung über
fein Schickfal zufchrieben' (DG. 240 unten). Thatfäch-
lich entfpricht diefer entfcheidenden Differenz eine ver-
fchiedene Stellung in der Lehre von der menfchlichen
Freiheit und der göttlichen Gnade überhaupt, und fo
gewifs die Maffilienfer Antipelagianer waren, fo gewifs
mufs der Schwerpunkt der hiftorifchen Betrachtung darauf
liegen, dafs fie trotz ihrer ,auguftinifchen' Züge Anti-
auguftiner waren, und fo dürfte es richtiger fein, bei
Vincenz, Caffian u. A. von einem ,antiauguftinifchen

1) Inzwifchen hat Herr Prof. Jülicher in Nr. 12 diefer Zeitung
ahnliche Rügen vorgebracht. Da das nicht oft und nicht nachdrücklich
genug gefchehen kann, glaubte ich meine Bemerkungen ftehen laffen
zu follen.