Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1895 Nr. 13

Spalte:

346-347

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stolzenburg, Rud.

Titel/Untertitel:

Das Leben Jesu. Für den Religionsunterricht bearb 1895

Rezensent:

Bornemann, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

345

Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 13.

346

ich keine ähnliche Arbeit an die Seite zu (teilen wufste.
Kann man (ich auch über die patriftifche Literatur an
anderen Orten ausgiebigere Belehrung leicht holen, fo ift
fchon die Ueberficht über die liturgifchen Arbeiten des
Mittelalters ein höchft fchätzenswerther Führer durch
weite, uns meift wenig bekannte Literaturgebiete; und
mit befonderem Danke wird man die Fortfetzung diefer
Ueberficht über die Literatur der folgenden Jahrhunderte
begrüfsen. Ich verweife z. B. auf die höchft inftrucüven
Mittheilungen über die liturgifchen Arbeiten der Aufklärungszeit
, S. 128—135. Dabei erhalten wir nicht nur
trockene Büchertitel, fondern die Zeiten und ihre hervorragenderen
Leitungen werden charakterifirt. Dabei find
auch die Arbeiten der evgl. Liturgiker von Flacius an
bis auf die Gegenwart nicht vergeffen und finden eine
zwar katholifche, aber anftändige und oft in Lob und ,
Tadel nicht unzutreffende Charakteriftik. Freilich merkt 1
man auch, dafs hier manche Arbeit nur als Büchertitel
figurirt, und es find zwarKliefoth,Th.Harnack,v.Zezfchwitz,
H. A. Köftlin und einige andere wirklich gekannt, bei
anderen verräth lchon die planlofe Auswahl und Zu-
fammenftellung, dafs von ihrem Inhalt nicht Notiz genommen
ift und dafs der Ueberblick über das Ganze
fehlt. So find z. B. die neueften Schriften über Confir-
mation und Trauung von Cafpari und v. Schubert aufgeführt
, aber die vorangegangene reiche Literatur fehlt.
Ift hier für den evgl. Lefer nichts zu lernen, fo darf
man fich doch freuen, dafs katholifchen Theologen eine
Ahnung von der Exiftenz einer grofsen evgl. Literatur
über Liturgica vermittelt wird. Freilich ift das Bild, das
von der Literaturgefchichte der Liturgik geboten wird,
in zwiefacher Beziehung ein verfchobenes. Einmal dadurch
, dafs über die evgl. Arbeiten wie nachtragsweife
hinter den katholifchen berichtet wird, wobei aufser
Rechnung bleibt, dafs auf manchen Gebieten diefe evgl.
Arbeiten es waren, die der kath. Wiffenfchaft erft den
Antrieb und die Nöthigung zur Mitarbeit gegeben haben. |
Man denke nur an die Wiffenfchaft der Hymnologie.
Ich erinnere nur an Meifter's charakteriftifche Klage
über den ,Starrkrampf-, in dem bisher die kath. Wiffenfchaft
auf diefem Gebiete gelegen: fie habe fich von der
proteftantifchen völlig überflügeln laffen (Das kath.deutfche
Kirchenlied I [1862] S. 3). Noch mehr aber verfchiebt
fich das Bild dadurch, dafs, foweit es fich um Quellen-
publicationen und Quellenforfchungen aus dem Gebiet
des kath. Cultus handelt, die evgl. Arbeiten einfach,
ohne fie als folche kenntlich zu machen, in der Ueberficht
über die kath. Wiffenfchaft mit aufgeführt werden.
So begegnen wir S. 158 den Schriften von Bartfeh, Rambach
, Daniel, Milchfack u. a. und S. 157 den Arbeiten der
Anglikaner — und erft S. 168 lefen wir: ,auch unter den
Proteftanten Deutichlands ift ein Umfchwung erfolgt',
und S. 169: ,auch die Proteftanten in England —'. Aus
dem weiteren Inhalt hat für uns § 18, ,Der fundamentale
Unterfchied zwifchen dem Cultus der Katholiken und
dem der Proteftanten' ein befonderes Interefle. Der Katholik
— fo lefen wir hier — hat als tragenden Mittelpunkt
feines Cultus den Opferact, die Predigt bildet
keinen integrirenden Beftandtheil; der Proteftant verwirft
die Euchariftie als Opfer, darum wird ihm die Predigt
Kern- und Mittelpunkt, und alle Bemühungen neuerer
Proteftanten, nun doch ,facrificielle' Cultusbeftandtheile
zu gewinnen, bringen es nur zu einem Mifsbrauch des
Wortes sacrificium. Höchft charakteriftifch ift hier folgende
Argumentation (S. 295): die Proteftanten geniefsen
bekanntlich ihr Abendmahl nur fehr feiten, wie könnte
da ihr Cultus in eminenter Weife Pflege des Gemein-
fchaftsverhältnifses zwifchen Gott und den Menfchcn
fein? Wie ganz anders im römifchen Mefsgottesdienft, |
wo der Gottmenfch .perfönlich' gegenwärtig und für die
Gläubigen mittlerifch thätig ift, oft corporaliter, fonft
wenigftens spintualiter genoffen wird! Gewifs, wenn die
Sacramente, fpeeififeh verfchieden vom Worte Gottes,

die eigentlichen Canäle der Gnade find, und Chriftus
nur da perfönlich gegenwärtig ift, wo man ihn in der
Hoftie anbetet, und der Cultus priefterliches, heilsmitt-
lerifches Handeln für die Gemeinde ift, dann verblafst
unfer evgl. Gottesdienft. Aber die ganze Darfteilung
zeigt auch wieder, wie fchief ein jeder Vergleich wird,
der an die Lebensäufserungen der einen Confeffion die
Mafsftäbe der andern anlegt. Betrüblich ift es zu fehen,
dafs in einem Werke, das doch auch unfern evgl. Cultus
zu verftehen fich bemüht, der Convertit Evers verfchie-
dentlich als Zeuge für die Cultusftimmungen der evgl.
Gemeinde aufgerufen wird. Für den evgl. Liturgiker aber
ift es höchft lehrreich, hier in die religiöfe Atmofphäre
und in die theologifchen Doctrinen verfetzt zu werden,
von denen aus die Freude des frommen Katholiken an
feinen Gottesdienften begriffen werden will. Es ift freilich
eine andere Welt — wohl grofse chriftliche Grund-
anfehauungen, aber materialifirt und darum Gegenftand
eines neuen Cerimonialgefetzes. — Eine intereffante
Modification, die die 2. Aufl. im Vergleich zur I. bringt,
zeigt fich in der Lehre von der intentio betreffs der
Gültigkeit der Sacramente. Die Meinung, dafs die intentio
externa ausreiche, ift jetzt fallen gelaffen (S. 289).
Wer fchafft dann freilich dem Katholiken die Gewifsheit,
dafs irgend ein Sacrament, das er empfängt, gültig verwaltet
worden ift?

Mir ift es eine angenehme Pflicht, dem entfchlafenen
Thalhofer hier zugleich den Dank zu bezeugen, den ich
ihm für die Liebenswürdigkeit fchulde, mit der er mich
bei meinen eigenen liturgifchen Arbeiten durch Darleihung
feltener literarifcher Werke und durch Gewährung
feiner fachmännifchen Belehrung freundlichft unter-
ftützt hat.

Breslau. G. Kawerau.

Stolzenburg, Sem.-Dir. Rud., Das Leben Jesu. Für den

Religionsunterricht bearb. Gotha, Thienemann's Verl.,
1893. (XIII, 130 S. gr. 8.) M. I. 40; cart. M. 1. 60

,Die vorliegende Bearbeitung ift zunächft für evan-
gelifche Schullehrerfeminare beftimmt und möchte
die in den Allgemeinen Beftimmungen vom 15. October
1872 dem Religionsunterrichte geftellte Aufgabe löfen
helfen, dafs die biblifche Gefchichte des Neuen Tefta-
mentes im Zufammenhange behandelt werden foll. Sie
fetzt die von den Seminariften aus ihrer Vorbildungszeit
mitzubringenden Kenntnifse voraus und will fie ebenfo
zum vollftändigen Verftändnifs des Lebens Jefu erweitern
wie vertiefen'. Diefe Worte des Verfaffers befchreiben
eine hochbedeutfame Aufgabe. Stolzenburg hat zu ihrer
Löfung die Werke von Zöckler, Weifs, Stier, Gerlach,
Goebel, Grau, Riehm, Schneider, Kübel, Schürer, Hausrath
, Beyfchlag, Kurtz benutzt; — doch habe ich den Eindruck
, dafs diefe .Benutzung' felbft bei den orthodoxen
Arbeiten fich meift auf die Verwerthung einzelner Ge-
fichtspunkte und Gedanken befchränkt. Denn was die
Anlage des Ganzen anlangt, fo erklärt der Verfaffer:
„Hinfichtlich der Anordnung der Ereignifse bin ich den
Anfchauungen und Grundfätzen gefolgt, welche heute
noch in den meiften im Gebrauche befindlichen
Sammlungen der biblifchen Gef chichten Beachtung
gefunden haben; hin und wieder ift auch das dem Inhalte
nach Verwandte zufammengeftellt worden; einmal
habe ich die beftimmte Einordnung der Gefchichten ganz
aufgegeben, da fich an diefer Stelle gar keine Ueberein-
ftimmung der Ausleger findet'. Ein folches Verfahren
ift nun zwar in der Praxis erklärlich, kann aber felbft-
verftändlich nur zu einem zweifelhaften Compromifs
führen und nur einen Commentar zu den landläufigen,
biblifchen Gefchichtsbüchern, aber nicht eine einiger-
mafsen einheitliche und fachgemäfse neue Arbeit hervorbringen
. Im Grofsen und Ganzen legt der Verfaffer die