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Ausgabe:

1895 Nr. 13

Spalte:

343

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Achelis, E. Chr.

Titel/Untertitel:

Praktische Theologie 1895

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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343

Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 13.

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Anlagen der Menfchen fei. Von diefer Entwicklung fei
auch die fittl. Gewiffensanlage nicht auszunehmen. Ich
geftehe, dafs mir diefe Argumentation durchaus nicht
überzeugend erfcheint. Gegen die angeführten Analogien
laffen fich Zweifel geltend machen, auf die ich
hier nicht eingehen kann. Was fpeciell das Gebiet des
fittlichen Lebens anlangt, fo zeigt uns die Erfahrung
doch nur eine allmählich fortgefchrittene Entwicklung der
fittl. Erkenntnifs und Beurtheilung. Diefe Entwicklung
erklärt fich uns daraus, dafs durch die Sitte, die
Rechtsgefetze und die Religion eine Fülle von Regeln
fixirt und fanctionirt ift, die fich als Anwendung der
elementaren Gewiffensforderungen auf einfache und com-
plicirte Verhältnifse des menfchl. Handelns und der
menfchl. Gefellfchaft darfteilen, den Erwerb der fittlichen
Urtheilsthätigkeit früherer Generationen bilden und nun
dem Einzelnen der fpäteren Generation autoritativ überliefert
werden. Dadurch wird diefem Einzelnen die
Arbeit, felbft erft diefe Anwendung der elementaren Gewiffensforderungen
zu finden, theils abgenommen, theils
aufserordentlich erleichtert; er wird bei feiner fittlichen Beurtheilung
vor unfäglich vielen möglichen Abirrungen
bewahrt und er kann es verhältnifsmäfsig fchnell zu
einem folchen vielfeitig und fein durchgebildeten fittl.
Verhalten bringen, wie es für denjenigen nicht möglich
wäre, dem jene autoritative Mittheilung abginge. Aber
die fittl. Erkenntnifs und Beurtheilung müffen wir doch,
gerade auch nach der Auffaffung unferes Verf.'s, von der
für das Gewiffen grundlegenden fittl. Gefühlsanlage
unterfcheiden. Dafs diefe Gefühle, welche auch das
Recht der autoritativ überlieferten Regeln für das Ge-
wiffensurtheil legitimiren müffen, bei verfchiedenen Menfchen
einen verfchiedenen Grad der Lebhaftigkeit und
Feinheit haben, bezweifle ich nicht. Dafs im Allgemeinen
aber beim allmählichen Fortfehritte der menfchl. Cultur
diefe fittl. Gefühle des Menfchen lebhafter und feiner
geworden wären, wie es fleh namentlich in ftärkeren |
Reactionen des kindlichen Gewiffens gegen folche elemen- 1
tare Verletzungen der Gewiffensforderungen wie Lüge
und Treubruch zeigen müfste, — das ift doch fehr
problematifch.
Jena. H. H. Wendt.

Achelis, Prof. D. E. Chr., Praktische Theologie. [Grundrifs
der theolog. Wiffenfchaften, 6. Tl.] Freiburg i/B., J. C. B.
Mohr, 1893. (XIV, 283 S. gr. 8.) M. 5.—; geb. M. 6. — j

Diefer Grundrifs fchliefst fich nach Anlage und Inhalt '
genau an des Verfaffers zweibändiges 1891, 1892 in dem-
felben Verlage erfchienenes Lehrbuch der praktifchen I
Theologie an. Wie er im Vorwort mittheilt, hat A. das ]
letztere gefchrieben, weil ihm bei den Vorarbeiten für
den Grundrifs die Verweifung auf ein ausführlicheres
Lehrbuch je länger defto mehr unerläfslich erfchien. Im |
Einzelnen ift dem Grundrifs die Fortarbeit des Verf.'s
und feine Auseinanderfetzung mit den Recenflonen des
Lehrbuchs zu Gute gekommen. Ueber das letztere habe
ich eingehend in diefer Zeitung 1802 Col. 308—314
berichtet. Die dort hervorgehobenen Vorzüge kommen
auch im Grundrifs zur Geltung. Befonders gilt dies
erftlich von den das Ganze durchdringenden trefflichen
Anfchauungen über Kirche, Evangelium, Amt, und zweitens
von der umfaffenden Herbeiziehung und gründlichen
Verarbeitung des hiftorifchen Materials, welches letztere
für einen Grundrifs vor Allem wichtig ift. Was die
Darftellungsform anlangt, fo ift fie bei aller Gedrängtheit
klar und überfichtlich. Die Literaturangaben find forg-
fältig ausgewählt und. halten die rechte Mitte zwifchen
zu viel und zu wenig. Für das Studium der praktifchen
Theologie wird der Grundrifs fich als ein werthvolles
Hilfsmittel erweifen. Um als Grundlage für Vorlefungen
zu dienen, ift er doch in vieler Beziehung zu individuell.

Tübingen. J. Gottfchick.

Thalhofer, f Hauspräl. Dompropft Prof. Dr. Valentin,
Handbuch der katholischen Liturgik. 2. Aufl. i.Bd. Bearb.
von Domvic. Doc. Dr. Adb. Ebner. Freiburg i/B., Herder
, 1894. (XIV, 362 S. gr. 8.) M. 4. —; geb. M. 6. —

1883 hatte der Eichftätter Dompropft V. Thalhofer,
der unter uns durch feine ,Bibliothek der Kirchenväter'
zumeift bekannt geworden ift, mit einem Handbuch der
Liturgik begonnen, deffen 1. Band er 1887 vollendete.
1890 folgte die erfte Hälfte des 2. Bandes; über der
Arbeit an der 2. Hälfte verftarb er am 17. Sept. 1891,
fodafs fein Werk (durch A. Schmidt) in der Weife zum
vorläufigen Abfchlufs gebracht werden mufste, dafs das
fehlende Stück des Manufcripts (Sacramente, Sacramen-
talien und Kirchenjahr) aus dem Collegienheft des Ver-
ftorbenen ergänzt wurde. Jetzt beginnt Domvicar A. Ebner
mit der Herausgabe einer 2. Aufl., die fleh als eine ftark
vermehrte erweift, dabei aber die Eigenthümlichkeiten
der Thalhofer'fchen Arbeit confervirt. Zu diefen rechnet
Ebner vor allem die Eingliederung der Liturgik als eines
Theils der Paftoraltheologie. Letztere (bekanntlich dem
entsprechend, was wir praktifche Theologie nennen) wird
definirt als die Wiffenfchaft von der Hirtenthätigkeit,
welche Chriftus in feiner Kirche auf Erden durch eigens
hiefür beftellte fichtbare Organe vollzieht (S. 8) und ein-
getheilt in die Lehre von den Organen der kirchl.
Paftoration (alfo Lehre vom geiftl. Amt) und in die von
den Thätigkeiten der kirchl. Paftoration. Letztere
theilt Thalhofer weiter nach den drei Aemtern Chrifti:
priefteramtliche Thätigkeit = Liturgik, prophetifche =
Katechetik und Homiletik, königliche = Seelforge. Der
Liturgik gebührt unter diefen der erfte Rang, da ja unter
Chrifti Thätigkeiten die mittlerifche, priefteramtliche die
wichtigfte ift. Thalhofer legte auf diefe Eingliederung der
Liturgik in die Paftoraltheologie grofsen Werth, während
Ebner lieber mit dem Benediktiner Suitbert Bäumer
(Zeitfchr. f. kath. Theol. XIII 351fr.) fie als felbftändige
Wiffenfchaft neben der Paftoraltheologie behandelt wiffen
möchte (S. 23). Ein anderer Punkt, auf den Thalh. Gewicht
legte, und der daher auch in der 2. Aufl. unberührt
gelaffen ift, ift feine Lehre vom himmlifchen Opfer Chrifti,
wie er fie fchon 1870 in feiner Schrift ,Das Opfer des
alten und des neuen Bundes mit befonderer Rückficht
auf den Hebräerbrief' entwickelt hatte. Er lehrt, das
Opfer Chrifti fei zwar am Kreuze vollbracht, aber laut
Hebr. 8 walte Chriftus fortdauernd im Himmel als Liturg,
nicht nur, wie auch Oswald zugiebt, kraft hohepriefter-
licher Fürbitte, fondern auch kraft hohepriefterl. That,
die aber nicht ein zweites, vom Kreuzopfer verfchiedenes
Opfer, fondern diefes felbft zum Inhalt hat: und zwar
ein Opfer, das Seele und Leib darbringen, die Seele in
fortgefetztem Gehorfam gegen Gott und fortgefetzter
Liebe gegen das fündige Gefchlecht, der Leib ,im Offen-
ftehen der nunmehr verklärten Wundenmale'. Und das
nicht nur als Zuftändlichkeit, als Gefinnung, fondern als
fortgefetzte Actualität. Diefes himmlifche Opfer ift daher
auch in erfter Linie Verföhnungsopfer, daneben Dank-
fagung und Bitte. Diefes bildet das Mittelglied zum
Verftändnifs des Zufammenhanges zwifchen dem euchari-
ftifchen Mefsopfer und dem Opfer am Kreuz. Diefe
Lehre Thalhofer's ift nicht unangefochten geblieben (befonders
durch den Jefuiten F. Stentrup, Praelectiones
dogmaticae II [Innsbr. 1889], 278 ff.). Ebner läfst aber
diefen Abfchnift unverändert, nur bedauernd, dafs jener
nicht mehr felber feine Darfteilung gegen Mifsdeutungen
genügend habe fchützen können.

Das für uns Werthvollfte an der 2. Aufl. ift der erheblich
vervollftändigte § 5 (S. 32—67) über die wichtigeren
Quellen der Liturgik, und die §§ 6—10 über Literatur
und Literaturgefchichte der Liturgik (S. 67—175). Hier
findet der Lefer chronologifch geordnet eine Quellen-
und Literaturüberficht bis auf die neuefte Zeit, die als
höchft dankenswerth bezeichnet werden mufs und der