Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1895 Nr. 13

Spalte:

341-343

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Elsenhans, Theodor

Titel/Untertitel:

Wesen und Entstehung des Gewissens. Eine Psychologie der Ethik 1895

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

341

Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 13.

342

fuperintendenten Bafilius Satler, ein Streit, den Kolde-
wey ausführlich darftellt, wiewohl es fich dabei eigentlich
nicht fowohl um den Exorcismus, als um die Taufe
im Allgemeinen und um andere Dinge handelt. Auch
die Agende von 1657 hat den Exorcismus noch beibehalten
. Dagegen ift er durch die Kirchenordnung Anton
Ulrich's einfach und endgültig in Fortfall gekommen:
ein Widerfpruch hat fich nicht erhoben mit Ausnahme
der monita des geiftlichen Stadtminifteriums zu Braun-
fchweig, über die man einfach zur Tagesordnung übergegangen
ift. Die klar und gut gefchriebene Unter-
fuchung Koldewey's, die mehrfach werthvolles, bisher
unbekanntes oder unbenutztes Actenmaterial verwerthet
und anführt, fei der Beachtung empfohlen. Auf S. 24
Z. 3 mufs es ftatt 1891 heifsen: 1591.

Magdeburg. W. Bornemann.

Elsenhans, Stadtpfr. Dr. Thdr., Wesen und Entstehung
des Gewissens. Eine Pfychologie der Ethik. Leipzig,
Engelmann, 1894. (XVIII, 334 S. gr. 8.) M. 7. —
Diefe Unterfuchung ift fehr forgfältig und methodifch
gearbeitet. Der Verfaffer befitzt nicht nur eine gründliche
Kenntnifs der umfallenden theologifchen, philo-
fophifchen und phyfiologifchen Literatur, die für fein
Problem in Betracht kommt, fondern auch ein be-
fonnenes und gerechtes eigenes Urtheil und eine fefte
philofophifche Anfchauungsweife, die er befonders unter
dem Einfluffe von Lotze und Sigwart erworben zu haben
fcheint.

Im erften, hiftorifch-kritifchen Theile der Arbeit giebt
der Verf. einen werthvollen Ueberblick über die Entwicklung
der Pfychologie der Ethik in der neueren
Philofophie, namentlich Deutfchlands, von Kant an. Er
unterfucht dabei fpeciell, in welchem Sinne die verfchie-
denen Philofophen den Begriff des Gewiffens angewandt
und wie fie über Wefen und Entwicklung des fittl. Be-
wufstfeins gedacht haben. Der Schwerpunkt der Arbeit
aber liegt im zweiten, fyftematifchen Theile. Der Verf.
ftellt fich hier die Aufgabe einer rein pfychologifchen
Unterfuchung des Wefens und der Entftehung und Entwicklung
des Gewiffens und fucht mit vollem Recht
diefe pfychologifche Unterfuchung unvermifcht zu laffen
mit den Fragen nach der abfoluten Verbindlichkeit und
dem religiöfen Werthe der Gewiffensforderungen. Die
Hauptpunkte, auf die es ihm ankommt, find folgende.

Er weift die Meinung ab, dafs das Gewiffen ein ganz
felbftändiges .Vermögen' neben den pfychifchen Functionen
des Vorftellens, Fühlens und Wollens fei. Er
führt aus, dafs alle diefe drei pfychifchen Grundfunc-
tionen bei der Gewiffenserfcheinung mitwirken, dafs aber
die grundlegenden, urfprünglichen Elemente des Gewiffens
Gefühle feien, Gefühle, die fich unmittelbar an die
Vorftellung von Handlungen anfchliefsen, und zwar
in Zufammenfchau diefer Handlungen mit ihren Beweggründen
. Diefer Gefühle bemächtige fich dann fowohl
das Denken als auch das Wollen. Das Ergebnifs fei
einerfeits ein Urtheil der Billigung oder Mifsbilligung
über die Handlung und zugleich über die handelnde
Perfon, ein Urtheil, aus welchem fich weitere fittliche
Grundfätze ableiten laffen, andererfeits ein Willensact,
der fich in der Form einer Mit- oder Gegenwirkung
äufsern könne oder in der Form des Antriebs, künftig
das Gebilligte zu thun und das Mifsbilligte zu meiden.
Die Wirkung der fittl. Gefühle auf den Willen fei eine
befonders eigenartige infofern, als diefe fittl. Gefühle mit
dem Anfpruche auf unbedingte Bevorzugung vor allen
anderen Beweggründen auftreten.

Mit Bezug auf die Entftehung des Gewiffens fucht
der Verf. nachzuweifen, dafs fowohl die ftreng nativiftifche
(aprioriftifche) Theorie als auch die verfchiedenen Formen
der rein empiriftifchen Theorie ungenügend find, um den

ganzen erfahrungsmäfsigen pfychologifchen Thatbeftand
der Gewiffenserfcheinung zu erklären. Er felbft vertritt
die Anfchauung, dafs man einerfeits eine befondere .Anlage
' annehmen mufs, um die Eigenart der Gewiffenserfcheinung
im Individuum und in der Gefchichte und
die weitgehende Gleichheit ihrer Aeufserungen zu erklären
; dafs man andererfeits aber auch die grofse Bedeutung
empirifcher Einflüffe auf die Entwicklung des
Gewiffens anerkennen mufs. Jene Anlage ,hat den Charakter
eines Keimes, der wie im Reiche des Organifchen
auf gewiffe Reize hin fich entwickelt, und fie gleicht den
Inftincten der Thiere in der Unmittelbarkeit, mit der
fie als Motiv zu beftimmten Handlungen fich geltend
macht. Dabei hebt fich aber doch die fittl. Anlage als
eine rein geiftige deutlich von anderen Anlagen des
Menfchen ab, auf welchen die körperliche Entwicklung
beruht' (S. 259). Die Anlage mufs fich beziehen
auf die Verbindung der das Gewiffen conftituirenden Gefühle
mit einer beftimmten Claffe von Handlungen. Es
find dies hauptfächlich folche Handlungen, die das Wohl
der Individuen und der menfchl. Gefellfchaft fördern
oder hemmen. Doch braucht die Zweckbeziehung auf
diefes Wohl dem fittl. Subject nicht deutlich bewufst zu
fein. Denn unmittelbare Gefühlseindrücke veranlaffen
oft auch im körperlichen Leben zu einer für den Organismus
zweckmässigen Handlung (z. B. Geruchs- und Ge-
fchmacksempfindungen bei der Nahrungsaufnahme), ohne
dafs im Subject das Bewufstfein diefes Zwecks vorhanden
ift. ,Ebenfo k önnen die fittl. Gefühle als die Mittel an-
gefehen werden, durch welche ein dem Gefammtbeftand
des geiftigen Leben angemeffenes Handeln erreicht werden
foll, ohne dafs diefer Zweck zum Bewufstfein kommen
mufs' (S. 263). Auf eine genauere Beftimmung der Art
der Handlungen, an welche fich jene fittlichen Gefühle
der Gewiffensanlage urfprünglich knüpfen, verzichtet der
Verf., weil mit Bezug hierauf ,die Wiffenfchaft noch nicht
zur Feftftellung allgemein anerkannter Principien gelangt
ift' (S. 265). Diefer Verzicht erfcheint mir als ein recht
unbefriedigender Punkt in dem Werke. Der Verf. hätte
m. Er. den Verfluch nicht unterlaffen dürfen, die Handlungen
, an welche das Gewiffen fchon in feiner elementarsten
Erfcheinungsweife beim Kinde und im Wesentlichen
übereinstimmend bei allen Menfchen Gefallen oder
Mifsfallen findet, aufzufuchen und womöglich auf ein
einheitliches Princip zurückzuführen. Er wäre damit gar
nicht über die Grenzen feiner rein pfychologifchen Unterfuchung
hinausgegangen.

Er befpricht dann die Entwicklung des Gewiffens und
zeigt in einer fehr forgfältig gegliederten Ausführung,
wie die Verfchiedenheit der Aeufserungen des Gewiffens
aus der Verfchiedenheit der Entwicklungsstufen und der
die Entwicklung bedingenden Factoren und Einflüffe zu
erklären ift. Ich möchte aus diefem Abfchnitte nur
einen befonders wichtigen Punkt hervorheben. Der Verf.
erörtert die Frage, ob die von einer Generation auf
die andere übertragene Gewiffensanlage bei diefer Vererbung
allmählich eine Weiterentwicklung erfahre. Er
meint, dafs diefe Frage zu bejahen fei, befonders im
Hinblick darauf, dafs das Individuum einer fortgefchrit-
tenen Culturepoche im Stande fei, in der Wechfelwirkung
mit der generellen Entwicklung feiner Zeit innerhalb
weniger Jahrzehnte auf die Höhe der moralifchen Durch-
fchnittsbildung feines Zeitalters zu gelangen. Denn dies
wäre unbegreiflich, wenn das Individuum nur eine ebenfo
elementare Anlage habe, wie fie fich fchon am Anfange
der Culturentwicklung finde. Er verweilt darauf, dafs
fich überhaupt die geiftigen Fähigkeiten der Menfchheit,
die Denkfähigkeit, der Farbenfinrf, die Mufikanlage, fort-
fchreitend entwickelt haben und dafs die nachweisbare
Entwicklung des menfchlichen Gehirns im Laufe der
Jahrhunderte gemäfs dem pfychophyfifchen Parallelismus,
welcher zwifchen dem Gehirn und dem geiftigen Leben
befteht, ein Anzeichen diefer Entwicklung der geiftigen