Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1895 Nr. 13

Spalte:

340-341

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Koldewey, Friedr.

Titel/Untertitel:

Der Exorcismus im Herzogthum Braunschweig seit den Tagen der Reformation. Eine kirchenhistorische Studie 1895

Rezensent:

Bornemann, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

339

Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 13.

340

Buch folche allfeitige Zuftimmung nicht finden wird, großartigem Ueberblick der Sieg der Laiencultur über

dürfte eine Empfehlung desfelben fein! — Wenn der
Verfaffer ferner im Zufammenhang diefer Ausftellung fagt,
dafs ,die mittelalterliche Religiolität und Kirche in der
Hauptfache noch als die negative Vorbereitung der
Reformation angefehen' würde, fo möchte auch das zu
viel behauptet fein. Niemals freilich wird man leugnen
können, dafs die Reformation mittelalterlicher Religioütät
gegenüber etwas fchlechthin Neues bringt, aber darin,
dafs die unverkennbare Religiofität weiter Kreife, die
offenbare Sehnfucht nach Befriedigung des religiöfen Be-

die mittelalterlichen Culturfactoren dargeftellt und fo
Berger's Begriff hiftorifch entwickelt. Wer fich mit der
Reformationsgefchichte befchäftigt, wird an den Berger'-
fchen Büchern nicht vorbeigehen dürfen und wird ihnen
reiche Anregung verdanken.

Vielleicht ift der Verfaffer nicht immer der Gefahr
entgangen, indem er Luther nicht nur als religiöfes
Genie, fondern zugleich als Culturhelden fchildern will,
nun die culturelle Seite feines Werkes der rein religiöfen
gegenüber zu fehr in den Vordergrund zu rücken. Es

dürfnifses, die die Zeiten vor der Reformation kenn- ! ift das aber von dem Intereffe aus, mit dem er an die
zeichnet, gerade bei Kolde in feinem einleitenden Ab- Behandlung feines Stoffes herangetreten ift, wohl ver-
fchnitt ausdrücklich betont wird, mufs man doch eine ; ftändlich und durchaus verzeihlich, ja vielleicht durch den

Anerkennung dafür finden, dafs die Zeit auch pofitiv reif
ift für eine grofse religiöfe Bewegung.

Gewifs hat die zweite Ausftellung des Verfaffers viel
Richtiges, infofern nämlich, als die bisherigen Darftellungen
gerade in diefer Beziehung noch manche Lücken
aufweifen und noch manches Gebiet zu durchforfchen
und zu beleuchten ift, ehe wir ein vollftändiges Bild jener
grofsen Zeit und ihres gröfsten Helden bekommen
werden. Aber das hätte eigentlich anerkannt werden
follen, dafs gerade auch Kolde fich die Aufgabe geftellt
hat, ,Luther auf dem Grunde der Gefammtentwickelung

Titel ,Luther in kulturgefchichtlicher Darfteilung'
gewiffermafsen gerechtfertigt.

Wir werden Gelegenheit finden, auf das Buch nach
Erfcheinen des 2. Bandes zurückzukommen und werden
dann — wenn die erläuternden Anmerkungen und Belege,
die der zweite Band bringen foll, berückfichtigt werden
können, — vielleicht auch zu Einzelheiten Stellung zu
nehmen haben. Verlangen nach dem zweiten Bande erweckt
auch die Verheifsung, dafs ihm ,eine gefchichtliche
Skizze aller Wandlungen in der Auffaffung und Beurteilung
Luthers vom 16. Jahrhundert bis auf die Gegenfeines
Volkes zu zeichnen', und niemand wird das Kol- wart' foll beigegeben werden. Wir fchliefsen vorerft
de'fche Buch aus der Hand legen, ohne einen lebens- damit, das Buch allen zu empfehlen, die ein lebensvolles
vollen Eindruck von Luther und feiner Zeit, von der Bild der Reformationszeit, ihrer Gedanken und Vor-
Perfon und den Verhältnifsen, unter denen fie fich ! Heilungen, auf der Höhe heutiger Gefchichtsauffaffung
durchfetzen konnte, bekommen zu haben. Aber Kolde i flehend, fich verfchaffen wollen. Dem Herrn Verfaffer
fpricht auch aus, wie fchwierig fein Unternehmen fei und ! herzlichen Dank für feine Gabe! Es kann um die evan-
erkennt an, dafs feine Darftellung auf Vollftändigkeit gelifche Chriftenheit und um ihr religiöfes Intereffe fo
noch nicht Anfpruch mache. ' fchlecht nicht flehen, wenn ein Literarhiftoriker mit

folcher Liebe und folcher Wärme das Leben unferes
grofsen Reformators zeichnet! —

Markoldendorf (Hann.). Ferdinand Cohrs.

Etwas fchlechthin Neues beabfichtigt alfo das Ber-
ger'fche Buch nicht. Wohl aber — und das giebt ihm
feine grofse Bedeutung — vervollftändigt es die vorliegenden
Darftellungen von Luther's Leben und, man darf
fagen, der Reformationsgefchichte und fügt dem Bilde
der Reformationsepoche, wie es fich Dank eifriger Forfch- Koldewey, Rekt. Hilfspred. Dr. Friedr., Der Exorcismus
ung mehr und mehr vor unferen Augen entrollt, wieder jm Herzogthum Braunschweig seit den Tagen der Refor-
e.ne reiche Fülle anfchauhchfter Lebendigkeit hinzu. Das matjon_ Eine kirchenluftorifche Studie. Wolfenbüttel,
— wenigftens in diefer Gefchloffenheit und Vollftandig- „ .r, n , „ „. „.
keit - neue Moment, auf deffen treibende Kraft in Zwifsler, 1893. (59 S. gr. 8.) M. 1.50

Luther's Leben und damit in der reformatorifchen Be- Der Verfaffer ift der Sohn des um die Erforfchung

wegung überhaupt er befonders aufmerkfam macht, nennt 1 der Braunfchweigifchen Kirchen- und Schulgefchichte
er die ,Laiencultur'. Diefe, durch die im Gegenfatz zu hochverdienten Directors Koldewey. Er hat fich in der
dem mittelalterlichen Feudalismus und der Naturalwirth- , vorliegenden Schrift eine engbegrenzte, aber fehr inter-
fchaft feit der Zeit der Kreuzzüge aufgetretene Geld- [ effante Aufgabe gewählt. Im Anfchlufs an die Arbeiten

wirthfchaft zuerft hervorgerufen, in den Bürgerkreifen
der Städte in befonderer Kräftigkeit gepflegt, durch die
neu erwachte Wiffenfchaft, die Entdeckungen und Er-

von Kraft, Höfling und Alt giebt er einleitungsweife
eine kurze Ueberficht über die Entftehung und die allgemeine
Verbreitung des Exorcismus. Darauf charak-

findungen des 15. Jahrhunderts gehoben, tritt immer mehr j terifirt er die Stellung Luther's zur Frage und die Ab
zu den das Mittelalter beherrfchenden hierarchifch-afke- j lehnung des Exorcismus durch Calvin. Im Herzogthum
tifchen Anfchauungen in Gegenfatz: der Einzelne fühlt Braunfchweig ift im Anfchlufs an Luther der Exorcismus
fleh als Perfönlichkeit und will fich als folche ausleben, principiell freilich für ein Adiaphoron erklärt, kirchen-
will die Welt mit allem, was fie ihm bieten kann, be- j ordnungsmäfsig aber beibehalten und gefordert. Die
herrfchen, aber nicht fein Ideal darin fehen, diefe Welt Kirchenordnung des Herzogs Julius von 1569 erklärt aus-
und alle ihre Güter und ihre Schönheit zu verneinen, i drücklich: ,Nachdem wir in diefer Kirchen den Exor-
Bei den herrfchenden kirchlichen Anfchauungen aber mufs ! cismus behalten, follen die Prediger das Volck zun
folches Streben als Sünde erfcheinen. Da findet Luther Zeiten inn der Predigt erinnern, das derfelbig nicht alfo
die rettende Löfung in der Rechtfertigung durch den j verftanden werde, als folte das Kind durch den Exor
Glauben: in ihr wird jeder Einzelne feines Heils gewifs
und bekommt in ihr die rechte Stellung zur Welt und
ihren Gütern. So treibt die Laiencultur und der mit ihr
gegebene Individualismus zu der in der Reformation vollzogenen
Verföhnung zwifchen Weltintereffe und Heils-
intereffe.

Man wird mit rechtem Verftändnifs an Berger's
Lutherbiographie hinantreten, wenn man zuvor fein Buch
,Die Kulturaufgaben der Reformation' (Berlin, Ernft Hofmann
u. Co., 1895) — urfprünglich unter dem Titel ,Die
Erbfchaft des 16. Jahrhunderts' zur Einführung in die
Biographie beftimmt — gelefen hat. Hier wird in oft

cismum, und nicht durch die Tauffe, aus der gewalt des
Teuffels genommen werden, Sondern das es allein fey
eine erinnerung, in was grofser noth und jammer das
Kindelein feiner Sünden halben ftecke, Warumb jme die
Tauffe nötig, unnd was durch diefelbige bey dem Kindlein
aufsgerichtet werde'. Um die Wende des Jahrhunderts
kommt es dann durch die Einwirkungen der
Anhaltifchen Philippinen zu lebhaften Controverfen, in
denen Polykarp Leyfer den Exorcismus für Braunfchweig
noch einmal rettet. Weiter fchliefst fich daran ein längerer
und verwickelter Streit zwifchen dem gelehrten Helm-
ftedter Theologen Daniel Hofmann und dem General-