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1895 Nr. 12

Spalte:

312-315

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Acta martyrum et sanctorum, (syriace) edidit Paulus Bedjan. Tom. 5 1895

Rezensent:

Nestle, Eberhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 12.

312

Interpolationen erlitten. Dafs C. Wotke diefe fpäteren
Zuthaten principiell nicht im Apparat mittheilt, darf man
ihm nicht zum Vorwurf machen, wohl aber fehr bedauern:
denn wo anders als in einer Ausgabe des Eucherius
werden diefe, gerade auch für die Gefchichte des latei-
nifchen Bibeltextes werthvollen Stücke einen Platz finden?
— Zwei uralte Zeugen für den Text jener Bücher hat
W. verwenden können, einen von Pitra bereits ausgenutzten
Sessorianus (jetzt in Rom) und einen Parisinus,
dem jüngere Genoffen nahe ftehen; aber die beiden
weichen fo ftark von einander ab — nicht blofs im Wortlaut
, fondern im Umfang: wo P. 204 Fragen nebft Antworten
bringt, hat S. nur 63, darunter aber 12, die in P.
fehlen —, dafs W. eine Löfung des Problems nur in der
Thefe (p. XIII) findet, S. repräfentire einen früheren Entwurf
des Eucherius, P. die endgültige Faffung. Es ift
hier nicht der Ort, über diefe Erklärung, die mir nicht
einwandfrei erfcheint, zu disputiren; der Pflicht des
Herausgebers hat Wotke genügt, indem er durch den
Apparat es dem Lefer ermöglicht, fich über das Ausfeilen
der beiden ,Recenfionen' bis ins Detail zu infor-
miren. Allerdings wären reichlichere Mittheilungen aus
jüngeren Zeugen eben bei diefem fonderbaren Stand der
Frage doppelt erwünfcht.

Den höchften möglichen Grad der Akribie hat W.
nicht erreicht. Er wechfelt in der Schreibweife z. B.
zwifchen Abacuc und Hab., Math, und Matth., zwifchen
in genest und in Geltest, zwifchen forsitan und forsitam;
Druckfehler wie multplicabo 21, 19, Christ ft. Christi 104,11
find nicht vereinzelt, am häufigften kommen fie bei Angabe
der Zeilen in den Anmerkungen vor; z. B. S. 48, 24 f.
1. 12. 14. 19. 22 ft. 11. 13. 18. 21 und Eccli. ft. Eide. — In
den Citatennachweifen ift Manches zu verbeffern; z. B.
zu 24, 23 1. Prov. 6, 8 (LXX) ftatt 6, 6, zu 87, 19: II Paral.
34, 22 ft. IV Reg. 22, 14, zu 178, 30: III Reg. 19, 13 ft. 18, 13;
zu 11, 15 Hier. 1, 14 ft. 1, 44. 9, 5 ift ein Citat als folches
gar nicht bemerkt worden, die Quelle für 11, 16 ift wohl
Eccli. 43, 22 ft. Prov. 25, 23; das Citat 33,13, das W. nicht
aufgefunden hat, fteht Prov. 14, 30% freilich nicht in der
Vulgata. Zu 184, 20 war Mal. 3, 1 zu notiren, 186, 16
Phil. 3, 20, zu 188, 21 Pf. 33, 9, zu 189, 18 I Cor. 10, 11, zu
190, 8 Matth. 5, 15 f., ib. 11 Matth. 5, 14, ib. 28 I Petr. 5, 8,
ib. 30 Pf. 126, 1, 194, 5 Joh. 4, 14.

Im textkritifchen Apparat bleibt zu Vieles unklar;
z. B. wenn zu 32, 18 notirt wird et in S und die Zeile
lautet . . . et .simplex; in evangelio: ab-, fo weifs man
nun nicht, ob S das Simplex ausläfst oder hinter simplex
ein et einschiebt; die Anm. zu 30, 15 ,in om. S' nützt
nichts, da jene Zeile 2 in enthält, ebenfo wenig die zu
191,7 eum 0111. EPH, da im Text tencbimus cum et non
cum diviittemus fteht. 191, 10 lautet das letzte Wort im
Texte illic, was foll man mit der Note anfangen ,illic
EFHri Zu 185, 12 bemerkt W. ,taata —- revectus om. H,'
zu Z. 13 ,iam om. H', obwohl tarn ein Beftandtheil der
bei H fehlenden Zeile ift! Zu 182, 11 taucht plötzlich
neben EF ein Zeuge M auf, von dem wir fonft nichts
erfahren. Angefichts folcher Vorkommnifse find wohl
Zweifel nicht unberechtigt, wie der, ob z. B. 180, 20 f. der
Apparat vollftändig ift, d. h. alle 4 Codd. longe vastitate
und die 3, die desertum ftatt des von W. bevorzugten
heremum fchreiben, auch terribilem bringen. Wenn HR
178, 30 — laut Apparat — den Namen des Elias Helyas
fchreiben, follten fie es 183, 26 und 188, 16, wo W. nichts
darüber mittheilt, nicht auch thun?

Gegen W.'s Interpunktion ift wenig einzuwenden:

183, 3 durfte nach I Cor. 10, 2 in nube et in mari nicht
durch ein Komma von baptizati getrennt, noch weniger

184, 20 ante faciem domini angelus mittitur durch Gedankenreiche
als eingefchobener Satz bezeichnet werden.
Die Grundfätze Wotke's für die Orthographie find nicht
klar; wenn er in de laude heremi gegen alle Zeugen
Moses (ft. Mopses) und gegen die beiden beften Hellas
fchreibt, warum behält er dann 182, 12 Spnai bei? Und

j warum findet man im Texte 11, 11 pinnas, 94, 19 aber
penuae gegen S und 98, 22 pennis gegen S und P? —
Bei der Feftftellung des Textwortlautes verfährt er im
Allgemeinen fehr vorfichtig; aber wenn z. B. 21, II S
und 2 Vertreter der anderen Recenfion in cantico Exodi
lefen, ift dann blofs P zu Liebe Exodi zu ftreichen? Und
follte nicht 61, 5 dabunt erleichternde Lesart für das dabant
in S fein? In vielen Fällen ift es hier fchwer fich zu
entfcheiden, dagegen glaube ich, dafs in der Schrift de
laude heremi der Herausgeber den cod. H unterfchätzt
und eine Reihe guter Lesarten desfelben mit Unrecht
verworfen hat. Sogleich im Anfang ift 177, 7 f. H.'s usque
111 marc magnum recedentia (li)eremi secreta {cf. 181, i:
in heremi secreta tendentibus!) penetraveras, maiorc tarnen
virtute repetita est a te heremus quam petita fchon an
und für fich dem u. in m. m. rec. penetraveras, maiore
t. virtute heremi repetita u. f. w. der anderen Mfc. vorzuziehen
. Dazu kommt aber, dafs die um 475 verfafste
Vita S. Hilarii Arelat. V(8). deren Citate aus unferem
Tractat Wotke leider auch fonft unberückfichtigt läfst,
den Text von H unterftützt. Auf derfelben Seite Z. 15—17
weicht H in 4 Worten von den Anderen ab; nur durch
Anfchlufs an ihn bekommt der Satz einen guten Sinn:
prius eni/u cum desertum peteres, comitatus {al add. etiaui)

fratrem videbaris, nunc {al: naml) cum desertum repe-
tieris {al: repeteres) etiam patrem {al: fratrem, aber darin
liegt die Feinheit: der ehemalige .Bruder' Honoratus ift

I inzwifchen durch feine Wahl zum Bifchof in Arles ,Vater'

I geworden) reliquisti; Wotke nimmt die Fehler von REF"in
den Text auf, obwohl das nam gegenüber dem prius ja
auf den erften Blick fich als Corruption erweift. Das
conspiciat 179, 1 ift fo ficher wie das cellae 179, 3 dem
conspiceret von R und dem caeli von REF vorzuziehen,
noch gewiffer das obseravit 187, 1 dem finnlofen obscr-

j vavit von REF und ebenda intra quod{d)am conclave
deserti dem in terra{ni) quodam conclavi deserti von REF.
Allerdings können grobe Fehler dem Codex H nicht
abgeftritten werden, aber folche liegen in den anderen
3 Handfchriften erft recht vor; eine Reihe von Stellen
ift bei allen 4 Zeugen unheilbar verdorben, z. B. das
lactea male porrectum 180, 27 (ob longe lateque porr. wie
190, 18 f. zu lefen ift?) der Satz Lupus et u. f. w. 190, 29 ff.
oder der noch unmöglichere 190, 22 — wobei ein Hinweis

j auf die bequemen Texte der älteren Editionen wohl am
Platze gewefen wäre; da diefe doch auf Grund minde-
ftens einer Handfchrift entftanden find, ift es nicht zu
entfchuldigen, dafs Wotke fie einfach ignorirt. Mit einer
einzigen Handfchrift gelangen wir bei Euch, wohl nirgends
zum Ziel; wenn das fchon für die Hauptbücher

j von dem Parisinus des 6. oder 7. Jahrhunderts gilt, wie
viel mehr hier von dem um 400 Jahre jüngeren Vaticanus
R! Da Wotke fich mit unferem Autor noch mehr be-
fchäftigen wird — auch eine Unterfuchung über die von
Eucherius benutzten Bibeln ftellt er S. XX in Ausficht —
bekommt er ja Gelegenheit, das Verzeichnifs der Addenda
et Corrigenda von S. 200 zu erweitern; hoffentlich brauchen
wir auf den 2. Theil der Werke des gelehrten Bifchofs
von Lyon nicht zu lange zu warten.

Marburg i. H. Ad. Jülicher.

Acta martyrum et sanctorum, (syriace) edidit Paulus Bedjan.
Tom. V. Parisiis, 1895. [Leipzig, Harraffowitz.l (XI,
705 S. 8.) M. 24. —

Der vorliegende Band, der feinen Vorgängern in
erfreulicher Rafchheit folgte (f. Nr. 8), unterfcheidet fich
von denfelben zunächft dadurch, dafs er erftmals den
Herausgeber auf dem Titel nennt. Das vom 17. Januar,
fite de St. Antoinc 1895, datirte Vorwort giebt am Schlufs
darüber den Auffchlufs: le gouvernement turc, faisant des
difficultes pour le transit de uos publications sur son terri-
toire, a cause des troubles de VArmenie, nous nous sommes