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Ausgabe:

1895 Nr. 11

Spalte:

284-285

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hahn, G. Ludwig

Titel/Untertitel:

Das Evangelium des Lucas, erklärt. 2. Bd 1895

Rezensent:

Weiß, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 11.

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hat, urn dann als 82jähriger [Bifchof] im J. 459 die zweite
Zeitangabe hinzuzufügen. Dazu kommt, dafs eine Art
altarmenifche Chronologie, ,das Buch der Kaifer', einen
Euthalius von Alexandrien nennt, der im 3. Jahr des
Arcadius blühte, und ,der in lobenswerthen Abfchriften
das Vorwort und die Einzelheiten (Sectionen) und die
Lefeflücke der heiligen Apoftel und der heben katholifchen
Briefe ordnete'. Andere Stellen in demfelben Buch erwähnen
einen Theophilus, der Euthalius zur Bearbeitung
des Apoflels (hier augenfcheinlich Paulus), und einen
/königlichen Geiftlichen' Athanahus, der die Bearbeitung
der Apoftelgefchichte und der katholifchen Briefe verlangt
hatte. Aufserdem foll die ganze Arbeit ihre Spitze
gegen gewiffe Häretiker gewendet haben, ,Kalabros [an
anderem Ort Kleobos] and Karpoerates, and Katharos
and Eklaros [sie], who said that Christ was a mere man,
and rejected the Old Testament and despised its testimony
concerning Christ'. Der Theophilus mufs Theophilus, der
22. Bifchof von Alexandrien fein (Juli 385—Okt. 412), in
deffen Gegnerfchaft gegen den Origenianismus Herr Cony-
beare den Grund findet für die Auslaffung des Namens
des Pamphilus im Prolog. Schliefslich, S. 252—259, Unterpacht
Herr Conybeare, theilweife an der Hand von Bouffet's
vorzüglichen Ausführungen (Textkritifche Studien,
Leipzig 1894), das Verhältnifs zwifchen dem Text in der
armenifchen Verfion und im HPaul, und findet, dafs die
armenifche Verfion dem Sc näher fteht als H und auf
diefe Weife fich als guter Zeuge für den Text des Codex
Pamphili erweift. S. 259 ftellt den Vorgang fodann
folgendermafsen vor uns: Im Jahre 396 fchrieb Euthalius
den Codex Pamphili der Paulusbriefe, der in der Eufe-
bianifchen Bibliothek in Cäfarea lag, in Sinnzeilen ab,
mit Zufatz von Vorworten, testimonia, Capitelauffchrif-
ten u. f. w., obfehon die Capiteleintheilung felbft wahr-
fcheinlich fchon in dem Codex Pamphili fich befand.
Die Armenier überfetzten dann früh im 5. Jahrhundert
eine Euthalianifche Handfchrift aus jener Bibliothek. Und
H des 6. Jahrh. ift dem Euthalianifchen Original weniger
treu als die armenifche Verfion. Ref. begnügt fich vorderhand
mit der Aufzeichnung der Refultate der Arbeit
Herrn Conybeare's, denen er vielfach beizuftimmen geneigt
ift, für die aber hoffentlich noch weitere Belege
in anderen Handfchriften beigebracht werden können.
Es ift zuverfichtlich zu hoffen, dafs der Verf. jenes ,Buch
der Kaifer' vornimmt und uns entweder noch mehr
Werthvolles daraus mittheilt, oder uns die Beruhigung
giebt, dafs es nichts mehr bietet, denn das ift immer
nützlich zur Klärung der gefchichtlichen Forfchung. Sollte
der Verfaffer es noch nicht bemerkt haben, fo wird es
ihn vielleicht intereffiren, dafs Evv 363 auch mit scavXov
ajtooröXov abbricht. Ref. möchte eine Conjectur vor-
fchlagen; S. 243 lefen wir aus jenem armenifchen Codex:
,1/ thou lend me to any one, thou shalt takc a goodly copy
in my stead, for those who {? -J- have to) restore (z. e. books)
are evil', und S. 244: ,But when I sliall lend tliee to my
friends, lwilltake agoodly copy (pr exemplar) in exchange
for thee'. Des Verfaffer meint, dies fcheine zu heifsen,
dafs einer, der das Buch borgen wollte, ein anderes Exemplar
als Bürgfchaft einreichen müffe, ,whether of the same
book or not is not clear'. Doch fcheint dies wenig Sinn
zu haben, denn man konnte nicht erwarten, dafs alle
diejenigen, die ein folches Buch brauchen möchten, etwa
Bibliothekare oder reiche Buchhändler fein würden, die fo-
fort felbft ein gleichwerthiges Buch als Pfand übergeben
könnten. Ift es nicht irgend wie möglich, das betreffende
armenifche Wort gerade zu als /Pfand' oder ,Bürgfchaft'
etwa im Sinn eines .Gegenstückes' zu überfetzen? Ich
gebe zu, dafs ein Borger für gewöhnlich auch arm fein
würde, er würde aber leichter einen Bürgen mit Geld und
liegendem Befitz finden als einen, der folche Bücher hatte.
Auf S. 245 im vorletzten Abfatz ift itatt Evv 268, 368
zu fchreiben, nnd zu bemerken, dafs diefe Handfchrift
nur Joh Apok 1. 2. 3 Joh enthält, alfo hier belanglos

ift. Uebrigens ift hier für die Reihenfolge auf Zahn,
Gefch. d. N. T. Kanons, II, 1 (Leipzig 1890), S. 343—383
hinzuweifen. Mit vielem Dank für die Felttftellung der
Gefchichtlichkeit des Euthalius, warten wir mit Spannung
auf die nächfte Mittheilung aus Herrn Conybeare's arme-
nifcher Mappe.

Leipzig. Cafpar Rene Gregory.

Hahn, Prof. Dr. G. L., Das Evangelium des Lucas. Erklärt
von G. L. H. 2. Bd. Breslau, E. Morgenftern's Verl.,
1894. (VI, 715 S. gr. 8.) M. 14. —

Nachdem Referent früher (Jahrg. 1892 Col. 517) die
erfte Hälfte des I. Bandes befprochen hat, möge jetzt
eine kurze Befprechung des Reftes von Bd. I und des
II. Bandes folgen. Es ift zu bewundern, dafs Verfaffer
und Verleger den Muth gefunden haben, diefen Com-
mentar von 635 + 715 = 1350 Seiten zu veröffentlichen —
in einer Zeit, die nach kurzen Büchern fchreit und in
diefer Beziehung glänzende Leiftungen aufzuweiten hat;
ich erinnere nur an Holtzmann's Commentar zu den
Synoptikern. Der Verleger hat durch eine üppig-fplendide
Ausstattung, der Verfaffer durch einen überrafchend behaglichen
Stil die ungeheuere Ausdehnung des Werkes
veranlafst. Aber, wenn man nun fragt, ob der wiffen-
fchaftliche Werth der Arbeit dazu in einem richtigen
Verhältnifs fteht, fo kann man fich nur fehr zweifelhaft
ausdrücken. Neu und originell find ja des Verfaffers
literar-hiftorifche Anflehten (ein Judenchrift der Autor;
wahrfcheinlich Silas). Aber wer wird ihm diefe Hypo-
thefe glauben? Hätte er wenigstens von feiner Annahme
einen Vortheil für die Erklärung gezogen! Es wäre möglich
gewefen, die Exegefe dadurch zu bereichern und
auf neue Bahnen zu führen,' indem man zeigte, dafs in
weit höherem Mafse, als die landläufige Kritik anzunehmen
pflegt, ,judenchriftliche', d. h. dem jüdifchen Mutterboden
nahe flehende Anfchauungen und Stimmungen
im Lucas vorhanden find. Aber hierzu finden fich nur
die befcheidenften Anfätze. Von einer etwas realiltifchen,
den Erdgeruch der Ueberlieferung nachempfindenden Erklärung
ift keine Spur vorhanden. Die relativ gröfsere
Urfprünglichkeit mancher Lucas-Stoffe zu erkennen oder
hervorzuheben, fehlte dem Verf. Gelegenheit und Grund,
da er entfchloffen auf eine fynoptifche Erklärung verzichtet
. So nöthig es ift, jeden der Synoptiker auch für
fich, als Werk einer Hand zu betrachten, fo unumgänglich
ift doch als Ergänzung für das fimpelfte fprachliche
Verftändnifs die Vergleichung der Parallelen. Die kri-
tifche Grundanfchauung, dafs der Verf. als Augenzeuge
berichte, ruft die fonderbarften Dinge hervor. Der fogen.
Reifebericht, der ja allerdings in feiner Compofition noch
nicht aufgehellt ift, ift für H. die Darstellung der zweiten
Hauptperiode des Wirkens Jefu. ,Sie beginnt mit dem
Aufbruch Jefu aus Galiläa zum Befuch des Laubhütten-
feftes im Anfang des Octobers 782 (= 29 n. Chr.) vgl.
Joh. 7,10 und fchliefst mit den dem feierlichen Einzugejefu
in Jerufalem unmittelbar vorangehenden Ereignifsen im
Anfang April 783 (= 30 n. Chr.)'. Zwifchen Cap. 9 u. 10

I ift der Aufenthalt Jefu in Jerufalem Joh. 7 einzufchalten,
13, 22 reift Jefus zum Enkänienfefte (Joh. 10, 22). Leider
hat der Augenzeuge aber unterlaffen, über die Aufenthalte
Jefu in Jerufalem felbft etwas mitzutheilen. Die
Ausfendung der 70 findet in Jerufalem statt. Auch fonft
weifs H. meiftens, wo wir uns gerade befinden, ob in
Galiläa oder in Jerufalem. Diefe chronologifche Auf-
faffung des Abfchnittes ift natürlich fo verfehlt wie
möglich. Im Allgemeinen foll anerkannt werden, dafs
die Erklärung fich von exegetifchen Extravaganzen und
unnöthigen Paraphrafen frei zu halten bemüht. Sie bewegt
fich auf einer friedlichen Mittelftrafse gefunder
Nüchternheit. Weder wird der Lefer durch neue Fragestellungen
noch durch gewagte Antworten beunruhigt.

j Sehr fonderbar ift der textkritifche Theil der Arbeit.