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Ausgabe:

1895 Nr. 10

Spalte:

268-269

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steudel, Friedrich

Titel/Untertitel:

Der religiöse Jugendunterricht. 1. Hauptteil: Die geschichtliche Grundlage. 1. Heft: Die göttliche Offenbarung im Alten Testament 1895

Rezensent:

Kautzsch, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 10.

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ftigem Princip'. Er endigt mit dem Sieg der ,Geiftes- j
propheten'. Aber diefer Sieg .bedeutet feinen eigenen
Untergang'. Der neuen Gemeinde ,wurden die prophe-
tifchen Gedanken zu einem fteinernen Gefetz' .... ,Die 1
eigentliche Vollendung und Krönung hat der Mofaismus
und Prophetismus erft in dem gröfsten und einzigen der i
Propheten, in Jefu Chrifto, erfahren. Er hat endlich die
letzten Schalen irdifchen Wefens aus dem Gottesbegriff
befeitigt, durch ihn wiffen wir, dafs Gott Geift ift und
alle, die ihn anbeten, ihm im Geift und in der Wahrheit
Anbetung bringen muffen. Wir wiffen es, ja wir leben
und athmen von diefem Wiffen, dafs Gott der Welt
Schöpfer, der Vater ift über alles, was da Kinder heifst
im Himmel und auf Erden' (S. 58).

,Wider den Kleinglauben' lautet die Ueber-
fchrift des nun folgenden zweiten Theiles (S. 59—83).
Das Wort des Apoftels (1 Kor. 4, 3—4 ift an feine Spitze
geftellt. Mit einem an Jeremia's Klage über Jerufalem
erinnernden Schmerzensrufe beginnt als ein echter alt-
teftamentlicher und doch ganz von Chrifti Geift erfüllter
Theologe der Verfaffer: ,Arme evangelifche Kirche! Es
blutet mir das Herz, fo oft ich dein gedenke. Deine
Kinder verlaffen, verachten dich. Deine Feinde fpotten
dein. Deine Freunde trauern und fchweigen. Wohl bieten
fich dir Aerzte an. Ihre Mittel fchaden nur. Denn deine I
Krankheit frifst dir am Herzen. Nur einer kann helfen.
Gott in der Höhe!' (S. 59). ,Was aber ift denn der
Krankheit Grund? Ich will es dir fagen: die evangelifche
Kirche, die Kirche des Glaubenshelden Luther ift in
Schwachglauben und Kleinglauben gefunken: ihr Herz
ift krank' (S. 60). Daher verlangt man durchaus ,die
Verbalinfpiration' und verneint dadurch ,das Grund-
princip aller proteftantifchen Schriftforfchung
von Luther bis auf unfere Tage grundfätzlich'
(S. 61). Aber ,der Buchftabenglaube und alles, was er
mit fich bringt, ift falfch, ja mehr, er ift gefährlich'
(S. 63). Luther ift, wie feine bekannten Urtheile über
alt- und neuteftamentliche Schriften beweifen, weit davon
entfernt gewefen (S. 63—66). ,Was Chriftum treibet, ift
ihm werth, was ihn auch nur nach feiner Meinung nicht j
treibet oder weniger treibt, fchätzt er gering' (S. 68). I
Darum müffen wir ,alle falfche Pietät, die zum Unfegen ]
gereichen kann' (S. 67) fallen laffen, ,alles Emdes mit
dem Refte einer fo falfchen Infpirationslehre brechen'
(S. 68), das Wefen des ,Wortes Gottes' aber, das ,eine
Lebenskraft' ift (S. 72), vor der Schrift liegt (S. 73), felbft
durch Propheten und Pfalmen noch nicht vollftändig
(S. 73. 75), in Chriftus jedoch, den wir ,felbft das Wort
nennen' (S. 76), ,Herz und Krone aller wahren Religion'
(S. 77) vollkommen offenbar geworden ift, immer klarer
erkennen. Wort Gottes und Heilige Schrift — darin
ftimmen wir dem Verf. unbedingt bei — darf nicht zu-
fammengeworfen werden, jenes Zufammenwerfen von
„Wort Gottes" und heiliger Schrift (ift) dem Geifte des
Chriftenthums vollkommen widerfprechend' (S. 77). Die
heilige Schrift ift nicht, wie die Theologen des fieb-
zehnten Jahrhunderts meinten, ein Dictat des heiligen
Geiftes, fondern die heiligen Menfchen Gottes haben geredet
, getrieben vom heiligen Geifte (2 Petr. i, 21). Sie
waren, wie ich ftets meinen Confirmanden zu fagen
pflegte, in ihrem ganzen Leben vom Geifte Gottes erfüllt
, aber ganz befonders dann fühlten fie feine Kraft,
wenn fie redeten oder auch wenn fie fchrieben, fei es
eigenes, fei es von Anderen überliefertes, ohne dafs
jedoch ihr menfchliches Wefen dadurch aufgehoben
worden wäre. Eine Verbalinfpiration giebt es nicht. Wie
fehr es Pflicht der Geiftlichen ift, auch das Volk darüber
aufzuklären, führt der Verf. zum Schluffe feiner
Rede wider den Kleinglauben fehr fchön aus (S. 78—83).

Doch auch wir müffen fchliefsen. Ehe wir das thun,
nur ein Wort! Noch einmal fei betont, dafs Meinhold
Mofes für eine gefchichtliche Perfönlichkeit hält, die
göttliche Offenbarung empfangen hat, dafs er diefe göttliche
Offenbarung auch den Propheten zufchreibt, dafs
er in Chriftus, der feinem Herzen über alles theuer ift, ,den
gröfsten und einzigen der Propheten' fleht. Nicht weniger
fei noch hervorgehoben, dafs, wenn nach Meinhold's
Anficht, die hierin nicht die unfere ift, die Patriarchenzeit
fällt und der mofaifche Urfprung des Dekalogs
zweifelhaft ift, diefe feine Anfchauung, mit der er keineswegs
allein fteht, von ihm in ruhiger, fachlicher Entwicklung
, aus Liebe zur Wahrheit und mit heiligem Ernfte
vorgetragen wird. Die Gegner möchten ihm wohl, wie
aus Dammann's letztem leidenfchaftlichen Artikel in
der Kreuzzeitung (Nr. 64; abgedruckt in der Chronik d.
ehr. Welt Nr. 7) hervorzugehen fcheint, am liebften das
Schickfal von Robertfon Smith bereiten, das Budde in
unterem Ev. Gemeindeblatte (Nr. 7. Beilage) fo herzbewegend
gefchildert hat. Das wolle Gott verhüten!

Crefeld. F. R. Fay.

Steudel, Pfr. Friede, Der religiöse Jugendunterricht. Auf

Grund der neueften wiffenfehaftlichen Forfchung für
die Hand der Lehrer und Schüler fämtlicher evan-
gelifcher Lehranftalten bearbeitet. I. Hauptteil: Die
gefchichtliche Grundlage. 1. Heft: Die göttliche Offenbarung
im Alten Teftament. Heilbronn, Kielmann, 1895.
(XI, 79 S. gr. 8.) M. 1.25

Der Verfaffer, in jüngfter Zeit viel genannt als einer
der drei württembergifchen Pfarrer, welche die bekannten
Reformanträge ,An die Landesfynode' (Heilbronn 1894)
gerichtet haben, legt hier unter dem Motto ,Ich hab's
gewagt' ein Specimen vor, wie die Unterweifung im Alten
Teftament auf Grund der gefleherten Ergebnifse der
neueren Bibelforfchung endlich auch in der Volksfchule
zu geftalten fei. Angetrieben von der ,Erwägung, dafs
wer einmal A fagt, fchliefslich doch auch B fagen mufs',
aber nicht minder auch von der ,felfenfeften Ueberzeugung
davon, dafs das Alte Teftament an Anfehen bei dem
Schüler nicht verlieren, fondern nur gewinnen kann,
wenn es ihm im Lichte der modernen gefchichtlichen
Auffaffung erfchloffen wird', verfucht er es, ,unter völliger
Emanzipierung von der feither beliebten Anlage des
Stoffes die Anordnung desfelben ganz der neuen Auffaffung
der altteftamentlichen Litteraturgefchichte anzu-
paffen'. Das hier Gebotene ift jedoch nicht ein erfter
Entwurf, fondern der Niederfchlag einer Methode, die
fich aus praktifchen Verfluchen in fünffach wiederholtem
Curfe herausgebildet hat. Der Verfaffer verflehert, dafs
er dabei die denkbar beften Erfahrungen gemacht habe;
feine eigene Freudigkeit am Unterricht fei durch die freie
Behandlung des Stoffs wefentlich erhöht und ebendadurch
auch eine freudigere, intereffevollere Betheiligung von
Seiten der Schüler bedingt gewefen.

Der Inhalt ift fo gegliedert, dafs nach einer bündigen
Erörterung der Vorbegriffe (Bibel, Heilig, Teftament,
Wort Gottes u. f. w.) zuerft die Gefchichte Israels im Ueber-
blick vorgeführt, dann unter II ausfuhrlicher die Wirksamkeit
der Propheten, unter III die jüdifche Frömmigkeit
im Zeitalter der Priefter (Jas Gefetz, die hebr. Dichtkunft,
/Weisheit und ,Offenbarungen', Anhänge) dargeftellt wird.

Die Bedeutung des Büchleins beruht natürlich in
erfter Linie auf dem Bemühen, den Ergebnifsen der
Schriftforfchung auch im Volksunterricht Eingang zu
verfchaffen'). Der Verfaffer felbft täufcht fich nicht
darüber, welchen ,Sturm der Entrüftung' fein Unterfangen
entfeffeln werde. Und diefe Entrüftung wird felbft für

1) Dafs der Verfaffer mit diefem Beftreben nicht ganz allein fteht,
erfehe ich u. a. aus der trefflichen .Chriftenlehre' von Adolf Rohde,
Pf. in Chemnitz (2. Aufl. 18 5). Hier wird mit fehr leifer, fchonender
Hand, aber feinem Sinn, fchon allerlei zurecht geftellt oder bei Seite
gelaffen, was fich mit dem zweifellofen gefchichtlichen Thatbeftand
nicht verträgt. Der pofitive Gehalt des Büchleins, die Wärme der religiöfen
Empfindung hat darunter wahrlich nicht gelitten!