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Ausgabe:

1895 Nr. 10

Spalte:

263-264

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Riehl, W. H.

Titel/Untertitel:

Religiöse Studien eines Weltkindes 1895

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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263 Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 10. 264

nungen nur mit einer fpeciellen, auf Grund einer Em- I
pfehlung des Pfarrers oder Beichtvaters zu ertheilenden '
Erlaubnifs des Bifchofs benutzen. Unfer Verf. ift liberal
genug, wenigftens in Deutfchland eine folche Erlaubnifs
nicht für nöthig zu halten (S. 134). Das Lefen von in
der Mutterfprache gefchriebenen Schriften über dieUnter-
fcheidungslehren der Katholiken und Proteftanten, meint
er S. 177, kann der Pfarrer oder Beichtvater geftatten.

Buchhändler dürfen nach S. 234 verbotene Bücher
nicht vertreiben; ne iis quidem, qiä postulant, 11t ipsis
istos libros procui'et, librarius indiscriminatim obsecundare
potest. Nam etsi, quando emptores tales renüttit et ad
alios ire sinit, sibi damniim creet seu hierum cessans,
haec tarnen non est sufficiens ratio libros procurandi, nisi
accedant graviora damna. In dubiis consulatur episcopus.

Ausführlich handelt der Verf. von fchlechten Zeitungen
, namentlich von den ,fogenannten liberalen, welche
die von der Kirche und namentlich in dem Syllabus
Pius' IX. verworfenen Irrthümer billigen und vertheidigen'
(S. 93). Ob man eine Zeitung lefen darf, hat der Beichtvater
zu entfeheiden (S. 94). Auch wer die Erlaubnifs
zum Lefen verbotener Bücher hat, darf nicht eine von
dem Bifchof verbotene Zeitung lefen (S. 257). Ein Wirth
darf fchlechte Zeitungen nicht auflegen, höchfiens, wenn
fie von Gälten der Annoncen wegen verlangt werden,
in separato loco (S. 236) u. f. w.

Bei der Befprechung einzelner Gruppen verbotener
Bücher hält fich der Verf. hauptfächlich an die vor dem
eigentlichen Index flehenden Decreta Benedict's XIV.
Er befpricht auch S. 165 die Schriften über den angeblichen
heiligen Johannes Cala und über die Bleiplatten
von Granada, die im 17. Jahrhundert verboten wurden,
jetzt aber, wie die Schriften über den Bifchof von Chal-
cedon, nur noch eine gefchichtliche Bedeutung haben
(S. 174).

Aufser den bereits gelegentlich angeführten find noch
manche andere Namen verfchrieben oder verdruckt. Die
S. 107 erwähnte Dichterin heifst Adda (nicht Arda) Negri,
der italienifche Senator, deffen Bücher als obfcön verboten
find (S. 139), P. Mantegazza (nicht Montegazza),
der S. 157 citirte Kanonift Chauvelin (nicht Chovelin),
der Herausgeber des Wörterbuches von Carl Stephanus
Nie. Lloydius (nicht Levydius, S. 190), der S. 265 erwähnte
Jefuit Raynaudus (nicht Raymandus). Die S. 225 erwähnte
Schrift ,Der Kampf zwifchen Papftthum und
Katholicismus im 15. [nicht im 19.] Jahrhundert' ift von
dem Solothurner Domdechant A. Vock, die daneben
flehenden beiden Schriften find nicht von Werkmeilter,
fondern von Weffenberg. Von dem Buche Fetes et cour-
tisan[e]s de la Grece, welches in den Licenzen zum Lefen
verbotener Bücher neben Machiavelli, C. Molinäus und
einigen anderen ausgenommen zu werden pflegt (Index
2, 919), behauptet der Verf. S. 250, es ftehe gar nicht
im Index; es fleht aber feit 1826 darin.

Wer fich über das nach den römifch-katholifchen
Theologen bezüglich des Index jetzt geltende Recht
unterrichten will, findet eine kürzere und weniger crude
Darftellung in dem Artikel von Diendorfer in dem neuen
Freiburger Kirchenlexikon 6, 655. Der öfterreichifche
Kanonift R. v. Scherer trägt im zweiten Bande feines
Handbuches des Kirchenrechtes, Graz 1891, in einigen
Punkten liberalere Anflehten vor.

Bonn. F. H. Reufch.

Riehl, W. IL, Religiöse Studien eines Weltkindes. Stuttgart,
Cotta Nachf., 1894. (IV, 472 S. 8.) M. 6. —

Nicht in fyftematifcher Anordnung und Vollftändig-
keit, fondern in freier Auswahl und theils breiterer, theils
aphoriftifcher Ausführung befpricht der Verf. eine Reihe
allgemein intereffanter dogmatifcher, ethifch-focialer und
kirchlich-cultifcher Themata. Beifpielsweife feien folgende
Capitelüberfchriften genannt: ,Der Herrfcher Tod und

das ewige Leben', ,Der Menfch als Ebenbild Gottes und
Gott als Ebenbild des Menfchen', ,Chriftus in Kunft und
Gefchichte', ,Alte und neue Kopfhänger', ,Religion und
Socialismus', ,Die bürgerliche Trauung und die Pflichten
des Staates', Kirchenreftaurationen', ,Proteftantifche Kir-
chenmufik', ,Die Predigt'. Die ruhige, vornehme und
zugleich geiftvolle Art, wie der Verf. diefe Themata behandelt
, ift höchft anziehend. Man fühlt es durchweg,
dafs man es mit den abgeklärten Gedanken eines Mannes
zu thun hat, der eine tiefgegründete chriftliche Anfchau-
ungsweife mit weitem, freiem Blicke und vielfeitigen
Kenntnifsen verbindet. Wenn er fich felbft als ,Weltkind'
bezeichnet, fo meint er damit eben dies, dafs er bei
feiner chriftlichen Religiofität fich doch den offenen Sinn
für die Welt und die Menfchen, das dankbare Geniefsen
des Schönen und Edlen in der Welt, in Kunft und Wiffen-
fchaft, bewahrt hat. Diefe Gefinnung und Stimmung
weifs er in feinem Buche fchön auszudrücken und Anderen
mitzutheilen. Das Capitel ,Weltfreudiger Glaube', in dem
der rechte chriftliche Optimismus gefchildert wird, ift
m. Er. der fchönfte Abfchnitt im Buche.

Der befondere Charakter, den man erwarten darf,
wenn ein Culturhiftoriker über religiöfe und ethifche
Themata fchreibt, fehlt dem Buche nicht. Ueberall weifs
der Verf. bei der Befprechung der gegenwärtigen Zu-
ftände und Probleme Analogien oder Gegenfätze aus
der Vergangenheit hervorzuheben und dadurch dem
Gegenstände eine neue, intereffante Beleuchtung zu geben.
Hierdurch wird das Buch gerade auch für Theologen fehr
lehrreich und anregend.

Dafs der Culturhiftoriker urfprünglich Theologe war,
erfährt man aus dem Schlufsabfchnitte, wo der Verf. in
fchlichter Weife, aber mit grofser pfychologifcher Feinheit
, erzählt, wie fich in ihm auf Grund der Einflüffe und
Erfahrungen feiner Jugendzeit der Wunfeh entwickelt
hatte, Pfarrer zu werden, und wie er dann nach vollbrachtem
akademifchem Studium der Theologie nicht
zwar zu einem inneren Bruche mit der Theologie und
Religion, wohl aber zur Abwendung von dem ihm bevorstehenden
geistlichen Berufe getrieben wurde.

In der Einleitung bezeichnet der Verf. felbft fein vorliegendes
Buch als jGefchwifterkind' mit feinen früheren
Werken: ,Die Familie' und ,Die deutfehe Arbeit'. Möchte
diefes fchöne Buch foviel Freunde finden, wie jene
älteren Gefchwifter!

Jena. H. H. Wendt.

Meinhold, Prof. Lic. J., Wider den Kleinglauben. Ein ernffes
Wort an die evangelifchen Christen aller Parteien.
[1. Die Anfänge der israelitifchen Religion und Gefchichte
. 2. Wider den Kleinglauben.] Freiburg i/B.,
J. C. B. Mohr, 1895. (XXIV, 83 S. 8.) M. 1. —

Veranlaffung zu diefer Schrift, die der Verfaffer als
,ein ernstes Wort an die evangelifchen Christen aller
Parteien' bezeichnet, hat der bekannte, vielbefprochene
und vielgefchmähte Bonner Feriencurfus, der vom 16. bis
18. October v. J. stattfand, gegeben. Es war nicht zum
ersten Mal, dafs evangelifche Geistliche Rheinlands und
Westfalens, Männer von verfchiedenen theologifchen
Richtungen, fich zu diefem Zwecke in ihrer alten, lieben
Mufenftadt einfanden. Auf eine Anregung, die von einem
unferer wackeren, jüngeren Amtsbrüder, dem Pfarrer
Coerper in Dudweiler bei Saarbrücken, in unferem
,Evangelifchen Gemeindeblatt' gemacht worden war, wurde
infolge des freundlichen Entgegenkommens der Hochwürdigen
evangelifch-theologifchen Facultät im August
1892 der erste Feriencurfus, im October 1893 der zweite
und jetzt der dritte gehalten. Die Zahl der Theilnehmer
betrug zuerst 60, flieg auf 79 und erreichte dies Mal eine
Höhe von 112. Auch dem Referenten, der wenige Monate
zuvor aus Gefundheitsrückfichten hatte in den Ruhestand