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Ausgabe:

1895 Nr. 9

Spalte:

240-241

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Melanchton, Philippus

Titel/Untertitel:

Declamationes. Ausgewählt und hrsg. von Karl Hartfelder. 2. Heft 1895

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 9.

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all, wo man prüft, kommt man auf unhaltbare Ergebnifse,
z. B. das gepriefene Gildewefen war faul. Der Ver-
faffer gefleht felbft, dafs ehrbare Familienväter Bedenken
tragen mufsten, Frauen und Töchter an den Fellen der
Gilden theilnehmen zu laffen. Hübfeh ift der Satz: die
Religion hatte nichts Finfteres, — S. 24 hatten die Bilder
des Todes, die Todtentänze etc. zum Preis des
Mittelalters gedient! — war keine unbequeme Mahnerin.
Richtig, heute noch macht Rom den Weg ins Himmelreich
bequem, fobald man gehorcht.

Nabern. G. Boffert.

Berger, Privatdoz., Arnold E., Die Kulturaufgaben der

Reformation. Einleitung in eine Lutherbiographie.
Berlin, E. Hofmann & Co., 1895. (VIII, 300 S. 8.)

M. 5.— ; geb. M. 6.—

Kolde hat in in feiner Lutherbiographie den Boden,
aus dem Luther hervorgewachfen ift, genauer unterfucht
und ihn dann im Zufammenhang mit der Gefammtent-
wicklung feines Volks darzustellen unternommen. Er hatte
fich für die erftere Aufgabe auf das fünfzehnte Jahrhundert
befchränkt. Einen grofsen Schritt weiter zurück geht
Berger in der vorliegenden Schrift, die urfprünglich nur
als das erfte Buch feiner Lutherbiographie gedacht war.
Als folches follte es den in jenem Zufammenhang verständlichen
Titel ,die Erbfchaft des fechzehnten Jahrhunderts
' tragen. Offenbar fchwoll dem Verfaffer unter
der Hand fein Stoff an, da er das ganze Mittelalter in
feinen letzten Ergebnifsen und den für die Reformation
daraus erwachfenen Aufgaben zeichnen wollte. So giebt
er denn ein Bild von der Gefammtentwicklung des
Mittelalters von feinen Anfängen bis zu feinen nicht gelösten
Schlufsfragen. Es ist überrafchend, wie viel auf
den 300 Seiten zufammengedrängt ift. Berger verlieht
in kurzen knappen Strichen zu zeichnen und thut dies
in jugendfrifch begeisterter Sprache, die den Referenten
unwillkürlich an ,Rembrandt als Erzieher' zu erinnern
fchien. Doch mag diefer Eindruck täufchen. Sieht man,
wie gegenwärtig die Gefchichtsfchreibung auseinanderläuft
und fich in Specialunterfuchungen vergräbt, fo ift es
durchaus zu begrüfsen, wenn einmal wieder unternommen
wird, gröfsere Perioden von der Vogelperfpective aus
zu betrachten und fie fo dem zeitarmen gebildeten Volk
vorzuführen. Allerdings fetzt Berger gute Schwimmer
voraus, die ihm nachfolgen follen in ein brandendes,
durcheinander wogendes Meer. Man mufs die mittelalterliche
Gefchichte in ihrem Verlauf, in ihren fcharfen
Gegenfätzen und gewaltigen Kämpfen genauer kennen,
wenn man das Buch gründlich geniefsen will, aber dann
wird es auch zum Genuffe werden. Berger fetzt überall
die allgemeine Kenntnifs des Mittelalters voraus, aber
dafür geht er auch allen treibenden Elementen der
mittelalterlichen Gefchichte nach. Der Gedankenreichthum
überrafcht freudig. Der Eingeweihte wird vielleicht
zu einzelnen Aufstellungen Fragezeichen machen, aber
wer will am Einzelnen mäkeln, wenn das Ganze als
wohlgegründet, festgefügt und abgerundet erfcheint.
Unwillkürlich lenkt fich der Blick von diefem kleinen
Buch hinüber zum ersten Band von Janffen, der auch
die Culturergebnifse des Mittelalters fchildert und zum
Beweis feiner Aufstellungen einen reichen Apparat von
Detail heranzieht. Berger verzichtet auf diefes Detail,
es giebt hier keine Anmerkungen, die verwirren und
vertufchen helfen. Er giebt einen fchlichten Text. Aber
wie total anders ift das Bild des zu Ende gehenden
Mittelalters bei Janffen und bei Berger! Bei Janffen
höchste Blüthe in glänzendster Farbenpracht, die durch
die kalte Sturmnacht der Reformation geknickt wird, bei
Berger abgelebte Bildungen, welke Blätter, aber in ihrer
Mitte Knospen, welche nur des löfenden Frühlingsfonnen-
fcheins warten, Räthfel, die der neue Prophet, der .Mittler',
wie ihn Berger nennt, zur Ausfprache bringen foll. Die

Culturideale des Mittelalters find an ihren inneren Wider-
fprüchen zu Grunde gegangen.

Gegenüber dem kirchlichen Univerfalismus bildet
fich langfam ein deutfehes Nationalbewufstfein, das dem
Deutfchen erlt fehlte und auf dem Boden des ftaatlichen
Lebens keiner pofitiven Schöpfung fähig war, nachdem
das Papftthum das Kaiferthum tödtlich getroffen und
die centrifugale Territorialbildung mit ihren felbftfüch-
tigen Intereffen begünftigt hatte. Gegenüber der bisherigen
kirchlichen Cultur ringt fich die Laiencultur des
Bürgers und Bauern empor, welche durch den Uebergang
aus der Naturalwirthfchaft in die Geldwirthfchaft und die
Durchbrechung des Feudalismus gefördert wird. Dann
fchildert Berger den Durchbruch des Individualismus im
Verlangen nach perfönlicher Heilsgewifsheit und Selbständigkeit
der Glaubensüberzeugung gegenüber der kirchlichen
Unmündigkeit, wie fie fich aus dem Zerfall
der Scholaftik durch den Humanismus emporarbeiten,
ohne dafs der Humanismus das erlöfende Wort zu
sprechen weifs. Endlich der Durchbruch der Laienreligion
oder, wie wir fonft zu fagen pflegen, des allgemeinen
Priefterthums gegenüber dem kirchlichen Priefterthum,
das mit den Idealen der mönchifchen Askefe die Elemente
der Selbftauflöfung in fich trägt, aber auch noch
den Auguftinismus als Ferment in fich birgt. Die Gefchichte
des religiöfen Lebens im Mittelalter theilt Berger
in die civilifatorifch-miffionelle, die politifch-hierarchifche
und die chriftlich-fociale Epoche.

Am Schlufs fchildert B. Luther als Typus der aufsteigenden
Kräfte feines an der Umprägung aller Dafeins-
formen und Lebenswerthe mühfam arbeitenden Zeitalters
. Der Bauernfohn wird zum Genoffen des Bürgerthums
, steigt in die Kreife der ftädtifchen Kultur, der
Laienbildung und Laienfrömmigkeit, aber er tritt dann ein
in den Dienst der Kirche und fucht fie gerade da, wo
fie noch immer ihre vornehmste ideale Macht hat, in der
mönchifchen Askefe. Er wird Mönch. In diefem Verlauf
feiner Entwicklung liegen die Bedingungen für feine
Mittlerftellung, wobei ihm auch feine Abstammung aus
Thüringen, dem Land der Mitte, zu gute kommt.

Hier wäre noch ein Moment zu berücksichtigen, das
gewöhnlich von den Biographen überfehen wird. In
Luther reichen fich fächfifche Eifenhärte und fränkifche
Gewandtheit die Hände. Hans Luther, der Mann der
fächfifchen Volksart, hat eine Gattin aus fränkifchern
Blut. Es ift gewifs nicht zufällig, dafs fich auch in
Luther's Sprache nicht feiten echt fränkifche Elemente
nachweifen laffen, wie Ref. das feiner Zeit in der Be-
fprechung von Franke, Luther's Sprache, aufgezeigt
hat. Dankbar bekennt Ref., dafs ihm das Buch reichen
Genufs gewährte. Als Probe der Art, wie Berger zu
zeichnen weifs, mag das Bild des italienifchen Humanismus
S. 144f. dem Lefer dienen. Was dort S. 145 getagt
ist, fcheint fich heute noch zu wiederholen. S. 75
follte nicht mehr von Reinmar von Zweter die Rede fein,
denn feine Heimath ift Zeutern im Kraichgau. Als Titel
des Ganzen wäre vielleicht im Anfchlufs an C. Hagen's
Geift der Reformation,Der Geift des Mittelalters in feiner
Entwicklung' statt .Culturaufgaben der Reformation' zu
empfehlen gewefen.

Nabern. G. Boffert.

Melanchthon, Philippus, Declamationes. Ausgewählt und
hrsg. von Karl Hartfelder. 2. Heft. [LateinifcheLitte-
raturdenkmäler des XV. u. XVI. Jahrhunderts. Nr. 9.]
Berlin, Weidmann, 1894. (XVI, 38 S. 8.) M. 1. -

Aus dem Nachlafs des am 7. Juni 1893 der Wiffen-
fchaft entriffenen Karl Hartfelder (f. den Nekrolog in
Mittheilungen der Gefellfch. f. deutfehe Erziehungs- und
Schulgefchichte IV, S. XXV—XXXI) ift dies 2. Heft ausgewählter
Declamationes Melanchthon's — das 1. war 1891
als Heft 4 der gleichen Sammlung erfchienen — durch