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Ausgabe:

1895

Spalte:

231-232

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Waal, A. de

Titel/Untertitel:

Die Apostelgruft ad Catacumbas an der Via Appia. Eine historisch-archäologische Untersuchung auf Grund der neuesten Ausgrabungen 1895

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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Theologilche Literaturzeitung. 1895. Nr. 9.

232

Schöpfung und Chaos 1895 mit der alten Methode ge- [
brochen, wenngleich feine Ausführungen gerade über
unfre Stelle nicht einwandsfrei fein dürften. Ich bin auf
diefe und andere Punkte in einem hoffentlich demnächft
erfcheinenden Auffatz über Paulus und die Gemeinde zu
Theffalonike näher eingegangen und denke auch dort gezeigt
zu haben, wie viel ich von B.'s Buch gelernt habe.
Es verfteht fich von felbft, dafs es nur ein Deutfcher
fchreiben konnte; bewundernswerth aber ift es, dafs fein
Verfaffer ein Mann in einem arbeitsreichen praktifchen
Amt war.

Halle a. S. Carl Clemen.

Waal, Dr. A. de, Die Apostelgruft ad Catacumbas an der
Via Appia. Eine hiftorifch-archäologifche Unterfuchung
auf Grund der neueften Ausgrabungen. [Römifche
Quartalfchrift für chriftliche Alterthumskunde u. für
Kirchengefchichte. 3. Suppl.-Hft.] Rom, 1894. [Freiburg
i/B., Herder.] (143 S. m, 3 Taf. gr. 8.) M. 6. —

Das Werthvolle an der vorliegenden Schrift ift der
Bericht über die Ausgrabungen, welche de Waal in den
Wintern 1892 und 1893 in der fog. Platonia bei der
Kirche des Sebaftianus an der Via Appia hat vornehmen
laffen. Durch diefe Ausgrabungen ift evident erwiefen,
dafs der Name Platonia bisher irrthümlich angewendet
worden ift; denn der Raum, den man bis jetzt fo bezeichnete
, hat mit der platonia, tibi corpora apostolorum
lacuerunt, id est beati Petri et Pauli, quam et versibus
ornavit (sc. Damasus; in der vita Damast des Uber pon-
tificalis, ed. Duckesne, I, p. CV und 212) nicht dasGeringlte
zu thun, fondern ift die Grabftätte eines Märtyrers Qui-
rinus, den die Notitia ccclesiarum urbis Romae papa et
martyr nennt (de Roffi, Roma sott. 1139.)') Dies ilt durch
den aufgefundenen Reft der monumentalen Infchrift an
der hinteren Wand des Raumes hinreichend feftgeftellt.
Dafs diefer Quirinus identifch ift mit dem pannonifchen
Bifchof und Märtyrer Quirinus, hätte wohl einer Begründung
bedurft (4. Juni: acta sanctorum Boll. Juni,
tont. I, pp. 380 — 383). Die Anlage des Raumes erfolgte,
als die Bafilica des Sebaftianus fchon ftand, gegen Ende
des 4. Jahrhunderts. Damit ift auch die Annahme hinfällig
geworden, als hätten wir es mit einer urfprünglich
heidnifchen Anlage zu thun. Aber beachtenswerth er-
fcheint, dafs fich das Halbrund der ,Platonia' an die
Fronte eines heidnifchen Gebäudes, eines Landhaufes
oder Grabmonuments aus dem erften Jahrhundert, anlehnt
. — Von einer zeitweiligen Bergung der Apoftel-
leiber in die fem Räume kann füglich nicht mehr die
Rede fein.

Dafs aber die Namen der Apoftel Petrus und Paulus
in Verbindung mit der Kirche des Sebaftianus gebracht
worden find, ilt hinlänglich erwiefen durch die dama-
fianifche Infchrift auf Petrus und Paulus: Ate habitare
peius etc., welche noch im 7. Jahrhundert von einem Pilger
,in basilica saneti Sebastiani' gelefen und abgefchrieben
worden ift. Es kommt nun vor allen Dingen darauf an,
den Ort ausfindig zu machen, wo fie angebracht war.
De Waal vermuthet, dafs fie in Marmorfchranken ge-
ftanden habe, die den Reliquienaltar über der eigentlichen
platonia mit den Apoftelleibern inmitten der Kirche des
Sebaftianus umfchloffen hätten. Damit in Zufammenhang
fleht feine weitere Vermuthung, dafs die Kirche urfprüng-

i) Damit ift auch ein grofser Theil der Ausführungen O. Marucchi's
in feinem Büchlein: le memorie dei SS. apostoli Pietro e Paolo nella
citta di Roma con alcune notizie sul eimitero apostolico di Priscilla
[Roma, tipografia editrice Romana, 1894, 131 Seiten, 2 Tafeln, 8°. M. 2)
bereits wieder anthiuirt. Trotzdem er die Quirinusinfchrift kennt (vgl.
S. 66), hält er doch daran feft, dafs im Maufoleum des Quirinus die
Apoftelleiber einige Zeit ihre Ruheftätte gefunden haben, S. 68. — Das
Schriftchen bietet keine neuen und felbftändigen Unterfuchungen, kann
aber als Zufammenfaflung defftii, was man in Rom über Petrus und Paulus
weifs, gute Dienfte leiften.

lieh dem Andenken der Bergung beider Apoftel ad catacumbas
und nicht dem Sebaftian geweiht war und auch
zuerft den Namen ecclesia apostolorum trug. Dafs die
älteften Angaben fie fo genannt hätten, ift jedoch irrig;
die Zeugnifse, die de Waal felbft S. 122 u. 123 anführt,
berechtigen noch nicht zu diefer Folgerung. Dafs aber
Damafus die Bafilica über dem Räume, wo er feine Infchrift
anbringen liefs, habe erbauen laffen, ift eine fehr
anfprechende Vermuthung. Hoffen wir, dafs es de Waal
gelingen möge, jenen Ort zu entdecken.

Die damafianifche Infchrift ift jedenfalls der fefte
Punkt, um den fich die übrigen Zeugnifse über den
Verbleib der Apoftel in S. Sebaftiano gruppiren muffen.
Ich halte es für eine ausgemachte Sache, dafs des Raubes
der Apoftelleiber durch die Orientalen (de Waal: die in
Rom anfäffigen Judenchriften, S. 51) in ihr nicht die ge-
ringfte Erwähnung gethan wird, dafs fie vielmehr mifs-
verftanden, die Veranlaffung zur Bildung jener Legende
wurde. Ich bedauere, dafs de Waal die Erklärung der
Infchrift, die Langen gegeben hat (Gefchichte der römifchen
Kirche bis zum Pontificat Leo's I., Bonn, 1881, S. 59 f.),
nicht zur Erwägung gezogen hat. Denn ich zweifle nicht,
dafs diefe, präcifer gefafst und fchärfer durchgeführt, als
die von hiftorifchem Standpunkte aus einzig mögliche
angefehen werden wird. De Waal nimmt an, dafs gleich
nach dem Tode der Apoftel die Judenchriften von Rom
den Verfuch gemacht hätten, fich in den Belitz der Leiber
der Apoftel Petrus und Paulus zu fetzen, dafs fie aber
daran durch die Heidenchriften gehindert worden wären.
Eine zeitweilige Bergung ad catacumbas fei gefchichtlich;
aber nicht eine zweite Erhebung, vielmehr feien nach
jenem Raubverfuche die Apoftel ununterbrochen in ihren
Grüften im Vatikan und an der oftienfifchen Strafse geblieben
, bis Conftantin über denfelben feine Kirchen
baute (S. 57). Ein grofser Theil diefer Ausführungen find
reine Hypothefen. So trefflich der Bericht über die Ausgrabungen
und die daraus gezogenen Folgerungen find,
fo fragwürdig ift die Behandlung der literarifchen Quellen.

Der vorliegenden Arbeit fehlt die letzte Feile: das
zeigt fich in zahlreichen Wiederholungen: z. B.S.91, Anm. 1
vgl. mit S. 113, Anm. 1; S. 31, Anm. 1 vgl. mit S. 134,
Anm. 2 u. f. w.; in häufigen Ungenauigkeiten: die Copie
der beiden erften Verfe der damafianifchen Infchrift wird
S. 28 dem XII. oder XIII. Jh., S. 131 dem XIII. Jh. allein
zugewiefen; das Verzeichnifs de locis sanetis martyritm
ift nach S. 101 aus dem VI. Jh. (die hier angeführte Stelle
findet fich nach S. 32, Anm. 1 im Itinerarium Sa/isburgense),
! nach S. 123 aus der erften Hälfte des VII. Jahrhunderts,
I nach S. 130 aus der Mitte des VII. Jahrhunderts. Statt
Hippolytus S. 44, Z. 5 v. u. ift zu lefen: ein unbekannter
griechifcher Märtyrer, der Text der damafianifchen Infchrift
ift nicht .emendirt', S. 27, Anm. 2, fondern ver-
fchlechtert, u. a.

Die beigegebenen drei Tafeln find vortrefflich; auf
Taf. III fehlt die Angabe der Himmelsrichtung.

Halle. Gerhard Ficker.

Rolff s, Lic. Fruit, Das Indulgenz-Edict des römischen Bischofs
Kallist, kritifch unterfucht und reconftruiert. [Texte
u. Unterfuchgn. zur Gefchichte der altchriftl. Literatur,
hrsg. von O. v. Gebhardt und A. Harnack, XI. Bd.
3. Heft] Leipzig, Hinrichs, 1893. (VIII, 138 S. gr. 8.)

M. 4. 50.

Tertullian's Schrift De pudicitia ift durchzogen von
heftiger Polemik gegen die Verfügung eines römifchen
Bifchofs, welche entgegen der alten Praxis den Unzucht-

j fünden Vergebung zuficherte. Seit der Auffindung der
Philosophumena des Hippolytus wiffen wir, dafs es

j fich hier um einen Erlafs des Kalliftus handelt, wie de
Roffi zuerft nachgewiefen hat. In den letzten Jahren
ilt diefe Controverfe zwifchen Tertullian und Kailift