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Ausgabe:

1895 Nr. 7

Spalte:

191-193

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Frank, Fr. H. R. v.

Titel/Untertitel:

System der christlichen Wahrheit. 2 Hälften. 3. verb. Aufl 1895

Rezensent:

Kaftan, Julius

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191 Theologifche Literaturzeitung. 1895. Nr. 7. 192

Frank, Geh.-R. Prof. D. Fr. H. R. v., System der christlichen

Wahrheit. 2 Hälften. 3. verb. Aufl. Leipzig, Deichert
Nach f., 1894. (X, 531 u. VIII, 546 S. gr. 8.) M. 16. —;

geb. M. 18. 50

Das Werk ift in der vorliegenden dritten Auflage
wefentlich dasfelbe geblieben wie in den früheren. Die
Aenderungen find, foweit ich habe feftftellen können,
durchweg formaler Art; die Zufätze betreffen theils die
Vertheidigung gegen erhobene Einwände, theils die Aus-
einanderfetzung mit inzwifchen hervorgetretenen An-
fchauungen. Etwas Neues bringen fie nicht bei. An
und für fich liegt daher kein Grund vor, das Buch zum
Gegenfiand einer längeren Anzeige zu machen, da es
dem theologifchen Publicum längft bekannt ift, und feine
Bedeutung allfeitig anerkannt wird. Der Umfland aber,
dafs der Verf. kurz nach Vollendung diefer dritten Auflage
durch einen plötzlichen Tod aus diefem Leben abgerufen
worden ift, legt es nahe, bei der Anzeige diefes
Werks einen Blick auf den Ertrag der vor Allem auch
in ihm niedergelegten Lebensarbeit Frank's zu werfen.

Der für die Beurtheilung diefes Syfiems der chrift-
lichen Wahrheit entfcheidende Punkt ift aber deffen Ver-
hältnifs zum Syftem der chriftl. Gewifsheit. Das Syftem
der Wahrheit trägt nämlich den Charakter fpeculativer
Gedankenentwicklung, es wird aus beftimmten grofsen
Grundgedanken deducirt, die Form der Gedankenbildung
ift eine conftructive; man kann das Buch nicht lefen,
ohne immer wieder den Eindruck zu haben, dafs Gabe
und Neigung Frank in die Reihe der fpeculativen Theologen
Hellten. Wie nur einer aus diefer Reihe ift er
überzeugt, dafs es mit der Erkenntnifs feine Richtigkeit
hat, wenn die Gedanken übereinftimmen. Denn dann ift
es eben gelungen, das Syftem der Realitäten im theologifchen
Syftem nachzubilden und abzufpiegeln. Dennoch
hat Frank kein fpeculativer Theolog fein wollen. Er
hat vielmehr ftets verfochten, dafs wir der Realitäten,
mit denen es das theol. Syftem zu' thun hat, durch den
Glauben vergewiffert find, dafs fie alfo nicht conftruirt
werden follen, fondern gegeben find. Ihr Gegebenfein
im Glauben bildet die Vorausfetzung des Syftems der
Wahrheit. Und über diefe Vorausfetzung hat das ihm
vorausgehende Syftem der Gewifsheit Rechenfchaft gegeben
, es hat gezeigt, wie die dem centralen Erleb-
nifs der Wiedergeburt einwohnende Gewifsheit fich von
diefem Mittelpunkt aus über alle Glaubensobjecte ausdehnt
. Hiervon wird nun auch im Syftem der Wahrheit
reichlich Gebrauch gemacht, indem überall, wo fich
Härten des Gedankens ergeben, und die Uebereinftimmung
der Sätze keine widerfpruchslofe ift, eine Erinnerung
daran, dafs wir es nicht mit Phantafien oder felbft-
erdachten Conftructionen, fondern mit gegebenen Reali-
täten zu thun haben, über alle Schwierigkeiten hinweg- [
hilft. Natürlich meine ich nicht, dafs Frank fich damit
ein bequemes Auskunftsmittel für die Fälle gefchaffen,
in denen feine fpeculative Kraft nicht ausreicht. Sondern
wo die letztlich unüberwindlichen Schwierigkeiten
diefes Verfahrens fich geltend machen, verfucht er nicht
wie andere mit dialektifcher Kunftfertigkeit zu helfen,
fondern eben mit dem Hinweis auf die Realitäten, die
dem Glauben nun einmal fo und nicht anders gegeben
feien. Und das Recht hierzu hat er fich im Syftem der
Gewifsheit erworben. Es ift die Stärke feines theologifchen
Syftems, dafs er an den kritifchen Punkten
hierauf zurückgreifen kann — vorausgefetzt nämlich, dafs
es mit dem Syftem der Gewifsheit feine Richtigkeit hat.

Noch in anderer Beziehung gilt dasfelbe. Die heil.
Schrift und das kirchliche Dogma kommen in diefem |
Syftem nirgends für fich zu Worte. Es wird zwar in
vollem Mafs auf die Schrift zurückgegriffen, aber auf die
Schrift als das urkundliche Zeugnifs von den Realitäten
des Glaubens, von deren Gegebenfein und Sofein wir
im Syftem der Gewifsheit, fofern wir Chriften find und

an der eigenthümlich chriftlichen Erfahrung Theil haben,
überführt worden find. Ebenfo bewegen fich die Gedanken
fortwährend in den Gedankengängen des Dogmas,
aber wieder fo, dafs der Inhalt des Dogmas mit den
dem Glauben gegebenen Realitäten identificirt wird.
Wer nun einwenden wollte, dafs er fich in diefen Schriftgebrauch
nicht zu finden vermöge, dafs nur ein Salto-
mortale vom gefchichtlichen Schriftverftändnifs zu diefer
Verwendung der Schrift führe, dafs ebenfo das ge-
fchichtliche Verftändnifs des Dogmas es ausfchliefse,
feinen fo und nicht anders lautenden Inhalt einfach dem
Glaubensinhalt gleichzufetzen, der würde von Frank auf
Grund des Syftems der Gewifsheit zurückgewiefen werden.
Dort fei ja eben gezeigt, dafs wir aller diefer Realitäten
im Glauben vergewiffert feien. Wovon anders kann
aber das urkundliche Zeugnifs handeln, als von dem,
das fich unferem Glauben als wirklich aufdrängt? Und
wie füllten wir dem Inhalt des Dogmas, wenn er dem
Glauben doch gewifs ift, die Bedeutung abfprechen
wollen, die ihm demnach factifch zukommt? Und offenbar
ift hiergegen nichts einzuwenden, — vorausgefetzt
wieder, dafs es mit dem Syftem der Gewifsheit feine
Richtigkeit hat. Dies Verhältnifs zum Syftem der Gewifsheit
ift für die Beurtheilung des Syftems der Wahrheit
der entfcheidende Punkt.

Die Frage lautet daher, ob es zutrifft, dafs der Chrift
in feinem Glauben diefes Inhalts in diefer Weife vergewiffert
ift, wie das Syftem der Gewifsheit beides befchreibt.
Die Frage kann man aber nur für den Fall bejahen,
dafs der betreffende Chrift — vorher eine Theologie der
Concordienformel gefchrieben und in diefem Werk (m. E.
einem der werthvollften Bücher FVank's) gezeigt hat,
wie fehr fein chriftliches und theologifches Denken mit
der orthodoxen Dogmatik verfchmolzen ift. Wenn ein
folcher fich die Aufgabe ftellt, von der fubjectiven Glau-
bensgewifsheit aus für alle, die diefe theilen, in geordneter
Weife darzuftellen, wie der Chrift deffen vergewiffert
ift, was er glaubt, wenn ein folcher zudem ein fo geift-
reicher, folider und dialektifch tüchtiger Denker ift, wie
Frank es war, fo wird etwa das herauskommen, was wir
in feinem Syftem der Gewifsheit vor uns haben. Aber
dafs damit etwas gegeben wäre, was nun jeder anerkennen
müfste, der fich zum chriftlichen Glauben bekennt,
davon kann keine Rede fein. Der einzelne Chrift oder
beffer Theolog wird in der von Frank befchriebenen
feine chriftliche Gewifsheit nur in demfelben Mafs erkennen
, als er auch wie Frank felbft ein Anhänger und
Verehrer der lutherifchen Dogmatik des 17. Jahrhunderts
ift. Um auch andere zu überzeugen, dazu fehlt es, man
möchte fagen, grundfätzlich an jedem Verfuch. Denn
dafür ift mit der Parallele zwifchen der natürlichen und
chriftlichen Gewifsheit, die an dem entfcheidenden Punkt
doch vertagt, wenig oder nichts geleiftet. Und die Berufung
auf die eigenthümlich chriftliche Erfahrung, die
fchliefslich für Alles einftehen mufs, verfängt nicht, fofern
diefe nicht an allgemeinen (wenn auch nur dem
Chriften zugänglichen) Kriterien als chriftliche erwiefen
wird. Hier klafft eben die grofse Lücke in der Grundlegung
der Frank'fchen Theologie, die principielle Ablehnung
der Unterfuchung der Religion und des religiöfen
Erkennens, das Fehlen jeder Bewährung an den gefchichtlich
d. h. objectiv verftandenen Urkunden der heiligen Schrift.

Aber es handelt fich hier um das Syftem der chriftl.
Wahrheit. Mit Bezug auf diefes ergiebt fich aus dem
Gefagten, dafs fein Verhältnifs zum Syftem der Gewifsheit
feine Achillesferfe ift. Es war eine Selbfttäufchung,
wenn Frank meinte, das Syftem der Wahrheit auf das
der Gewifsheit ftützen zu können. Thatfächlich verhält
es fich gerade umgekehrt. Nur wer fich vorher eine dem
Frank'fchen Syftem der Wahrheit entfprechende theo-
logifche Ueberzeugung gebildet hat, wird und kann das
Syftem der Gewifsheit gelten laffen. Diefes beruht auf
jenem, nicht jenes auf diefem. Aber worauf läfst fich