Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1895

Spalte:

187-188

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ehrenberg, Rich.

Titel/Untertitel:

Die Jesuiten-Mission in Altona. - Nachträge, Berichtigungen und Schlußwort 1895

Rezensent:

Schubert, Hans

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

i87

188

Heere an die Oftfee wird nicht nur die Ausführung diefes
Planes gefährdet, fondern Schweden felbft' in feiner Selb-
ftändigkeit bedroht. Politifche wie religiöfe Pflicht
zwingen den König in gleicher Weife, in die deutfchen
Verhältnifse einzugreifen. Als Ziel G. A.'s bezeichnet T.,
dafs er im Befitz der deutfchen Oftfeeküfte als Reichs-
ftand in den deutfchen Reichstag eintreten und als
Director eines Corpus Evangelicorum die Parität der Be-
kenntniffe aufrecht erhalten wollte. Dadurch würde der
Religionsfriede gefichert, die pol. Zukunft Deutfchlands
aber fchwer bedroht worden fein. Es war daher ein gnädiges
Gefchick, dafs der König gerade in dem Augenblick
hinweggerafft wurde, wo er der Feind unferes nationalen
Staatswefens werden mufste. Als bleibendes Refultat
der meteorartigen Erfcheinung G. A.'s, die Tr. treffend
mit der Alexander's des Grofsen vergleicht, ift geblieben
,das freie evang. Wort, das G. A. dem Herzen Europas
licherte, und das lebendige duldfame Nebeneinander der
Glaubensbekenntnifse in Deutfchland', worauf der ganze
Charakter unferer heutigen Cultur beruht.

Weimar. Virck.

1. Piper, Prof. Dr. Paul, Die Reformierten und die Menno-

niten Altonas. (Altona unter Schauenburgifcher Herrfchaft
. VI.) Altona, Härder, 1893. (97 S. Lex. 8.)

M. 2. —

2. Ehrenberg,Sekr. Dr. Rieh.,Die Jesuiten-Mission in Altona.

— Nachträge, Berichtigungen u. Schlufswort. (Altona
unter Schauenburgifcher Herrfchaft. VII.) Altona,
Härder, 1893. (IV, 70 S. Lex. 8.) M. 2. —

Von den 7 Abhandlungen, welche die intereffante
Entftehungsgefchichte der holfteinifchen Stadt vor den
Thoren Hamburgs unter der Herrfchaft der Schauenburger
(—1640) zum Gegenftand haben, bilden die
letzten zwei dankenswerthe Beiträge zur neueren Kirchen-
gefchichte Norddeutfchlands. ,Hamburg nahm im Inte-
reffe feines Handels zahlreiche Andersgläubige in feine
Mauern auf und bildete fich mit ihrer Hülfe zu einer
internationalen Handelsmetropole aus. Trotzdem hielt
es die Einheit der Gottesverehrung und den Zunftzwang
ftreng feft. Dies führte infolge der unmittelbaren Nach-
barfchaft einer fremden geldbedürftigen Landeshoheit
zur frühzeitigen Einführung weitgehender Religions- und
Gewerbefreiheit dicht vor den Thoren Hamburgs' (Ehrenberg
, S. 69). So entftand hier ebenfowohl ein Afyl für
die um ihres Glaubens willen flüchtigen Reformirten aus
den Niederlanden und Frankreich wie ein Anknüpfungspunkt
für die Jefuitenmiffion.

Piper giebt ein auf fleifsiger Ausnutzung der Archive
beruhendes ausführliches Bild der reformirten Gemeinde
zu Altona nach ihrer Entffehung, aufseien Ausftattung
und Weiterentwicklung, ihrer ürganifation und ihrem
inneren Leben. Vieles ift allerdings nur von localem In-
tereffe; am intereffnnteften find die Abfätze über die ausgedehnte
Liebesthätigkeit und Armenpflege der Gemeinde,
die den Keim der geordneten Armenpflege in Altona
überhaupt gebildet hat, befonders als Parallele zu den
verwandten Arbeiten von Ed. Simons über die Verhältnifse
in den evangelifch-reformirten Gemeinden des
Niederrheins, fodann das erfte Capitel über die Aufnahme
der Reformirten. Nur leidet dies Capitel an der falfchen
Alternative, mit der es beginnt: Toleranz oder Staats-
raifon; der Hinweis auf die Staatsklugheit und das Geld-
intereffe als einziges Motiv der Fürften, die die flüchtigen
Calviniften aufnahmen, reicht nicht aus. Wenigflens hier
hätte der allgemeine kirchengefchichtliche Zufammenhang,
der Vorftofs des Calvinismus nach Norddeutfchland um
1600, aufgezeigt werden müffen. Immer deutlicher tritt
die Rolle zu Tage, die Herfen und fpeciell Landgraf
Moritz von Caffel für diefe Ausbreitung des Calvinismus

gefpielt hat. Wie Moritz auf Joh. Sigismund v. Brandenburg
mafsgebenden Einflufs befeffen, fo ftand fein in
Caffel erzogener Vetter Joh. Adolf von Holftein-Gottorp
ganz unter heffifchem und reformirtem Einflufs. In
diefem Zufammenhang erft gewinnt die Notiz ihren Werth,
dafs 1601 in der kleinen zwifchenliegenden Schauenburg.
Herrfchaft Pinneberg den Reformirten im Angefichte des
ftreng lutherifchen Hamburg freie Religionsübung und der
Bau einer Kirche geftattet wird und zwar auf Verwendung
desfelben Moritz von Heffen hin, deffen Schweiler
Hedwig mit dem Grafen Ernft v. Sch. vermählt und
felblt nach Hamburg gekommen war. Als die Reformirten
fofort eine fchwunghafte Propaganda betreiben,
deckt fie Graf Ernft gegen die Anklagen der Altonaer
wie der Hamburger Lutheraner, weift in dem fehr inter-
effanten Rechtfertigungsfehreiben vom 10. Aug. 1602 an
den Hamburger Rath (S. 21) auf das ,Anhalten ange-
fehener Reichsfürften' hin und bezieht fich auf den den
Reformirten günftigen Reichstag von 1566. Eben damals
1602 führte ein andrer Schwager Ernft's, Simon VI. in
Lippe den reformirten Cultus ein. Von der anderen
Seite her unterftützte der Gottorper Herzog Joh. Adolf
1613 den reformirten Paftor in Altona mit Geld (S. 33 f.).
Aber wie konnte der Verf. diefen Joh. Adolf ,ihren
einzigen Religionsverwandten am fürftlichen Hofe zu
Gottorp' nennen? Denn 1. war er der regierende Herr
felbft, 2. waren in feiner Umgebung viele Reformirte
und fogar der damalige Hofprediger ein importirter
Heffe aus Caffel, 3. aber fcheute gerade er felbft bis zuletzt
den Schritt, officiell überzutreten (vergl. z. B. Waitz, Schl.-
H.'s Gefch. II, 468)! Die Gefchichte der Mennoniten
in Altona wird nur geftreift, da fie eingehende Bearbeitungen
(von Bolten und nam. B. C. Roofen) bereits
gefunden hat.

Ein wirkfames Gegenbild zeichnet die Abhandlung
Ehrenberg's. In derselben Zeit des Grafen Ernft VIII.
am Anfang des 17. Jahrhunderts wird der Jefuitenmiffion hier
eine Thür geöffnet. Dabei war das Geldintereffe allerdings
die Triebfeder. Der Graf hoffte mit Hülfe der
Katholiken eine grofse Geldforderung an Spanien und
den Kaifer durchzudrücken. Mit dem Augenblick, da
diefe Hoffnung fchwindet, hört des Grafen Toleranz
1612 auf, und die Jefuitenmiffion nimmt fchon 1623 ein
gewaltfames Ende. Aber es ift ein kleines Cabinetsftück
der Gegenreformation, das man hier auf dem vorge-
fchobenften Polten fleh abfpielen fleht. Der ganze katho-
lifche Apparat wird aufgezogen. Man ftaunt über die
unerhörte Keckheit, mit der man felbft in dem ganz
lutherifchen Lande vor dem grofsen Kriege auftrat, und
wiederum über die Feinheit, mit der man den gemeinen
Mann gewann, und über die meifterhafte Handhabung
ftiliftifcher Boshaftigkeiten; man hört die fruchtlofen Aus-
fprüche des Reichskammergerichts und den drohenden
Zorn Habsburgs, bis fchliefslich alles untergeht unter
den Axthieben und Schwertftreichen der Soldateska. Die
Gefahr, dafs die sedes Altenensis zu einer dauernden
PTiiale des Hildesheimer Jefuitencollegiums werde, war
vorüber. Ehrenberg hat das Verdienft, die Darfteilung
des Convertiten Dreves über die Gefchichte der katho-
lifchen Gemeinden in Hamburg und Altona (1866) gründlich
corrigirt zu haben.

Kiel. H. v. Schubert.

Jacobs, Prof. Henry Eyster, A history of the evangelical
Lutheran church in the United States. New York, The
Christian Literature Co. 1893. (XVI, 539 S. gr. 8.)

Geb. 2 $ 60.

Im Jahre 1830 konnte noch Bifchof Eylert (in feiner
Schrift über den Werth und die Wirkung der Liturgie
und Agende2 133) als das ,lehrreichfte und merkwürdigfte
Beifpiel' dafür, dafs Kirche und Staat eng verbunden