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Ausgabe:

1894

Spalte:

156-158

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Anecdota Maredsolana. Vol. I 1894

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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nicht fpurlos vorüber gegangen ift, noch hinzufügen
follen.

Sehr intereffant ift D.'s Auffaffung vom Knechte Jah- ,
vve's. Bei Deuterojefaia ift der Knecht Jahwe's Israel, |
fo wie es ift. In den ,Ebed-Jahve-Liedern' ift er eine einzelne
Perfon, ,berufen zur Miffion am Volk und an den
Heiden und feinem Berufe in aller Stille nachgehend'.
Er leidet wie ein Jeremia und Hiob, nicht wie Israel
durch fremde Unterdrücker; er ift nicht eigentlich ein
Prophet, fondern ein Prophetenjünger, ein Thoralehrer ...
Was C. 53 als das Werk des Gottesknechtes beschreibt, j
das erwartet Deuterojefaia von Jahwe's unmittelbarer Thä-
tigkeit (S. 284h 365). Der Gottesknecht wird nach C.
53, iof. perfönlich wieder lebendig gemacht; nur fo
kann das allgemeine Urtheil, dafs er ein Gottgefchlage-
ner gewefen fei, widerlegt werden (S. 377). Diefe Auffaffung
fleht und fällt begreiflicher Weife mit der Antwort
, die D. auf eine Anzahl von einzelnen exegetifchen
Fragen giebt, der zuletzt angeführte Satz befonders mit |
der Auslegung von 53, iof., wofür D. z. Th. nach LXX
fich einen neuen Text fchafft. Seine Vorgänger hat D.,
foviel ich fehe, namentlich an Ewald und Cheyne, über
die er jedoch mit der ihm eigenthümlichen Energie des
Erfaffens und Anfchauens hinausgeht. Man mufs in dem
Commentar felbft nachlefen, was D. zu den betreffenden
Stellen bemerkt. Es würde zu weit führen, wenn ich
hier auf eine nähere Prüfung eingehen würde. Doch
darf ich wohl bemerken, dafs ich noch ftarke Bedenken
gegen feine Gefammtauffaffung trage.

Was den erften Theil des Buches anlangt, fo verwendet
D., abgefehen von gefchichtlichen Anzeichen, als
kritifchen Mafsftab befonders die fpäteren eschatolo-
gifchen Anfchauungen, um die jüngeren Beftandtheile
von den älteren zu unterfcheiden. Ihm ift das 2. Jahrh.
vor Chr. die Zeit, die man als die Pflegeftätte diefer es-
chatologifchen Denkweife anzufehen hat. Dahin verweift
er C. 24—27, ferner 4, 2—6. II, 11 —16. C. 12. 28, 5 f.
29, 16—24. 30, 18—26. C. 33. Diefer Mafsftab ift für
die innere Kritik gewifs berechtigt; ob man aber recht
daran thut, diefe Stücke mit Vorliebe aus dem 2. Jahrh.
abzuleiten, kann bezweifelt werden, und D. felbft ift fich
der Unficherheit in diefen Fragen wohl bewufst. Stücke,
die einige Gelehrte für jung angefehen haben, fpricht D.
dem Jefaia zu, wie 2, 2—4. 32, 1—5. 9—14. 15—20, freilich
mit einigem Schwanken, das D. auch II, 1—8 gegenüber
fühlt. Doch fcheint mir die Vertheidigung von 2,
2—4 nicht glücklich geführt zu fein. Manchen Anftöfsen,
die D. an anderen Stellen fühlt, wird man durch die Annahme
einer Ueberarbeitung völlig genügen können, z.
B. bei 14, 28—32.

D. hat befonderen Fleifs darauf verwandt, in die
Perfönlichkeit der einzelnen Verf., die aus dem Buch
Jefaia zu uns reden, fo tief wie möglich einzudringen.
Er fpricht fich über diefe Aufgabe der Exegefe und
Kritik in der Vorrede mit treffenden Worten aus. In
der That, es zeugt faft jede Seite feines Buches von
diefem Bemühen, dem Lefer einen Blick in das Innenleben
der Propheten zu eröffnen. D.'s kräftige Auffaffung
und frifche Schreibweife laffen ihn gerade für folche Ver-
fuche recht geeignet erfcheinen. Der Lefer verweilt gern
bei diefen Stellen und wird dankbar Anregung und Be- j
lehrung aus ihnen entnehmen. Die ,exegetifche venia
dormitandi1 (S. 185) verlieht D. vortrefflich zu verfcheu-
chen. Eine ftete Lebendigkeit vermeidet die Lange- j
weile, die einem Commentar fo leicht anhaftet. D. läfst 1
fich gern von der Kühnheit eines Jefaia ergreifen und j
fortreifsen. Freilich wird er es fich gefallen laffen müffen, j
dafs man fich z. B. bei 8, 13, wo D. IttJi'njsPl durch VVnD'fJE ,
erfetzen will (Jahwe, den macht zum Verfchwörer') doch
fragt, ob hier die Kühnheit des Auslegers nicht über die
Kühnheit des Propheten hinausgegangen ift. In enger j
Verbindung mit diefen Eigentümlichkeiten fleht die Art
der Polemik, die fich nicht feiten in fpitzen Wendungen '

ergeht. Darin wird D. hoffentlich keine Nachahmer
finden. Auf Einzelheiten der Textkritik und der in ver-
fchiedenen Typen, je nach der Herkunft des Stückes,
gegebenen Ueberfetzung einzugehen, geblattet der Raum
nicht. Nur das fei bemerkt, dafs ich die Ueberfetzung
an vielen Stellen meift in Folge der angeftrebten Kürze
für undeutlich halte.

Noch eins darf zur Charakteriftik diefes Commentars
nicht vergeffen werden. D. hat durchgehends verfucht,
das ,Metrum' der Reden und Gedichte feftzuftellen. hlr
zählt nicht nur die Zeilen zu Strophen ab, fondern er
zählt auch die Hebungen in den einzelnen Zeilen (z. B.
Langverfe von 2x3 Hebungen, die ,Hexameter' des
Jofephus, mit und ohne Weglaffung der letzten Hebung)
und gewinnt daraus ein wichtiges Hülfsmittel für die
Textkritik. Ich geftehe offen, dafs mir die Gründe der
,metrifchen' Eintheilungen D.'s nicht überall klar geworden
find. Auch bezweifle ich, ob man in all den Fällen,
in denen D. es thut, wirklich von einem .Metrum' reden
kann. Kommen wir überhaupt in diefer Frage, deren
Bedeutung für die Textkritik auf der Hand liegt, ans
Ziel ?

D. hat mit diefer Arbeit einen neuen ,Handkommentar
zum A. T.' eröffnet, der von Profeffor Nowack in
Strafsburg herausgegeben wird. Diefer Handcommentar
foll nach der Ankündigung ebenfo den Anforderungen
der ftrengen Wiffenfchaft wie den Bedürfnifsen der Theo-
logieftudirenden genügen— ein Unternehmen, das einem
fühlbaren Mangel entgegenkommt und defshalb mit
Freude zu begrüfsen ift. Jedoch entfpricht der vorliegende
intereffante Commentar gewifs mehr den Anforderungen
der ftrengen Wiffenfchaft als den Bedürfnifsen der Studenten
. Wenn D. ein Studentenbuch fchreiben wollte,
fo hätte er meiner Meinung nach etwa folgende Punkte
mehr berückfichtigen müffen: 1) Belehrung über die Zeit-
gefchichte, 2) fchlichtere Darftellung an Stelle von An-
fpielungen, die nicht jedem Lefer verftändlich fein werden,

3) eingehendere Befprechung fyntaktifcher Fragen (S. 355!)

4) mehr Literaturnachweife, 5) ruhigere Polemik. D.'s
Buch, wie es nun einmal ift, wird vorausfichtlich unter
den Studenten nur der Minderzahl der Bebten von Nutzen
fein können, die fich durch Vorlefungen oder durch
andere Hülfsmittel fchon eine gewiffe Kenntnifs des
Stoffes erworben haben. Ueber den äufseren Umfang
will ich kein Wort verlieren, da es zweifellos recht fchwer
ift, über das Jefaiabuch einen kurzen Commentar zu
fchreiben, jedoch die Bemerkung nicht unterlaffen, dafs
nach der letzten Mittheilung der Verlagshandlung der
Umfang der unter der Preffe befindlichen Bände (Jeremia
und Klagelieder) ,in den mäfsigften Grenzen' gehalten
werden foll. Ausftattung und Druck des neuen ,Hand-
commentars' find vorzüglich.

Leipzig. H. Gut he.

Anecdota Maredsolana. Vol. I. Liber comicus sive lectio-
narius missae quo Toletana ecclesia ante annos mille
et ducentos utebatur. Edidit Presb. D. Germanus
Morin. Maredsoli, in monasterio S. Benedicti, 1893.
(XIV, 462 S. 4-) fr. 10. —

Klofter Maredfous, eine Gründung der Benedictiner
von Beuron auf belgifchem Boden, bietet der gelehrten
Welt hier einen erften Band von Anecdota, eine erbte
gröfsere Probe der umfallenden Forfchungen Pater G.
Morin's in belgifchen, franzöfifchen und englifchen Bibliotheken
, der, für eine Ausgabe des Caefarius zunächft
fammelnd, dabei auf zahlreiche änedita Patrum aliorumque
scriptorum qui maximam partein saeculo XIII. antiquiores
sunt1 geftofsen ift und diefe nunmehr in einer Reihe von
Bänden vorzulegen gedenkt. Die Freude an dem Inhalt
des I. Bandes fällt vornehmlich den Liturgikern zu. In
der Nat. Bibl. zu Paris (nov. acq. lat. 21,1) befindet fich