Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1894

Spalte:

153-156

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nowack, Wilhelm (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Handkommentar zum Alten Testament. III. Abth., die prophetischen Bücher, 1. Bd. Das Buch Jesaia, übersetzt und erklärt von Bernhard Duhm 1894

Rezensent:

Guthe, Hermann

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Kiel.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinricris'fche Buchhandlung, jährlich 16 Mark.

N° 6.

17. März 1894.



19. Jahrgang.

Handkommentar zum Alten Teftament, III, 1: Das
BuchJefaja,überf.underklärtvonDuhm(Guthe).

Anecdota Maredsolana vol. I: Liber comicus
sive lectionarius missae quo Toletana ecclesia
ante annos mille et ducentos utebalur ed.
Moria (Kawerau).

Anecdota Maredsolana vol. II, 1: S. Clementis
Romani ad Corinthios epistulae versio latina
antiquissima ed. Morin (Harnack).

Ein zweiter Libellus eines Libellaticus (Harnack
).

Perate, L'archeolotrie chretienne (G. Ficker).

Kahler, Die Wiflenfchaft der chriftlichen Lehre,
2. Aufl. (Kattenbufch).

Walther, Sociale Gedanken in Anlehnung an
die Sonn- und Fefltags-Evangelien (Schlofler).

Handkommentar zum Alten Testament. In Verbindung mit
anderen Fachgenoffen hrsg. von Prof. D. W. Nowack.
III. Abth., die prophetifchen Bücher, 1. Bd. Das Buch
Jefaia, überfetzt und erklärt von Prof. D. Bernhard
Duhm. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1892.
(XXII, 458 S. gr. 8.) M. 8.20; geb. M. 10—.

Das Buch Jefaia nimmt eine fo hervorragende Stellung
unter den Schriften des A. T. ein, dafs eine neue
Auslegung desfelben von vornherein der Beachtung ge-
wifs fein darf. Sie wird diefe um fo mehr verdienen,
wenn ihr Verf. bemüht gewefen in, alle das Buch betreffenden
Fragen in neuer Weife anzufaffen und zu be

die Zeit Esra's, vor die Thätigkeit des Nehemia anfetzt
Die Jefaiagefchichten C. 36—39, deren Alter unficher
erfcheint, find vom Redactor der Königsbücher zufam-
mengeffellt (jedoch 38, 9—20 fpäter). Aus dem 4. Jahrhundert
leitet D. her Cap. 23, 1 —14; 19, 1 —15; 14,
29—32; 23, 15—18, aus dem 2. Jahrh. Cap. 33; 24—27;
15, 1—9a; 16, 7—II; C. 34 u. 35. Schriftfteller des
2. Jahrh. haben die kleineren Sammlungen des Jefaia-
buches in die jetzige Form gebracht, die jetzige Redac-
tion des Ganzen ift .vielleicht erfi in den erften Decen-
nien des 1. Jahrh. a. Chr.1 gefchehen.

Diefe Ergebnifse gewinnt D. hauptfächlich aus der
inneren Kritik. Die äufseren Zeugnifse, 2 Chr. 36, 22 f.

handeln. Das ift von Duhm in einer höchft anregenden 3,2, 32- Sir. 48, 23—25 (doch f S. VII u. XIV), beweifen

Weife gefchehen. Für Text- und Literarkritik des A. T.,
für die Gefchichte und die Religion Israels wird der auf-
merkfame Lefer eine grofse Zahl von Bemerkungen und
Ausführungen finden, die feine bisherigen Anfchauungen
über dasBuchJeiäia theils beftätigen, theils aberauchgründ-
lich über den Haufen werfen. Denn die Ergebniffe, zu denen
Duhm durch feine Unterfuchungen geführt wird, zeigen
uns, dafs das Buch Jefaia in einem viel höheren Grade,
als man bisher insgemein angenommen hat, aus ver-
fchiedenen Stücken zufammengefetzt ift, und dafs die
Entftehung desfelben eine ungleich längere und verwickeitere
Gefchichte durchlaufen hat, als die Durch-
fchnittsmeinung bisher zuliefs.

Bleiben wir gleich bei diefem Punkte, der Gefchichte
des Buches, flehen. Bekanntlich haben wir nirgends ein
Zeugnifs dafür, dafs Jefaia felbft feine Reden oder Gedichte
gefammelt und dann herausgegeben habe. Jedoch
glaubt D. aus 30, 8 und weniger ficher aus 8, 16
fchliefsen zu dürfen, dafs der Prophet ,ausnahmsweife
einmal einiges Zufammengehörige in Buchform zufam-
menfafste' (S. XVI). Unter dem 30, 8 erwähnten Buche
verfteht D. etwa c. 28, 1— 30, 17 (abgefehen von 28, 5f.
und 29, 16—24), und falls 8, 16 von einem eigentlichen
buche die Rede iß, foll diefes c. 6. c. 7, 2—8a. 9—14.
16. c. 8, 1 —18 umfafst haben ,und vielleicht noch einiges,
was jetzt verloren gegangen ist'. Die Jünger' des Jefaia
find es gewefen, die für die Erhaltung der übrigen Hin-
terlaffenlchaft ihres Meifters, zu der noch andere gröfsere
Einheiten gehört haben (z. B. 2, 6—4, 1), Sorge trugen
und dadurch den Anftofs zu jener Entwicklung gaben,
die mit dem fertigen Kanon des A. T. abfchliefst. Der
Zeitfolge nach ift dann Deuterojefaia zu nennen, d. h.
der Verf. des gröfsten Theils der um 540 gefchriebenen
Cap. 40—55; ebenfo alt find die Verf. von 13, 2—22.
14, 4b—21. 22f. und von 21, 1 —15. Nach dem Exil
lebte inmitten der jüdifchen Gemeinde der Verf. der
,Ebed-Jahve-Lieder' C. 42, 1—4- 49, 1—6; 50, 4-9; 52,
13—53 12 (wahrfch. erfte Hälfte des 5. Jahrh.) Darauf
folgt .Trttojefaia, der Verf. der Cap. 56-66, den D. in

ihm nur fo viel, dafs C. 36—66 älter find als die Chronik
und das Buch Sirach (S. VII). Damit ift gewifs
richtig angegeben, wie es überhaupt um die Hülfsmittel
für die literarifche Kritik des Jefaiabuch.es fleht. Ift man
aber in einem fo hohem Grade auf den Ertrag der
inneren Kritik angewiefen, fo ift von vornherein gewifs,
dafs ihre Ergebnifse zunächft und im günftigften Falle
nur den Eindruck von Wahrfcheinlichkeit machen und
allgemeinere Zuftimmung nur allmählich (ich erringen
können.

Eine nicht geringe Bedeutung hat die Abgrenzung
der Cap. 56—66, deren unbekannter Verf. von D. mit
dem neuen Namen ,Tritojefaia' belegt wird. Diefe Aufhellung
fcheint mir auch am erften fpruchreif zu fein,
da ihr von verfchiedenen Seiten fchon vorgearbeitet
worden ift. Mit Gefchick macht D. auf die Gründe auf-
merkfam, die auf die Zeit vor der Thätigkeit des Esra
und Nehemia hinweifen: Der Verf. kennt niemanden, der
die beffernde Hand an die wirren Verhältniffe der nach-
exilifchen Gemeinde gelegt hat (59, 16), die Gola fcheint
noch mit der alten Bevölkerung mannigfach verquickt
zu fein (65, 8—10), die Levitenpriefter (66, 21) gehören
der deuteronomifchen Periode an (vgl. Maleachi), die
Mauern Jerufalems fcheinen noch nicht wiederhergeftellt
zu fein (60, 10). Andererfeits ift der Tempel gebaut
(62, 9), der Cultus im Gange (58, 2) u. f. w. Die Lage
der nachexilifchen Gemeinde war freilich mehr als einmal
im 5. und 4. Jahrhundert eine überaus traurige, und
die Bedrängnifse vor der Ankunft des Nehemia in Jeruf.
böten nicht die einzige Möglichkeit, um die Klagen in
C. 56—66 zu erklären. Doch laffen fich in der That
mehrere diefen Cap. eigenthümliche Züge nicht gut aus
der Zeit nach Esra's Thätigkeit begreifen. Daher bin
ich nicht abgeneigt, diefer Auffaffung D.'s beizuftimmen
und mit ihm in Jef. 56-66 eine wichtige Quelle für die
Verhältnifse der Juden um 450 a. Chr. zu erkennen. Er
verweift oft auf die Angabe Neh. 1, 3 (S. 440. 442 z. B.);
er hätte die Erwähnung des fyrifchen Aufftandes unter
Artaxerxes I, der an der jüdifchen Gemeinde gewifs

153 154