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Ausgabe:

1894 Nr. 4

Spalte:

116-117

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hochhuth, D. H.

Titel/Untertitel:

Geschichte der hessischen Diöcesan-Synoden von 1569 bis 1634 1894

Rezensent:

Köhler, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 4.

116

mit den von mirGött. gel. Anz. 1891 S. 898 Anm.2 gefam-
melten ähnlichen Angaben zu vergleichen; vielleicht fieht
er jene Nachricht dann doch mit andern Augen an. Die
Charakteriftik Ufingen's und feiner Gegner ift durchweg
voreingenommen für jenen. Darum erfahren die Lefer
z. B. nichts über die Rohheit feiner Polemik gegen die
Priefterehe; nicht allein dafs er für die evang. verhei-
ratheten Geiftlichen die fchändliche Bezeichnung pria-
pistae auch in der Predigt gebraucht, man denke fich doch
nur folgenden Satz feiner Predigt über die Ehe deutfch
vor der Gemeinde verkündigt: quomodo decebit sacerdoti
nocte cum mutiere cubare ac cum Uta in venerem subctre (!),
et mane divina sacramenta tractare — wundert er fich wirklich
, dafs gegen folche Mönchsrohheiten der Zorn der
Erfurter aufloderte, zumal wenn derfelbe Lobredner
auf das Keufchheitsgelübde und die Mönchsheiligkeit
feinen Klofterbrüdern in demfelben Athem ein fo felt-
fames Hausmittel zur Dämpfung ihrer geilen Triebe an-
rathen mufste, wie wir in feinem sermo dematrimonio sacer-
dotum — aber nicht in unferer Biographie — lefen? Aus
den Auszügen, die Paulus zur Illuftrirung von Ufingen's
Lehre bietet, intereffirt befonders die dankenswerth
fcharfe Formulirung S. 68: fides non est fiducia in divinam
misericordiam, sed assensus eorum quae sunt vera. Fiducia
sequitur fidem in Christum et ad spem pertinet. Recht
dankenswerth wäre es gewefen, wenn der Verf. feine
Charakterifirung der via antiqua und moderna in ihrer ver-
fchiedenen Betrachtung metaphyfifcher Fragen (S. 12)
weiter ausgeführt hätte. Recht concrete Belehrung hierüber
würde manchem willkommen gewefen fein. Ich
bemerke nur noch, dafs gerade die Ausführungen in
Ufingen's philofophifchen Schriften unberückfichtigt ge-
laffen find, die für fpätere Auseinanderfetzungen Luthers
von Bedeutung find; fo Ufingen's Erörterung der Frage,
ob Subftanz und Quantität zufammenfallen oder unter-
fcheidbar find, als einer crux in der Transfubftantiations-
lehre, wobei er fich dahin entfcheidet, dafs zwar die
Quantität des Brotes aufgehört hat, aber die quantitas
accidentium remanet (Exercitium Physicorum Bl. D41),
vgl. dazu Luther's de capt. babyl.; fo feine Erörterung der
termini: esse in loco circumscriptive, dijfinitive, repletive
(ebend. Hb. VIII), verglichen mit Luther's Bekenntnifs vom
Abendm. — Dafs Ufingen die griechifchen Autoren, die
er citirt, nicht im Original lefen konnte, ift wohl nicht
nur wahrfcheinlich (S. 13). Man beachte nur feine Etymologien
: eclipsis komme her a verbo eclipio; philosophia
heifse amata sapientia u. dgl.

Kiel. G. Kawerau.

Klotz, Diak. Herrn., D. Veit Wolfrum, Superintendent zu
Zwickau 1593—1626. Eine Studie zur fächfifchen
Kirchengefchichte. Zwickau, Zückler, 1892. (V, 84 S.
gr. 8.) M. 1. —

Die Nachforfchungen des Verfaffers haben der Biographie
eines wohl ziemlich allgemein unbekannten Theologen
gegolten. Freilich erwähnt die Kirchenliedgefchichte
nebenbei auch den Namen Wolfrum, da er einige unbedeutende
Beiträge zum lutherifchen Kirchenlied geliefert
hat, und auch als theologifcher Schriftfteller ift er nicht
unthätig gewefen in Streitfchriften gegen den Calvinismus
, in homiletifcher und ascetifcher Literatur; aber auf
keinem Gebiete liegt irgend etwas Hervorragendes und
feiner Arbeit ein dauerndes Gedächtnifs Sicherndes vor.
Dem Verfaffer, der mit grofsem Fleifse dem Leben Wolf-
rum's nachgefpürt und auch aus Zwickauer und Dresdner
Acten manche archivalifche Nachricht gewonnen hat,
ift es doch kaum gelungen, ein tiefer gehendes Intereffe
an dem Gegenftande feiner Monographie zu erwecken;

1) Hier auch Bl. Aüjb der Satz: Nihil est in intellectu, quin frius
fuerit in sensu.

theils weil das Material doch nicht ausreicht, um mit feiner
Hilfe eine lebensvolle Geftalt zu zeichnen, teils weil die
Perfönlichkeit felbft dafür nicht bedeutend genug ift.
Wolfrum gehört den Theologen der Concordienformel
an, bei denen fich der Belitz einer fertigen Glaubenslehre
mit polemifchem Eifer, der feine Schärfe gegen den
Calvinismus kehrt, und mit der Freude an gelehrten
Studien verbindet, die aber unter wefentlich theologifchen
Gefichtspunkten betrieben werden. So lernt Wolfrum
Arabifch in dem Intereffe, aus der arabifchen Bibelüber-
fetzung die Richtigkeit der Lutherfchen nachweifen zu
können. Intereffant ift das Jugendleben Wolfrum's
(geb. 1564), infofern auch bei ihm noch jenes Wanderleben
bettelnder Scholaren, die von einer Schule zur
anderen ziehen, Unterkommen und Unterricht zugleich
begehrend, uns vor Augen tritt. Ferner läfst fich aus der
Arbeit einiges zur Gefchichte des Kryptocalvinismus entnehmen
, indem die Nachwirkungen desfelben in einer
einzelnen Stadt in Paftoren-Denunciationen und -Abfetzungen
uns anfchaulich, aber auch unerquicklich vor
Augen treten. Culturgefchichtlich intereffant ift das Bild,
das man von der Ehe und der Erziehungsweisheit eines
Paftorenhaufes damaliger Zeit gewinnt: Wolfrum heiratet
eine noch nicht Fünfzehnjährige, die dann als Mutter
ihre Erziehungskunft darin bethätigt, dafs eins ihrer Kinder
fchon im 5. Jahre den ganzen Katechismus auswendig
kann, ein anderes mit 7 Jahren 62 Pfalmen aufzufagen
im Stande ift. Sie felbft hat es fich zur Pflicht gemacht,
alljährlich einmal die ganze Bibel durchzulefen. Da Wolfrum
Kirchenliederdichter gewefen ift, fo hätte der Verfaffer
auch bei unfern Hymnopoeographen, wie Wetzel
und Koch, einige z. Th. fehlerhafte Angaben über ihn
finden können. Ebenfo bemerke ich, dafs auch Wittenius
im ^Diarium biographicum' ad annnm 1626 ihm einen
Artikel gewidmet hat, und dafs jünglt ein Stammbuchblatt
von feiner Hand in der Feftfchrift der Landes-
fchule Pforte durch Paftor Petri veröffentlicht worden
ift. Ein neckifcher Druckfehler ift mir p. 14 aufgeftofsen,
wo aus der ungeänderten Auguftana eine umgeänderte
geworden ift. Man wird den Verfaffer bitten dürfen,
feine Studien fortzufetzen und weitere Beiträge zur Lo-
calkirchengefchichte zu fpenden.

Kiel. G. Kawerau.

Hochhuth, weil. Superint. D. H., Geschichte der hessischen
Diöcesan-Synoden von 1569 bis 1634. Nach den Synodal-
Akten bearb. Die Diöcefan-Synoden der Diöcefe
Rotenburg (Allendorf, Efchwege). Kaffel, Fifher & Co.,
1893. (VII, 143 S. gr. 8.) M. 2. 40.

Die Vorrede bringt die betrübende Kunde, dafs der
durch manche frühere Arbeit auf dem Gebiet der heffi-
fchen Kirchengefchichte rühmlich bekannte Verfaffer nicht
mehr unter den Lebenden ift. Er ift vor Vollendung des
Druckes unerwartet abgerufen worden. Sein Sohn, Pfarrer
zu Datterode, hat die Herausgabe beforgt. ,Denen, die
meinen feiigen Vater gekannt, fende ich diefes Büchlein
als einen Abfchiedsgrufs — fchreibt er. Gewifs wird es
überall willkommen geheifsen werden'. Ein ehrenvolles
Gedächtnifs ift dem Verf. gefichert. Auch die letzte
Gabe, die er uns in der vorliegenden Schrift hinterläfst,
ift Dankes werth. Diöcefanfynoden follten nach der Super-
intendenturordnung von 1537 die fechs heffifchen Superintendenten
jährlich mit den Geiftlichen ihrer Bezirke
abhalten, und die Einrichtung hat fich bis in das 17. Jahrhundert
hinein erhalten, wo fie dem vordringenden Con-
fiftorialregiment weichen mufste. Regelmäfsig wurden die
Synoden gehalten, feitdem nach Philipp's des Grofs-
müthigen Tode die vier Landgrafen, feine Söhne, durch
ihren Brüdervergleich das heffifche Kirchenwefen in eine
fefte Ordnung gebracht hatten. Die erfte der hier dar-
geftellten Synoden fand 1569 ftatt, die letzte 1634. Die