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Ausgabe:

1894 Nr. 3

Spalte:

88-89

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Matter, A.

Titel/Untertitel:

Étude de la doctrine chrétienne. 2 vol 1894

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 3.

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anderen aus gefucht wird, während fich dann aus der 1 Der fchwache Punkt in der Argumentation des Verf.'s
zufammenhängenden Betrachtung aller drei die Unzuläng- ! liegt m. Er. bei dem Uebergange, den er zur Darftellung
lichkeit der religionslofen Begründung der Ethik über- , des chriftlichen Princips der Ethik macht. Der Verf.
haupt ergiebt. konnte allerdings bei dem Thema, wie es ihm geftellt

Paulfen ift der Vertreter eines folchenUtilitarismus, 1 worden war, oder vielmehr wie er felbft es fich, in Um-
welcher die Wohlfahrt der Gefammtheit, ,eine objective geftaltung der urfprünglich gegebenen Aufgabe, geftellt
Lebensgeftaltung im Sinne menfchlicher Vollkommenheit', hatte, von einer Erörterung über die Wahrheit der
als ethifches Ideal aufftellt. Das zu erftrebende höchfte Gut chriftlichen Anfchauungsweife abfehen und fich darauf
foll die normale Ausübung und Entwicklung der natür- befchränken, den Werth diefer Anfchauungsweife für
liehen Lebensfunctionen, Anlagen und Kräfte des Men- die Begründung der Ethik feftzuftellen. Aber nach
fchen fein. Diefer Utilitarismus foll von einem rein der fcharfen Kritik, welche er an den Grundlagen der
fubjectiven Eudämonismus, der die Wohlfahrt allein in philofophifch-ethifchen Syfteme geübt hat, empfindet der
fubjectiven Luftgefühlen fetzt, unterfchieden werden; aber i Lefer unmittelbar das Bedürfnifs nach einer Darlegung
er führt doch, wie Stange zu zeigen fucht, fchliefslich j auch der guten Fundamente der chriftlich-religiöfen An-
immer wieder auf fubjectiven Eudämonismus hinaus, fchauungsweife. Diefem Bedürfnifs kommt der Verf. doch
Zwar nicht vereinzelte Luftgefühle, wohl aber der Luft- ! nur mit Andeutungen entgegen. Die Vorzüge des reli-
zuftand, der Genufs der individuellen Exiftenz, find das giöfen Erkennens vor dem philofophifchen, die er aufletzte
Ziel der Sittlichkeit. Der Menfch als fubjectives ftellt, werden denen, die nicht fchon auf dem Boden der
Einzelwefen bleibt Zweck des fittlichen Handelns; der chriftlichen Anfchauungsweife flehen, nicht einleuchten.
Thatfache der gefchichtlichen Entwicklung der Menfch- Die von ihm bekämpften philofophifchen Gegner werden
heit wird nicht Rechnung getragen. — Diefem Utilitarismus . ihm einwenden, dafs es freilich bequemer ift und zu betritt
als höhere Stufe das von Wundt vertretene evo- friedigenderen Refultaten führt, wenn man fich auf die
lutioniftifche Princip zur Seite, gemäfs welchem in der chriftliche Betrachtungsweife einläfst, dafs fie aber eben
thatfächlichen lfntwicklung des geiftig-fittlichen Lebens I die wiffenfehaftliche Berechtigung zu diefer Betrach-
der fundamentale Grund und Werth alles Seienden und i tungsweife beanftanden müffen.

daher auch der Zweckmittelpunkt alles fittlichen Handelns 1 Der Verf. läfst feiner Dialektik oft wohl etwas zu
liegt. Als nächfter Zweck der Sittlichkeit erfcheint hier ' weiten Spielraum; darunter leidet manchmal die ein-
die Culturentwicklung, die Erzeugung und Steigerung fache Klarheit der Gedankenentwicklung. Im Grofsen und
.objectiver geiftiger Werthe', d. h. der culturellen Güter; Ganzen aber ift feine Arbeit ausgezeichnet durch Gründletzter
Zweck aber ift ,die Entwicklung aller menfehlichen ; lichkeit, Methode und ficheres Urtheil. An wiffenfehaft-
Geifteskräfte in der Richtung, in welcher fie fich that- : licher Reife fleht fie entfehieden über dem gewöhnlichen
fächlich von den Anfängen fittlichen Lebens an voll- Niveau academifcher Preisfchriften. Sie verdient die
zogen hat, über jedes erreichte Ziel hinaus in's Un- ernftliche Berückfichtigung aller, welche fich mit ethifchen
begrenzte'. Allein diefes .höchfte Ideal, welches nur die Principienfragen befchäftigen.

Religion fo ausgeftalten kann, ,als wenn es ein erreich- jena pj pj Wendt

bares wäre', ift ohne Religion nicht beftimmt erfafsbar.
Praktifch mufs fich der fittliche Menfch an die ,nächften'

Zwecke der culturellen Entwicklung halten und es fragt : Matter. A., Etüde de la doctrine chretienne. 2 vols. Paris,
fich, wo ein objectiver Mafsftab für die b eltltellung dieler „. . , _ . „ , Q, , c „.
.objectiven Werthe' liegt. Fischbacher, 1892. (386 u. 460 S. 8.) M. 6. -

Ueber diefen evolutioniftifchen Standpunkt geht ; Der Herr Verfafler will ,uns ein methodifches Stu
wieder hinaus der transcendent-negative, moniftifche dium der chriftlichen Glaubenslehre ermöglichen, indem
Ed. von Hartmann's. Allein das negative Ideal, ! er fich an die Grundlehren des Chriftenthums hält, an
welches Hartmann aus feiner peffimiftifchen Metaphyfik i das Wefen desfelben, an feinen Geift; er betrachtet das
gewinnt, dafs nämlich der letzte Zweck des vernünftigen j chriftliche Lehrfyflem als den Ausdruck eines religiöfen
Willens in der Negation des aus der Unvernunft des ! Gedankens, den er nicht in feinen vielfältigen Anwend-
Willens entftandenen Dafeins liege, ift wieder zur Moti- ; ungen verfolgen will; vielmehr möchte er fich in den
vation des pofitiven fittlichen Handelns unfähig. Die , Mittelpunkt feines Gegenftandes verletzen, um von da
näheren Zwecke aber, die zur Vorbereitung diefes End- I aus das Ganze und das Einzelne beffer zu erfaffen' (Bd. I,
Zweckes dienen und in der Steigerung des Bewufstfeins, I pag. VI). Nach hergebrachter Anlage, handelt M. in fechs
in der Entwicklung des unvernünftigen Willens zum Haupttheilen von Gott, von der Welt und dem Menfchen,
vernünftigen Wollen liegen, bedingen einen einfeitig ' von der Sünde, von dem Heiland und dem Heilswerk,
intellectualiftifchen Charakter der Ethik. Auch der pan- ! von der Kirche und den Gnadenmitteln, von den letzten
theiftifche Gedanke der Wefensidentität, dafs Gott als j Dingen. Er fchreibt nicht lediglich für Fachtheologen,

das in allen Erfcheinungen lebende Wefen erkannt wird,
giebt kein zureichendes ethifches Princip. Er foll zwar
zur Bekämpfung des Egoismus dienen, wird aber praktifch
dazu führen, dafs man egoiftifch in dem unmittelbar
empfundenen eigenen Wohle das Wohl des Abfo-
luten zu fördern fucht. — Dagegen führt nun das trans-
cendent-pofitive Princip des chriftlichen Theismus zu
einer voll befriedigenden Begründung der Ethik. Sofern
Gott vollkommene Perfönlichkeit ift, hat er einen erkannten
und feilgehaltenen Zweck. Diefer Zweck, den

fondern wendet fich an die gebildeten, nach Wahrheit
ftrebenden Laien, und es darf gewifs fein Verfuch, die-
felben in die Gänge und Ergebnifse der modernen
Durchfchnittsorthodoxie einzuführen, als ein gelungener
bezeichnet werden. Eine andere Frage ift es freilich, ob
mit einem folchen Verfuch der Nothlage der Gegenwart
wirklich abgeholfen werden kann, ob auf dem vom Verf.
eingefchlagenen Weg eine Förderung und Vertiefung
der evangelifchen Glaubenserkenntnifs zu erreichen ift.
Ein Verfahren, das aus der natürlichen Theologie, den

wir durch Jefus erkennen, befteht darin, dafs die mit biblifchenUrkunden,derdogmenhiftorifchenEntwickelung,

der Anlage zur Perfönlichkeit gefchaffenen Menfchen der Speculation alter und neuer Zeit fehr verfchiedenartige

zu vollkommenen Perfönlichkeiten nach dem Bilde Gottes 1 Baufteine zur Errichtung eines chriftlichen Lehrgebäudes

werden follen. Das Ideal der chriftlichen Ethik ift die zufammenträgt, ift doch wohl nicht dazu geeignet, das

vollkommene Gemeinfchaft der gewordenen Perfönlich- Chriftenthum als eine einheitliche und felbftändigeGeiftes

keiten, d. h. das Gottesreich. Durch die Aufnahme diefes
Ideals, welches ein wirkliches Motiv zum pofitiven fittlichen
Handeln bietet, wird der Sittlichkeit auch keineswegs
der Charakter der Heteronomie gegeben.

macht zum Bewufstfein und zum Ausdruck zu bringen!
Das der Frühlingszeit evangelifcher Ffrkenntnifs allein
entfprechende und unter uns fich immer erfolgreicher
geltend machende Bedürfnifs nach einer chriftocentrifchen