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Ausgabe:

1894 Nr. 3

Spalte:

73-75

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Völter, Daniel

Titel/Untertitel:

Die Ignatianischen Briefe, auf ihren Ursprung untersucht 1894

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 3.

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ift allerdings längft bekannt; aber Harris gebührt das
Verdienft, einen grofsen Theil diefer LAA zum erften
Mal gründlich unter die Lupe genommen und gefchicht-
lich benimmt zu haben. Diefe Beftimmungen find freilich
häufig fehr kühn: der Verf. hört das Gras wachfen
und er generalifirt auch fehr fchnell. So ift z. B. die
beftimmte Behauptung: ,The Codex Bezae a Montanist
Manuscripf m. E. nicht gerechtfertigt; denn ein Theil
der Beobachtungen erledigt fich ohne diefe Annahme:
was übrig bleibt, beweift nur, dafs der Text mit Stellen
in den Acta Perpetuae Berührungen hat. Ich kann von
Gebhardt nur zuftimmen, wenn er Deutfche Litt.-Zeitg.
1892 Nr. 46 fchreibt: ,Der Verf. befitzt einen fcharfen
Blick und feine Beobachtungsgabe; aber die Lebhaftigkeit
feiner Phantafie verleitet ihn oft zu Extravaganzen
und läfst ihn das Nächftliegende überfehen'; f. die Bei-
fpiele, die v. Gebhardt dafür /. c. beigebracht hat. Auch
die ganze Vorftellung, dafs es bereits in der erften
Hälfte des 2. Jahrhunderts eine zufammenhängende
lateinifche Ueberfetzung der vier Evangelien und der
Apoftelgefchichte gegeben hat, Breitet zu fehr mit dem,
was wir aus der Kanonsgefchichte wiffen, als dafs wir
fie uns auf Grund einer Handfchrift einreden liefsen,
deren unterfte Schicht — nach complicirter kritifcher
Reinigung — diefe Auffchlüffe bringen foll. Aber fo-
viel hat der Verf. doch zweifellos gezeigt, dafs eine
genaue Durcharbeitung des Textes der älteften Bibel-
handfchriften eine noch ungelöfte Aufgabe ift, die mehr
als einer wiffenfchaftlichen Disciplin zu Gute kommen
wird. Schliefslich fei darauf hingewiefen, dafs jüngft eine
neue Arbeit über den Codex Bezac erfchienen ift: Chafe,
The Old Syriac elcment in the tcxt of Codex Bezae.
London 1893.
Berlin. A. Harnack.

Völter, Prof. Daniel, Die Ignatianischen Briefe, auf ihren
Ursprung untersucht. Tubingen, Heckenhauer, 1892.
(IV, 127 S. gr. 8.) M. 3. -

Seine in der Theol. Tijdschrift 1886 zuerft vorgetragene
, a. a. ü. 1887 modificirte und präcifirte Hypo-
thefe vom Urfprung der Ignatius-Briefe (f. diefe Ztfchr.
1886 Nr. 14) hat Völter in vorftehender Abhandlung
ausführlich zu begründen verfucht. Völter trennt den
Römerbrief von den fechs anderen und erkennt in ihm
ein innerlich unwahres, gefälfchtes Product, das die Abficht
verfolge, einen Märtyrerbifchof, wie er fein foll,
zu zeichnen und damit am Ende des 2. Jahrhunderts für
die Kirche gegen den Montanismus Propaganda zu
machen. Die anderen Briefe hält er für echt, d. h. für
wirkliche Schriften eines Mannes (nicht Bifchofs, fondern
prophetifchen Lehrers), der zwifchen 140 und 155 ge-
fchrieben hat und in der Situation gewefen ift, welche
die Briefe vorausfetzen und fchildern; aber nicht Ignatius
fei der Verfaffer, fondern — Peregrinus Proteus in feiner
chrittlichen Periode, bevor er Cyniker wurde; der Name
.Ignatius' fei den Briefen nur vorgefetzt; der Bifchof
Ignatius fei fchon 115/116 in Antiochien als Märtyrer
geftorben. — Bei aller Hochachtung vor dem Verfaffer
vermag ich mich nicht zu entfchliefsen, in eine Dis-
cuffion diefer .Peregrinus-Hypothefe' einzutreten; denn
wenn man fie durchzudenken anfängt, fowohl an und für
fich als literarhiftorifch, verliert man fofort den feften
Boden und mufs nicht nur das Mögliche, fondern das
ganz Unwahrfcheinliche ernfthaft nehmen. Etwas anders
fteht es mit der erften Grundlage der Hypothefe, der
Trennung des Römerbriefs von den übrigen. Schon
Renan hat getrennt, aber den Römerbrief für echt, die
anderen für "unecht erklärt. Ein gewiffer Unterfchicd
mufs alfo vorliegen. Ein folcher ift auch anzuerkennen;
aber er ift m. E genügend motivirt durch die fehr andere
innere Situation, in der fich Ignatius befinden mufste,

als er die Feder ergriff, um nach Rom zu fchreiben.
Die Fragen, die ihn innerhalb feiner afiatifchen Corre-
fpondenz intereffirten, mufsten hier nothwendig fortfallen;
dagegen trat feine eigene Zukunft, fein Endgefchick und
fein zukünftiges perfönliches Verhältnifs zu der fremden
grofsen Gemeinde, das für die letzte Spanne feines
Lebens entfcheidend fein würde, in den Vordergrund
. Die fechs Briefe find aus vertrauten Verhält-
nifsen heraus gefchrieben, diefer Römerbrief will mit
Unbekannten ein Verhältnifs erft ftiften, in dem es fich
um die Verwirklichung oder Hemmung des heifseften Wunfehes
des Schreibers handeln follte. Man wird in folcher
Situation leicht unwahrhaftig, nicht im groben Sinne,
aber in jenem feineren, dafs man feine Empfindungen
im Ausdruck fteigert und zu den grofsen Worten greift,
die die Unficherheit und das Ungewiffe der innern und
äufsern Lage verdecken follen. Von hier aus erfcheint
mir der Römerbrief der wohl verftändliche Superlativ,
gemeffen an den felbft fchon im Comparativ gefchrie-
benen fechs Briefen. Den meiften einzelnen Anftöfsen
(Abweichungen von den echten Briefen) aber, die nach
Völter jedesmal bereits die Unechtheit des Römerbriefs
entfeheiden follen, vermag ich beim beften Willen kein
Gewicht beizulegen. Am fcheinbarften ift die Beobachtung
, dafs Ignatius fich nur im Römerbrief ausdrücklich
als Bifchof bezeichnet hat. Allein Völter übertreibt
diefe Beobachtung, wenn er fagt, im Römerbrief
fei dem Fälfcher die epifkopale Stellung des Ignatius
eine wichtige Sache. Wäre fie ihm das, fo hätte er fie
doch in der langen Ueberfchrift zum Ausdruck bringen
müffen — das Gegenargument Völter's, der Fälfcher
habe es vermieden, um feine Fälfchung den fechs echten
Briefen zu conformiren, ift doch höchft ungenügend —;
ftatt deffen kommt die Erwähnung des Epifkopats nur
zweimal im Texte vor, einmal nahe gelegt durch den
Context (c. 2: an zhv hüaxnnav ~vpiag y.arr,£lioaev h
creog fvQ£iri]vcti tig ovaiv, etno ctvitTO hrg peianefi-
r})äiuvog. — Der Nachdruck liegt hier offenbar nicht auf
iniaxonov, fondern auf Svglag), das andere Mal in der
Schlufsbitte (c. 9: /.ivrj/uoveveze . . . zrjg evSvoiq &Kxkt](jlctg,
ijzig ävzi eiiov fzoifieVt zqi -Ueoi YQrpcai' (lövog aizr[v
Irjoovg Xgiazog Bftl(Jxö7irptl v.eti ?j v/ueöv dyihrrt). Völter
findet diefe Stelle befonders verrätherifch, weil in den
parallelen Stellen Eph. 21, Magn. 14, Trall. 13, Smyrn. 11
die Worte fehlen, die den Ignatius als Bifchof bezeichnen;
allein 1) zeigt doch die Bitte v/ieq r/jg i/./j.rialag zig in
Zigiu (Ephef. 21, Magn. 14, Trall. 13, etwas anders; aber
nicht minder beweifend, Smyrn. 11) zu beten, dafs der
Verf. zur ganzen fyrifchen Kirche ein Verhältnifs hat,
und dafs fein Weggang ein Verlud für fie ift, 2) fordert
er eben nur die römifche Gemeinde auf, fich kraft ihrer
Liebe an der bifchöflichen Leitung feiner verwaiften
Gemeinde zu betheiligen; den kleineren afiatifchen Gemeinden
räumt er ein folches Liebesamt nicht ein.
Somit ift an keiner der beiden Stellen dem
,Fälfcher' der Epifkopat des Ignatius eine wichtige
Sache; vielmehr ift die Erwähnung diefes
Amtes durch den Context (Syrien, Rom) bedingt. —
Unter Anderem bemängelt Völter auch das Fehlen per-
fönlicher Elemente in dem Brief. Nun aber findet fich
doch eine abgeriffene, für uns undurchfichtige, perfön-
liche Notiz c. 10: eaziv de xai äpa spol avv hlloig nol-
?.olg xdi Kgöxog, zo nniiirtnv ovotia. ,Man mufs den
Eindruck gewinnen, dafs der Name des Krokus aus dem
Epheferbrief willkürlich herausgegriffen ift, damit doch
ein Name genannt fei'. Hat fich Völter nie klar gemacht,
welche Verwüftungen ,kritifche' Einfälle wie diefer in
der altchriftlichen Literaturgefchichte bereits angerichtet
haben! — Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dafs der
Verf. fich von der Undurchführbarkeit feiner Theilungs-
hypothefe überzeugen wird. In dem Momente wird er
die Echtheit der ganzen Sammlung anerkennen, für die
er — die fechs Briefe anlangend und von dem neuen

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