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Ausgabe:

1894 Nr. 26

Spalte:

660-663

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gottschick, Johannes

Titel/Untertitel:

Die Kirchlichkeit der s. g. kirchlichen Theologie, geprüft 1894

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 26.

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tifchen Prüfung der gegnerifchen Anficht an die Lefer
geseilten Anforderungen es mit verfchuldet haben, dafs,
foviel ich fehe, die Schrift Gottfchick's bisher nicht die

wenn er fich an die Univerfitätsgenoffen wendet, den
Profeffor, der mit offenem Auge in die neueren geiftigen
Entwicklungen und Kämpfe hineinfchaut. Deshalb bevolle
Beachtung erfahren hat, die ihr gebührt. Auch j fteht ein Hauptvorzug diefer Predigten darin, dafs fie
einige der befremdenden Mifsverftändnifse, welche Gott- I fcharffinnig Probleme herausftellen und behandeln, die
fchick's Darfteilung in der Befprechung von Lipfius I dem religiöfen Leben der Gegenwart befondere Schwie-
(Theol. Jahresbericht X, 370—372) hervorgerufen, dürften rigkeiten bereiten. Die Löfung ift oft eine überrafchend
nicht lediglich aus der erregten Stimmung des Gegners zu glückliche.

erklären fein. So erhalten z.B. die von Lipfius fo fcharf Dazu eignet fich die ganze Weife des Verf.'s, der

angefochtenen, in den Discuffionen mit Frank enthaltenen j lange, Schritt für Schritt vorgehende lehrhafte Entwick-
Ausführungen über die unmittelbare in fich beruhende I lungen und ausführliche Veranfchaulichungen nicht liebt,
Erfahrung des Chriften ihr volles Licht durch die in I fondern rafches, lebhaftes, nur die Hauptfachen hervor-
den Schlufsergebnifsen gedrängt zufammengefafsten Er- j hebendes Vorwärtseilen, wobei gern auf dunkle Stellen
klärungen, welchen Lipfius gewifs feine Zuftimmung ! hingewiefen wird, um auf diefelben plötzlich ein helles
nicht vertagte: ,Der evangelifche Chrift ift der Verhöhnung j Licht fallen zu laffen. Selten, aber ganz am rechten
mit Gott und feines neuen Ich gewifs, indem der Blick j Orte, werden Liederverfe, gefchichtliche und fonftige Beiauf
die objective Bezeugung der Gnade Gottes ihm folche ; fpiele, auch wohl einmal Verfe neuerer Dichter angeführt.
Zuverficht erweckt und aufrecht erhält, nicht indem er Zuweilen erfcheinen Hinweifungen auf beftimmte Lebens-
in fich das Factum eines neuen Ich entdeckt und von ■ verhältnifse, die fo richtig find, dafs man fie häufiger
da aus auf fein Stehen in einem an fich feienden Ver- ! wünfcht (vgl. S. 116). Einzelne fchöne, tiefe Gedanken
hältnifs der Schuldfreiheit und weiter auf objective Ur- werden für gewöhnliche Kirchgänger zu fehr nur ange-
fachen diefer fubjectiven Wirklichkeit fchliefst' (S. 241). | deutet. Der Verf. predigt vornehmlich für Gebildete

Doch die hier gemachten Ausftellungen find vorwiegend
formeller Art und berühren den pofitiven Gehalt
der Schrift G.'s nicht: die letzten Seiten, welche nicht
nur die Ergebnifse der geführten Debatte feftftellen,
fondern auch ein allgemeines Urtheil über den Charakter
der fogen. kirchlichen Theologie und die ihr in
Zukunft geftellten Aufgaben enthalten, führen den Lefer
aus der Erörterung der einzelnen Fragen auf die prin-
cipielle Gefammtbetrachtung zurück und beleben aufs
neue den durch den erften Abfchnitt geweckten Eindruck
von der Tiefe, dem Reichthum und der Einfalt des in
feinem wahren Princip und Wefen erfafsten evangelifchen

oder doch ernft Denkende. Bei dem Halten hilft indeffen
der Vortrag nach, und bei dem Lefen fühlt fich Mancher
gern zum Nachdenken aufgefordert und lieft lieber
einen Satz zweimal, um Ergänzungen zwifchen die Zeilen
zu fchieben, als dafs er fich fagen läfst, was er fchon
fehr wohl weifs. Sollte zur Kennzeichnung ein auch
hervorragend tüchtiger Mann genannt werden, deffen
Vorzüge und Eigenthümlichkeiten zum grofsen Theile
auf ganz entgegengefetzter Seite liegen, fo würde ich
Chr. Scriver vorfchlagen.

Geiitreiche, bündige Anregungen ftatt beharrlichen
Ausmalens und Anfaffens bilden einen Hauptreiz diefer

Heilsglaubens. Predigten. Das entfpricht ganz den Wünfchen der Neu-

Strafsburg i/E. P. Lobftein.

Achelis, Prof. D.E. Chr., Christusreden. Predigten. 2. Bd.
Freiburg i/B., J. C. B. Mohr, 1894. (VIII, 238 S. 8.)

M. 3. -; geb. M. 4. -

Diefe Predigten rechtfertigen ihr Erfcheinen durch
ihre Eigenthümlichkeit, und zwar durch gute, der neueren
homiletifchen Entwicklung entfprechende Eigenthümlichkeit
. Vor Allem bieten fie vielen werthvollen Inhalt auf
wenig Raum; denn jede der 28 Predigten nimmt durch-
fchnittlich etwa nur 8 Seiten ein. Die Texte find frei
und recht gut gewählt, fo dafs auf Grund derfelben
theologifch und religiös wichtige Themata behandelt
werden. Die Kürze der mit zwei Ausnahmen neutefta-
mentlichen Texte geblattet eine vollftändige Behandlung
derfelben. Dabei wird nicht an jedem Worte gehaftet,
aber die Hauptfache glücklich herausgegriffen. Auch
andere, zum Theil weniger bekannte Schriftftellen werden

bei der Ausführung zur Beleuchtung der Texte treffend Eine Beifpiel für die Bündigkeit des Ausdruckes ge

zeit. Der Verf. bringt öfter nicht das Nächftliegende,
aber viel Unerwartetes. Auch Bekannterem weifs er in
fcharfer, knapper Form eine neue anziehende Geffalt zu
geben. IFt feine Darftellung auch mehr fein und fcharffinnig
, als einfach-anfchaulich, fo doch überall fehr klar,
dabei äufserft lebendig und überhaupt, befonuers auch
durch gute Anwendung mannigfaltiger Redefiguren, echt
rhetorifch. Wie richtig und fchön tritt z. B. das Ich des
Verfalfers S. 18110 hervor! Einzelne Gedanken werden
überrafchend glücklich ausgedrückt. Das gilt auch von
der meift fehr anziehenden knappen Geftalt der Themata
oder Ueberfchriften und der Theile. Letztere find fchein-
bar fehr einfach, aber meift ebenfo text- als fachgemäfs.
Bei fo kurzen Texten tritt der Unterfchied zwifchen
analytifch und thematifch öfter zurück. Doch herrfcht
das analytifche Verfahren entfchieden vor. Die rein the-
matifche Partition in der Predigt über: ,die Bürgfchaft
des ewigen Lebens' (Text 2 Tim. I, 10) wird ausdrücklich
als folche bezeichnet. Als Stationen ihres Ganges
werden genannt: der Menfch, der Chrift, Chriftus. Diefes

herbeigezogen, fo dafs diefe Predigten das hohe Lob
biblifch zu fein reichlich verdienen. So insbefondere auch

Mittelpunkte; auf ihn wird immer von neuem mit klarer

Matten wir uns um fo lieber, da wir gern auf diefe überhaupt
vorzügliche Predigt mit ihrem meifterhaften Ein-

ihren fchönen Titel ,Chriftusreden'. Chriftus fteht im gange hinweifen. Auch ein durch rafche, fchwungvolle

Rhetorik fehr wirkungsvoller Schlufs findet fich häufig.

Entfchiedenheit und voller Herzenswärme hingewiefen i Scheinbar bewegt fich der Verf. fehr zwanglos und frei,
(z.B. S. 70, 71; 19116; 2687). Natürlich wird dabei dem > aber der Kenner freut fich über die wohlüberlegte An-
Kundigen die theologifche Auffaffung des Verf.'s be- i läge und die fich verbergende feine Kunft, die in mannig-
merkbar, aber nie in einer Weife, welche das wirkliche ! faltigen Formen leicht und rafch einherfchreitet.
Bedürfnifs der Erbauung verletzt. Seinen fieberen homi- Da fehr zu hoffen und zu wünfchen ift, dafs junge

letifchen Takt zeigt er auch darin, dafs er zwar geeig- Theologen diefe Predigten zu ihrer Forderung eifrig ftu-
neten Ortes auf neuere kirchliche Streitigkeiten, in die diren, fcheint die Erinnerung am Platze, dafs die Vor-
er ja felbft mit hineingezogen worden ift, anfpielt, aber züge von Univerfitäts-Predigten in gewöhnlichen Ge-
dabei niemals perfönlich bitter und anzüglich wird ! meinden nicht alle das Rechte find, dafs in letzteren alfo
(vgl. S. 63). ' zum öftern ftatt geiftreicher Andeutungen mehr anfehau-

Wurzeln feine Anflehten einerfeits feft in der Bibel, liehe Ausführungen gebracht werden müffen. Auch ein
fo erwachfen fie doch auch andererfeits aus dem Leben fchärferes Hervorheben der Theilübergänge und Thetl-
der Gegenwart. Man merkt oft und nicht blofs dann, ! überfchriften innerhalb der Predigten wird dem Ver-