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Ausgabe:

1894 Nr. 26

Spalte:

658-660

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Leonhardt, F.

Titel/Untertitel:

Le péché d‘apres l‘Éthique de Rothe 1894

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 26.

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lifchen Heilsglaubens entfprechenden Zufammenhange
richtig verbanden werden. ,üie Theologie mufs die chrift-
liche Wahrheit in dem Zufammenhange darftellen, der
der Eigenart des reformatorifchen Heilsglaubens ent-
fpricht, und in welchem der Chrift fie im Bewufstfein
haben mufs, um an diefer Erkenntnifs den Halt und die
Regel für fein perfönliches religiöfes Leben zu befitzen.
In dem Mafse, als die Theologie diefe Aufgabe löft,
erfüllt fie ihren kirchlichen Beruf (S. 10). Zur Begründung
diefes Urtheils führt G. eine reiche Eülle claffifcher Be-
legftellen aus der Gründungszeit des reformatorifchen
Proteftantismus, vorzüglich aus Luther's Schriften an.
Die hierauf bezüglichen Ausführungen berühren fich
unmittelbar mit dem von Herrmann fo meifterhaft behandelten
Thema feines fchönen Buches über ,den Verkehr
des Chriften mit Gott'. Im Lichte diefer Gedanken
wird fofort klar, dafs die Gefammtanlage des orthodoxen,
bei Luther fchon praeformirten, bei Melanchton beftimm-
ter hervortretenden, durch Joh. Gerhard allfeitig formu-
lirten und begründeten Lehrgefüges gerade nicht durch
die Abzweckung auf die fpecififch evangelifche Glaubens-
gewifsheit bedingt, ja mit deren eigenthümlichen Wefen
fogar unverträglich ift. Der Nachweis diefer Thatfache
(16—38) und die Darlegung ihrer praktifchen Folgen
(38—53) bilden die durchaus zutreffende Einleitung in
den zweiten kritifchen Abfchnitt des Buches.

Dafs die confeffionelle Theologie der Gegenwart
gegenüber der altproteftantifchen Orthodoxie einen (Ungeheueren
Fortfehritt' bedeutet, hat G. oft genug klar
und beftimmt ausgefprochen. Die drei Namen Luthardt,
Hofmann, Frank bringen den hier eingetretenen Um-
fchwung mit wachfender Deutlichkeit zum Ausdruck.
Luthardt hat es felbft als den gemeinfamen Fehler der
römifchen Kirche und der alten proteftantifchen Dog-
matik bezeichnet, dafs man um eine fturmfreie Burg zu
errichten, in deren Mauern kein Stein wanken dürfe,
vom Urfprung — d. h. der Infpiration, fei es der Kirche,
fei es der Schrift, — auf den Inhalt beweifend fchliefst,
ftatt vor Allem des Inhaltes gewifs zu fein und von da
aus auf den Inhalt des heilsgefchichtlichen Zeugnifses
zu fchliefsen. Hofmann fpricht fich in der kräftigften
Weife gegen die gefetzliche Dürftigkeit aus, auf die das
Chriftenthum hinauskomme, wenn man aus ihm eine ge-
fchichtliche Offenbarung mache, deren Inhalt man glauben
müffe, weil er göttlich geoffenbart fei. Viel entfehiedener
noch ift der in Folge der Einficht in das Wefen des
evangelifchen Glaubens als perfönlicher Erfahrungsge-
wifsheit von Frank vollzogene Fortfehritt. Seine ganze
Theologie ift durch die deutliche Erkenntnifs bedingt,
dafs es die eigenthümlich chriftliche perfönliche Erfahrung
ift, aus und mit der die chriftliche Glaubenserkenntnifs
und -Gewifsheit erft erwächft, und dafs es falfch ift, wenn
die Orthodoxie behauptet, dafs die Erkenntnifs und Gewifsheit
die Vorausfetzung der Erfahrung bilde. — Indeffen
hat bei allen richtigen Anfätzen, keiner der Vertreter
des modernen Confeffionalismus die Methode in Anwendung
gebracht, welche durch klare Aufweifung des
Grundes der evangelifchen Heilsgewifsheit den kirchlichen
Werth der Theologie begründet und garantirt.
Hofmann hat es nicht vermocht, den Weg zu der grundlegenden
und ftets neu zu gewinnenden perfönlichen Erfahrung
des Thatbeftandes des Cnriftenthums zu zeigen;
auf die Frage, woher ich deffen gewifs bin, dafs ich
durch Chriftus zu Gott in einem neuen Verhältnifs flehe,
oder auch wie komme ich zu einer Erfahrungsgewifsheit,
wie fie mir als ein ficherer Befitz jedes Chriften be-
fchrieben wird, bleibt Hofmann die Antwort fchuldig.
Auf die Frage nach dem Grund des perfönlichen chrift-
lichen Glaubens an Gott geht Luthardt ausführlicher ein;
er giebt fogar eine reiche Summe von Selbftbezeugungen
Gottes an, auf die der Chrift feine Glaubensgewifsheit
gründen foll, nämlich einerfeits die fog. natürliche Gottesoffenbarung
und die altteftamentliche Offenbarung als

nothwendige Vorftufe der in Chrifto gegebenen vollkommenen
Heilsoffenbarung, andererfeits die Thatfächlichkeit
der evangelifchen Gefchichte, vor allem der Auferftehung
Jefu Chrifti, die mit den der Gefchichtswiffenfchaft zu
Gebote flehenden Erkenntnifsmitteln bewiefen werden
kann und foll. Frank's Ausführungen werden durch
Gottfchick einer eingehenden und umfaffenden kritifchen
Beleuchtung unterworfen, und es entfpricht die Ausführlichkeit
der Darfteilung ohne Zweifel der hervorragenden
Bedeutung diefes Theologen, von welchem übrigens
Herrmann jüngft mit Recht fagen konnte, dafs er
mehr gefeiert als gelefen werde. Zunächft erledigt G.
einige methodologifche Fragen; er hebt die directe
Analogie der Ffank'fchen Methode mit dem Verfahren
der neueren philofophifchen Speculation und weiterhin
mit dem der Naturwiffenfchaften hervor; er weift nach,
wie wenig das theologifche Nachbild jenes Verfahrens
der Erfahrung der evangelifchen Chriften entfpricht. und
wie dasfelbe zu einem unfruchtbaren Formalismus führt.
Hierauf zeigt er an einzelnen Punkten, an der Lehre
über Gott, über Chriftus als den Heilsmittler, über die
Entftehung des perfönlichen Heilsglaubens, dafs die
Theologie Frank's den Bedingungen der evangelifchen
Glaubensgewifsheit widerfpricht und fchliefslich in den
von ihm theoretifch perhorrescirten, principiell aber und
thatfächlich nicht überwundenen Intellectualismus zurückfällt
. Kern und Stern der dogmatifchen Sätze Frank's
ift die Ausfage über die angeblich unmittelbare Selbft-
gewifsheit des Chriften von feiner Wiedergeburt und
Bekehrung. Diefe Ausfage aber ift nicht nur ein blofser
Machtfpruch, fondern auch ein praktifch fehr gefährliches
Ding: denn indem fie die centrale Pofition der
Reformation preisgiebt, führt fie die einen, die blöden
Gewiffen, in die desperatio und leitet die andern auf
den nicht minder gefährlichen Weg der praesumptio. die
z. B. in dem Hochmuth fich äufsert, mit welchem eine
auf folchem Wege gewonnene Gewifsheit von der Höhe
ihrer prätendirten geiftlichen Erfahrung herab auf Theologen
anderer Richtung als auf erfahrungslofe Leute
herabfieht. Ferner fehlt bei dem Ausgangspunkt Frank's
jede Gewähr dafür, dafs der neue Lebenszweck, den das
Subject gewonnen hat, der chriftliche ift. Denn diefer
ift ein gefchichtlich und objectiv gegebener und innerhalb
gefchichtlicher Zufammenhänge dem Subject zu
Theil gewordener.

Wer fich die Mühe nicht verdriefsen läfst, den
namentlich in der Auseinanderfetzung mit Frank nicht
leichten Erörterungen zu folgen, wird aus der durch
Gottfchick geführten Discuffion einen reichen Gewinn
und vielfache Förderung und Anregung erhalten. Vielleicht
wäre allerdings der Ertrag diefer Debatte noch
fruchtbarer, wenn man fich nicht genöthigt fähe, an
vielen Stellen und meiftens nur gelegentlich die übrigens
klar hervortretende Grundanfchauung des Verfaffers
herauszufinden; die Einzelcontroverfe mit den in ihren
Sonderdeductionen charakterifirten Verfaffern hat zuweilen
etwas ermüdendes, das manche Lefer, die ohnehin
durch die Schwierigkeit der Frank'fchen Darftellung fich
abgeftofsen fühlen, von der Leetüre des reichhaltigen
Gottfchick'fchen Buches abfehrecken wird. Auch verlieren
die in das Ganze eingeftreuten Bemerkungen und
Andeutungen nicht feiten dadurch an Kraft und Deutlichkeit
, dafs fie in polemifche Erörterungen eingeflochten
find, welche ihre pofitive Bedeutung nicht gebührend
hervortreten laffen. Man vergleiche z. B. die trefflichen
Seiten über die durch den reformatorifchen Glaubensbegriff
gebotene totale Umänderung der herkömmlichen
Problemftellung (S. 107—109), die feinen Winke über die
Auferftehung Jefu Chrifti (102. 88—90. 100—102. 106. 113)
oder über feinen Tod, über den Schöpfungs- und Vor-
fehungsglauben (70.77—80. 157 ff. 175 u. öfter), über die
Wurzeln des Glaubens an die Gottheit Chrifti (204 ff.).
Ich vermuthe, dafs die durch diefe Methode der dialek-