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Ausgabe:

1894 Nr. 26

Spalte:

656-658

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Srivener, Frederick H. A.

Titel/Untertitel:

Adversaria critica sacra with a short explanatory introduction 1894

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 26.

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gifchen Facultät zu Montauban hatte bereits vor Jahren
Rothe's Schöpfungsbegriff zum Gegenftand feiner Erft-
lingsarbeit gemacht (De l'idee de la Creation d'apres
R. Rothe, 187r). Seit jener Zeit ift Prof. Leenhardt feiner
Bewunderung und Verehrung für Rothe unwandelbar
treu geblieben, und nicht nur die theologifchen und
philofophifchen Studien L.'s, auch (wie er es bekennt)
feine naturwiffenfchaftlichen Forfchungen (durch feine
Etüde et carte geologiques du tnont Ventoux, 1882, hat
L. den Grad eines docteur es sciences erworben) haben
ihn in diefen Gefühlen beftärkt. Das Buch L.'s zerfällt
in zwei Theile. Die erfte Hälfte (S. 7—153) enthält eine
ftreng objective, durchaus correcte und bis ins Detail
getreue Darftellung des Rothe'fchen Begriffs der Sünde
in feinem inneren Zufammenhange mit den Lebren von
Gott und Welt. Die Eigenfchaften, auf welche aus-
fchliefslich Rothe felbft Gewicht gelegt hatte, Klarheit
und Deutlichkeit, zeichnen die franzöfifche Reproduction
in eminenter Weife aus. Es ift ihr gelungen, einen Stil
wiederzugeben, ,der das Knochengerüft der Gedanken
in feiner ganzen geradlinigen Unfchönheit, in feiner
ganzen Schärfe und Eckigkeit handgreiflich hervor-
fpringen läfst, unverhüllt von einem fchwellenden und
blühenden Ueberzuge weicher Fleifchtheile'. Durch diefe
principielle Verzichtleiftung auf jeden Schmuck der Rede,
durch die hohen Anforderungen, welche die jeder Rhetorik
baare Ausführung ftellt, mag L.'s Buch vielleicht
manchen franzöfifchen Lefer abfchrecken; und doch
wird gewifs jeder, welcher fich der hier gebotenen
ernften Gedankenarbeit unterzieht, felbft aus der gedrängten
Analyfe L.'s etwas verfpüren von dem impo-
nirenden Eindruck, den die grofsartige Gefchloffenheit
und die geniale Virtuofität der Rothe'fchen Speculation
immer wieder hervorruft, und er wird es dem franzöfifchen
Interpreten danken, dafs der eigenthümliche Zauber
, den die Verbindung der kühnften Gedanken und
der innigften kindlichften Frömmigkeit auf Jeden ausübt,
durch die Uebertragung in eine fremde Sprache nicht
ganz verwifcht worden ift. — Der zweite Theil des Buchs
(155—296) ift der Beurtheilung der Lehre Rothe's gewidmet
. Zuerft prüft L. die den Knotenpunkt der Rothe-
fchen Speculation bildende Auffaffung des Geiftes; hierauf
unterfucht er die metaphyfifchen und die pfycho-
logifchen Elemente des Problems, um dann von hier
aus die Frage nach der Unvermeidlichkeit der Sünde
zu beleuchten; endlich verfucht er es, den pofitiven
Ertrag der Gedankenarbeit R.'s feftzuftellen. Volle Beachtung
verdient die kritifche Beleuchtung, welche L.
der fpeculativen Methode Rothe's zu Theil werden läfst
(S. 246 ff. 252 ff.). Leider folgt L. in feinen pofitiven
Andeutungen nicht confequent der von ihm felbft ge-
ftellten Forderung, nach welcher Chriftus der Mafsftab
für die Bildung des Lebensideals und für die Beurtheilung
der Sünde fein foll (S. 275). Den durch ihre Voraussetzungen
und ihre Methode unferer Zeit fo ferne
flehenden Gedanken Rothe's bemüht fich der geiftvolle
Verfaffer ein unmittelbares Intereffe für die Gegenwart
abzugewinnen. In zweifacher Beziehung foll, nach L.,
Rothe's Gedankenwelt unferem Bewufstfein entgegenkommen
. Einmal befteht eine unleugbare Analogie
zwifchen Rothe's Weltanfchauung und den Verfuchen,
das Welt- und Lebensräthfel durch die Kategorie der
Evolution zu löfen. Andererfeits ift die ganze Kosmologie
Rothe's (im weiteften Sinne des Wortes) durch
den Centraibegriff des Moralifchen beherrfcht, ein Grundgedanke
, der ebenfalls den Beftrebungen und Intereffen
einer namhaften Schaar von Denkern unferer Tage ent-
fpricht. Prof. Leenhardt, felbft ein Vertreter der Des-
cendenzlehre und zugleich ein Anhänger der kriticifti-
fchen Philofophie (Renouvier, Pillon, Secretan in
feinen letzten Veröffentlichungen), erblickt in Rothe's Speculation
den Ausdruck jener in der Gegenwart hervortretenden
Tendenzen, — mit welchem Rechte, mag hier

unerörtert bleiben. Möge es dem Verf. gegeben fein,
bei dem theologifchen Publicum des franzöfifchen Pro-
teftantismus diefelbe Theilnahme für fein Buch zu erfahren
, welche diefes, wie ich höre, bereits bei feinen
Schülern, in der Geftalt von Vorträgen und Uebungen,
gefunden hat. Einen folchen Erfolg müffen wir um fo
aufrichtiger wünfchen, je fchwieriger die unternommene
Aufgabe war. Macht doch Rothe felbft auf die Schwie-
I rigkeiten aufmerkfam, die es dem Recenfenten bereitet,
einen kurzen und doch richtigen und verftändlichen
j Auszug aus feinem Syftem zu geben: ,den meiften fei
! über diefem Gefchäfte die Geduld geriffen'. Diefe Geduld
hat L. muthig geübt und unverdroffen bewahrt.
,Ich weifs felbft recht gut, fagt anderswo Rothe, dafs
es ein kaltes Buch ift; aber kann und darf denn eine
ftreng wiffenfchaftliche Arbeit anders fein als kalt? Die
Melodie zu diefen abftracten Begriffen klingt hell und
i voll in meiner Seele, und diefe kalten Sätze rechnen
j durchaus auf Lefer, die ein volles und warmes chrift-
| liches Herz fchon mitbringen, und hier nur das ver-
Händige Wort für ihr chriftliches Gefühl fuchen'. Dafs
j die aufmerkfamen Lefer auch in L.'s Schrift ein folches
Wort finden werden, ift mir zweifellos, und ich wüfste
j kein fchöneres Lob, das dem Buch gefpendet werden
könnte.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Gottschick, Prof. Dr. Johs., Die Kirchlichkeit der s. g. kirchlichen
Theologie, geprüft. Freiburg i/B., J. C. B. Mohr,
1890. (VII, 244 S. gr. 8.) M. 4.—

Es ift nicht die Schuld des Ref., dafs diefe bereits
vor vier Jahren erfchienene Schrift Gottfchick's jetzt eift
in der Theologifchen Literaturzeitung zur Anzeige gelangt
. Indeffen hat G.'s Buch feit feinem Erfcheinen
feine Bedeutung keineswegs verloren: noch immer mufs
es als ein recht zeitgemäfses betrachtet werden, noch
immer fleht das hier behandelte Problem in dem Mittelpunkt
der dogmatifchen Discuffionen, ja es greifen
fchliefslich alle Sonderlehren auf die hier erörterte Prin-
cipienfrage zurück. — Der Anlafs zu diefer Schrift ift
ein polemifcher gewefen. Gottfchick will das Recht des
Anfpruchs auf die Prärogative der Kirchlichkeit prüfen,
den die fog. confeffionelle Theologie erhebt. Die Behandlung
diefer Frage entlehnt ein eigenthümliches Intereffe
dem Umftande, dafs die theologifche Entwickelung
des Verfaffers ihn felbft durch die fog. kirchliche Theologie
hindurchgeführt hat. Und was ihn zum Bruch mit
ihr getrieben, war in erfter Linie die Erprobung ihrer
Unzuträglichkeit gewefen, den Weg zum Gewinn und
zur Aufrechterhaltung der perfönlichen Glaubensgewifs-
heit zu zeigen. ,Urfprünglich war es meine Abficht,
durch eine Parallele der fog. kirchl. Theologie und derjenigen
A. Ritfchl's den kirchlichen Werth der letzteren
in's Licht zu Hellen. Es erwies fich aber als für diefen
Zweck unumgänglich, auf die Mifsdeutungen, welche diefelbe
erfahren hat, im Einzelnen näher einzugehen. Ich
habe mich daher hier auf die Prüfung der fog. kirchlichen
Theologie befchränkt'. Als Repräfentanten diefer Theologie
werden Luthardt (54—59.68—109), Hofmann (59—68)
und befonders Frank (110—231) vorgeführt und kritifch
beleuchtet.

Zunächft ftellt G. den Mafsftab für die Beurtheilung
der Kirchlichkeit der Theologie feft. Derfelbe darf nicht
in dem Mafs der quantitativen Uebereinftimmung mit der
Summe fymbolifcher Lehrfeftfetzungen gefucht werden.
Eine folche Beftimmung entfpräche dem gefetzlichen
Standpunkte des römifchen Katholi cismus, ift aber mit
dem Grundprincip des evangelifchen Proteftantismus,
mit dem Princip der perfönlichen Glaubensgewifsheit,
unverträglich. Was wirklich chriftliche und kirchliche
Wahrheit ift, kann nur in dem der Natur des evange-