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Ausgabe:

1894 Nr. 26

Spalte:

653-656

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zimmer, Friedr.

Titel/Untertitel:

Der Text der Thessalonicherbriefe, samt textkritischem Apparat und Kommentar, nebst einer Untersuchung der Individualität und der Verwandtschaft der Textzeugen der paulinischen Briefe 1894

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

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657 Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 26. 658

Es folgt XXV ff. die Befchreibung folgender Codices:
b = 604(Ti.700), Brit. Muf.2610 (nicht 604) nach Hoskier's
ausführlichem Werk über diefe Hndfchr., c = 59. d = 66
(beide fchon theilweife von Mill collationirt). Dann von
zwei Codices, die 1731 von Thomas Payne aus Konftan-
tinopel gebracht, in den Befitz des E. B.Wake gelangten:
e = 492 (Ti. 506) f = 503 (Ti. 517), dazu XLIII g = 618
(Ti. 672) (von Hoskier im Appendix feines Werkes collationirt
). Von allen diefen Codices eine Collation S. 60 ff.
(vollftändig für cdef). Unfere Kenntnifs der Evangelienminuskeln
ift leider noch lange nicht genug fortge-
fchritten, dafs es uns bei den meiften Minuskeln gelingen
könnte, fie einer beftimmten Gruppe zuzuweifen, was im
Lauf der Zeit mit Sicherheit gelingen mufs. Einft-
weilen mache ich auf zweierlei aufmerkfam. Zunächft:
wollen wir weiter kommen in der Bearbeitung des ungeheueren
Minuskelmaterials, fo gilt es bei künftigen
Collationen eine fichere Auswahl zu treffen. Es gilt be-
fonders charakteriftifche Typen fchon jetzt mit unferem
Material auffindbarer Gruppen zu collationiren, nicht
irgendwelche beliebig aufgegriffenen Minuskeln. Natürlich
follen auch, wenn möglich, neue Handfchriftengruppen
aufgefucht werden, und daher wird es nöthig fein, befonders
auf die Codices Acht zu geben, deren localer
Urfprung noch feftzuftellen ift. Die Arbeit aber, die z. B.
auf den ganz fingulären Codex 604 verwandt ift, ift zunächft
verlorene Liebesmüh. Was die einzelnen Hndfchrn.
betrifft, fo habe ich durch Vergleich mit den in meinen
textkritifchen Studien Il2ff. citirten Stellen eine wenn
auch nicht fehr enge Verwandtfchaft von d und e mit
/v//w conftatiren können.

S. XXXVII ff. folgen Befchreibungen einer Reihe von
Codices, welche die Baronefs Burdett-Coutts 187072 aus
Janina in Plpirus nach England gebracht hat: die Nummern
547-49 (T>. 532—34) 55°- 52-55 (537- 3»- 40—42)
557—559 (544—46) 612 (Evglftr. 932). Bei vielen Codices
findet lieh eine Auswahl von bezeichnenden, namentlich
von fingulären Lesarten. Ich kann nicht finden, dafs die
Arbeit, die hier geleiftet, befonders glücklich angewandt
ift. Genaue Collationen von wenigen ausgewählten Ca-
piteln würden uns viel mehr gefördert haben, als diefe
ziemlich principlofe Auswahl von Varianten. Die fingulären
Lesarten einer fpäten Minuskel zu kennen, hat
wenig Werth, wenn die betreffenden Varianten nicht von
befonderem Umfang find. Bei der Minuskel 547 wird
eine geringe Verwandtfchaft mit BsC conftatirt. 557
zeigt eine grofse Anzahl fingulärer Varianten (ebenfo
558). Es folgt eine Reihe von Evangeliarien. Die erfte
t = 22i (186) weift nach einigen Andeutungen im Meno-
logium in die Oftgegend des Patriarchats von Kon-
ftäntinopel. Darauf giebt Scr. die Befchreibung einer Reihe
von/Eta-Hndfchrn. aus derfelben Sammlung: a. 220(223),
die uns fchon bekannten Wake 12. (193 refp. 199) (some-
times with »B) und 34. (190), dann ß. 221.(224) eine nach
Scr. befonders wichtige Handfchrift. Sie zeigt fich eng
verwandt mit der (zur ägyptifchen Claffe gehörigen)
Min. 61, in den katholifchen Briefen mit cscr (184) mit
dem philoxenianifchen Syrer cum astcrisco, IOO (Mtth. d),
ascr (182) und 66". Eine vollftändige Collation diefer
Hndfchr. wäre dringend erwünfeht.

Es folgen LXXVII ff. einige Paulushndfchrn. Zunächft
eine bemerkenswerthe Ausführung zu Wake 12
(Paul 277 refp. 256) — hier ift eine Reihe von Stellen
zufammengetragen, aus denen eine Verwandtfchaft
mit Bü hervorgeht — dann Wake 34, hier ein Nachtrag zu
der Collation zu den Evangelien: einige Stellen, aus denen
Verwandtfchaft mit BCD hervorgehen foll; endlich
6. Paul 266 ebenfalls aus der Sammlung Burdett Coutt's
II 4 (Theil eines ganzen neuen Teftaments, deffen übriger
Beftand fich British Museum Addit. 28815 findet).

Zur Apokalypfe eine Befchreibung der Handfchriften
(LXXXVII) Wake 12 (Min. 26) Wake 34 (27) rj. (BC. II4A
*= 89). Dazu 143 eine Collation diefer drei Codices,

I ferner der Complutenfis (C) Stephanus t II (St. 1. 2) Beza
I. V (B. 1. 5) Elzevir I. II (E. 1. 2).

Hier reicht meine Claffificirung der Minuskeln fo
weit, dafs ich die betreffenden Minuskeln gruppiren
kann. Es zerfallen die Minuskeln zur Apc. wefentlich
in zwei Gruppen, die man als Andreas- und Arethas-

I gruppe bezeichnen kann. Aber die Collationen Scr.'s

I geben willkommenen Anlafs zum weiteren Ausbau des
Minuskeiftammbaums. 26 gehört allerdings keiner beftimmten
Gruppe an und zeigt hier, wie in den übrigen
Beftandtheilen des neuen Teftaments Verwandtfchaft
mit X. Dagegen haben wir in 27 den Führer einer
Gruppe, eines Seitenzweiges der Familie QRel. Zu diefer
Gruppe gehören die Minuskeln 9. 13, in zweiter Linie
29. 50.93,94; zum Beweife vgl. die Varianten 1,6 xai noir-
auvn 2, 14 cov (payeiv 3, 2 Trjgr^oov 5, 8 noooEvyiov 7,14
eriXaxvvav 9,2 Eipijowoiv 9,20 ~~>y,m tu %aXxcc 13,1 ovte
17,3 toy.oxy.ivov 18,7 011 y.adiog 18,18 tY.oavyaCov ig, 12
ovoiiaxa y£yga/.i/.isva. An faft allen diefen Stellen zeigt
die Gruppe bemerkenswerthe Sonderlesarten. 18, 7 ift
befonders bemerkenswerth; hier liegt ein Schreibfehler
der in Q 14 92 fich findenden Variante oti xaduo vor. —
Die Minuskel 89 gehört zu der nun noch übrig blei-

J benden Gruppe QRel, in der Q14. 92 wieder eine Sonder-
ftellung einnehmen.

Befonders intereffant ift hier eine Unterfuchung der
von Scr. collationirten Complutenfis. Ich lege die in
meinen textkritifchen Studien gefammelten Stellen S. 8 ff.
zu Grunde. Von 44 Stellen, an denen die Andreasclaffe
Sonderlesarten hat, geht C. 26mal mit der Claffe. An
16 von den übrigen Stellen wird die Claffe jedesmal
auch von der Gruppe 10. 17. 37. 49. 91. 96 im Stich
gelaffen. Die Verwandtfchaft von C. mit diefer ift alfo zweifellos
. 15,8 machen wir weiter die Beobachtung, dafs C
gegen K und unfere Gruppe fleht, aber mit der Min. 37.
Ferner ftimmt 17, 3 C mit 37 (und 18. 36. 79) in der
Lesart iietiotiy.ev überein. Es theilt freilich C 2, 3 die
Sonderlesart von 37 > xai eßctOTaoag nicht. Dennoch
find C und 37 nahezu identifch. Nun ift 37 der Codex
Virticanus Graecus 366. Sollten doch auch für das neue
Teftament — wenigftens für die Apokalypfe — Vatican-
codices bei der Ausgabe der Complutenfis verwerthet fein?

Mit der ausführlichen Befprechung möchte ich einen
Theil des Dankes abtragen, den alle neuteftamentlichen
Textkritiker Scrivener's unermüdlichem Fleifse fchuldie
find.

Göttingen. W. B o u f f e t.

Leenhardt, D. Dr. F., Le peche d'apres itthique de Rothe.

Paris, Fischbacher, 1893. (299 S. gr. 8.) fr. 5.—

Zu wiederholten Malen und von verfchiedenen Ge-
fichtspunkten aus ift der Verfuch gemacht worden, die
Speculation Rothe's dem franzöfifch redenden Proteftan-
tismus zugänglich zu machen. Babut {Bulletin theologi-
que, 1868—1869; Revue theologique de Montauban 1870
und 1872), Astie {Revue de theologie et de Philosophie
1869—1870), Lichtenberger {Histoire des idees reügieuses
en Allemague depuis le milieu du XVIII < siede, 1873 ff.
Bd. III.; Encydopedie des sciences religieuses, Band XI,
1881) haben umfaffendere Skizzen geliefert. Andere
haben einzelne Punkte aus Rothe's Syftem herausgegriffen
und eingehender behandelt: G. Godet, La notion
de IEsprit dans le Systeme de Rothe {Revue theologique
1874); P. Minault, De lorigine du piche dans l'Ethique
de Rothe, 1883 (vgl. auch über diefe Frage, Hacken-
fchmidt, Etüdes sur la doctrine chretiennc du piche,
1869). Indeffen hatte weder das Ganze der Rothe'fchen
Speculation noch auch einzelne Theile desfelben jemals
eine fo ausführliche Darftellung und eine fo fcharffinnige
Beurtheilung erfahren, als es in vorliegender Schrift
gefchehen ift. Der in den Kreifen des franzöfifchen
Proteftantismus hochgefchätzte Profeffor an der theolo-

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