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Ausgabe:

1894 Nr. 2

Spalte:

640-641

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Köhler, Karl

Titel/Untertitel:

Das Apostolikum als Tauf- und Konfirmationsbekenntnis 1894

Rezensent:

Lobstein, Paul

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643 Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 25.. 644

ift: die fog. ,Moderne' nun einmal nicht mehr blofs in
der Mufik, Malerei, Poefie, fondern auch in der Philo-
fophie — aber nein, es ift ja nicht die Moderne, es ift
der Geift der guten alten Zeit, wie er zu ewigem Ge-
dächtnifs in dem Baccalaureus des 2. Fauft verkörpert
ift. Thatfächlich datirt auch Herr Kühnemann von fich
eine neue Entwicklung der Dinge (S. 269): Wir aber
tröften uns mit den Worten des Mephiftopheles: ,in
wenig Jahren wird es anders fein'.

Wir verdanken Herrn Kühnemann ein nützliches
Buch über Schiller's Wallenftein; das vorliegende kann
ich nicht mit diefem Prädicat feinen Weg nehmen
laffen. Das Bild von Herder's Entwicklungsgang, wie
es Haym in fatten Farben fixirt hat, ift auch unter
Kühnemann ganz unverändert geblieben. Während K.
von der Vollendung der Weltanfchauung in den Ideen
erzählt, nennt Haym diefe Periode ,Herder auf dem Höhepunkt
feines Wirkens'. Unfer moderner Scholaftiker
proclamirt: in diefer Periode feiner Seelengefchichte habe
Herder die endgültige Form feiner geiftigen Organifation
gewonnen, behandelt aber in demfelben zweiten Buch
auch den , Verfall der Geiltesform Herder's'. Es beginnt
nach K. die ermüdende Lebenskraft, nach Haym der
Niedergang von Herder's Schriftftellerei mit den Humanitätsbriefen
. S. 151 ff. wird Herder's Gott biologifch als
Bewufstfein feiner Seele gedeutet. In feinem Gott habe
lieh feine bis dahin (1787) zerfplitterte Gedankenmaffe
geeint, in ihm komme der ganze Gehalt feiner Geiftes-
form ans Tageslicht. Im Glauben an diefen Gott habe
fich Herder einig gefühlt mit Spinoza, Leibniz, Shaftes-
bury, er habe fich in deren Welt eingefühlt und in
diefer Wechfelwirkung des Gebens und Nehmens wurden
fie ihm felbft ein Ereignifs. Haym hatte uns Herder als
SchülerLeibnizens, als Verehrer Shaftesbury's, als Anhänger
Spinoza's gefchildert, als gefchichtliche Vorausfetzung
Herder's Beziehungen zu Leffing und Jacobi abgehandelt
und dann gezeigt, wie Herder die Vorftellungen jener
Männer fich felbft auf den Leib gepafst habe, fo dafs
fchliefslich die Herder'fche Gotteslehre auch feine Ge-
fchichtsphilofophie in fich begreife — und das nennt
K. befchreibende Anatomie. Für uns ift Haym der
Hiftoriker, der Leben und Arbeit Herder's endgültig und
meifterhaft feftgelegt hat, über den K. nirgends hinausgekommen
ift, an den K. nirgends heranreicht. Ich
finde nicht, dafs irgendwo das Verftändnifs der Herder'-
fchen Schriften durch die K.'fche Biologie gefördert wäre.
Nur nebenbei fei bemerkt, dafs bei der von K. gewählten
Betrachtungsweife die Entwicklung Herder's als Künftler
gar nicht zur Geltung gekommen ift. Die künftlerifche
Grofsthat des Herder'fchen Stils — dafür war K.'s Ge-
fichtsfeld zu eng. Es geht nun einmal nicht an, die
äfthetifchen Factoren mit den ethifchen zufammenzu-
werfen; in diefer fog. Biologie des Geiftes hat die Phan-
tafiethätigkeit nicht den ihr gebührenden Raum gewonnen.
Seine Grundanfchauung hat K. wohl immer wieder auf
den ,Erzieher', nicht aber auf den /Künftler' achten laffen.
Es ift grundverkehrt, von einer ,Wiffenfchaft' Herder's,
im Sinne, wie wir das Wort heute gebrauchen, zu reden.
Herder's Arbeit ift keine wiffenfehaftliche, wie der Con-
flict mit Kant gezeigt hat. Sein eigentliches Element
ift das Apergu im Sinne Goethe's, d.h. ,das Gewahrwerden
einer grofsen Maxime, welches immer eine genialifche
Geiftesoperation ift; man kommt durch Anfchauen dazu,
weder durch Nachdenken, noch durch Lehre oder Ueber-
lieferung' (Dichtung und Wahrheit IV, 28). Und fo fagt
ja auch K. gelegentlich ganz richtig, Herder gebe nicht
theoretifche Gedanken, fondern lebendige Seelengefühle,
ja nach S. 163 ift es blofs noch die ,Stimmung' Herder's,
die er in feine Gedankenwelt überträgt. Aber dann er-
fcheinen ihm Herder's theoretifche Gedanken als Reife
und Vollendung einer in ihrer Geifteswelt ruhenden Per-
fönlichkeit. So ifts ja nun aber bekanntlich mit aller
Bildung befchaffen, vergebens werden ungebundne Geifter

nach der Vollendung reiner Höhe ftreben, wer Grofses
will, mufs fich zufammenraffen. Es ift fchmerzlich. immer
wieder erleben zu müffen, dafs das heutige Künftler-
gefchlecht diefe goldene Regel verloren, dafs man glaubt,
andere bilden zu können, ehe man fich felbft gebildet
hat. Dafs der perfönliche Bildungsadel in der Kunft
verewigt worden, dafs, wie Goethe mit Bezug auf Herder
fagt, Gedanke und Empfindung den Ausdruck bildet,
ift für Herder nichts Eigentümliches; derjenige, den
Goethe als eigentlichen Heros diefer Idee gefeiert
hat, Schiller, ift bei K. nirgends genannt. Goethe und
Schiller find frei von der Diffonanz zwifchen Leben und
Lehre Herder's, die K. verdeckt hat, während fie andere
(z. B. Herrn. Grimm) übertrieben haben. K. löft das
Räthfel, wodurch denn der Verfall des Herder'fchen
Geiftes herbeigeführt worden fein möchte, mit der Auskunft
: fociale Bedingtheit. Wie er diefen Begriff in feinem
Syftem einer Biologie des Geiftes unterbringen will,
weifs ich nicht. Richtiger fagt K. S. 240: ,Sein Gedanke
und fein Leben hatte nicht die Form, die Friede und
Ruhe giebt: daraus Aufblühen und Welken des geiftigen
Organismus, der geiftigen Activität herzuleiten — das
wäre Aufgabe des Biologen gewefen, der die Lebens-
erfcheinungen in ihrer Totalität auf Gefetze bringen will,
und dafür gilt immer noch das Wort Jacobi's von 1788:
Leider hat die Natur fein Ganzes nicht mit günftiger
Hand gemifcht. Bei Herder, meint K., fei darum das
ganze Leben nicht Gedanke geworden, weil der Gedanke
an fich nicht feine eigenfte Anlage gewefen fei, und
jetzt fieht fich K. fogar zu der Confequenz gedrängt:
die ganze Reife der Gedankenbildung in Herder's Ideen
fei fein ,abgelenkter Beruf' gewefen! Herder ging alfo
nicht im Geleife feines Berufs, Herder hat alfo nicht
lebendige Seelengefühle in feinen Werken niedergelegt,
Herder ift alfo nicht der vollendet erzogene Menfch gewefen
, der Gedanke und Kunftwerk zugleich hätte fein
können (S. 244) — und das führt K. auf fociale Bedingtheit
zurück! Mangel an Selbftzucht ift fociale Bedingtheit
, fo jämmerlich lautet das Evangelium der,Moderne',
fo unfähig für das Verftändnifs fittlicher und künft-
lerifcher Gröfse ift fie geworden, fo ungeeignet für hifto-
rifche Forfchung ift die von ihr vertretene Theorie des
,milieu'.

Jena. Friedrich Kauffmann.

Bibliographie

von Oberbibliothekar Dr. Johannes Müller.

Berlin NW., Reichstags-Bibliothek.

jDcutfcbc Hitcratur.

Gla, D., Syftematifch geordnetes Repertorium der katholifch-theolo-
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