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Ausgabe:

1894 Nr. 2

Spalte:

45-48

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rébelliau, Alfred

Titel/Untertitel:

Boussuet, historien du protestantisme. Étude sur l’histoire des variations et sur la controverse entre les protestants et les catholiques au 17. siècle 1894

Rezensent:

Eck, Samuel

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 2.

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zeigt uns Dorpat unter den Einwirkungen des Lutherthums
, das am Weihnachtsabend 1524 feinen Einzug in
die Stadt hielt. Die dritte Periode endlich nimmt ihren
Anfang mit der Gründung der Univerfität Dorpat a. 1802
und foll uns die Verdienfte der Stadt um die deutfche
Wiffenfchaft vor Augen führen. Diefen drei Abfchnitten
ift dann noch eine Reihe von Auffätzen angehängt,
die zufammen faft den Umfang jener Abfchnitte erreichen
und darauf berechnet find, uns Deutfchen über die gefährlichen
Abfichten der Ruften auf Deutfchland die Augen
zu öffnen. Dem Ref. liegt es fern, die Tendenz des
Verfaffers tadeln zu wollen; doch kann er nicht umhin,
ihm den Rath zu ertheilen, künftig feinen Ruffenhafs,
der oft geradezu komifch wirkt, weniger hervortreten
zu laffen, den Lefern keinen Anlafs zu geben, an feinen
gefchichtlichen Kenntnifsen zu zweifeln, und durch feinen
Stil nicht eine unerwünfchte Kritik herauszufordern.

Weimar. H. Virck.

Rebelliau, Alfred, Bossuet, historien du protestantisme.

Etüde sur l'histoire des variations et sur la contro-
verse entre les protestants et les catholiques au 17.
siecle. Paris, Hachette & Cie., 1891. (XIX, 602 S.
gr. 8.)

Der Verfaffer diefer in mehr als einer Beziehung ausgezeichneten
Unterfuchung von Boffuet's Histoire des
Variations des Eglises protestantes hat von den ver-
fchiedenften Seiten bereits verdientes Lob erfahren. Faft
könnte die Anerkennung, die ihm von fchroft ultramontaner
zu Theil geworden ift, einen proteftantifchen Lefer
ftutzig machen. Denn wie Boffuet's Werk felbft, fo ift
auch Rebelliau's Unterfuchung als würdiges Seitenftück
zu Arbeiten Janffen's gefeiert worden. Und wenn die
Unionsbeftrebungen des franzöfifchen Prälaten zu leichtem
Tadel des ,fonft fo meifterhaften Werkes' Anlafs bieten
(Wetzer u. Welte II, 1134), fo meint man umgekehrt in
den liberalen' Anfchauungen feines Kritikers vielmehr
eine Bürgfchaft für die Unparteilichkeit feines Lobes zu
befitzen (Hift.-polit. 131. 1892, S. 252). Dies Verfahren
ift fehr durchfichtig. Es wird fich fragen, in welchem
Umfang ReT>. felbft dazu angeleitet hat. Er will fich in
feiner Unterfuchung ftreng auf den hiftorifchen Befund
befchränken. Alles rein Theologifche — toutes les ma-
tieres de metaphysique religieuse et de mysticite; Vorwort
p. VII, vgl. S. 155 f. 422 Anm. 2. — fchliefst er von feinen
Erwägungen aus, indem er fich in diefer Beziehung für
incompetent erklärt. Aber diefe Incompetenz ift ein erdichteter
Ruhm. In Wirklichkeit liegen feiner Arbeit
fehr beftimmte theologifche Urtheile zu Grunde. Er
kennt eine am weiteften fortgel'chrittene, freie Form des
Proteftantismus, die, wie es fcheint, gleichzeitig auf Hegel
und Wesley (S. 561) als ihre geiftigen Urheber zurückblicken
darf. Und das Ziel, dem wir unter diefem
doppelten Einflufs von Evolutionsphilofophie und Er-
weckungsmethodismus zuftreben, ift wie religion dont la
Variation est l'esscnce (S. 571). Was Boffuet, indem er
in der Controversliteratur feiner Zeit das letzte Wort
fprach (S. 92), dem Proteftantismus zum bitterften Vorwurf
machte, eben das bildet in den Augen unferes
Kritikers feinen ruhmvollften Befitz. Und unter der
gegenfätzlichen Einwirkung von Boffuet's Werk fing er
an fich diefes Befitzes bewufst zu werden. Einft, in Luther
felbft, war dies Bewufstfein bereits erwacht. Boffuet
glaubt dem Reformator Veränderungen feiner Anflehten
an wichtigen Punkten des Cultus der Moral und des
Dogma's nachweifen zu können. Aber nicht über diefe
Veränderungen felbft wundert er fiel). Ce que l'etonne,
c'est que Put Ii er ne se defende point tout au contraire,
il varie, et il s'en vante. Und dies hlrftaunen ift nicht
ihm eigenthümlich; ce n'est pas im etonnement de catho-
Haue; c'est I'etonnement de tont chretien de ce temps

j (S. 467 ff.). Denn man würde fich fehr täufchen, wenn
! man glaubte, dafs die proteftantifche Seele fich im 17.
Jahrh. fehr von der katholifchen unterfchieden hätte.
Der Proteftantismus war faft eine Copie, eine ,contrtfacod
des Katholizismus geworden. Die hardiesses primitives
waren vergeffen. Wie Bayle die Lutheraner fchildert
,devenu presque molinistes', fo trennte die Reformirten
wenig von der Frömmigkeit nicht nur der Janfeniften.
Dort wie hier war die fixite constante et absolue, die per-
petuite de la foi das anerkannte Kennzeichen der Wahrheit
(S. 30ff. 56L 310. 471. 568L). Boffuet ift in feiner
Histoire des Variations mithin von einem Grundfatz ausgegangen
, deffen volle Gültigkeit auf keiner Seite be-
ftritten wurde. Er vollendet einerfeits, was die grofsen
Janfeniftifchen Polemiker begonnen hatten, er fchlägt die
Gegner andererfeits mit eben den — gefchichtlichen —
Waffen, die fie feit Aubertin zu gebrauchen gelernt hatten.
Er läfst den Proteftantismus fein Bild in einem Spiegel betrachten
, der nach feinen eigenen Grundfätzen gefchliffen
ift. Aber der Erfolg ift überrafchend genug. Lc Protestantisme
n'a pas eu honte et il n'a pas eu peur. II ne
s'est pas renonce lui-meme. Im Gegentheil. Unter Boffuet's
Augen felbft macht er, zumal in Juricu's Schriften, die
erften, zunächft wie krampfhaften, Anftrengungen, fich
feiner Eigenthümlichkeit bewufst zu werden, lieh von
Allem, was ihm vorausgegangen ift, Waldenfern, Wicle-
fiten, Huffiten zu unterfcheiden, feine Neuheit eben fich
als Kraft und Ruhm anzurechnen (S. 559).

So weift der Verf. mit reicher Quellenkenntnifs und
feiner Combinationsgabe dem Werk des katholifchen
Bifchofs feine Stelle an dans P histoire du developpement
de la religion reformec. Die Dienfte, die der Prälat
feinen Gegnern leiftet, find freilich fo unbeabfichtigt, wie
umgekehrt die wirkliche Tendenz desfelben offenkundig
ift. Seine ganze Wirkfamkeit fo vor wie nach 1685 hat
der Propaganda gedient. Kein anderer Zweck leitet ihn
auch bei der Abfaffung diefer Gefchichte des Proteftantismus
(f. S. 68ff. 299ff. 522 ff.). Was aber Rebelliau er-
weifen will, ift, dafs diefe Tendenz die Erkenntnifs der
Gefchichte bei Boffuet nicht getrübt, dafs fie keinen ent-
fcheidenden Einflufs auf feine Methode, die Benutzung
der Quellen, die Auswahl und Gruppirung der That
fachen etc. geübt hat. Aber ReTelliau hat die Ueber-
zeugungskraft diefer Nachweife, fo ausführlich und peinlich
genau fie im Einzelnen find, von vornherein gelähmt. Sie
follen fich nur auf die mutieres d''histoire proprement ditc
contenues dans l'Hist. d. Vat. erftrecken. Wird diefe
Ausfcheidung des rein-hiftorifchen Stoffes aus dem Zu-
fammenhang des Ganzen gelingen? Und wenn es gelänge,
wird in einem doch offenbar einheitlich gedachten und
ausgeführten Werk die Summe der unterfuchten Einzelheiten
ohne das abfichtlich zufammenfaffende Band oder
ohne die Beleuchtung, unter der fie im Zufammenhang
des Ganzen flehen, noch eben das fein, was der Schrift-
fteller urfprünglich damit gemeint hatte? Gefetzt, der
Proteftantismus wäre, was Reb. aus ihm macht, diefe
religion, dont la Variation est Vessence, fo ift es ihm entgangen
, dafs in bellimmten Grenzen Boffuet felbft und
für feine Kirche das Bedürfnifs von Reformation d. h.
docli wohl von .Veränderungen' kennt. Liv. V, 12 lieft
man den entfeheidenden Satz: La reformation verilablc,
c'est a dire, celle des mocurs, reculait au Heu d'avancer.
Vgl. ib. c. 14. fin., c. 1. Von da aus ift die Einleitung
zum ganzen Werk entworfen, in der Boffuet (I, 1—6) das
Verlangen nach Reformation in der Kirche feit Bernhard
nachweift. So gewifs aber dies Bedürfnifs da war und
ift, fo gewifs ift die Reformation Luthers nicht die Befriedigung
desfelben. Dies ift der Grundgedanke des
ganzen Werkes. Und von hier aus heben fich die Veränderungen
des Dogma's für das Urtheil des Katholiken
vollends als das Verdammungswürdige der ganzen Bewegung
ab, wie umgekehrt diefes ganze Thun, das die
allein berechtigten P"olgen einer berechtigten Reformation