Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1894 Nr. 23

Spalte:

586-588

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nissen, Wald.

Titel/Untertitel:

Die Diataxis des Micheael Attaleiates von 1077 1894

Rezensent:

Meyer, Ph. L.

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

589 Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 23. 590

doch die Weisfagung des Mofes von dem Propheten
(Deut. 18, 18) nicht anerkenne, denn der Prophet fei in
Chrifto erfchienen. Der Jude wehrt fich dagegen, indem
er den Chriften Mifsachtung des Mofes zufchiebt, da
diefe aus Chrifto einen Gott, alfo nicht einen Propheten
gemacht. Gennadios beweift aber, dafs in Chrifto die
Weisfagung des Mofes in höherem Sinne erfüllt fei.
Einen anderen Einwurf des Gegners, nämlich dafs es fich
mit Gottes Unveränderlichkeit nicht vertrage, wenn er
nach dem mofaifchen Gefetze noch ein anderes gegeben,
lehnt der Chrift damit ab, dafs es bei Gottes Unveränderlichkeit
wohl beftehen könne, wenn Gott ein fich
immer mehr vervollkommnendes Gefttz gegeben habe.
Die intereffantelte Frage aber ift die, ob fich die chrift-
liche Religion nicht durch die von Gott zugelaffene
Zerftörung Conftantinopels durch die Türken gerade fo
als falfche erwiefe, wie das Judenthum durch die von
Gott verhängte Zerftörung Jerufalems von Gott als
falfche erwiefen fei: hier fagt Gennadios, dafs die Einnahme
Conftantinopels eines der Vorzeichen des Weltuntergangs
fei, welcher nahe bevorftehe, da die Welt im
fiebenten Aeon flehe, der der letzte fei. Das Chriften-
thum fei indeffen nicht dadurch verurtheilt, da noch viele
chriftliche Völker exiftirten. Ueber die Romäer aber fei
dies fchwere Leiden verhängt theils aus Strafe für die
Sünden, theils als Prüfung. Am Plnde des Dialogs führt
dann der Patriarch noch den pofitiven Beweis für die
Gottheit Chrifti, wodurch denn endlich der Jude überwunden
wird. Unter den vielen intereffanten Einzelheiten
nenne nur die für die neuteftamentliche Zeitge-
fchichte wichtige Stelle über die Sibyllen und ihre
Weisfagungen (S. 34 fr.).

Die zweite Schrift des Gennadius ift eine etwas form-
lofeZufammenftellung der altteftamentlichenWeisfagungen
auf Chriftum.

Beide Schriften find, dem Text nach, mit grofser
Genauigkeit behandelt und mit fehr gelehrten, aber
weitläufigen Anmerkungen ausgeftattet. Bei der Angabe
über das Leben des Gennadios find übrigens die Arbeiten
der neueren Griechen nicht berückfichtigt.

Erichsburg. Ph. Meyer.

Linck's, Wenzel, Werke, gefammelt und hrsg. mit Einleitungen
und Anmerkungen von Dr. Wilh. Reindell.
1. Hälfte: Eigene Schriften bis zur 2. Nürnberger
Wirkfamkeit. Marburg, Ehrhardt, 1894. (XVII, 357 S.
8. Mit Bildnifs.) M. 6. —

Der Linckbiographie, deren erfte Hälfte 1892 erfchien,
läfst Reindell Linck's Werke zur Seite gehen, üflftreitig
verdienen die kleinen, grofsentheils feiten gewordenen
Schriften Linck's eine neue Gefammtausgabe. Denn fie
zeigen uns die Eigenart eines Reformators zweiter Ordnung
in ihrer Entwicklung und geben damit zugleich
einen Mafsftab für die Beurtheilung der Sterne erfter Gröfse
in der Reformationszeit. Der beherrfchende Einflufs
Luther's auf feinen Ordensbruder ift auch in deffen
Schriften nicht zu verkennen. Welch ein Abftand zwi-
fchen der Efelspredigt von 1518 (der Menfch mufs des
Herrn Efel werden, darauf er in Jerufalem einzieht), die
trotz ihres evangelifchen Gehalts ganz die allegorifche
Methode der Klofterprediger beibehält, und der fchlichten
Auslegung von Matth. 18 im Jahr 1525! Es find gefunde
Gedanken, welche Linck als evangelifcher Prediger entwickelt
. Befondere Beachtung verdient die Schrift ,Von
der Arbeit und vom Betteln' von 1523. Der Fleifs, mit
welchem Reindell den Schriften Linck's in ihren ver-
fchiedenen Ausgaben nachgegangen ift, verdient alle
Anerkennung. Was er Neues von folchen zu geben hat,
wird der folgende Band bringen. Die ältefte Schrift,
welche Reindell nachweift, eine der Fürltin Margareta

von Anhalt gewidmete Betrachtung ,von der heiligen Ehe'
von 1514 ift noch nicht wieder aufgefunden.

Sehr erfreulich ift die Unterftützung, welche die
ftädtifchen Collegien von Colditz dem Unternehmen zu
Theil werden liefsen, womit fie ihrem Landsmann ein
fchönes Denkmal fchufen. Freilich hätte die Ausftattung
des Werkes etwas würdiger fein dürfen. Bläuliches und
weifses Papier wechfelt mit einander, einzelne Blätter des
blauen Papiers find nicht rein. Die Druckfehler find,
wie fchon das keineswegs vollftändige Verzeichnifs be-
weift, fehr zahlreich. In feinem Editionsverfahren hätte
Reindell die Bedürfnifse der wackeren Colditzer und anderer
Lefer mehr berückfichtigen und dem Vorbild der
Braunfchweiger Lutherausgabe folgen dürfen, um den
Kindern der Neuzeit die bald 400 Jahre alten Schriften
Linck's geniefsbarer zu machen. Seine fachlichen und
fprachlichen Erläuterungen reichen nicht aus. Auch die
diplomatifche Treue, mit welcher er die Vorlagen wiedergeben
will, erregt manchmal Bedenken. Es hat doch
keinen Sinn, offenbare Druckfehler, ftatt fie einfach in
den Anmerkungen zu verzeichnen, abfichtlich abzudrucken,
wie z. B. S. 206 Auslegnng, S. 224 Schönfpetgers, S. 249
Ecctefiaftes, S. 293 Aldendenburgk, alle die unfinnige
Häufung von Buchitaben, die fehr häufig nur vom Setzer
Rammt, z. B. S. 237 lebenn, den in unterer Zeit unver-
Rändlichen Gebrauch von u im Inlaut = v (vgl. S. 166
neben einander zu verleücknen und zuuerlaugnen), die
Trennung von zufammengehörigen Worten, z. B. S. 280
Z. 11 für trang ftatt fürtrang (vordrang) u. f. w. weiter-
zufchleppen, womit die neu herausgegebenen Schriften
dem heutigen Lefer mühfame Entzifferung aufnöthigen.
Andererfeits hat R. öfters feine Vorlagen unnöthig corri-
girt. So S. 24 Z. 25 erhalten ftatt enthalten vgl. Luther's
,enthalte mich' Pf. 51, 14. S. 33 Z. 1 u. 2 ift nicht zu ergänzen
: fo gefchieht es, fondern vor wirt ein Komma zu
fetzen. Der Sinn ift: Alle Menfchenwerk, witze, kunft etc.
mufs zerbrochen werden, (es) wirt aber vertilget derfelbig
alte menfch. S. 100 Z. 7 ift kein ,der' einzufchieben,
denn Linck conftruirt Anrüren tranfitiv {attingcndo vani-
tatem). Ebenfo wenig ilt S. 289 und 346 ,das' einzufchieben.
Linck giebt den Wortlaut der Vulgata 1 Tim. 2, 4 qui
omiics nomines vult salvos fieri in holperigem Deutfch, wie
er ja auch fonft lateinifche Conftructionen beibehält
S. 25, 38, 183. Auch S. 134 Z. 15 ift kein ,er' einzufügen,
denn Gottes Namen bleibt Subject. Gröfsere Behutfam-
keit in Textänderungen wäre fehr zu empfehlen.

Offenbar hat fich R. viele Mühe mit Erläuterungen
gegeben und geht dabei fogar auf gothifche Formen
zurück. Allein diefelben genügen nicht und greifen öfters
fehl. Zu erklären wäre z. B. S. 9 Z. 16 zauffet = züchtigt,
S. 56 Z. 2 verzuckt = hinweggeführt, S. 64 Z. 28 ruch =
geruch, S. 66 Z. 4 v. u. Tiriaca = Theriak, S. 72, 75, 76,
81, 96 mitfam, S. 82, 87 Mitfamkeit, S. 84 Z. 4 gefundt
= gefündigt, S. 112 Biß = Sei, S. 116, 118 die mittelalterliche
Abkürzung dz = das, S. 123, 220 Oeleyben,
Ooleuben, ein Wort, das wenigftens dem Süddeutfchen
in feinen Zufammenhängen völlig fremd lautet, follte
näher als blofs mit Ueberbleibfel benimmt fein. Völlig
unberückfichtigt bleibt das feltfame Wort Bockftenzeley
S. 124,128, das vielleicht witzige Verdrehung von Apofteuf-
lerei, apostasia ift. Von den Wallfahrtsorten S. 124 bedürfte
wenigftens das auch S. 144 genannte Eichen der
Erklärung. S. 159 Egiftus= Aegifthus, der Mörder Aga-
memnons. S. 236 Frauenknechte, Frauenbrüder = Karmeliter
. S. 268 Z. 26 vortzigen = fich entfchlagen, verzichten
. Auch auf das nette Latein neutri generis S. 186
dürfte aufmerkfam gemacht fein.

Zu berichtigen wäre in den Anmerkungen S. 8 **
Ecclefiaftes = Sirach 15, 9. S. 13 ift .vermachet' nicht =
zu nichte gemacht, fondern verzäunt, zugemacht, fo dafs
Lücken und Riffe fich fchliefsen. Vgl. die Ausführung
des Bildes S. 47. S. 20 1. ftatt Marc. 13 Mat. 13. S. 31
ift leychen einfach = belügen. S. 43 geht Linck mit