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Ausgabe:

1894 Nr. 22

Spalte:

560-565

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dieterich, Albrecht

Titel/Untertitel:

Nekyia. Beiträge zur Erklärung der neuentdeckten Petrusapokalypse 1894

Rezensent:

Schmidt, Carl

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563 Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 22. 564

Wunder bei einem Verf., der auf S. 230 fich folgenden j darum flets behauptet, dafs die Vorftellungen der Kopten
Satz geftattet: ,Wie einft die pythagoreifch-orphifchen ! auf altägyptifche zurückgehen, jetzt aber hat uns der
Cultgenoffen im vierten Jahrh. v. Chr. ihren Todten Verfe j Fund von Achmim gelehrt, dafs die koptifchen Mönchs-
ihrer apokalyptifchen Dichtung mit ins Grab gaben, wie fchriftfteller fo weit entfernt von altägyptifchen Ideen
die Brüder desfelben Ordens auf Kreta im zweiten Jahrh. 1 waren, dafs fie vielmehr ihre Phantafien den bei ihnen
n. Chr. diefelben Verfe den Ihrigen ins Grab legten, fo ! noch bis in die fpätefte Zeit eifrig gelefenen Apokalypfen
haben auch die Brüder der Chriftengemeinde in Aegypten j entnahmen. — Ebenfo wenig wie die griechifch-ägyp-
Stücke ihrer heiligen Schriften, die von Seligkeit und j tifchen Papyri für den genuinen Orphismus verwerthet
ewiger Pein im Jenfeits erzählten, in die Gräber ihrer | werden können, fo wenig gehen auch die Unterwelts-
Verftorbenen gelegt'. Leider haben aber die ägyptifchen j vorftellungen in Aegypten auf rein orphifche Lehren
Chriften dabei gar nicht an ihre orphifchen Brüder ge- j zurück. Beide Vorftellungskreife haben fich hier in der
dacht, fondern haben die uralten Ueberlieferungen ihrer | helleniftifchen Zeit gegenfeitig durchdrungen. Hier find
heidnifchen Vorfahren im Begräbnifswefen bis in die ! die Unterweltsvorftellungen nicht in einem befonderen
fpätefte Zeit beibehalten, wie ich jüngft ausführlich in 1 Kreife gepflegt worden, fie bildeten vielmehr einen in-
der Z. f. Aegypt. Sprache, Bd. XXXII, S. 52ff. nachge- I tegrirenden Theil der Volksreligion. Jeder Tag lehrt uns
wiefen habe. deutlich, wie fehr die griech. Bevölkerung von den ägyp-

Vor allem aber ftützt fich D. auf die Thatfache, dafs J tifchen Ideen beeinflufst ift. Aus diefem Synkretismus
die bei Clem. AI., Methodius und Makarius Magnes er- j haben m. E. fowohl die jüdifch-chriftlichen Apokalyptiker
haltenen Citate fich nicht in den Rahmen der Schrift 1 als auch die Neuplatoniker gefchöpft. Im vorliegenden
unterbringen laffen. Zunächft ift zu beachten, dafs die j Falle mufs man dem gemäfs die Frage alfo formuliren:
Apokalypfe nach den Angaben des Catal. Ciarom. 270 ! Was ift in der Apokal. rein judifch-chriftlich, was ift den
oder nach Nicephorus 300 Stichen umfafste, während die j fynkretiftifchen Quellen entlehnt, und dazu ein Zweites,
uns erhaltenen Fragmente nach Harnack's Berechnung welche Vorftellungen fand der Verf. bereits in der jüdifchen
nur 131 Stichen ausmachen. Das Citat Nr. I findet fich Apokalyptik vor und wie hat er den aufserchriftl. Stoff
in unferern Bruchftück vor, die übrigen nicht. Aber laffen verarbeitet. Alle diefe Punkte werden von D. zu wenig
fich diefe nicht trotz D. unterbringen? Zu den bei Mak. beachtet, und doch find fie für die Frage nach der Helleni-
Magnes erhaltenen Stücken bemerkt D.: ,Und endlich firung des Chriftenthums von der gröfsten Wichtigkeit.
IV und V: wo foll von der Auferftehung aller am Tage i Ich kann darum nicht zugeben, dafs die Schilderung des
des Gerichts die Rede fein, wo von dem Gericht über Lichtlandes auf urgriech. Vorftellungen zurückgeht, ebenfo
Himmel und Erde, von dem Zerfchmelzen und Zufammen- wenig der Lobgefang und die äufsere Erfcheinung der
rollen des Himmels und dem Herabfallen der Sterne? | Seligen; ich verweife nur auf das Hohe Lied cap. 5, wo
Wir haben ja die apokalyptifche Rede im Anfang des von dem Weifs und Roth, den kraufen Locken etc. des
Bruchflücks von da an, wo von dem Auftreten der I Freundes gefprochen wird. Wenig Präcifion verräth die
falfchen Propheten geredet wird, bis zum Gericht Gottes j Behauptung (S. 79, Anm. 4), dafs die Auffaffung der
über Gerechte und Ungerechte. Da müfsten diefe Dinge himmlifchen Seligkeit als eines Mahles bei den Chriften
ftehen, aber fie flehen nicht da'. Unbegreiflicher Weife j in ihren Büchern (z. B. auch Luc. XII, 37, XXII, 29) und
hat D. hier zwei ganz verfchiedene Dinge, die Schilderung 1 Bildern gewifs nicht ohne Einwirkung orphifchen Glaubens

der Belohnungen und Strafen und die Schilderung des
iüngften Gerichts mit einander verwechfelt. Die Worte
xai tote fAetotTca 0 x)sog .... z«< y.qivti rovc viovg
r-ög ävoiiiag find nur ein Ausblick auf das jüngfte
Gericht; die Befchreibung des Ortes der Seligkeit und
der Verdammnifs ift nicht die Folge des bereits ftatt-
gehabten Gerichts, vielmehr ift fie, wie fchon die Moti-
virung am Eingange zeigt, davon ganz unabhängig gedacht
. Die beiden Citate bei Makarius Magnes gehören
der Partie des jüngften Gerichts an und bilden die Einleitung
zu dem effectvollen Abfchlufs des Ganzen. Auf
Nr. II und III kann ich leider nicht näher eingehen, fie
folgten m. E. dem erhaltenen Bruchftück; bemerken will
ich nur, dafs Clemens in Nr. II unmöglich unter o oVro'-
ötcV.oc den Petrus der Apokalypfe verftanden haben kann,
zumal wenn das erfte fjMjOY desfelben Satzes fich ebenfalls
auf ihn beziehen foll.

Wie aber Hellen wir uns zu dem Nachweife, dafs der
Verf. der Apok. aus orphifch-pythagoreifchen Quellen
gefchöpft habe? Ich für meine Perfon kann feinen Re-
fultaten nur in bedingter Weife zuftimmen, da vor allem
die Scheidung des rein jüdifch-chriftlichen Elementes und
des fpecififch Aufserchriftlichen nicht ftreng durchgeführt
und andererfeits die fpontane Entwicklung ganz ähnlicher
Gedankenreihen nicht berückfichtigt ift. Zuweilen ftöfst
D. auf die Thatfache, dafs diefelben Vorftellungen bei
ganz verfchiedenen Völkern in derfelben Weife ausgebildet
find, z. B. S. 52, 79, 99 Anm. 4, 126 Anm. 1, aber
dies Hört ihn nicht fonderlich. Mit Anwendung der von
D. befolgten Methode mache ich mich anheifchig, den
Nachweis zu liefern, dafs die Apokalypfe des Petrus zum
grofsen Theil auf ägyptifchen Unterweltsvorftellungen
beruht, ja, dafs die orphifchen Lehren auf Aegypten
zurückgehen. Die Griechen felbft haben ja dies behauptet
. Ich verweife auf Maspero Le livre des Morts in
der Rev. de l'hist. des relig. 1887, S. 265 ff. Man hat

entwickelt fei. Und wenn wir nun gar bei m ülv.aioi,
1) dixaioovvri und öfidg ttJs di-/.aioovrrjg nicht gleich von
,altteftamentlich-jüdifcher' oder ,urchriftlicher' Färbung
fprechen follen (S. 36, Anm. 1), fo weifs ich nicht, ob
wir nicht überhaupt aufhören, von jüdifch-chriftlichen
Gedanken zu fprechen. Griechifch ift für D. auch der
Ausdruck if-soi für die Verdorbenen (S. 88, Anm. 2),
fchade, dafs fich ö xonoq tojv dqxieqhov (v. 20) nicht dort
unterbringen läfst.

Das ipvxqöv vdwo auf den Ofiris-Denkmälern (S. 95)
ift altägyptifch; die Ausdrücke dvaipvy%elv, dvdnacaig,
7i 18 Onttaig fpecififch chriftlich.

Viel Anfechtbares enthält der Abfchnitt über die
Sünder und Strafen im Hades. Der Verf. mufs felber
zugeben, dafs gewiffe Sündertypen, wie das Verlaffen des
Weges der Gerechtigkeit, der Götzendienlt und die
Schmähungen Gottes, aus jüdifchen oder chriftlichen Vorftellungen
hinzugethan find, ebenfo die OtkuXijxsq dxet-
(.npm aus Jefaia; von den übrigen charakteriftifchenTypen
der Sünder und Strafen findet er in der älteren jüdifchen
Apokalyptik keine Spur. Eine Beftätigung feiner Anficht
fleht er darin, dafs die Strafen der erfteren Gattung mit
ganz allgemeinen, in den übrigen Gruppen fchon vorhandenen
und viel prägnanter ausgeführten Qualen be-
ftritten werden. Zu der jüdifch-chriftl. Gruppe rechnet
er demgemäfs Nr.I, II, VI, VII, XII, XIV, mithin 6 Stücke,
zu der griechifchen Gruppe die übrigen 8 refp. 7, indem
IX und X urfpr. zufammengehören. Aber diefes Thei-
lungsprincip ift nicht haltbar, denn ohne Zweifel find die
davtitovtsg v.ai wiaiToZvTtg röxovg lö/.wv (Nr. X) fpecififch
jüdifch, nicht weniger wie in IX die fih ike^aavteg nq-
rparovg xai XriQas- Auch waren m. E. mit den 14 Claffen
die Sündertypen noch nicht abgefchloffen. So kommen
wir auch hier zu dem Refultat, dafs der Apokal. durchaus
nicht direct aus einem orphifchen Buche gefchöpft,
vielmehr felbft da, wo er ohne Zweifel heidnifche Vor-