Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1894 Nr. 21

Spalte:

534-535

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Belsheim, J.

Titel/Untertitel:

Codex Vercellensis 1894

Rezensent:

Gregory, Caspar René

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

537

Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 21.

53*

ftration zu jener Behauptung desEngelcult gegeben werde.
Hierher rechne ich auch die fyftematifirenden Behauptungen
in der fonft trefflichen Zufammenfaffung 65 f.,
dafs Chrifti ,Perfon' als höchfter voting für das chriftliche
Leben aufgefafst fei, dafs als Heilsgut zunächft die yvw-
aig erfcheine, und den fchon oben erwähnten Satz, das
Kerygma bezeichne den Uebergang von der altchrift-
lichcn zur apologetifchen Literatur.

Eine befondere Beziehung findet v. D. zwifchen dem
Kerygma und dem Marcusevangelium. Der einzig durch-
fchlagende Beweis, die Herübernahme des ovg n xvgiog
iihi/.rjoev aus Mrk. 3, 13 in Fragment VII wird allerdings
dadurch wieder aufgehoben, dafs wir in dem Fragment
nicht mehr mit Sicherheit entfcheiden können, welche
Worte desfelben aus dem Kerygma flammen, und dafs
diefe Worte gerade den Zufammenhang empfindlich
ftören. — Die Vermuthung, dafs das Kerygma einmal
den ötvxegng ).6yng des Marcusevangeliums gebildet, und
nach feiner Abftofsung der kürzere unechte Schlufs des
Marcusevangeliums an die Stelle getreten (man beachte
die Ausführungen v. D.'s über den Marcusfchlufs), hält wohl
Verf. felbfl für nicht mehr als eine fehr hypothetifche
Combination.

S 6 befpricht Verf. zunächft das bekannte Fragment,
das nach Origenes aus der doctrina Pclri flammt, ,ovx
tifii daiuovtov äaiufiaxoi1' und ift geneigt, diefes dem Kerygma
Petri zuzuweifen. Hingegen beftreitet er gegen
das Zeugnifs des Hieronymus feine urfprüngliche Stellung
im Hebräerevangelium. Aufserdem ftellt v. D. hierher
das bei Origenes Iwm. X in Levit. fich findende Citat aus
den ,quorundam apostolomm litterae', und weift nach, dafs
fchon Hermas dasfelbe gekannt. Da fich aber Anklänge
auch Testam. XII patr. Jos. 3. Const. Apost. V, I. 20. Ps.
Ign. Phil. 13 finden, fo bleibt die Möglichkeit offen, dafs
diefes Citat einer alten kirchlichen Vcrordnungsfchrift
angehörte. Dennoch neigt fich v. D. der Zurückfuhrung
deffelben auf das Kerygma Petri zu, und zieht dann allerlei
weitere Schlüffe, die aber eben völlig unficher flehen,
wie vor allem die Annahme einer directen Berührung
von Hermas und Kerygma.

Andere Fragmente aus einer didaaxai.ia Ptiigov find
aufbewahrt bei Gregor v. Nazianz und Leontius, fie finden
fich citirt mit xov W.tgov, xov ayiov Ilixgov, ix xrjg
xov ayiov Ilixgov diöiaixahiag. — In einer Hdfchr. des
Leontius fleht dagegen ix xrjg xov ayiov Ilixgov 'Altfav-
ögeiaq öidaoxaliag. Diefe Beobachtung wird freilich
völlig annulliert durch die andere, dafs in der betreffenden
Hdfchr. vorher ein Fragment aus Petrus' von Alexandria
Schriften fich findet. Dennoch meint v. D., weil
nun eine zweite Handfchrift ix xov diöaaxdlov Ilixgov
lefe, hier eine zweite Bezeugung dafür zu finden, dafs
die Fragmente nicht von dem Apoftel flammen, fondern
von dem Bifchof Petrus von Alexandria. Doch ift ix
xov diöaaxdlov Ilixgov zu offenbar aus ix tilg öiöaaxa-
Uag xov Ilixgov entftanden, und alfo die handfchriftliche
Bezeugung von v. D.'s Vermuthung die denkbar un-
gunftigfte. Auch inhaltlich fpricht Verf. die folgenden
Fragmente dem Kerygma entfchieden ab. Er erreicht dies
aber nur durch eine allzu fyftematifirende Auslegung
des von den Gefahren des Reichthums handelnden Fragmentes
XV. Gerade wenn es v. D. gelungen ift, dies
vom Wohlthun handelnde Fragment aus den Homil. in
Levitic. von Origenes dem Kerygma zuzufprechen, wird
es um fo wahrfchcinlicher, dafs auch Fragment XV in
diefem geftanden. Warum das Fragment XVI fich nicht
auf die Verleugnung des Petrus beziehen foll, ift fchwer
einzufehen. Ein naiv denkender Schriftfteller konnte
fehr wohl in diefer Weife die Seelenftimmung des Petrus
bei der Verleugnung fchildem. Der Beweis v. D.'s
feheint mir an diefem Punkt nicht geglückt.

S 8 und 9 befpricht v. D. dann die beiden Paulusworte
, zunächft das eine bei Clem. Strom. VI, 5, 42 f.
(f. o.) überlieferte. Viel zu fchnell wird hier die jetzt gar

fo beliebte Behauptung eines jüdifchen Urfprungs diefes
Wortes behauptet. Es folgt neben einem kurzen Wort
des Paulus das Citat aus de rebaptismatc. Ueber ihre
Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zum Kerygma
wage ich nicht zu entfcheiden, neige mich aber des
Verf.'s Anfchauung zu, von deffen Ausführungen ich mit
beftem Dank für mannigfaltige Belehrung fcheide. Die
Unterfuchungen über das Kerygma Petri dürften zunächft
mit der Arbeit v. D.'s abgefchloffen fein.

Angehängt ift der Arbeit ein Excurs: ein Beitrag zur
Chronologie des Lebens Jefu. v. D. befpricht hier ein
Fragment aus Muratori aneedota sacra B III. fol. I37b, in
dem Geburt, Taufe, Tod des Herrn in die Jahre 9. 46. 58
verlegt wird. Merkwürdige aber weitverbreitete chrono-
logifche Anfätze, die vielleicht fo zu erklären find, dafs
vom Jahre 9 ausgegangen wurde, mit Hülfe der Tradition
von einer 50jährigen Lebensdauer Jefu das Jahr 58 und
von hieraus unter Vorausfetzung einer zwölfjährigen
Wirkfamkeit Jefu das Jahr 46 gewonnen wurde.

Göttingen. W. Bouffet.

Osborn, Max, DieTeufellitteratur des XVI. Jahrhunderts. [Aus:
,Acta germanica'.] Berlin, Mayer & Müller, 1893.
(VI, 236 S. mit Titelbild, gr. 8.) M. 7. —.

,Teufelliteratur' ift hier in demfclben engeren Sinne
gebraucht wie bei Goedeke, Grundrifs, 2. A., II, 479, als
Bezeichnung der ,fatyrifch-didaktifchen Bücher der prote-
ftantifchen Prediger, welche, angeregt durch Luther's
Teufelslehre, fich im Kampfe gegen das Böfe dämonifche
Perfonificationen der Lader und Thorheiten ihrer Zeit
fchufen, um die fo entftandenen Teufel zu den Titelhelden
ihrer Schriften zu machen' (S. I. 7). Der Verf.
hat den Gegenfland vollftändiger und eingehender behandelt
als frühere Schriftfteller und einen intereffanten
Beitrag zur Literaturgefchichte, auch zur theologifchen,
und zur Sittengefchichte geliefert. Er befpricht S. 8—40
die Entftehung der Teufelliteratur, giebt S. 164—193 eine
allgemeine Charakteriftik derfelben, befpricht S. 194—229
die Wirkungen und Nachklänge derfelben und S. 41—163
die einzelnen Schriften, in Gruppen geordnet, wobei er
das 1569—88 bei Sigmund Feyerabend in Frankfurt in
drei Auflagen erfchienene Sammelwerk , Tlwatrum dia-
bolorum' (S. 34) zu Grunde legt, aber die darin nicht
aufgenommenen Schriften einfügt (S. 59, 64 u. f. w.).
Manche diefer Teufelfchriften haben lutherifche Theologen
zu Verfaffern, die auch fonft in der theologifchen
Literaturgefchichte einen Namen haben, Andreas Musculus
, Cyriacus Spangenberg, Joachim Weftphal u. a. Als
die Perle des Theatrum diabo/orum bezeichnet O. S. 152
den .Hofteufel' des Joh. Chryfeus, weitaus zu den beften
Teufeln zählt er Spangenberg's Jagdteufel'. Joh. Schütz
hat einen von Seinecker mit einem empfehlenden Send-
fchreiben verfehenen ,Sakramentsteufel' gegen die Gegner
der lutherifchen Abendmahlslehre herausgegeben (S. 141);
einige ,Teufel' polemifiren fcharf gegen die Papillen
(S. 128. 131. 151. 167); im Allgemeinen fpiclt aber die
confcffionelle Polemik in der Teufelliteratur nur eine
untergeordnete Rolle.

In dem Münchener Index von 1566 werden die ,teuf-
felsbüchlin' verboten (Index 1, 469; das von O. S. 196
daneben erwähnte Decret der Kölnifchen Synode von
1549 hat nichts damit zu thun). Von dem katholifchen
Polemiker Jof. Nas werden fie fcharf getadelt (vgl. Janffen,
Gefch. 6, 470). Das .zweifellos auf Anregung der älteren
Teufelliteratur entftandene' Buch des bayerifchen Hof-
fecretärs Aegidius Albertinus, .Lucifers Königreich', ift
erft 1616 erfchienen (S. 223. Janffen, S. 482).

Der Verf. befchränkt fich auf die Teufelliteratur in
dem oben angegebenen Sinne. Was er nebenbei über
die eigentlich dämonologifche Literatur beibringt, ift ungenügend
. Ueber das Hexenwefen (S. 46) find die Schrif-

*♦