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Ausgabe:

1894 Nr. 19

Spalte:

490-494

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Möller, Wilh.

Titel/Untertitel:

Lehrbuch der Kirchengeschichte. 3. Bd. Reformation und Gegenreformation 1894

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 19.

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über eine zweckmäfsige fachliche Dispofition für dies
Gebiet der Kirchengefchichte ohne vieles Streiten erreicht
werden kann. In Atheilung I ift die Art, wie
Wittenberger und Schweizer Reformationsgefchichte mit
der des Anabaptismus bis zur Münflerfchen Kataftrophe
ineinander gearbeitet find, m. E. fo zweifellos mudergül-
tig, dafs fie den Schematismus discreditiren mufs. Nur
Eines kann ich, von minder ficher entfcheidbaren Differenzen
abfehend, nicht billigen: die Auseinanderhaltung
von 2 und 3 im dritten Capitel. Capitel III behandelt
in einer auch von mir längft als zweckmäfsig
erprobten Weife in einem befonderen Abfchnitt ,die
Jahre der Klärung und der Scheidung 1524U. 1525'; 2 be-
fpricht ,die Scheidung von den myftifch-revolutionären
Kreifen', 3 ,die Scheidung der Reformation von den
fchwärmenfchanabaptidifchen Kreifen'. Der Dispofition
gegenüber habe ich nicht errathen, wie hier gefchieden
fein möchte: 2 fpricht von Karldadt und Münzer, 3 von
den Anfängen des Anabaptismus in der Schweiz. Sachlich
find beide Gruppen, obwohl in der erfteren bekanntlich
die Wiedertaufe fich noch nicht findet, m. E.
nicht zu fcheiden, und K.'s Verfuch, fie durch die Epitheta
.myllifch-revolutionär' und ,fchwärmerifch-anabap-
tiftifch' zu differenziren, kommt mir gänzlich unhaltbar
vor. Die zweite Abtheilung reiht der erden die Ge-
fchichte der aufserdeutfchen Reformation, im befondern
die des [aufserdeutfchen] Calvinismus an. Dafs dann
die dritte Abtheilung zunächd die Redauration des Ka-
tholicismus folgen läfst, halte ich für fehr richtig und
wirkfam: das id die gefchichtlich gegebene Folie für ,die
Zerklüftung und confeffionelle Abfchliefsung des deut-
fchen Protedantismus' (Abtheilung IV). Auch im Einzelnen
kann ich für beide Abfchnitte der Dispofition nur
nieine freudigde Zudimmung bezeugen. Dafs für Italien
,die evangelifchen Regungen und die Anfänge der ka-
tholifchen Reactioiv verbunden find, Morone, Valdez,
Caraffa, das Oratorium, die Theatiner u. f. w. in einem
Paragraphen behandelt find, dafs dann der /Vernichtung
der italienifchen Reformationskreife' Ignatius v. Loyola
und die Gefellfchaft Jefu direct angefchloffen find, danach
erd das Tridentinum behandelt wird, das id m. E.
ebenfo zweifellos richtig, wie in Abtheilung IV die An-
fchliefsung des Capitels über das Vordringen des Calvinismus
in Deutfchland an die Behandlung der Lehr-
dreitigkeiten und des Concordienwerks. Nicht minder
richtig erfcheint es mir, dafs in Abtheilung V (der Kampf
zwifchen Reformation und Gegenreformation) die aufserdeutfchen
Gebiete vor den deutfchen behandelt find.
Die fechste Abtheilung (die inneren Zudände der evangelifchen
Kirchen) giebt neben dem an diefem Orte
Selbdverdändlichen (Cap. III: die Entwicklung des theo-
logifchen Geides feit dem Bekenntnifsabfchlufs) mehrere
bis in die Anfänge der Reformationszeit zurückgreifende
Capitel über die Verfaffung fi), das gottesdiendliche
Leben (2) und über den Einflufs der Reformation auf
Sittlichkeit und Bildung (4). Für diefe Abfchnitte bin
ich, und mit mir wird es mancher Lefer fein, dem Verf.
befonders dankbar. Und nicht nur ihres Inhalts wegen;
die Einordnung diefes, nach Aufgabe des fchematifchen
Disponirens fchwer unterzubringenden und doch kaum
entbehrlichen Stoffes an diefer Stelle id mir auch
formell lehrreich gewefen. Abtheilung VII (die kleineren
akatholifchen Gruppen) greift gleichfalls weit zurück in
die Zeit des 16. Jahrh., nur die fpätere Gefchichte des
Socinianismus id dem in Abtheilung V Behandelten und
der in Abtheilung VI im Mittelpunkt dehenden Orthodoxie
gleichzeitig. Ich halte es auch deshalb für zweckmäfsig
, die Plauptmaffe des hier behandelten Stoffes vor
dem Kampfe zwifchen Reformation und Gegenreformation
zur Dardellung zu bringen.

Nur ein Bedenken habe ich gegenüber dem vorzüglichen
Buche. Die Unterfcheidung der Grundrifs- und
Lehrbücher-Sammlung des Mohr'fchen Verlages id von

der Erwägung ausgegangen, dafs für die Studenten
neben die Bücher, die den Lehrdoff in gedrängter Form
darbieten, mehr ausführende und breiter in den Stoff
einführende ,Lehrbücher' treten follten. Dies Buch id
mehr ein Grundrifs für hochgefpannte Anforderungen
als ein Lehrbuch in dem angegebenen Sinne. Für Studenten
id es zu knapp und zu reich zu gleicher Zeit.
— Aber für andere Kreife als die unferer Studenten id
dies die bede Empfehlung. Es id ein ausgezeichneter
Leitfaden für eindringendere Studien. Jeder, den Berufsarbeit
oder Liebhaberei zu folchen Studien treibt, wird
von diefem Buche den reichden Nutzen haben. Wie
dankbar wäre vor 15 Jahren der Pfarrer von Klemzig gewefen
, hätte ihm jemand folch ein Lehrbuch in die Hand
geben können! Nun, ich wünfche dem Verf. viele folche
Lefer, die fein Buch dudiren, wie er als Pfarrer in Klemzig
es gethan hätte.

Halle a/S. Friedrich Loofs.

Luthers Erklärung der heil. Schrift. Zufammengedellt von
Päd. E.Müller. I.—III. (Das Evangelium Matthaei. —
Das Evangelium des Markus und Lukas. — Das Evangelium
Johannis.) Gütersloh, Bertelsmann, (189394).
(445 S. gr. 8.) ä M. 1.50

Ein fchön gedrucktes, lesbares und überfichtliches
Buch, das den Studenten ,eine angenehme Ergänzung' ,zu
dem zwar fehr nöthigen, aber unbedingt trockenen
Schriftdudium', dem praktifchen Geldlichen die Ideen,
welche Luther's Schriftauslegung ,mehr als ein homile-
tifches Repertorium' bietet, darreichen will und auch auf
Lefer unter denLaien, ja fogar ,den rein wiffenfchaftlichen
und kritifchen Theologen' rechnet. Man kann fich nur
freuen, wenn es Müller gelingt, Luther's Schriftauslegung
unterem ganzen Volk näher zu bringen, klagt er doch
fogar, dafs ,die meiden Theologen von der Luther'fchen
Exegefe nur einzelne Brocken aufzulefen pflegen' (Vorwort
). In ähnlichem Sinn hatte einer der erden Vertreter
lutherifcher Richtung in Alt Württemberg, der tüchtige,
charaktervolle Pfarrer F/berle in Ochfenbach gearbeitet.
Er hatte 1856 ein umfangreiches Werk von 1016 Seiten
,Luther's Evangelienauslegung' herausgegeben. Im Jahr
1866 liefs er ,Luther's Epiltelauslegung' in einem ftatt-
lichen Band von 1196 S. folgen und gab die Evangelienauslegung
1877 in vermehrter und durchaus umgeänderter
Bearbeitung (1340 S.) neu heraus. Denn die erde Auflage,
für welche der befcheidene Schwabe zunächft nur Verbreitung
unter feinen Amtsbrüdern in Württemberg
im Auge hatte, war unpraktifch eingerichtet, fofern fie
den Stoff nach der Ordnung der württembergifchen
Sonntags-undFeiertagsevangelien vertheilte und in einem
Anhang gab, was fich dort nicht unterbringen liess. In
der zweiten Auflage hatte Eberle den Stoff, den er durch
neues eindringendes Forfchen vermehrt hatte, auf Grund
einer eigenartigen Evangelienharmonie, deren Grundlage
Lukas bildete, an einander gereiht. Hier hat Müller ficher
das Beffere gegeben, indem er die Auslegung einfach
nach der Folge der Evangelien giebt. Aber das id auch
der wcfentlich.de Vorzug, den feine Bearbeitung vor der
Eberle's voraus hat. Eberle felber hatte in der Epidel-
auslegung diefen Weg eingefchlagen. Sicher verhinderte
ihn nur die Fülle des Stoffes, in der Auslegung der Evangelien
denfelben Weg einzufchlagen. Denn die ungeheuere
Schwierigkeit, einen Commentar aus Luther's Schriften
herzudellen, lag eben darin, dafs die Quellen dafür meid
nicht eigentliche exegetifche Schriften, fondern Predigten
Luther's waren,die gemäfs ihrem Charakter oft,Ausmalung
eines Kerngedankens' darbieten. .Angeregt durch einen
namhaften Theologen' hat fich nun Müller die Aufgabe
gedeiht, nach Ausfcheidung des Stoffes, welcher keinen
neuen Gedanken bietet, den übrigbleibenden Theil nach
der Schriftfolge zufammenzudellen'. Befieht man aber