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Ausgabe:

1894 Nr. 18

Spalte:

468-469

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pachtler, G. M.

Titel/Untertitel:

Ratio studiorum et institutiones scholasticae Societatis Jesu per Germaniam olim vigentes, collectae, concinnatae, dilucidatae. Tomus IV 1894

Rezensent:

Reusch, Franz Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 18.

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das ift keine Rechtfertigung des lutherifchen Confeffio-
nalismus, der dem grofsen Kurfürften fo viel Kampf
bereitet hat.

Was foll es heifsen, wenn man gleich weiter lieft:
,Das calviniftifche Wefen galt in Deutfchland als ein
Eindringling und wurde um fo verhafster, je mehr es
danach trachtete, fich nicht auf Koften der katholifchen,
fondern der evangelifchen Kirche einzudrängen. Hierdurch
kam es, dafs der Calvinift dem Lutherifchen bald
verhafster als der Katholik war'. Wann und wo das
calviniftifche Wefen in Deutfchland daran gewefen wäre,
,fich auf Koften der evangelifchen Kirche einzudrängen',
wäre doch zu erweifen. Was man in jenen Zeiten in
Deutfchland reformirt, früher wohl auch kryptocalviniftifch
nannte, war ein anderes Ding als der ausländifche, den
franzöfifchen Typus an fich tragende Calvinismus. Es
war die milde, dogmatifch freiere Richtung Melanchthon's,
welche, nachdem fie von der unduldfamen Partei der
Concordienformel hinausgedrängt war, fich in der Form
des reformirten Bekenntnifses eine kirchliche Exiftenz
rettete. Calvinift in jenem ftrengen Sinne ift der grofse
Kurfürft perfönlich nie gewefen. Was endlich der Verf.
damit meint, dafs er an die Spitze feines Werkes als
Leitwort die verftimmte Aeufserung Paul Gerhard's gefleht
hat: ,Hüte dich vor Synkretiften, denn fie fuchen
das Zeitliche und find weder Gott noch Menfchen treu',
ift nicht erfichtlich. Der Vorwurf des Synkretismus ift
dem grofsen Kurfürften nicht zu machen, wiewohl es
nicht der fchlimmfte wäre. Dafs das Werk einen That-
beweis für jenes Urtheil über die Synkretiften liefere,
ift gewifs nicht zu fagen.

Darmftadt. K. Köhler.

Delff, Dr. Heinr. Karl Hugo, Philosophie des Gemüths.

Begründung und Umrifs der Weltanfchauung des
fittlich-religiöfen Idealismus. Hufum, Delff, 1893. (VII,
309 S. gr. 8.) M. 6. —

Der Verfaffer der obigen Schrift hat feit dem Jahre
1865 eine umfangreiche literarifche Thätigkeit entfaltet;
der Umfchlag der Brofchüre nennt 16 früher erfchienene
Werke von feiner Hand. Er will hier die Gedanken
feiner Philofophie noch einmal zufammenfaffen, um fie
der Nachwelt zu übergeben. — Die Philofophie hat nach
feiner Anficht nicht die Aufgabe, den äufserlichen caufa-
len Zufammenhang der Dinge zu erforfchen oder durch
eine abftract rationale Begriffszergliederung die Grund-
beftimmungen der Realität zu deduciren, fondern fie foll
das concrete innere Leben der Dinge felbft erfaffen,
ihre ,innere objective Bedeutung', die als geftaltendes
Princip in ihnen lebt, in letzter Linie aber das einheitliche
Abfolute, von dem alles ausgeht und zu dem alles
hinführt, aus dem darum auch alles Befondere innerlich
verftanden werden mufs. Als eine lebendige Realität
kann jedoch das Abfolute nicht auf dem Wege des
Verftandes erkannt werden, fondern nur in den Tiefen
des Gemüths, auf dem Wege der Religion. Aber wir
haben in uns felbft nicht etwa fchon a priori ein be-
ftimmtes Gefühlserkennen Gottes, fondern nur das Suchen
Gottes ift die innerfte Natur des Gemüths. — Diefes
unfer Gemüth fieht fich der Natur mit ihrem Werden
und Vergehen gegenübergeftellt. Es fucht das Wefen
hinter dem Erfcheinungsfpiel. Die Myftik glaubt es in
dem ewig Einen und Gleichen des abfoluten Seins zu
finden, die Religion unferer literarifchen und philofophi-
fchen Genieepoche in dem unerfchöpflichen Reichthum
der fchaffenden Allmutter Natur. Aber die harte Wirklichkeit
der Natur zeigt uns nur blindes, unfreies Getriebe
und in den Individuen den felbftifchen ,Willen
zum Leben'. Darum, wer nur fie kennt, fteht vor der
Weltanfchauung des Peffimismus. Aber in unferm inner-
ften Gemüth erfafst uns ein Grauen davor und ein Verlangen
, einen höheren Lebensgrund zu erfaffen. Diefen
findet unfer Gemüth nur im Seinfolien, in dem allein
auch wahres Wollen, innere Freiheit begründet ift. Der
religiöfe Zug unferes Gemüths geht darauf hin, diefes
Seinfolien nicht als blofsen Begriff oder Gefetz, fondern
als das eigentlich Wefentliche und wahrhaft Seiende, als
Prius alles Realen zu erfahren. Nicht in der Natur ift
eine folche Offenbarung des Seinfollenden zu finden.
Nachwirkung eines naturaliftifchen Grundzuges ift es,
wenn auch heutzutage noch die chriftliche Glaubenslehre
in der Natur die erfte und beftändige Offenbarung Gottes
nachweifen will. Vielmehr wird Gott uns nur im Ge-
wiffen offenbar; da jedoch unfer Gemüth immer feine
Naturgebundenheit an fich hat, mufs ihm Gott zugleich
als eine äufsere erfahrungsmäfsige Wirklichkeit in einer
gefchichtlichenPerfönlichkeitgegenübertreten. DiesPoftu-
lat ift erfüllt in Jefu Chrifto: in ihm wird uns Gott als
die lebendige Macht des Idealen, Seinfollenden und als
abfolutes Prius alles Dafeins offenbar; in ihm und durch
ihn werden wir von der Naturverzauberung frei und in
idealfittlicher Gefinnung eins mit Gott. Dagegen eine
unio mystica giebt es im reinen Chriftenthum nicht.

Aus diefer religiöfen Erkenntnifs mufs nun auch alle
Philofophie hervorgehen. Sie hat das Abfolute nicht
erft zu entdecken, fondern es zu erklären; fie hat ,einer-
feits in Gott die inneren Bedingungen und Vermittlungen
feines Lebens und feines Schaffens zu erforfchen', anderer-
feits ,auf Grund deffen das einzelne gegebene natürliche
und gefchichtliche Dafein in feinem Wefen, feinen inneren
Urfachen, feiner inneren Genefis und Entwicklung zu erklären
' (144). Geleitet von diefer Idee einer chriftlich
begründeten Philofophie entwirft der Verfaffer eine
Pfychologie, in der er gegenüber dem gemeinen oder
reflexiven Bewufstfein die unmittelbaren Seelenfunctionen
zu ihrem Recht zu bringen fucht, eine Erkenntnifstheorie,
in der gegenüber dem Verftandeserkennen das Gemüth
als wefentlich.es Erkenntnifsorgan gerechtfertigt wird,
vor allem aber die Urnriffe einer Speculation, die Gottes
inneres Wefen und die Art feines Wirkens auf die Welt
enthüllt. Der Verf. entwickelt, wie in Gott, dem .ewigen
Gemüth', der Allwille als das Urerfte zu einer inneren
Differenziirung und Determinirung in Gott führt, wie
diefes erfte rein unmittelbare Wollen fein Gegentheil,
den blinden zwecklofen Realitätsdrang aus fich hervorbringt
, wie aber der erfte Wille diefen Gegenfatz fich
unterwirft und fo fich zu Geift und Perfönlichkeit erhebt.
Indem fo der abfolute Wille feiner Freiheit und feines
Reichthums inne wird, geht in ihm der Strom der Liebe
hervor, der nach einem Du verlangt und in dem ewigen
Idealmenfchen (dem ewigen Sohn) feine Befriedigung
findet. Nicht in Gott, fondern als fchlechthiniges Andersfein
Gottes und feiner Idealwelt geht weiter die Naturwelt
hervor; in ihr fetzt Gott jenen dunklen Grund, den
er in fich aufgehoben hat, wieder in Wirkung. So wird
der Hunger nach Leben und Dafein, der Procefs des
Werdens und Vergehens in der Natur verftändlich. Auf
diefen Grundlagen baut der Verfaffer feine Natur- und
Gefchichtsphilofophie auf.

Schon in diefer ganz freien Skizze begegnen uns
manche Gedanken, die uns als Theologen nicht fremd
find, vor allem in der grundlegenden Auffaffung der
Religion und ihrer Bedeutung für unfere Weltanfchauung.
Und wenn in der Schilderung der Religion, die in ihrer
innerften Tiefe fo innerlich fein foll, ,dafs fie keineswegs
fich differenziirt und objectivirt und ihre Einheit in
den Gegenfatz eines Du auseinanderfetzt, fondern ein
reines ftetiges ewiges Grundgefühl innern Lebens bleibt'
(230), ein myftifcher Zug noch hervorbricht, fo ift der-
felbe doch im Ganzen durch die Betonung des fittlichen
Charakters der Religion und der gefchichtlichen Offenbarung
neutralifirt. Darum wenn dem Verf. auch die
Gunft wie der Hafs der heutigen deutfchen Philofophie-
I und Theologie-Profefforen gleichgiltig ift, kann er es uns