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Ausgabe:

1894 Nr. 1

Spalte:

25

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Woelbing, Gust.

Titel/Untertitel:

Die mittelalterlichen Lebensbeschreibungen des Bonifatius, ihrem Inhalte nach untersucht, verglichen und erläutert 1894

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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25

Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 1.

2-5

Woelbing, Dr. phil. cand, theol. Gust, Die mittelalterlichen
Lebensbeschreibungen des Bonifatius, ihrem Inhalte nach
unterfucht, verglichen und erläutert. Leipzig, G. Fock,
1892. (VIII, 160 S. gr. 8.) M. 2.—
Diefe Arbeit würde ich für eine philofophifche Doc-
tordiffertation halten, wenn es mir denkbar erfchiene,
dafs eine philofophifche Facultät fie approbirt hat, ohne
für den Druck die Verbefferung ihrer offenbarften Mängel
zu fordern.1) Denn, fo leid es mir thut, den fleifsigen
Verfaffer mit diefem Urtheil betrüben zu muffen, ich
kann doch feine Arbeit wohlwollend nur dadurch behandeln
, dafs ich davon abfehe, im Einzelnen aufzuweifen,
wie breitfpurig bekannte Dinge ausgekramt werden, wie
unglaublich gering des Verfaffers Kenntnifs in Bezug auf
die nach Boehmer-Will erfchienene Literatur, wie un-
methodifch die ganze Unterfuchung ift. Wenn der Verf.
dies Urtheil zu hart findet, fo bitte ich ihn, Wattenbach's
Gefchichtsquellen in neuefter Auflage, die zweite Auflage
der Jaffe'fchen Regcsta pontificum und Hauck's
Kirchengefchichte Deutfchlands I mitfammt der dort angeführten
Literatur zu ftudiren. Bisher hat er das nicht
gethan; genannt wird, wenn ich nicht irre, keines diefer
Bücher, und verwerthet find fie auch nicht. Von der
Methodelofigkeit des Ganzen den Verf. zu überzeugen,
kann ich mir hier nicht als Ziel flecken. Dem an hifto-
rifche Arbeit Gewöhnten wird ein Blick in das Buch
dies Urtheil beflätigen. Verf. geht das ganze Leben des
Bonifatius abfchnittweife durch und bedenkt dabei bald
diefen bald jenen Biographen mit Lob oder Tadel. Am
Schlufs folgt eine kurze Zufammenfaffung, die bei folcher
Art des Arbeitens natürlich in Allgemeinheiten flecken
bleibt. — Neues ift aus dem Buche nicht zu lernen.

Halle a. S. Friedrich Loofs.

Häring, Prof. D. Thdr., Zur Versöhnungslehre. Eine dog-
matifche Unterfuchung. Göttingen, Vandenhoeck &
Ruprecht, 1893. (VI, 94 S. gr. 8.) M. 1.80.

Diefe Unterfuchung, die Häring's frühere Ausführungen
über ihr Thema abfchliefsend zufammenfafst, zerfällt
in zwei Abfchnitte, deren erfter den religiöfen
Grundgedanken (S. 3—28), der zweite die dogmatifche
Formulirung (S. 29—91) der Verföhnungslehre behandelt
. Der religiöfe Grundgedanke wird dahin beftimmt,
dafs wir aus der in ihrer vollen Tiefe und Gröfse erkannten
Sünde durch den gefchichtlichen Jefus Chriftus
zur Gemeinfchaft mit Gott geführt werden. Es liegt in
diefem Vorgang das Gericht über die Sünde und die
Begnadigung des Sünders, beides in einem. Chriftus
wirkt aber beides in uns durch fein perfönliches Lebens- |
werk, in dem Gott felbft wirkfam ift. Und diefes Lebenswerk
kommt erft in feinem Sterben und Auferftehen fo
zur Vollendung, dafs es die beabfichtigte Wirkung hervorruft
. Das find die unveräufserlichen Grundelemente
jeder chriftlichen Lehre von der Verföhnung, wie fie als
folche auch im neuen Teftament bezeugt find. Um deren
dogmatifche Formulirung handelt es fich nun. Es find
aber wieder zwei Begriffe, die hierfür zu Gebote flehen,
und die fich unfchwer als die entfcheidenden erkennen
lafsen, der der Offenbarung (Gottes an uns) und der
der Vertretung (der Menfchen vor Gott). Beide haben
ihren Werth, ja find unentbehrlich. Aber der Gedanke
der Offenbarung mufs, da es fich um Religion handelt,
unbedingt als der leitende anerkannt werden; von dem
der Vertretung ift zu zeigen, dafs er fich aus dem richtig
und vollftändig gedachten Gedanken der Offenbarung
von felbft ergiebt. Das verfucht Häring nun. Und zwar
führt er zunächft den Gedanken der Offenbarung weiter

1) Bei der Correctur mufs ich nachtragen, dafs die Arbeit nach de
Theol. Jahresbericht XII, 199 doch eine [Jenenfer] Inauguraldifiertation 1:

aus und grenzt ihn gegen falfche Vorftellungen ab. Die
Offenbarung gefchieht nicht durch Verkündigung, fondern
durch das perfönliche Wirken Jefu, in dem Gott felbft
wirkfam ift. In feiner Liebe offenbart fich Gottes Liebe
Tod und Auferftehung dürfen in diefer Offenbarung gar
nicht fehlen. Im Tode kommt die Liebe erft zur vollen
Auswirkung als Liebe, und in der Auferftehung erft erweift
fie fich als die höchfte Macht über die Welt.
Diefer Gedanke von der befonderen Offenbarung ift
religiös nothwendig um des fittlichen Charakters unterer
Religion willen, um der Gedanken von Gott und Sünde
willen, die wir deshalb als die wahren erkennen. Nicht
minder hängt das Chriftenthum an der vollen gefchichtlichen
Wirklichkeit diefer Offenbarung, ein Zufammen-
hang, der fich wie bisher, fo auch fernerhin trotz der
fkeptifchen Stimmung der Gegenwart immer wieder als
nothwendig erweifen wird. Aus diefem Gedanken von
der Offenbarung ergiebt fich aber nun, wenn er vollftändig
gedacht wird, der andere Gedanke des Eintretens
Chrifti für uns beim Vater. Da nämlich die Offenbarung
in feinem perfönlichen Wirken zum Vollzug
kommt, fo ift fie nicht anders möglich als durch das
freiwillige Eingehen Chrifti auf den Liebeswillen Gottes
bis zur Hingabe in den Kreuzestod. Diefes hat Werth
für Gott als das unerläfsliche Mittel für die Verwirklichung
feiner Abficht unter den Menfchen. Zugleich
vertritt er damit uns, indem Gott in ihm den menfeh-
lichen Willen für feine Liebesabficht aufgefchloffen findet
, während die Sünder widerftreben. Und wir entnehmen
daraus zur Bewahrung vor Kleinmuth wie vor
Ueberhebung, dafs unfer Glaube, ohne den wir freilich
nicht zum Heil kommen, doch in keiner Weife für das
Heil begründend ift, da in Chriftus der vollkommene
Glaube war, ohne den Gottes Liebesabficht unerfüllbar
geblieben. Weiter aber: die Liebe Gottes ift eine heilige,
der Heilsglaube, den ihre Offenbarung wecken foll,
kommt nur zu Stande als reumüthiger Glaube. Und wie
die heilige Liebe Gottes den Tod des Heilsmittlers von der
Sünder Hand unvermeidlich machte, fo ift diefer Tod
andererfeits das allein zureichende Mittel, reumüthigen
Glauben zu wecken. Er ift das, indem die Menfchen
erft an diefer Sünde die volle Tragweite ihrer Sünde
erkennen lernen. Aber auch, weil ihnen darin die unverbrüchliche
Ordnung des Guten erft auf unüberbietbare
Weife deutlich wird. Und diefen Zufammenhang
hat Jefus — wieder als der perfönliche Träger der göttlichen
Offenbarung — in feinen Willen aufgenommen
und hat in der Beugung unter den Willen des Vaters
den Menfchen zu gut und an ihrer Statt den Tod erlitten
, er hat uns auch fo in feinem Tode bei dem Vater
vertreten.

Diefe feinfinnige Unterfuchung wird für jeden, ob er
nun zuftimmt oder nicht, lehrreich fein, der die Voraus-
fetzungen für das Verftändnifs mitbringt. Sie führt in
den Kernpunkt eines der wichtigften Probleme unferer
dogmatifchen Arbeit und gewährt trotz der zuweilen
etwas fchwerfälligen Form durch ihre faubere Gedankenarbeit
dem Lefer Genufs. An meinem Theil kann
ich ihr auch fachlich bis auf einen Punkt vollkommen
zuftimmen. Freilich ift diefer Punkt wohl der, um den es
Häring namentlich zu thun ift, die Art nämlich, wie er
für den Begriff der Vertretung eintritt. Doch ift auch
mein Widerfpruch dagegen nur ein bedingter, mehr
formaler als materialer Art. Denn das ift mir nicht
zweifelhaft, dafs feine Lehre von den Bedenken nicht
getroffen wird, die fich gegen die orthodoxe Form der-
felben erheben. Das ift ausgefchloffen durch die wirklich
durchgeführte Ueberordnung des Offenbarungsgedankens.
Auch fcheinen mir die Gedanken fachlich wohl begründet
zu fein, die er in dem Begriff der Vertretung zufammenfafst
. Wir, die wir im Verftändnifs der Verföhnung den
Offenbarungsgedanken zum leitenden nehmen, werden es
in der That nicht verfäumen dürfen, zu beachten, dafs