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Ausgabe:

1894 Nr. 17

Spalte:

433-436

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grundriss der theologischen Wissenschaften, bearb. v. Achelis

Titel/Untertitel:

Baumgarten, Cornill u. A. 1. Teil. 1. Band 1894

Rezensent:

Reischle, Max

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 17.

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Novum Testamentum graece. ad antiquissimos testes de-
nuo recensuit, apparatum criticum apposuit Const.
Tischendorf. Ed. VIII. critica maior. Vol. III. Pro-
legomena scripsit Casp. Renatus Gregory additis
curis j Ezrae Abbot. Pars ultima. Leipzig, Hinricbs,
1894. (XI u. S. 801 — 1426. gr. 8.) M. 13. 50; auf Schreib-
pap. mit breiten Rändern M. 17. 50 (Vol. III. cplt.:
M. 32. —; auf Schreibpap. M. 42. —; 3 voll, cplt.:
M. 70. —; auf Schreibpap. M. 90. —)

Als nach Tifchendorf's Tode (1874) der Verleger
der Editio VIII. des Neuen Teftaments vor die Frage
geftellt war, weffen Händen er die Vollendung des grofsen
Werkes übertragen folle, da mag es ihm nicht leicht
geworden fein, fich für einen jungen amerikanifchen
Gelehrten zu entfcheiden, für welchen zunächft wenig
mehr fprach, als das lebhafte Intereffe, das er der zu
löfenden Aufgabe entgegenbrachte, und die fefte Zuverficht
des Gelingens. Weder der Verleger noch fein Erwählter
konnten damals ahnen, zu welchem Umfange das
Werk anfchwellen und welche Zeit erforderlich fein
werde, es zu vollenden. Dafs aber eine beffere Wahl
nicht hätte getroffen werden können, davon haben wir
uns beim Erfcheinen des erften Theiles der Prolegomena
vor zehn Jahren (f. diefe Ztg., Jahrg. 1884 Sp. 621 ff.) und
aufs neue vor vier Jahren beim Erfcheinen des zweiten
Theiles (f. diefe Ztg., Jahrg. 1890 Sp. 226 ff.) überzeugt.
Man wird es ja immer bedauern müffen, dafs Tifchendorf
fein Hauptwerk nicht felbft hat vollenden können. Ins-
befondere wäre es werthvoll gewefen, wenn er noch
Gelegenheit gefunden hätte, fich eingehend über die zuletzt
von ihm befolgten textkritifchen Grundfätze aus-
zufprechen. Andererfeits aber ift es fehr fraglich, ob
Tifchendorf Neigung dazu gehabt hätte, für die Prolegomena
ein fo gewaltiges Material zu befchaffen, wie es
Gregory auf mehreren grofsen Reifen und in faft achtzehn
Jahre langer entfagungsvoller Arbeit gefammelt und mit
der ihm eigenen peinlichen Gewiffenhaftigkeit gefichtet
und zur Darffellung gebracht hat. Jedenfalls können wir
uns dazu beglückwünfchen, dafs die Editio VIII. critica
maior nun einen des bedeutenden Werkes durchaus
würdigen Abfchlufs gefunden hat.

Der vorliegende dritte Band der Prolegomena be-
fchäftigt fich im IX. Abfchnitt mit den Verfionen des
Neuen Teftamentes und im X. mit den kirchlichen Schrift-
ffellern, welche für die neuteftamentliche Textkritik in
Betracht kommen. Hier wie dort war das Abfehen zunächft
darauf gerichtet, einen Schlüffel zu dem kritifchen
Apparate der Ed. VIII. zu liefern, fofern darin auf Verfionen
und Kirchenväter Bezug genommen wird. Aber
damit hat der Verf. fich keineswegs begnügt. Nicht
nur dafs er alles dasjenige berückfichtigt hat, was in den
letzten zwanzig Jahren hierzu neu entdeckt und erforfcht
worden ift, fo hat er namentlich den Abfchnitt über die
Verfionen in einem alle Erwartungen übertreffenden
Mafse erweitert und damit ein Repertorium der neu-
teftamentlichen Ueberfetzungsliteratur gefchaffen, welches
an Reichhaltigkeit und Zuverläffigkeit nicht fo bald übertroffen
werden wird. Nach einer kurzen Einleitung,
welche über den Werth und Gebrauch der Ueber-
fetzungen im Allgemeinen orientirt, behandelt der Verf.
im IX. Abfchnitt nach einander die orientalifchen und die
abendländifchen Verfionen in der Weife, dafs er die Ent-
ftehung und die Schickfale einer jeden in knapper Form
erzählt und dabei die einfchlägige Literatur in reicher
und zweckmäfsiger Auswahl mittheilt. Dann folgen, nach
den Fundorten geordnet, Liften von Handfchriften, die
zwar auf Vollftändigkeit keinen Anfpruch machen, in
der That aber von dem gegenwärtig Erreichbaren nicht
viel vermiffen laffen. So werden, von den Lectionarien
abgefehen, zu den fyrifchen Verfionen über 300 Hff. aufgeführt
, zu den ägyptifchen über 200, zu der äthiopifchen

über 100, zu der armenifchen (abgefehen von dem fum-
marifch erwähnten Beftande der Bibliothek in Etzfch-
miadzin) 64, zu der georgifchen 3, zu der perfifchen 27,
zu der arabifchen 136. Dafs die abendländifchen Verfionen
, mit Ausnahme der Vulgata, keine hohen Ziffern
aufweifen, liegt nicht an dem Fleifse des Verfaffers,
fondern an der Spärlichkeit der erhaltenen Ueberrefte.
Für die Itala wird fich vielleicht hier und da noch ein
Fragment finden, welches dem Verf. entgangen ift, wie
z. B. die beiden Blätter einer Evangelienhf. aus dem
6. Jahrh., welche einem Ambrosius de fide catliolica in
der Bibliothek des Benedictinerftiftes zu St. Paul in
Kärnthen vorgebunden find. Da aber diefes Fragment
auch Tifchendorf nicht bekannt gewefen zu fein fcheint,
kann man dem Verf. aus der Nichterwähnung desfelben
keinen Vorwurf machen. Sonft ift mir in dem Ver-
zeichnifs der Italahff. nur aufgefallen, dafs als Fundort
des Codex Sessorianus des fogen. Speculum Augustini
S. 961 das Klofter Santa Croce genannt wird, während
bekanntlich die Hff. diefes Kloners jetzt in der Biblioteca
Vittorio Emanuele zu fuchen (ob auch alle zu finden?)
find. In dem der Vulgata gewidmeten Capitel tritt der
Contraft zwifchen dem, was der Verf. vorfand, und dem,
was er neu hinzufügte, am ftärkften hervor: während die
Erläuterungen zu den im Tifchendorffchen Apparate
angewandten Handfchriftenfiglen nur II Seiten einnehmen,
umfafst die vom Verf. unter der befcheidenen Ueber-
fchrift ^Codices nonnulli vulgatae versionis' dargebotene
Lifte nicht weniger als 115 Seiten und bringt in knapper
Form mehr oder weniger detaillirte Nachrichten über
die ftattliche Zahl von 2228 Hff. Bei der Sorgfalt, welche
augenfcheinlich auf die Ausarbeitung jener Erläuterungen
fowohl als diefer Lifte verwandt wurde, wirkt die Wahrnehmung
überrafchend, dafs in mehreren Fällen die
Identität einer hier und dort vorkommenden Hf. dem Verf.
nicht gegenftändlich geworden zu fein fcheint. Das auf-
fallendfte Beifpiel hierfür bietet der bekannte Codex
Cavensis, welcher S. 985 als ,Cavensis MS. 14' dem
9. Jahrh. und S. 1099 (Nr. 2080) als ,Marci)iac {Cava
de' Tirrent) monasterii Trinitatis MS. 14' dem 8. Jahrh.
zugewiefen wird. Auf die Identificirung des Cod. Trevi-
rensis S. 991 (== Nr. 1878?) fcheint der Verf. in Ermangelung
ficherer Anhaltspunkte verzichtet zu haben; unerklärlich
aber bleibt der Verzicht fowohl beim Sangallcnsis
der Ew. S. 990 (= Nr. 1949) als auch beim Sangallcnsis
der paulinifchen Briefe S. 993 (== Nr. 1947) und beim
Codex cardinalis Passionei S. 992 (= Nr. 2136), da hier
überall die Identität auf der Hand liegt.

Der X. Abfchnitt bringt nach einer lehrreichen Abhandlung
, welche in fieben Capiteln die auf die Citate der
Kirchenväter bezüglichen Fragen erörtert (S. 1131—1152),
ein Verzeichnifs der von Tifchendorf citirten Schriftfteller
in alphabetifcher Ordnung, mit Angabe der wichtigften
Ausgaben und Erklärung der benutzten Siglen (S. 1153—
1230). Darauf folgt unter XI. eine Tabula testium, in
welcher die Hff., Verfionen und Kirchenfchriftfteller nach
Jahrhunderten gruppirt find, unter XII. Addenda et emcn-
danda und unter XIII. Indices. Die Addenda et emendanda,
welche, fofern fie fich auf die beiden Textbände beziehen
, meift Ezra Abbot zu verdanken find und von
ihm theilweife fchon im Jahre 1872 Tifchendorf zur Verfügung
geftellt wurden, betreffen zum gröfsten Theil
den kritifchen Apparat, deffen Benutzer nun genöthigt
find, in jedem Falle, wo es fich um genaue Feftftellung
des Thatbeftandes handelt, die betreffende Stelle hier
aufzufuchen. Denn zu einer Uebertragung der c. 50 Seiten
engen Druckes umfaffenden Verbefferungen wird fich
kaum jemand entfchliefsen. Mit Rückficht hierauf möchte
man wünfehen, dafs recht bald ein Neudruck der erften
Bände der Editio VIII in Angriff genommen werden
könnte. Die ausführlichen Indices (S. 1315—1426) beziehen
fich auf 1. Compeudia et sigla, 2. Res personae libri,
3. Loci Scripturac, 4. Vocabula Graeca, 5. Codices Graeci.

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