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Ausgabe:

1894 Nr. 16

Spalte:

421-422

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sembrzycki, Johs.

Titel/Untertitel:

Die polnischen Reformirten und Unitarier in Preussen 1894

Rezensent:

Benrath, Karl

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 16.

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er in fich nicht nur die vollkommene Offenbarung
Gottes als des Vaters gegeben hat, fondern da er auch
die vollkommene Verföhnung mit Gott als ein ewiges
Gut uns erworben und feinen Geift als eine die fündige
Welt immer mehr überwindende Gotteskraft der
Liebe zur Herrfchaft gebracht hat' (S. 59). Die wich-
tigften Verheifsungen, fowie eine kurze Belehrung über
den Kanon des A.T.'s find beigefügt (S. 59—62), fonftiges
bibelkundliches Material ift an paffender Stelle in die ge-
fchichtliche Darfteilung eingeflochten.

Es folgt das Reich Gottes im Neuen Teftament.
Eingeleitet wird diefer Abfchnitt des zweiten Heftes mit
einem Blick 1. auf Land und Leute zur Zeit Jefu, 2. auf
die religiöfen .Parteien' (nicht, wie gewöhnlich, aber
unrichtig gefagt wird .Secten'), 3. auf die Zeitlage (S.
65—78). Dafs er diefen localen und hiftorifchen, diefen
örtlichen und gefchichtlichen, näher zeitgefchichtlichen
Hintergrund dem Leben Jefu Chrifti nicht vorenthalten
hat, rechnen wir dem Verf. als ganz befonders lobens-
werth an. Die Darftellung felbft giebt zunächft die Vor-
gefchichte, bezeichnet dann das Reich Gottes, .welches
im A.T. von Stufe zu Stufe immer mehr vorbereitet war
und welches Johannes der Täufer als nahe herbeigekommen
angekündigt', als durch Jefum ,in feiner Perfon
verwirklicht' und fchildert nun unter gleichmäfsiger Be-
ruckfichtigung der Synoptiker und des Johannesevangeliums
den .Gang des gefchichtlichen Lebens Jefu', der
uns ,den heiligen Gottesfohn zugleich als Propheten,
als Verföhner und Erlöfer und fchliefslich als Herrn
und Meifter' zeigt (§62). Denn das Himmelreich, das
.keine nur irdifche, menschliche Einrichtung' fein follte,
fondern vielmehr ,ein in der Perfon Jefu, dem vollkommenen
Menfchenfohn und fündlofen Gottesfohn gegebenes
Reich von göttlichen heiligen Gütern' hat Jefus gebracht,
indem er die .dreifache Wirkfamktit' als Prophet, als
Verföhner und Erlöfer-und als Herr und Meifter entfaltete
und fo ,nicht nur die Erwartungen des jüdifchen
Volkes auf ein Gottesreich erfüllt, fondern aus dem
jüdifchen Meffias den Heiland der Welt gemacht hat'
(S. 80). Dies der leitende Gefichtspunkt des Verf.'s, der
überall klar zu Tage tritt und ihn zu einer befonders
ausführlichen, fehr dankenswerthen Behandlung der Bergpredigt
(§ 68) und der Gleichnifse des Herrn (§ 69), aber
nicht minder zu einer gerechten Würdigung feines Todes
und feiner Auferftehung geführt hat. ,Das Neue des
durch Jefus gebrachten Reiches ift gegenüber dem alten
Bunde befonders die wichtige Thatfache, dafs das gepredigte
Reich Gottes nicht nur in Gedanken und
Hoffnungen befteht, fondern dafs es Wirklichkeit
ift, dafs alfo das gefchilderte Himmelreich und feine
Gerechtigkeit in der Perfon Jefu völlig fchon enthalten
find' (S. 105). Sollte nun das Reich beliehen, fo mufste
,-lie neue, wenn auch kleine, durch ihn gegründete Gemeinde
von Jüngern' erkennen, ,dafs das Reich Gottes
nur beliehen könne im Glauben an feine Perfon,
aus der fie alle fchöpfen follten Gnade um Gnade'
(S. 105). Das Dringen auf diefen Glauben an feine Perfon
führte zum Entfcheidungskampfe, aber durch diefen zum
Siege und ,wie ein Blitz fuhr plötzlich die Freuden-
botfchaft unter die trauernden Jünger: Der Herr ift wahrhaftig
auferstanden (Luk. 24, 34), er hat gehegt über Tod
und Grab, er ift der Fürft des Lebens (1. Kor. 15, 5—9)
(S. 115. 116).

Den Schlufs des zweiten Heftes bildet die Apoftel-
gefchichte, die in drei Theile zerlegt wird: 1) Gründung
und Entwicklung der chriftlichen Gemeinde zu Jerufalem;
2) Gründung der chriftlichen Gemeinde in Judäa, Samaria
und Umgegend; 3) Gründung und Ausbreitung der Gemeinden
bis an das Ende der Erde. Einfacher erfcheint
uns die Zweitheilung. Gründung und Ausbreitung der
chriftlichen Gemeinde 1) innerhalb Paläftina's; 2) aufser-
halb Paläftina's oder 1) unter den Juden; 2) unter den
Heiden. In Verbindung mit der dritten Mifhonsreife des

Apoftels Paulus werden auch der Galaterbrief, die erfte
Epiftel an die Korinther und der Römerbrief ($ 93—95),
eingehend behandelt. Die Schriften des N.T.'s im Ganzen
befpricht kurz und bündig § 97, der Schlufsparagraph
des zweiten Heftes.

Das dritte Heft bietet die Kirchengefchichte dar.
Ob nicht zu ausführlich? haben wir uns beim Lefen
wiederholt gefragt. Dafs dem Zeitalter der Reformation
(S. 48—77), deffen Schilderung fehr gelungen ift, die ihm
gebührende Ehre durch eingehende Betrachtung erwiefen
wird, finden wir in der Ordnung, namentlich auch in
Betracht des Umftandes, dafs die Reformationsgefchichte
fchon in Obertertia den Schülern ,im Anfchlufs an ein
Lebensbild Luther's', das der Verf. mit liebevoller Be-
geifterung gezeichnet hat, vorgeführt wird. Wie aber foll
der übrige reichlich dargebotene Stoff verarbeitet werden?
Der geehrte Verf. meint zwar im Vorwort: .Wird Luther's
Leben in Obertertia gründlich und anfchaulich durchgenommen
, wird dann in Oberfekunda, was erlaubt ift,
im Anfchlufs an die Apoftelgefchichte fchon ein ziemlicher
Theil der alten Kirchengefchichte behandelt und
die genaue Durchnahme der 108—110 im Anfchlufs an
die Conf. Aug. auf die Oberprima verlegt, fo läfst fich
nach meiner Erfahrung die Kirchengefchichte mit dem
im Handbuch gegebenen Stoff auf Unterprima ganz gut
bewältigen'. Das geftatten wir uns zu bezweifeln und
tröffen uns, dafs das Vorwort hinzufügt: ,Aus dem Gegebenen
eine Auswahl zu treffen, ift aufserdem an manchen
Stellen möglich'. Es ift aber zu beklagen und kann
nicht oft genug ausgefprochen werden, dafs die neuen
Lehrpläne die Kirchengefchichte auf ein Minimum redu-
cirt haben, während gerade diefer Unterricht, wie Ref.
aus langjähriger Erfahrung zu wiffen glaubt, die Schüler,
namentlich auch die Primaner, in hohem Grade zu feffeln
pflegt. Zudem erfordert der Ernft der Zeit, dafs unfere
gebildete evangelifche Jugend die gefchichtliche Entwicklung
der chriftlichen Kirche gründlich kennen lernt.
Dann wird auch ihr, um mit Richard Rothe zu reden,
,der lebendige Glaube an den lebendigen Chriftus' zum
wahren Lebensgute werden, woran der Verf. S. 75 mit
warmen Worten erinnert.

Diefe wohlthuende, innere Wärme bekundet er zuletzt
auch noch im vierten Heft bei Behandlung der
Glaubenslehre und Sittenlehre ,Im Anfchlufs an die heilige
Schrift und an die Augustana'. In den Lehrplänen ift die
Sache etwas mehr eingefchränkt, wenn es bei Angabe
des religiöfen Lehrftoffs für Oberprima heifst (S. Ii):
.Glaubens- und Sittenlehre in Geftalt einer Erklärung
der Artikel I—XVI, XVIII und XX der Conf. Augustana
nach vorangefchickter kurzer Einleitung über die ,drei
alten Symbole'. Der Verf. ift freier verfahren und giebt
nicht nur eine .Erklärung' der betreffenden Artikel, fondern
eine vollftändige Glaubenslehre und das Wichtigfte aus
der Sittenlehre, bei der, wie wir aus Heft 2 wiffen, die
Bergpredigt wieder berückfichtigt und zwar gründlich
berückfichtigt werden foll. Dies ift zu billigen und zu
billigen ift auch, dafs er die Augustana ganz und nicht
blofs, wie gewöhnlich zu gefchehen pflegt, nur den erften
Theil abgedruckt hat; denn gerade bei der jetzt herr-
fchenden, romfreundlichen Stimmung, die in weiten Kreifen
verbreitet ift, ift es nöthig, dafs die ,Artkuli, in quibus
recensentur abusus mutati' hoch auf den Leuchter des
Religionsunterrichtes an höheren Schulen erhoben werden.

Auf Berichtigung von kleinen Verfehen und Druckfehlern
, die uns hin und wieder begegnet find, treten wir
nicht ein. Bei einer neuen Auflage werden fie gewifs
verfchwinden Dem Handbuche felbft wünfchen wir die
weitefte Verbreitung. Sein Verfaffer hat, damals evan-
gelifcher Religionslehrer am Düffeldorfer Gymnafium,
1878 die von Jahr zu Jahr mehr befuchte rheinifche
Religionslehrerconferenz, fpäter, als er nach Höxter berufen
wurde, die weftfälifche geftiftet. Diefen beiden find
andere in anderen Gegenden Deutfchlands gefolgt, die,