Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1894 Nr. 16

Spalte:

409-412

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kihn, Heinrich

Titel/Untertitel:

Encyklopädie und Methodologie der Theologie 1894

Rezensent:

Reischle, Max

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

413

Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 16.

414

habe ich das Werk zu charakterifiren verfucht. Die
dort hervorgehobenen Vorzüge treten im zweiten Theil
noch heller ins Licht, ganz besonders in der vortrefflichen
propädeutifchen Einführung in die hiftorifche Theologie,
auch in dem Abfchnitt über die praktifche Theologie;
nur fällt diefe infofern auf einen überwundenen Standpunkt
der praktifchen Theologie zurück, als nicht die
Kirche und ihre Thätigkeiten, fondern ,the Christian minister
' in feinen Functionen in den Mittelpunkt der Betrachtung
gerückt wird; äufserlich angeflickt erfcheint
dann die Forderung: ,Tke duties of the laity sliould be
considered in eäch departmenf. Mifsglückt ift der Aufbau
der fyftematifchen Theologie dadurch, dafs die bi-
blifche Theologie, die Symbolik mit Irenik und Polemik
und fogar die kirchliche Geographie und Statiftik in diefen
Theil aufgenommen find. Ich hoffe, dafs bei einer zweiten
Auflage des Buchs die Pietät gegen den Verfaffer die
Verbefferung diefer Schäden nicht verhindert. Inter-
effantes ifl auch in diefer Abtheilung enthalten, fo das
Urtheil Schaffs über die verfchiedenen Richtungen moderner
Dogmatik, auch über die Ritfchl'fche Theologie,
die zwar nicht mit vollem Verftändnifs, aber doch ver-
ftändiger als in den meiden deutfchen Beurtheilungen
gezeichnet wird, vor allem aber eine Skizze von der
Entwicklung der amerikanifchen Theologie (S. 374—405).
Noch willkommener id dem deutfchen Theologen ein
kurzer Ueberblick über die amerikanifche Kirchenge-
fchichte (S. 285—294) und über die Gefchichte der eng-
lifchen und amerikanifchen Predigt (S. 488—500). Die
Sympathien des Verf.'s gehören durchaus dem englifch-
amerikanifchen Freikirchenthum; de erdrecken fich auch
auf eine Erfcheinung wie die Heilsarme: er findet ihr
aggreffives Chridenthum jinpcllcd by a truly apostolic
spirit1 und ehrt in Mrs. Catherine Booth ,one of tlie most
rcmarkable and uscful women of the nineteenth Century'. —
Die fehr brauchbaren Literaturangaben des Buchs werden
in dankenswerther Weife durch einen Anhang ergänzt
, in dem Rev. Sam. Macauley Jackson in überficht-
licher Weife eine recht dattliche Ministerial tibrary zu-
fammendellt. — Unter Uebergehung kleinerer Verfehen
notire ich zu S. 439, dafs 1785 Kanf s ,Grundlegung zur
Metaphyfik der Sitten' erfchienen id, die ,Metaphyfik der
Sitten' erd 1797.

Giefsen. Max Reifchle.

Kuyper, Hoogleeraar Dr. A., Encyclopaedie der heilige

godgeleerdheid. Deel 1. Inleidend deel. Amsterdam,
J. A. Wormser, 1894. (VII, 486 u. VI S. gr. 8.)
Das umfangreichde aller neueren encyklopädifchen
Werke verfpricht das von Abr. Kuyper, dem bekannten
Führer der dreng reformirten Richtung in den Niederlanden
, zu werden. Der vorliegende erde 1 heil, dem
zwei weitere von etwas gröfserem Umfang folgen follen,
enthält nur die Einleitung. Nachdem der Name der
Encyklopädie mit den verfchiedenen Bedeutungen, die
er im Lauf der Zeit angenommen hat, befprochen id,
wird in paralleler Reihe ausgeführt, wie die Idee der
Encyklopädie, dafs ein Zufammenhang zwifchen den
verfchiedenen Theilen der menfchlichen Erkenntnis be-
ftehe und von unferem Geide zu erforfchen und heraus-
zudellen fei, auftaucht, fich entwickelt, unter dem Ein-
flufs der deutfchen idealidifchen Philofophie zum Siege
gelangt Aber auch wo diefe Idee aufgekeimt und die
encyklopädifche Arbeit in Angriff genommen id, muls
erd noch die klare Rechenfchaft über die Ziele und
Grenzen diefer Arbeit in einem Begriff der Encyklopädie
gegeben werden; diefer grenzt fie gegen blolse
btofffammlungen, gegen die historia htcrana, gegen die
Hodegetik ab, legt ihren Zufammenhang mit der wiffen-
fcbaftlichen Methodenlehre dar und bedimmtdie Methode
der Encyklopädie felbd. Auf diefe erde dreigetheilte

Unterfuchung mit derUeberfchrift,Encyklopädie' (S. 1—43)
läfst K. eine zweite Abtheilung mit dem Titel /Theologifche
Encyklopädie' folgen: nachdem ihre befonderen
Schwierigkeiten und Aufgaben auf zehn Seiten bedimmt
find, fchhefst fich eine 420Seiten umfallende Gefchichte
der theologifchen Encyklopädie an, deren Ergebnifse
dann nur noch auf zehn Seiten zufammengefafst werden.
In drei Perioden verläuft nach K. diefe Gefchichte, von
Origenes bis zur Renaiffance, von der Renaiffance bis
zur neueren Philofophie und endlich unter dem Einfiufs
der neueren Philofophie von Kant an. Während der
Verf. in der erden, zum Theil auch noch in der zweiten
Periode die Grenzen feiner Dardellung ziemlich weit zieht
und die Gefchichte der fich entwickelnden Idee einer
theologifchen Wiffenfchaft hereinnimmt (vgl. z.B. den ^ 52
über Anfelm von Canterbury), befchränkt er fich für die
Zeit nach der Reformation auf die encyklopädifch-theo-
logifchen Leidungen im engeren Sinn. Noch nie id
über diefe ein fo umfaffendes Referat gegeben worden
wie hier; werden doch z. B. der Einleitung Kaehler's in
feine ,Wiffenfchaft der chridlichen Lehre' und dem Artikel
Gottfchick's über /Theologie' in Herzog's R. E.2 je
vier Seiten, dem Referenten als Herausgeben der 12. Aufl.
von Hagenbach zwei Seiten gewidmet. Die Berichte find
gefchickt angelegt, fachlich gehalten, durch gutgewählte
wörtliche Citate belebt und in angenehm lesbarem,bisweilen
etwas breitem, aber dets fehr klarem Stil ausgeführt. Der
Eindruck der Eintönigkeit id bei der langen Reihe von
Berichten über einzelne Werke fchwer zu vermeiden,
doch wird ihm nach Kräften entgegengearbeitet durch das
Bemühen um klare Gruppirungen (für ungefchickt halte
ich in den §§ 63—67 die Reihenfolge Calvin, Erasmus,
Melanchthon, Bullinger, Hyperius, um fo mehr, da im
§ über Bullinger doch Calvin noch einmal vorkommt),
durch Hervorhebung der Fortfehritte und Rückfehritte
der Wiffenfchaft und durch eine energifche, frifche Kritik.
Zwei Urtheilsprincipien treten durch die ganze Dardellung
hindurch am fchärfden hervor, ein wiffenfehaftliches
und ein confeffionelles: Unerbittlich verfolgt der Verf.
jede Vermifchung der rein wiffenfehaftlichen Aufgabe
der theologifchen Encyklopädie mit dem Zweck, ein einleitendes
Handbuch zur Orientirung, einen ,theologifchen
Baedeker'mitBibliographie.hodegetifchenRathfchlägenetc.
zu liefern. Ich gebe ihm darin Recht: je reinlicher diefe
Aufgaben gefchieden und je klarer fie je für fich durchgeführt
werden, dedo beffer. Der confeffionelle Standpunkt
des Verf.'s id der dreng reformirte: er id überzeugt
, dafs die Unterfcheidung zwifchen römifcher, luthe-
rifcher, reformirter Theologie mit Nothwendigkeit aus
dem Wefen der Theologie hervorgeht und dafs die jetzt
in Schwang gehenden Unterfcheidungen von moderner,
vermittelnder und orthodoxer Theologie ihrem Wefen
fremd und nur von philofophifchem Boden aus hereingetragen
find. Von dem Standpunkt der reformirten Prin-
eipien aus kritifirt er alle Verdrehe, das empirifche Factum
der chridlichen Kirche oder der gefchichtlich be-
dehenden chridlichen Religion oder gar der Religion
und Religionsentwicklung in der Menfchheit überhaupt
zum Gegendand der Theologie zu machen; vielmehr id
Gott felbd in feinem Namen d. h. in feiner cognitio reve-
lata ihr allein legitimes Object. Darum mufs ihr auch
die h. Schrift nicht nur als gefchichtliche Urkunde, fondern
als ,codex sacer' gelten. Aber K. erkennt an, dafs in
den Bedrebungen der neueren Theologie das unveräufser-
liche Bedürfnifs hervortrete, den Anknüpfungspunkt der
Theologie fowohl in der Perfon des Gläubigen, als in
der zu Grund liegenden allgemein menfchlichen Natur
und damit auch ihren organifchen Verband mit dem
Ganzen der menfchlichen Wiffenfchaften aufzufinden.
Nur glaubt er fchon in den Calvin'fchen Gedanken von
der Gegenwart des göttlichen Geides in den Herzen der
Wiedergeborenen und von dem semen religionis, das der
Deus creator in den natürlichen Menfchen gelegt hat,

*