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Ausgabe:

1894 Nr. 15

Spalte:

393-397

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Luthardt, Chr. Ernst

Titel/Untertitel:

Geschichte der christlichen Ethik. 2. Hälfte 1894

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 15.

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feitige Differtation keine weiteren Berichtigungen und Belehrungen
geftattet hat. — Mit den Bemerkungen über
die reformatorifche Ethik haben wir bereits den Standpunkt
, den L. zur Würdigung der von ihm vorgeführten
Werke und Perfönlichkeiten einnimmt, berührt. Er will
den Boden des lutherifchen Bekenntnifses inne halten,
es ifl aber nicht das Bekenntnifs en bloc, nicht die Total-
anfchauung des ,ganzen Luther', die er vertritt; feine
Theologie ifl ein durch die Rücklicht auf die Gegenwart
(S. 630. 637. 639), durch das Verftändnifs ,der fittlichen
Aufgabe der Gegenwart' (688—689) vielfach modificirtes
Lutherthum. Viele Eactoren haben auf dasfelbe eingewirkt
, und es wäre eine lockende Unternehmung, den
Kriterien nachzugeben, die L. zur Ausprägung feines fittlichen
Ideals in Anwendung bringt und durch welche er
eine Menge von Elementen aus der fcholaftifch-mönchi-
fchen Theologie des auch von ihm ,halbirten' Luther's
ausfeheidet. Diefe Unterfuchung würde auch herausftellen,
dafs die Ritfehl gezollte Anerkennung, in feiner Theologie
,feien viele gefunde Gedanken reformatorifcher Be-
urtheilung des fittlichen Lebens und feiner Aufgabe',
mehr als eine rein theoretifche Ausfage ift, und dafs
Luthardt es nicht verfchmäht hat, von feinem Gegner zu
lernen. Wenn aber L. über R.'s ,compendiarifche' Auf-
faffung des Chriftcnthums als .Vertrauen auf Gott und
feine Leitung in allen Lagen des Lebens in der Welt'
urtheilt, .Luther hätte mit diefen abgeblafsten Gedanken
fchwerlich viel anzufangen gewufst' (660), fo erlaube ich
mir ihn auf Luther's .Kurze Form der zehn Gebote, des
Glaubens und des Vater Unfers' zu verweifen. ,Solcher
Glaub, der es wagt auf Gott, wie von ihm gefagt wird,
es fei im Leben oder Sterben, der macht allein einen
Chriftenmenfchen und erlangt von Gott alles,
was er will' (E. A. XXII, 15). Es fcheint alfo doch, dafs
l-uther mit jenem .abgeblafsten Gedanken' etwas anzufangen
gewufst hat!

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Drescher, Tl., Die Bedeutung und das Recht der Individualität
auf sittlichem Gebiet. Von der Teyler'fchen theo-
logifchen Gefellfchaft gekrönte Preisfchrift. Haarlem,
1893. [Leipzig, Harraffowitz.] (XX, 289 S. gr. 8.)
M. 6. -

Die Vorzüge diefer Schrift liegen auf dem Gebiet
der angewandten Ethik. Der doppelte Gedanke, dafs
der Individualität in der Sittlichkeit ein wefentliches
Recht und ein hoher Werth zukomme, dafs fie fich aber
von generellen Mächten begrenzen laffen müffe, um jene
nicht zu verlieren oder in ihr Gegentheil zu verkehren,
wird am ganzen Umfang des fittlichen Lebens in trefflicher
Weife zur Anfchauung gebracht. Niemand wird
ohne Freude und Gewinn dem anmuthigen und geift-
reichen Führer folgen, welcher da mit dem Licht feines
ebenfo feinen als gefunden Urtheils in alle Formen und
Gebiete des fittlichen Strebens und Werdens hineinleuchtet
. Ree. ifl dem Verf. für genufsreiche und anregende
Stunden dankbar. — Aber er vermifst auch etwas
wefentliches, nämlich eine klare und fichere, der Einficht
in die verfchiedenen Möglichkeiten entfpringende
Löfung der principiellen Probleme, welche in dem zur
Behandlung kommenden Gegenftande liegen und für die
auf dem Gebiet des concreten Lebens zu fällenden Ur-
theile die Grundlage bilden. Wer von der Stellung,
welche der Individualität auf fittlichem Gebiete zukommt,
zu reden hat, wird fich von allem Anfang an mit der
Frage auseinanderfetzen müffen, ob denn die Individualität
, deren Thatfächlichkeit unb"eftreitbar ift, blofs der
natürlichen Bafis des fittlichen Dafeins oder diefem felbft
angehöre. Die idealiftifchen Gegner des fittlichen Indi-
vidualitätsprincips entfeheiden fich in dem erfteren Sinne;
fie beflreiten nicht das Vorhandenfein natürlicher Individualität
, fo dafs, wer ihnen diefes entgegenhält, fie nicht
widerlegt, aber fie wollen folche von der fittlichen
Sphäre ausfchliefsen. Nun hat man ihnen erwidert, dafs
die natürlichen Unterfchiede als folche auch fittliche Un-
terfchiede begründen, wobei man die Grenzen der beiden
Sphären verwifchte (Aefthetifcher Naturalismus). So denkt
aber unfer Verf. nicht; es durfte ihm daher zur Begründung
feines Individualismus die Reflexion auf die individuelle
Geflaltung alles höheren Dafeins in der Welt
und die äfthetifch-naturaliftifche Vorausfetzung, dafs die
Schönheit des Univerfums die möglichft grofse Mannigfaltigkeit
feiner Gebilde fordere, nicht genügen. Vielmehr
mufste er die fpeeififeh ethifche Begründung des Indivi-
dualitätsprincips geben, welche darin befteht, dafs jeder
Einzelne berufen ift, einen befonderen Beitrag zur fittlichen
Gefammtarbeit zu leiden. Die Art wie die Einzel-
perfon ihren fittlichen Beruf innerhalb der Gemeinfchaft
ausübt, charakterifirt fie in höherem oder geringerem
Mafs als fittliche Individualität. Dem Verf. id zwar
diefer Gedanke nicht unbekannt, aber er hat den principiellen
Unterfchied zwifchen diefer Begründung des in
Frage dehenden Princips und der natürlichen Differen-
zirung der Menfchheit nicht erkannt. Und doch lehrt
die fittliche Beobachtung täglich, dafs die natürliche Individualität
zwar überall die Bafis, aber dabei eben fo
fehr Hemmnifs und Schranke als Motiv und Kraft zur
Ausbildung einer fittlichen Individualität id. — Offenbar
entfpricht nun diefer teleologifchen Begründung, welche
der fittliche Individualismus erheifcht, eine andere Welt-
anfehauung als jene, welche die ädhetifch-naturalidifchen
Individualiden vertreten. Für diefe id es die Bedimmung
der Welt, fich in einem möglichd grofsen Reichthum
von Gellalten und Bewegungen auszuleben; der fittliche
Individualid dagegen vertritt die chridliche Anficht, wonach
die fittliche Perfönlichkeit als Glied am Leibe der
menfehlichen Gemeinfchaft das Ziel göttlicher Weltleitung
id. Wie der ädhetifche Pantheismus, dem allenfalls
auch ein unbedimmt gefalstes fchöpfungsmäfsiges Ver-
hältnifs des perfönlichen Gottes zur Welt fubdituirt
werden kann, die Glaubensgrundlage jener Denkweife
bildet, welche die fittliche Individualitat in der natürlichen
aufgehen läfst, fo die chridlich-teleologifche Weltan-
fchauung den Glaubensbeweis für den fpeeififeh fittlichen
Individualitätsgedanken. Es gehört ohne Frage zur Begründung
des Rechtes der Individualität, auf diefen Zu-
fammenhang hinzuweifen, und ich mufs es als ein Ver-
fäumnifs bezeichnen, dafs der Verf. dies unterlaffen hat.
Er hat eben die äfthetifche Betrachtungsweife nicht wirklich
durch die ethifche überwunden. Er hat aber auch
der idealiftifchen feinen Tribut bezahlt, indem er, wenn ich
nicht mifsverftehe, das allgemeine Gefetz für die prin-
cipielle Form des fittlichen erklärt und den göttlichen
Urfprung desfelben aus feiner Allgemeinheit ableitet
(S. 24/25). Und doch ift die Bedeutung, welche er der
Individualität einräumen möchte, diefer Argumentation
entgegen und leitet vielmehr dazu an, die principielle
Form des Sittlichen in dem Zielgedanken einer Gemeinfchaft
von Individuen zu fehen, aus welchem als dem
höchften Gut das Sittengefetz erft feinen Inhalt und
feine Autorität herleitet. — Diefe Ausftellungen find nach
der Meinung des Ree. gewichtig genug, um das Uitheil
zu begründen, dafs die vorliegende Schrift für die principiellen
Fragen der Ethik keine Förderung enthält. —
Die Eintheilung des Buches ift die folgende: eine
Einleitung orientirt über das Wefen des Sittlichen und
über die Individualität als natürliche Thatfache; der
,thetifche Theil' weift Recht und Bedeutung der Individualität
im Umkreis der Pflichtenlehre, der Tugendlehre
und der Güterlehre nach; den Schlufs bildet ein ,hifto-
rifch-polemifcher' Abfchnitt, in welchem die Gefchichte
des Princips der Individualität in grofsen Zügen entworfen
wird und die entgegenftehenden Anfchauungen der
Gegenwart charakterifirt und widerlegt werden. -