Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1894 Nr. 14

Spalte:

372-374

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cremer, Ernst

Titel/Untertitel:

Die stellvertretende Bedeutung der Person Jesu 1894

Rezensent:

Haering, Theodor

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

375

Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 14.

376

wenigftens bei uns, Auguflin vielmehr als den erften
modernen Menfchen zu bezeichnen (vgl. Harnack, D.G. III,
95, 4, aber auch H. Schultz, StKr 1894, 611 f.). Gleichwohl
dürften manche Bedenken, die unfer Buch gegen diefes
Urtheil vorbringt, zum Theil berechtigt fein. Wie Augu-
ftin's eigenes fittliches Verhalten auch nach feiner Bekehrung
keineswegs einwandfrei war, fo ift auch feine ganze
Theologie durch den falfchen Gottesbegriff, in dem der
Souverän den Vater verdunkelt, von vornherein verdorben
(175 fr.). Aber follen wir nun deshalb wirklich gegen
Auguftin Origenes eintaufchen? (199). H. nennt einmal
(332) deffen Vermuthungen über die Sterne und ihre Bewohner
verdächtig — aber was meint er zu feiner Alle-
goriftik, feinem Präexiftentianismus, ja feinem Gottesbegriff
? Und wenn es fchliefslich vor allem die Lieblingslehre
der modernen englifchen Theologie von der deonolrjoia
ift, die unfern Verf., wie fchon Weftcott (The Epistles
of St. John 1883, 300 ff.) zu den Alexandrinern hinzieht
— wie unterfcheidet fich dann das von ihm der englifchen
Kirche empfohlene Verfahren von dem der pro-
teftantifchen ,Secten', der Lutheraner und Calviniften,
die Auguftin citirten, ,nicht weil fie die Hilfe der Kirchenväter
gebraucht hätten, fondern weil fie erfreut
waren, wenigftens einen von ihnen zu finden, der den
allgemeinen Abfall nicht mitgemacht hätte'? (320 vgl.
223). Liefse fich aber jene Speculation auch als directe
Fortfetzung der johanneifchen Logoslehre betrachten —
kann denn diefe ohne weiteres die Didache des Ur-
chriftenthums repräfentiren? Und haben wirklich die
Alexandriner die Erwählungslehre des Paulus beffer ver-
ltanden, als Auguftin und Calvin? Der Verf. wird nicht
müde, einzufchärfen, dafs man über Rom. 9 zu c. 11
fortzufchreiten habe (175 f. 218 f. 246f. 327); aber wird
denn nicht gerade hier die Begnadigung Ifraels doch
wieder auf Gottes Vorherbeftimmung zurückgeführt, fo
dafs diefe als abfolute, nicht blofs als relative Wahrheit
erfcheint? (175). Müfste man alfo nicht doch, wie Swedenborg
und die amerikanifchen Univerfaliften thaten, mit
Auguftin auch Paulus verwerfen? (138. 179fr.). Und wäre
diefer auch in der Weife unferes Verf.'s zu verftehen;
wenn er eben in diefer Erkenntnifs des Geheimnifses
Chrifti alle altern Jünger übertraf — was H. nur nicht
aus dem Epheferbrief hätte beweifen follen, wo doch
3, 5 alle Apoftel gleichgeftellt werden (176. 218 f.) — wie
kann dann gerade feine Erwählungslehre als urchriftlich
gelten?

Damit kommen wir an den fchwächften Punkt unferes
, wie fo mancher ähnlicher Werke. Man ftreicht
von dem traditionellen Chriftenthum dies oder jenes weg,
vergifst aber nach dem Glaubensgrund für das Bleibende
zu fragen. Auch H. wirft erft auf S. 252 die Frage auf,
ob wir nicht etwa mit den Dogmen auch die Didache
abthun müfsten, und beantwortet fie fofort mit Nein, da
das Evangelium unferem Gewiffen entfpräche (254, doch
vgl. fchon 136 und dann 288). Anderwärts wird für Kirchen
- und Schriftlehre das Kriterium aufgeftellt, ob fie
Chriftum treibt, was indefs hier in etwas weiterem Sinn
als von Luther verftanden wird (265. 298). Aber obwohl
H. fo auch zum Kanon eine fehr freie Stellung einnimmt
(222. 262 f.), befürwortet er doch gleich wieder eine ganz
confervative Beurtheilung felbft des altenTeftaments(264),
das er auch fonft fo auslegt. Indefs wenn er zwifchen
Mofe und den Propheten keinen Unterfchied entdecken
kann (H. 44h 232) und namentlich die Unfterblichkeits-
hoffnung im ganzen alten Teftament findet, fo trägt er,
obwohl er den heiligen Text für fich nehmen und nicht
Schlufsfolgerungen der fpätern Kritik hineinlefen will
(44), doch thatfächlich viel eher feine Gedanken ein, als
feine Vorfahren ihre f7(piter-to7tans-theoofe (103). Ja er
wirft alle Bücher ,in einen Topf, was er doch anderwärts
als einen unkritifchen Gebrauch der Bibel bezeichnet
, den man nicht erft zu widerlegen brauchte
(270 f.). So wird auch die Infpiration derfelben aus der

Kenofis des Logos erklärt (265 ff.): gewiffermafsen eine
Weiterbildung des ,bibliologifchen Dyophyfitismus', wie
feinerzeit Riehm fagte (vgl. auch Sanday, Inspiration
1893, 425h). Ja auch das Gemeinfame der römifchen,
anglikanischen und genfer Theologie (296) oder die drei
ökumenifchen Symbole (314 h) werden durch ein Hinterpförtchen
wieder hineingefchmuggelt. Und hier fällt der
Verf. nun fein eigenthümlichftes Urtheil. Während nicht
erft Harnack, fondern fchon Calov im Apoftolicum die
Gnadenlehre vermifste, verwirft fie H. deshalb als after-
thought! (316 f.). Und ebenfo die ganze, auf Auguftin
(und die Schrift) zurückgehende Lehre von der Sünde
und Verföhnung. Sünde ift vielmehr the outcome of
man's emptiness and lack of all truc centre of being (184),
oder, wie H. an einer andern Stelle, vielleicht im An-
fchlufs an Drummond fagt: Just as colour is only a
modification of light, the rejected rays of certain absorbent
but non - luminons bodies, so evtl is the residt of the
action or rather repulsion of God's light on certain of
His moral agents (324). Any gardener will shnw ns how
we may turn and twist the hues of plants, and so condi-
tion the colour receptivity of flowers that they may absorb
rays they once rejected, and reject others ivhich they onee
absorbed. Are we to say less of human nature under a
heavenly gardener? (325) Gott zürnt nicht, fondern er
trauert (25). Alle Strafen find natürlich, wie alle Sünde
ihre eigne Selbftqual (29).

So bleibt fchliefslich für die Theologie der Zukunft
nur die Lehre von der Trinität und Incarnation übrig
(91. 105. 293). Jene veranfchaulicht fich der Verf. einmal
in der Weife des bekämpften Auguftin, der ja hier mehr
als Platoniker und weniger als Dogmatiker, denn gewöhnlich
, gefprochen habe; denn dafs fie überhaupt feft-
zuhalten fei, verfteht fich ihm von felbft. To what were
we baptized to, unless into the name of One who is to 71s
tripersonal as Father, Son, and Spirit? (294 f.). Aber noch
leichter macht es fich der Verf. mit der Incarnation, die
er eben auch als das Centraidogma anfleht und fchon
durch die Schöpfung gefordert denkt (344). Er wiederholt
die bereits von andern gemachte Beobachtung, dafs
keiner der morgenländifchen Väter gefragt habe: Cur
Deus Homo? Aber er vergifst ganz zu unterfuchen, ob
nicht wir, zumal die Nichtengländer fo fragen müffen.
Wenn er alfo in Deutfchland, zvhere men of the type of
Richard Rothe — to name only one — abotind, and where
the calm cidture of the 7tniversity type of man is the rule
and not the exception (352), mehr Glauben für feine neue
Theologie zu finden hofft, als in England, fo überfieht
er, dafs gerade hier deren Grunddogmen, die Lehre von
der Dreieinigkeit und von der Menfchwerdung von vielen
verworfen werden. Aber vielleicht entwickelt fich der
Verf. felbft noch weiter, wie er ja fchon jetzt nicht feine
Enkel zu binden oder auf feine Begriffe zu verpflichten
fuchen will. (82) So kann und wird auch der Andersdenkende
mancherlei von den eine vielfeitige Bildung
und reiche Belefenheit des Verf.'s verrathenden Bemerkungen
und Beobachtungen lernen, die hier nur eben
noch nicht genügend verarbeitet find — das beweifen
nicht nur die aufgezeigten Lücken und Widerfprüche,
fondern auch manche Wiederholungen, die fich nicht einmal
mit der Form des Buches — es enthält die 1892 93
gehaltenen Hidsean Lcctures — völlig rechtfertigen laffen,
weil diefe Form eben nur Form ift.

Als ein Zeichen des Intereffes, mit dem ich das
Werk durchgearbeitet habe, bitte ich es daher auch verftehen
zu wollen, wenn ich zum Schlufs noch auf einige
weitere kleine Verfehen und Irrthümer aufmerkfam mache.
S. 96 Z. 3 y. u. wird ÄJiStJ als Verbum gebraucht; S. 169
wird Kant's bekannte Äeufserung vom dogmatifchen
Schlummer falfch angewandt (vgl. 281); S. 194 wird
Luther ein Sohn Georg gegeben (aufserdem Käthe,
Melanchthon und Oekolampad ungerecht beurtheilt); S. 269
[ wird ein menfchliches nvev(.ia geleugnet; S. 308 wird die