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Ausgabe:

1894

Spalte:

361-363

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reuss, Ed.

Titel/Untertitel:

Das alte Testament übersetzt, eingeleitet und erläutert 1894

Rezensent:

Siegfried, Carl

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Theologifche Literatur:

zeitung. 1894. Nr. 14.

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angebracht. So befonders an den lexikalifchen Sammlungen
zu den einzelnen Quellen vgl. S. 108 ff". 189 f. u. a.,
welches Verdienft dem Verf. im Allgemeinen bleiben
wird, wenn auch Giefebrecht feinen Antheil nach ZAT
XIII, 2, 309—314 herausgezahlt bekommen follte. Das
Verzeichnifs zu J S. 94—106 wünfchteman überffchtlicher
in Bezug auf das Sichere geordnet; es werden doch zu
viel Abftriche vom Verf. felbft gemacht. — Am dankenswertheften
lind die von Zeit zu Zeit vom Verf. gegebenen
Rückblicke, in denen er zufammenfafst, was eine
jede einzelne Hypothefe an Wahrheitsmomenten enthält
und inwiefern ffe den Aufbau des jetzt erreichten Re-
fultates gefördert hat. —

Bei der beftändigen Fortbewegung der Wiffenfchaft
ift es natürlich bei einem folchen Werke unmöglich,
nichts auszulaffen. Die Einleitung von Ed. Koenig wird
der Verf. noch nicht haben benutzen können. Anderes
war vielleicht auch hier zu nennen kaum nöthig, da der
Verf. eine Gefchichte, aber keine Bibliographie der Kritik
fchreiben wollte. Doch würden wir gern S. 67 ftatt Biffel,
Genefis Fripp, composition of'the book of Genesis London
1892 gelefen haben; ebenfo verdient wohl mehr als der
flache Polterer A. Zahn (S. 12) unter den Apologeten
Ed. Böhl Erwähnung. — Ein Abkürzungsverzeichnifs wäre
erwünfeht. Was ift S. 90 Z. 13 v. u. WE 117 STGJ I,
134?. — S. 189 zu fyiJM lies Pf. 26,6 ftatt 20, 6. S. 109 Z. 5
v. u. lies n?i ftatt nbb —

Das Buch wird jedem, der fleh mit Hexateuchkritik
befchäftigt und ihren Fortfchritten folgen will, bald unentbehrlich
werden.
Jena. C. Siegfried.

Scharfe, Paft. Emft, Die petrinische Strömung der neutesta-
mentlichen Literatur. Unterfuchungen über die fchrift-
ftellerifche Eigentümlichkeit des erften Petrusbriefs,
des Marcusevangeliums und der petrinifchen Reden
der Apoftelgefchichte. Berlin, Reuther & Reichard,
1893. (VIII, 187 S. gr. 8.) M. 4.—

In diefer Schrift, deren erftes und viertes Capitel
ihrem wefentlichen Inhalte nach bereits in den Stud. u.
Krit. 1889 erfchienen find, handelt es fich um den Verfluch
, eine echt petrinifche Literaturfchicht innerhalb des
N. T.'s nachzuweifen. Sch. glaubt zeigen zu können, dafs
der erfte Petrusbrief, das Markusevangelium und die petrinifchen
Reden der Apoftelgefchichte in ihrer ganzen
fchriftftellerifchen Eigenart und in ihrem biblifch-theo-
logifchen Gehalte in fo charakteriftifcher Weife mit einander
übereinftimmen, und flieh dabei fo fcharf von der
übrigen neuteftamentlichen Literatur abheben, dafs, wer
auch nur für eins der angegebenen Stücke Petrus als
Verfaffer oder Gewährsmann anfehe, diefes fem Urtheil
confequenter Weife auch auf die beiden andern ausdehnen
müffe. — Das Buch ift frifch und klar gefchrieben.
Der Verf. verfteht es befonders, die Rede- und Dar-
ftellungsweife eines Autors anfehaulich zu fchildern. Auch
die eindringenden Unterfuchungen über die Beziehungen
der behandelten Schriften zu den LXX find, zum Theil
wenigftens, recht brauchbar. Aber der Werth der ganzen
Arbeit wird befonders dadurch erheblich herabgedruckt,
dafs der Verf. es faft durchweg an der nöthigen Umflicht
und Zurückhaltung fehlen läfst, wenn es flieh darum
handelt, die Tragweite feiner Beobachtungen zu beftim-
men, während er auf der anderen Seite nur zu fehr geneigt
ift, das Gewicht der entgegenftehenden Inftanzen
zu unterfchätzen.

Die Vorfrage, ob Petrus überhaupt des Griechifchen
mächtig war, ob er insbefondere diefe Sprache mit fol-
cher Virtuofität beherrfchte, dafs er den erften Petrusbrief
gefchrieben haben könnte, wird von dem Verf. mit
gröfster Zuverflichtlichkeit bejaht. Aber Sch. geht dabei
doch von recht irrigen Vorausfetzungen über die damaligen
Sprachverhältnifse in Paläftina aus, und feine
Deutung des Papiasfragmentes ift gänzlich verfehlt: Die
Function des Markus als Hermeneut des Petrus foll nämlich
darin beftanden haben, dafs er die (griechifch gehaltenen
) Vorträge desfelben aufzeichnete, was, ganz
abgefehen von der grammatifchen Unmöglichkeit diefer
Erklärung, eine einfache Tautologie zwifchen Participial-
und Hauptfatz ergeben würde. Mit der Notiz des erften
Petrusbriefes aber, dafs er dia SiXovavov gefchrieben
fei, fetzt fich Sch. überhaupt nicht auseinander.

Ift es an flieh fchon ein fehr gewagtes Unternehmen,
mit literarkritifchen Gründen die Identität des Verfaffers
bezw. letzten Gewährmanns für einen Brief, eine Reihe
von Reden und ein Gefchichtswerk plauflibel machen zu
wollen, fo wird man dasfelbe in dem vorliegenden Falle
von vornherein für gänzlich ausflichtslos halten müffen,
wenn man bedenkt, dafs die einzelnen Schriften natürlich
nur in fehr verfchiedener Weife auf Petrus zurückgeführt
werden könnten. Den erften Petrusbrief foll der
Apoftel griechifch gefchrieben haben. Die nach Sch. in
derfelben Sprache vorgetragenen Erzählungen des Petrus
über das Leben Jeflu hat Markus nach der Erinnerung zu
feinem Evangelium zufammengefafst. Man müfste fich
alfo hier fchon in der üblichen Weife auf das immenfle
Gedächtnifs der Orientalen berufen, wenn man fich von
dem Unternehmen Sch.'s irgend welchen Erfolg ver-
fprechen will. Bei den petrinifchen Reden der Apoftelgefchichte
aber vertagen die geltend gemachten Kriterien
vollftändig. Denn da Petrus diefe Reden aramäifch gehalten
, Lukas aber diefelben fchon in griechifcher Ver-
fion benutzt haben foll, fo hat man keinerlei Sicherheit
darüber, ob diefe oder jene Eigentümlichkeit auf Petrus
oder einen der Berichterftatter zurückzuführen ift. Es foll
durchaus nicht geleugnet werden, dafs fich Sch. diefes
Sachverhaltes bewufst war. Aber er hätte fich dann auch
einer gröfsern Vorflicht in feinen Folgerungen befleifsigen
müffen. Vor allem aber find die von Sch. conftatirten
Uebereinftimmungen in Sprach- und Denkweife der drei
Schriften innerhalb des N. T.'s durchaus nicht charakte-
riftifch genug, als dafs man von hier aus auf die Identität
des Verfaffers oder Gewährsmanns fchliefsen könnte.

In dem erften Abfchnitt analyfirt Sch. die allgemeine
Rede- und Darftellungsweife der drei Schriften. So trefflich
hier die Charakteriftik des erften Petrusbriefs und
des Markusevangeliums auch ift, fo hätte doch die rhe-
torifche Eigenart des erfteren noch fchärfer herausgearbeitet
werden können. Die Vorliebe für anfchaulich-con-
crete Redeweife und für Bilder theilt der erfte Petrus-
bnef, wie auch Sch. bemerkt, befonders mit dem Jakobusbrief
. Aber während der erftere weithin von metapho-
nfcher Ausdrucksweife beherrfcht ift, bildet der Verfaffer
des Jakobusbriefes mit Vorliebe heraustretende Vergleiche
.

Sodann werden fehr eingehend die Beziehungen der
betreffenden Schriften zu den LXX entwickelt, an denen
befonders der erfte Petrusbrief reich ift. Aber dafs ein
perfönlicher Jünger Jefu feinen ganzen religiöfen Begriffsapparat
aus den LXX zu entnehmen genöthigt ift, macht
Sch. keine weitere Schwierigkeit. Im allgemeinen bedarf
diefer ganze zweite Abfchnitt doch noch einer forgfäl-
tigen Nachprüfung. Denn abgefehen davon, dafs manche
wichtigen Berührungen mit den LXX nicht erwähnt find
und vieles Irrige mit untergelaufen ift, hat Sch., um von
den eigentlichen Citaten abzufeilen, viel zu wenig zwifchen
bewufsten Anklängen und rein zufälliger Verwendung
von Wörtern unterfchieden, die auch bei den LXX
vorkommen. Es hat doch fchlechterdings keinen Sinn,
als bedeutfam hervorzuheben, dafs z. B. sStoteväv, avv-
niAtlv, diaacoLeiv, dfirptßällav, -/.arnduonaiv, /«dr/r/f =
Plage, imXcnp, nguöv, rofe oder der Ausdruck dvo dtrn
(ftatt ava öio), oder gar die Form iZmuva oder t'oiro>
für taitfxo fich auch bei den LXX finden. Haben denn
die neuteftamentlichen Schriftfteller die LXX als Lexikon

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