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Ausgabe:

1894

Spalte:

18-20

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krüger, G. (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Sammlung ausgewählter kirchen- und dogmengeschichtlicher Quellenschriften, als Grundlage für Seminarübungen. 4 u. 6. Hft 1894

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1S94. Nr. 1. 18

Begegnung des Herrn mit den Jüngern am Ufer des
Sees bedeuten, und zwar am meiften an die Erzählung
Mtth. 4, 18'. ,Es liegt nahe, dafs für die Wahl des Leyi
als Augenzeugen bereits feine Eigenfchaft als Evangelift
Matthäus in Betracht kam' (trotzdem ift der Verf. von
PE mit dem Mtth.-Ev. fo übel umgefprungen). Alfo
,Charakter von Flickarbeit' (S. 153). Der Gedanke, dafs
hier ein Reft einer fonft verlorenen, werthvollen Tradition
erhalten ift, habe nur zunächft etwas Blendendes. Die
Frage nach dem verlorenen Marcusfchlufs fei überhaupt
nicht herbeizuziehen; denn diefer Schlufs führe nur eine
hypothetifche Exiftenz; aufserdem fei es nicht leicht vorzustellen
, wie fich nun grade hier das Verlorene folle
wiedergefunden haben; aufserdem habe PE den unechten
Schlufs bereits gekannt1): ,hat unfer Verf. den falfchen
Mrc.-Schlufs gekannt, fo hatte er auch einen „echten"
nicht mehr'. Allerdings fei eine erfte Erfcheinung des
Herrn vor Petrus die befte Ueberlieferung, aber ,die
alte uns fonft aus Mrc, Paulus, Luc. bekannte und auch
dem Autor von daher erkennbare Tradition trifft hier
zufammen mit dem petrinifchen Intereffe des Autors,
und daher ift es kein Wunder und kein Beweis befonderer
Quellen, wenn er fich eben jener Tradition bemächtigt.
Er thut es aber nicht, ohne fie umzugeftalten zu einer
Erfcheinung vor Petrus und anderen. Was er fo giebt,
konnte er aus einer Combination von Mc. 16, 7; Mtth.
28, 16 mit Joh. 21 durchaus gewinnen'. Aus diefen und
anderen Stellen, nämlich lucanifchen, habe er es gewonnen,
,feinen koftbaren Schatz bis zur Unkenntlichkeit redigirt,
vermuthlich um ihn zu verbergen, was ihm denn auch
gründlich gelungen ift. Auch ich bekenne, ihn nicht
mehr entdecken zu können'.

Ift das wirklich Methode? Der Verf. mag felblt zu-
fammenrechnen, wie viel ,Quellen' er für die drei, oder
richtiger die zwei Verfe glücklich erfchloffen hat. Ich
meine, wer den Sinn für das Einfache nicht verloren hat,
verfucht's doch zuvor lieber mit einer ,Quelle'. Bei
einer von dem Verf. aufgeführten wird er allerdings
nicht flehen bleiben können; denn darin hat der Verf.
völlig Recht, keine einzige feiner .Quellen' kann die
Quelle fein, weder die erfte Jüngerberufung, noch Mrc.
16, 7, noch Joh. 21, noch I Cor. 15, 5, noch Luc. 24, 34,
noch andere lucanifche Stellen, die doch nur formell
anklingen, noch Matth. 28, 16. Das, was PE fagt, lteht
eben nirgendwo fonft fo gefchrieben; die Stelle, wo er
es fagt, ift die bedeutungsvollfte — er fagt es, wo der echte
Marcus, dem er gefolgt ift, abbricht; der Inhalt deffen,
was er fagt, läfst erwarten, dafs.. er durch eine Ge-
fchichtserzählung die ficherfte Überlieferung, die wir
über die erfte Erfcheinung Jefu befitzen, beftätigen wird,
ohne doch Joh. 21 zu copiren. Das ift der Thatbeftand,
wie man auch über den verlorenen oder nicht verlorenen
Marcusfchlufs denken mag. Da aber das Fragment abbricht
, fo hat jede Hypothefe ungemeffenen Spielraum;
man kann auch Niemand davon überzeugen, dafs er
beffer thut, den Thatbeftand refpectvoll anzuerkennen,
als ihn zu zerpflücken. Mir will nur fcheinen, als muffe
man die Blättchen hier fehr klein zupfen, um den Eindruck
zu erregen, dafs das Ganze nichts ift.

Das Problem, welches das PE ftellt, ift m. E. durch
die Mittel nicht lösbar, die der Verf. aufgeboten Fat.
Doch verkenne ich nicht, dafs wir feiner gründlichen
Arbeit eine fehr bedeutende Förderung verdanken: er
hat es wahrfcheinlich gemacht, dafs unfere kanonifchen
Ew. hinter dem PE liegen, auch das Joh.-Ev. (f. die
Ausführungen zu v. 24). Aber das Verhältnifs des neuen
Ev.'s zu den vieren und feine Eigenart und Compofition
müffen m. E. anders benimmt werden. Die Methode des
Verf.'s ift nicht einwurfsfrei, und die — natürlich nicht

1) Das ift vielleicht richtig, beweift aber nichts, da es nicht zu er-
weifen ift, dafs PE ihn als Schlufs des Marc, gekannt hat. v. Schubert
felbft nimmt an, dafs der Schlufs vorher fchon irgendwo anders exiftirt
hat, bevor er zu Marc, getreten ift.

bewufste — Vorausfetzung, dafs man den Quellen alles
abzwingen dürfe, was unfere Wifsbegierde erfahren möchte,
ift ebenfo bedenklich wie die fortgefetzte und bis ins
Kleinfte durchgeführte Anwendung der Tendenzkritik.
Die erftaunliche Mühe, die fich die Tendenzkritiker geben,
haben fich die Verfaffer auch fehr tendenziöfer Schrift-
ftücke feiten gemacht.

Berlin. A. Harnack.

Sammlung ausgewählter kirchen- und dogmengeschichtlicher
Quellenschriften, als Grundlage für Seminarübungen
hrsg. unter Leitung von Prof. D. G. Krüger. 4. u. 6. Hft.
Freiburg i/B., J. C. B. Mohr, 1893. (gr. 8.) ä M. 1. 40

Inhalt: 4. Augustin, De catechizandis rudibus. Hrsg. von Adf.
Wolfhard. 2., vollftändig neubearb. Ausg. von G. Krüger. (XV, 76 S.) —
6. Clemens Alexandrinus, Quis dives salvetur? Hrsg. von Real-
progymn-Oberlehr. K. Köfter. (XI, 63 S.)

Da die durch A. Wolfhard beforgte Ausgabe von
Auguftin's Abhandlung de catechizandis rudibus, wie in
diefer Ztg. 1893 Nr. 4 nachgewiefen wurde, völlig mifs-
lungen war, hat der Leiter der ganzen Sammlung, G.
Krüger in Giefsen, nun eine neue Ausgabe hergeftellt,
die mit der erften nichts gemein hat als den gröfseren
Theil der Einleitung S. IX—XV. Mit peinlichfter Sorgfalt
ift fie gearbeitet worden, und die Kritik wird anerkennen
müffen, dafs bei einer auguftinifchen Schrift
innerhalb der dem Unternehmen gefleckten Grenzen
Vollkommeneres nicht geleiftet werden konnte. Der Text
ift einfach der Maurineredition von 1685 entnommen, die
drei Abweichungen find S. XV verzeichnet, ebenfo einige
fragliche Lesarten, dafür ift das überflüffiige Varianten-
verzeichnifs hinter dem Texte verfchwunden. Das Ver-
zeichnifs der Bibelftellen S. 61—63 wird fchwerlich einer
Erweiterung fähig fein, und an dem Namen- und Sach-
regifter S. 63—76 wüfste ich keine Correcturen anzubringen
als ein paar Male die Verwandlung eines Punktes
in ein Komma, die Beifügung einer fortgelaffenen Klammer
und die Umftellung von Worten, die der alpha-
betifchen Reihenfolge zuwider geordnet find, z.B. utcrus
vor universalis ftatt hinter urbanus oder inducre hinter
indulgcntiac. — Arbeiten wie diefe und das inzwifchen
auch erfchienene 5. Heft, worin H. Geizer zum erften
Male das Leben des Johannes Eleemon, verfafst von
Leontios von Neapolis, herausgegeben und commentirt
hat, müffen ja der ,Sammlung kirchengefchichtlicher
Quellenfchriften' das etwa verlorene Vertrauen allerorts
wiedergewinnen.

Nicht ganz fo günftig kann das Urtheil über Köfter's
Ausgabe von des Clemens Alexandrinus Tractat tlg 0
oto'Cn(isvos nlovoiog lauten. Am wenigften ift an der
Einleitung (S. V—XI) zu beanftanden, ich vermiffe da nur
eine Hinweifung auf den predigtartigen Charakter der
vorliegenden Schrift des Clemens, auch hätte wohl ein
Wort über eine alte lateinifche Ueberfetzung derfelben
gefagt werden können; überhaupt wäre die Gefchichte
der Ueberlieferung und Veröffentlichung des Werkchens
noch klarer zu fchreiben gewefen. — Der Text (S. 1—38)
ift unter Zugrundelegung der editio prineeps von Ghisler
gedruckt, textkritifche Noten werden S. 39—44 anfehei-
nend fehr freigebig beigefügt. Ich will den Abdruck
nicht incorrect nennen; Druckfehler — etwa 40 habe
ich bemerkt — betreffen meiftens Lefezeichen, und folche
wie ayvoivzsg 10, 2 ft. dyvoovvzeg find ebenfo leicht ver-
beffert, ftörender find 12, 9 zig ft. zig, 27, 16 uövrn> ft.
itovijv und 28,11 ziuwv ft. zivtov. Ferner vermiffe ich in
der Orthographie die Gleichförmigkeit, die bei einer
Textedition erwartet werden darf; Köfter druckt qq bald
mit, bald ohne Spiritus, XQi'/Ceiv bald mit, bald ohne Iota
subscriptum (ebenfo nqqöirig), loa 7, 17 neben loa 25, 9.
35> 3°. nrdozioiv 23, 24, aber im gleichen Falle 20, 10
oozig oöv, und auch in der Schreibung von o oder g in