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Ausgabe:

1894 Nr. 13

Spalte:

349-350

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ziegler, Theobald

Titel/Untertitel:

Religion und Religionen. 5 Vorträge 1894

Rezensent:

Schulthess-Rechberg, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 13.

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logifchen Richtung ans gemeinfame Gotteshaus zu feffeln
ftreben, und am allerwenigften die Kanzel dazu mifs-
brauchen, um in den Kämpfen der Gegenwart für eine
kirchliche Partei Propaganda zu machen'. Damit bin ich
vollkommen einverftanden. Ich halte es auch durchaus
nicht für nothwendig, in jeder Predigt feinen theologifchen
Standpunkt fcharf zu präcifiren; und wenn nach mehrjähriger
Wirkfamkeit eines Predigers in einer Gemeinde
neun Zehntel derfelben nicht wüfsten, ob er eigentlich
liberal oder orthodox fei, würde ich es nicht unter allen
Umftänden für einen Schaden halten. Aber für den, der
ein Ohr dafür hat, mufs der Unterfchied doch zu erkennen
fein. Nun wird man wohl aus dem Ganzen der Bahnfen'-
fchen Predigtweife den theologifchen Standpunkt des
Verfaffers einigermafsen zu erkennen vermögen, mehr
aus dem, was er nicht lagt, als aus dem, was er fagt;
aber im Einzelnen bleibt man doch oft im Unklaren,
wie er über die Thatfachen der evangelifchen Gefchichte
wirklich denkt. Nimmt er die fämmtlichen Wunder, auch
Weinverwandlung und Stillung des Seefturms, als wirkliche
Vorgänge auf dem Gebiete des äufseren Naturlebens
an, dann ift gegen feine Darftellung nichts einzuwenden
; ift das aber nicht der Fall, fo würden (ich
gerechtfertigte Bedenken dagegen erheben laffen. Ein
Prediger, der fich zu einem in feinem Text erzählten
Wunder kritifch verhält, kann ohne Zweifel die Frage
nach der Thatfächlichkeit des berichteten Vorgangs auf
fich beruhen laffen, er kann fich jeder Erörterung darüber
enthalten und fofort zur Anwendung fchreiten;
aber er wird nicht fo darüber reden, er wird nicht in
einer Weife die erzählte Gefchichte nacherzählen und
ausmalen dürfen, dafs es den Schein erweckt, als ftehe
fieihm unbedingt feft und gelte ihm in allen ihren Theilen
als wirkliches Ereignifs. — Auch Bitzius predigt ,pofitiv',
er hat ganz diefelbe Abficht, wie Bahnfen, er will feine
Hörer erbauen. Er denkt nicht daran, für eine kirchliche
Partei Propaganda zu machen, nicht einmal feine eigenen
theologifchen Anflehten will er den Leuten aufdrängen; er
will ihnen lediglich einen Halt geben in den Stürmen und
Verfuchungen des Lebens, er will fie zu rechten Gotteskindern
und zu rechten Nachfolgern Chrifti machen, er will
fie den Weg finden laffen zu ihrem ewigen Ziele. Aber
gelegentlich hält er es für nothwendig, um volle Klarheit
zu fchaffen oder um feinem aufbauenden Wort um fo
mehr Vertrauen und um fo gröfsere Wirkungskraft zu
fichern, ohne jeden Rückhalt feine perfönliche Auffaffung
auszufprechen und fie auch, foweit fie eine negirende ift,
nicht zu verfchweigen. In einer Ofterpredigt z. B. fagt
er in der Einleitung, dafs feine Auffaffung der dem Feftc
zugrundeliegenden gefchichtlichen Thatfache wahrfchein-
lich eine andere fei, als die der meiften feiner Zuhörer;
denn er denke nicht an eine leibliche Wiedererweckung
Jefu aus dem Grabe, fondern (teile fich die Sache fo
vor, dafs die Jünger nach feinem Tode Erfcheinungen
von ihm gehabt hätten, ,an Oftern die erfte, an der Auffahrt
die letzte, und zwar feien diefe Erfcheinungen, ob
wir diefelben nun fo oder anders erklären, weder Selbft-
täufchung noch Betrug der Jünger gewefen, fondern
Gottes eigenftes Werk an und in ihren Seelen'. Aber
er macht dann keinerlei Vcrfuch, diefe feine Vorftellungs-
weife zu begründen oder als die allein berechtigte zu
erweifen, fondern er hebt hervor, was ihm mit denen,
die eine leibliche Auferftehung annehmen, gemeinfam
fei, und führt diefes Gemeinfame näher aus. Ich will
nicht fagen, dafs diefe Art, die Sache zu behandeln, von
jedem, der auf dem Standpunkte von Bitzius fteht, nachgeahmt
werden müffe; er hat es felbft nicht immer fo
gemacht, wie fich aus den früheren Sammlungen feiner
Predigten ergiebt, und es kann Erwägungen geben, die
es als pflichtmäfsig erfcheinen laffen, diefen Weg nicht
einzufchlagen. Aber wie ftark auch pädagogifche und
andere Rückfichtcn ins Gewicht fallen mögen, immer
mufs doch der Prediger darnach ftreben, die Wahrhaftigkeit
nicht zu verletzen, und fich jedenfalls aufs ängrt-
lichfte hüten, pofitiv zu behaupten, was mit feiner per-
fönlichen Ueberzeugung in Widerfpruch fteht. Diefe unbedingte
Wahrhaftigkeit ift es auch vor allem, die den
Bitzius'fchen Predigten Eindruck und Wirkung verleiht.
Was macht fo viele Predigten wirkungslos? Dafs man
den Eindruck hat: der Mann auf der Kanzel fpricht Gedanken
aus, die andere gedacht, Gefühle, die andere empfunden
haben; die Saiten feiner Seele klingen vielleicht
in diefem Augenblick mit, aber was er giebt, ift doch
nichts Selbfterlebtes und Selbfterarbeitetes, es ift ein
geiftig einigermafsen affimilirter Stoff, aber keine lebendige
Frucht, die aus feinem eigenen Herzen erwachten ift.
Bei Bitzius dagegen merkt man, dafs niemals, was er
fagt, nur nachgefprochen, nur künftlich anempfunden ift,
und wie man immer über feine dogmatifchen Anfchauungen
denken möge, man hat das Gefühl, einer religiöfen Per-
fönlichkeit gegenüberzuftehen, die darnach ringt, religiöfes
Leben auch in anderen zu wecken und zu fördern.

Auch in der Form, wenn ich darüber noch ein kurzes
Wort fagen foll, find die Predigten der beiden mehrgenannten
Männer fehr verfchieden von einander. Die
Predigten von Bahnfen find durchfehnittlich um die
Hälfte länger, als die von Bitzius, die Situationen find
etwas breit ausgemalt und die Sprache ift eine gehobene,
die ganze Darftellung eine rhetorifch wirkungsvolle.
Bitzius dagegen fpricht fo knapp und fchlicht als möglich
, er fucht nur nach dem klarften und bezeichnendften
Ausdruck für den Gedanken, der ihn befchäftigt; durch
Schmuck der Rede oder kunftvolle Darfteilung zu wirken,
verfucht er jedenfalls nie mit Bewufstfein. Auch das
Thema pflegt er möglichft kurz zu faffen, die Theile aber
gar nicht im voraus anzugeben, während bei Bahnfen
eine etwas umftändliche und nicht immer völlig klare
Angabe der Dispofition die Regel bildet. Freilich fcheint
mir hier auch ein Mangel bei Bitzius vorzuliegen. So
einfach und klar fein Gedankengang ift, fo wäre doch
ein kurzes Zufammenfaffen der Hauptgedanken zuweilen
wünfehenswerth; manchmal find doch die Grenzlinien
zwifchen den einzelnen Theilen oder Abfchnitten etwas
flüffig, und es wäre gut gewefen, in einigen prägnanten
Sätzen, fei es zum Anfang oder zum Schlufs, den Inhalt
eines jeden fcharf hervorzuheben. Summa: Aus beiden
Sammlungen läfst fich für Prediger manches lernen. Bei
Bahnfen werden die mehr ihre Rechnung finden, die fich
überhaupt die Gedankengänge anderer unmittelbar anzueignen
vermögen und nach Fingerzeigen fuchen, wie der
beftimmte Text zu behandeln und aufs Leben anzuwenden
ift. Das Studium von Bitzius wird fich mehr für diejenigen
lohnen, die die ganze Predigtweife eines andern
Predigers kennen lernen und aus der Art, wie feine Individualität
in einem beftimmten Wirkungskreife fich be-
thätigt hat, für die Ausprägung und Bethätigung ihrer
Individualität in dem ihnen zugewiefenen Wirkungskreife
fruchtbare Anregungen empfangen wollen.

Augsburg. J. Hans.

Robertson, Fred. William, Drei weitere Reden. Leipzig,
Hinrichs, 1894. (32 S. gr. 8.) M. — .50.

Diefe drei Reden über Neh. 13, 26, Matth. 8, 10
Pf. 90, 12 bilden eine Ergänzung der unter dem Titel
Rehgiofe Reden. Neue Folge' 1891 im gleichen Verlage
erfchienenen Sammlung und fchliefsen fich auch in
ihrer Paginirung an diefelbe an, fo dafs fie einfach beigeheftet
werden können. Ich nehme an, dafs auch die
Ueberfetzung von derfelben Hand herrührt und freue
mich, conftatiren zu können, dafs uns diesmal eine we-
fentlich gelungenere Arbeit in ihr vorliegt. Die Fehler,
die ich das letztemal rügen mufste (XVII. Jahrg. Nr. 7),
find grofstentheils vermieden, die Gedanken Robertfon's
find klar und richtig wiedergegeben, und wenn man die
Schwierigkeit der Aufgabe in Betracht zieht, wird man