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Ausgabe:

1894 Nr. 1

Spalte:

345-346

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ritschl, Albrecht

Titel/Untertitel:

Gesammelte Aufsätze 1894

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 13.

nichts anderes als eine Tautologie (S. 129). — Auch fei es
R. nicht gelungen, die Wahrheit der Glaubensvorftellung
von einem Gott durch eine teleologifche Weltanfchauung
zu begründen (S. 169—218). Denn Rauwenhoff könne
die philofophifche Behauptung, dafs fich in dem Natur-
gefchehen eine Vernunft offenbare und in der fittlichen
Weltordnung ein diefe Ordnung verwirklichender Wille
kund thue, nicht mit feinem Neo-Kantianismus vereinbaren
(S. 175). Allerdings fei er nicht zum gänzlichen
Abftentionismus gekommen, was ein Zeugnifs für feine
Frömmigkeit und das gute Recht der Metaphyfik fei,
aber feine Ausführungen litten eben deswegen an fehr
vielen Unklarheiten und Inconfequenzen (S. 180). Darum
müffe die metaphyfifche Welterklärung feftgehalten werden.
Denn wenn diefe auch kein exactes Wiffen darbieten
könne, fo gewähre fie doch zwifchen exactem Wiffen und
Nichtwiffen ein Mittleres, das dem zuverläffigen Wiffen
fehr nahe komme (S. 207).

Es ift keine Frage, dafs Dr. Cannegieter's Kritik des
Rauwenhoff'fchen Buches in vielen Beziehungen vollkommen
zutrifft. Zwar hat Rauwenhoff, wie aus den
von diefem felbft angeführten Stellen aus der Kritik der
praktifchen Vernunft klar hervorgeht, Kant richtig ver-
ffanden, wenn auch die Folgerung in dem bekannten
Schiller'fchen Diftichon, dafs man nach Kant die Pflicht
mit Abfcheu thun müffe, unrichtig ift. Auch ift nicht zu
leugnen, dafs die von Cannegieter getadelten vielen Unklarheiten
und Inconfequenzen zum Theil darauf zurückzuführen
find, dafs Rauwenhoff vieles, was er für wiffen-
fchaftlich unbeweisbar erklärt, doch vertrauensvoller
Annahme für werth hält. Allein viele Unklarheiten und
Inconfequenzen bleiben aufserdem noch übrig, und diefe
nachgewiefen zu haben, wird Dr. Cannegieter auch der
für ein Verdienft anrechnen können, der feiner Schätzung
der Metaphyfik nicht beipflichtet.

Lennep. Liz. Dr. Thon es.

Ziegler, Prof. Dr. Theobald, Religion und Religionen.

5 Vorträge. Stuttgart Cotta, 1893. (139 S. 8.) M. 2. —

Die Vorträge behandeln 1) das Wefen der Religion
2) das religiöfe Vorftellen, 3) das religiöfe Handeln^) u. 5)
das gefchichtliche Leben der Religion. Ein Anhang enthält
literarifche Nachweife und ein Regifter.

Die Religion ift Gefühl der Abhängigkeit und Endlichkeit
verbunden mit Sehnfucht nach dem Unendlichen.
Diefe Gefühle wirken fich aber nothwendig vermöge un-
bewufst fchaffender Phantafiethätigkeit in Glaubensvor-
ftellungen und vermöge derMotivirung des Willens durch
das Gefühl in Cultushandlungen aus. Zwifchen Glauben
und Wiffen befteht ein unlösbarer Conflict, indem die
Wiffenfchaft in ihrer Entwickelung jeweilen über das
Weltbild und die Gefchichtsbilder hinausfchreitet, mit
welchen die Religion urfprünglich verwachfen ift, und
welche fie zu ihrem unveränderlichen Beftande rechnet;
auch verendlicht die Religion das Unendliche. Das religiöfe
Handeln ift Gebet, Kunft und fittliches Thun. Bei
fortgefchrittener Einficht in die Gefetzlichkeit des Welt-
gefchehens und geläuterter Religiofität kann das Gebet
keine andere Bedeutung haben als die fubjective Beruhigung
des Beters, wogegen fich freilich der Fromme
verwahrt. Vermöge der Verfelbftändigung des Menfchen
gegenüber jeder Autorität und infolge der Ablehnung
aller Weltflucht und eines jenfeitigen Lebenszieles eman-
cipirt fich in der Gegenwart die Sittlichkeit immer mehr
von der Religion. Die Religion ift als Gefühlsangelegenheit
individualiftifch (Myftik), aber zugleich gemeinfchaft-
lich (Cultus, Kirchenthum). Als wefentliche Formen der
Religion find zu unterfcheiden: Monotheismus und Polytheismus
(der Pantheismus ift blofs Ingrediens der Religion
), ferner Naturreligionen und Buchreligionen, von
denen die letzteren Perfönlichkeiten als Träger göttlicher
Offenbarung anerkennen. Wir befitzen jedoch von den

grofsen Religionsftiftern keine gefchichtlich zuverläffigen
Bilder, und die Wunder haben für uns nicht den Werth
von Beglaubigungsmitteln. Sofern aber die höheren Religionen
in ihrer Entftehungszeit jeweilen einen religiös-
fittlichen Fortfehritt bezeichnen, legitimiren fie ihr Recht
gegenüber der Vorftufe, welches freilich als folches die
Berechtigung immer weiterer Fortfehritte involvirt. Die
Zukunft der Religion gehört nicht einer beftimmten
gefchichtlichen Religion, denn diefe wandeln fich nothwendig
; aber der Trieb zum Unendlichen mit den idealen
Gefühlen, welche er weckt, gehört zum pfycholo-
gifchen Inventar des Menfchen und wird fich jederzeit
auswirken.

Diefe einem Kreife gebildeter Männer und Frauen
dargebotenen Ausführungen follen dem Verftändnifs der
Religion dienen, welches angefichts der kirchlichen Aufregungen
der neuften Zeit vor allem Noth thue. Es
dürfte ihnen jedoch für diefen Zweck der Umftand hinderlich
fein, dafs fie an den entfeheidenden Punkten
keine eindeutige Anficht vertreten. Dem Conflict der
Religion mit dem Wiffen, dem Antagonismus derfelben
mit der weltlichen Ethik und ihrer Bedrohung durch den
Ablauf der Gefchichte fcheint der Verfaffer dadurch entrinnen
zu wollen, dafs er die Religion für einen Inbegriff
idealer Gefühle erklärt im Unterfchied von beftimmten
Glaubensvorftellungen und religiös legitimirten
Satzungen (S. 50.127). Daneben bleibt aber die Behauptung
flehen, nicht blofs dafs das religiöfe Gefühl mit pfycho-
logifcher Nothwendigkeit zu eigenthümlichem Denken
und Handeln führe, fondern auch dafs es um feiner Exi-
ftenz und feiner Gefundheit willen des Denkens und der
Bethätigung nicht entbehren könne (S. 29. 41. 90. 91),
ferner die, freilich nur zaghaft vorgebrachte, Andeutung,
dafs eine vollkommene fittliche Erneuerung der Perfön-
lichkeit nur durch die Religion zu Stande komme (S. 76),
endlich der Satz, dafs die Religion nothwendig am gefchichtlichen
Leben Theil habe (S. 123 ff.). Beliehen diefe
Sätze zu Recht, dann hat der Rückzug auf die pfycho-
logifche Wurzel der Religion keinen Sinn, denn diefe
ift in diefem Fall nicht die eigentliche Religion, fondern
blofs etwa die fubjective Möglichkeit der Religion. —
Ziegler's Methode ftellt eine —nothwendig mifslingende —
Vermittelung zwifchen idealiftifcher Conftruction der Religion
und empirifcher Beobachtung derfelben dar. Durch
Conftruiren wird die Wirklichkeit regelmäfsig umgedeutet,
verkürzt, entleert. Ich führe als Beifpiel an die Forderung
, dafs die als religiös nothwendig anerkannte per-
fönliche Faffung der Gottheit und die ebenfalls religiös
unerläfsliche Annahme einer objeetiven Bedeutung des
Gebetes dem (religiöfen) Begriff des Unendlichen weichen
muffe. Wenn die Perfönlichkeit der Gottheit aus der
anthropomorphiftifch-mythologifchen Tendenz der Religion
hergeleitet wird, fo hätte ein Blick auf die ethifchen
Religionen genügt, um zu zeigen, dafs diefelbe hier ganz
andere Gründe hat. Die göttliche Verehrung Chrifti und
Buddha's durch ihre Gemeinden ift nicht parallel, da
Chrifti perfönliche Stellung zu feinen Jüngern feiner Abficht
nach eine andere war, als diejenige Buddha's zu den
feinigen. — Ueber gefchichtliches Detail mit dem Verfaffer
zu rechten, würde zu weit führen. Die Form ift
gewandt, die Darftellung lebendig. Die Probleme treten
aber zu wenig deutlich heraus und finden keine runde
und fcharfe Beantwortung, was, wie wir fahen, einen
materiellen Grund hat. Wo jenes fehlt, kommt es aber
bei dem Zuhörer nicht zur Förderung des .Verftänd-
niffes'. Man kann eben Anderen nur in dem Mafse zum
Verliehen helfen, als man felbft zu einer klaren und ficheren
Stellung gelangt ift.

Zurich. G. von Schulthefs-Rechberg.