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Ausgabe:

1894 Nr. 13

Spalte:

342-343

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Berger, Samuel

Titel/Untertitel:

Les notes pour l‘enlumineur dans les manuscrits du moyen âge 1894

Rezensent:

Gebhardt, Oscar

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Theologifche Literaturzeitung. 1894. Nr. 13.

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unter einander. Denn es wäre nicht im Sinne des Ver-
faffers, wenn man die zweite, die fich mit der Aufnahme
befchäftigt, die Hugenotten in Rufsland gefunden haben,
als ein Lichtbild früherer Duldfamkeit dem barbarifchen
Verfahren gegenüberftellen wollte, das, einer verbreiteten
Auffaffung zufolge, mit dem Kirchengefetz d. ev.-luth.
Kirche von 1832 feinen Anfang nimmt. Diefe letztere
Auffaffung theilt Dalton bekanntlich nicht. Indem er auf
Grund bisher unbekannter Briefe und Urkunden den Aufenthalt
desBifchofs Ritfehl in Petersburg und feine Mitarbeit
an jenem Gefetz befpricht, beharrt er bei feiner
Anficht von der günftigen oder doch mindeftens nicht
ungünftigen Wirkung desfelben. Allein wer jene Auffaffung
für begründet hält, wird diefelbe in Dalton's Dar-
ftellung trotz feinem Widerfpruch nur beftätigt finden.
Denn Ritfehl hat vergeblich gehofft, ,von der Gerechtigkeit
des Monarchen' felbft eine günftige Regelung
der Mifchehenfrage zu erreichen, während er fcharf-
blickend genug war, ,vorauszufetzen, dafs der ruffifche
Clerus, dem der Ruhm der Toleranz nur in befchränktem
Mafse zukommt, es nicht an Proteftationen fehlen laffen
wird'. Die Meinung aber, dafs es doch möglich gewefen
wäre, durch eine locale Claufel ,die feftverbrieften Rechte'
der Oftfeeprovinzen ,gerade an diefem Punkt' zu wahren
, macht das Lob, das man dem Gefetz im Ganzen
fpendet, illuforifch. Ritfehl hat Petersburg höchft unbefriedigt
verlaffen. Ueber die Gründe diefer Mifsftimmung
hat Dalton feine Lefer im Unklaren gelaffen. Ich meine
aber auch, er hat die Schwierigkeiten nicht aufgedeckt,
mit denen die Aufgabe des Bifchofs von Anfang an behaftet
war. Denn er mufste feinem amtlichen Auf-
trag gemäfs an dem Zuftandekommen eines Gefetzes
arbeiten, gegen deffen Einführung fich eben die lebens-
kräftigften und gefchloffenften Theile der Kirche, die
durch dasfelbe beglückt werden follte, auf's äufserfte
fträubten. Und während dem Fremden, zumal in feiner
Stellung, diefer Widerftand kaum anders als im Lichte
eines eigenfinnigen Particularismus erfcheinen konnte,
lernte er andere ,Hindernifse kennen, die fich der äufseren
Erhaltung und inneren Entwickelung der evangelifchen
Kirche in diefem Lande entgegenftellen und von
denen man im Auslande wenig oder nichts ahnt'. Rit-
fchl's Mifsftimmung wird bei diefer doppelten Gegner-
fchaft fehr verftändlich. Seine Arbeit konnte ihn nicht
befriedigen, weil er in ihr keinen Schutz erblickte für
Gefahren, die vor feinen Augen für die evangelifche Kirche
heraufzogen. Bot aber das Gefetz diefen Schutz nicht,
dann blieb die Frage mindeftens unentfehieden, ob nicht
die particulariftifchen Gegner dennoch im Rechte waren.

Auf S. 66 Z. 9 ift Zaaren ftatt Bojaren fchwerlich
etwas anderes als einfacher Schreibfehler des ,Zarifchen
Dolmetfchers Grosz'.

Rumpenheim. S. Eck.

Ritsehl, Albr., Gesammelte Aufsätze. Freiburg i/B., J. C.
B. Mohr, 1893. (VII, 247 S. gr. 8.) M. 6. —; geb.
M. 8.—

Ref. war früher oftmals Zeuge davon, dafs Ritfehl
den Wunfeh und die Abficht ausfprach, feine in Zeit-
fchriften zerftreuten Abhandlungen gefammelt neu herauszugeben
. Dafs fein Sohn, Profeffor Otto Ritfehl, jetzt
eine folche Sammlung veranftaltet und dadurch eine
Reihe kleinerer, aber wichtiger Arbeiten R.'s fehr Vielen
überhaupt erft zugänglich gemacht hat, ift höchft dan-
kenswerth. Den Hauptbeftand diefer Sammlung bilden
die verfchiedenen auf den Kirchenbegriff bezüglichen
Abhandlungen, in denen R. fpeciell die Entwicklung und
Verfchiebung diefes Begriffs bei den Reformatoren unter-
fucht hat: ,über die Begriffe: fichtbare und unfichtbare
Kirche'; ,die Begründung des Kirchenrechtes im evangelifchen
Begriff von der Kirche'; ,die Entftehung der
lutherifchen Kirche'; und ,ein Nachtrag zur Entftehung

der lutherifchen Kirche'. Aufserdem ift abgedruckt der
Auffatz: ,über den gegenwärtigen Stand der Kritik der
fynoptifchen Evangelien', in welchem R. die Priorität
unferes Marcusevangeliums vor Matthäus und Lucas dadurch
zu begründen fucht, dafs Marcus allein einen be-
ftimmten hiftorifchen Pragmatismus mit Confequenz an
feinem Stoffe durchgeführt habe. Ferner der Auffatz:
,über die Methode der älteren Dogmengefchichte', wo R.
auf Anlafs von Fr. Nitzfch's .Grundrifs d. chriffl. D. G.'
ausführt, wie die Darfteilung einerfeits der chriftologifchen
Lehrentwicklung, andererfeits des die Kirche betreffenden
Lehrcomplexes in der altkatholifchen Periode zu
disponiren fei, und wo er fordert, dafs an Stelle der
Eintheilung in die patriftifche und fcholaftifche Periode
vielmehr die Eintheilung in die altkatholifche und mit-
telaltrige Periode gefetzt werde, deren letztere mit Au-
guftin beziehungsweife mit dem Areopagiten zu beginnen
habe. Sodann der Auffatz: ,über die beiden Principien
des Proteftantismus', wo R. die verhältnifsmäfsig junge
Herkunft der Titel des materialen und des formalen
Princips der Reformation bezw. der Dogmatik und die
Unklarheit, mit welcher der Gebrauch diefer Titel von
Anfang an behaftet war, darlegt. Zum erften Male veröffentlicht
wird endlich ein aus dem J. 1852 flammender
Auffatz: ,Herr Dr. Hengftenberg und die Union', in dem
R. die Zweideutigkeit nachweift, mit welcher Hengftenberg
in feiner ,Evangelifchen Kirchenzeitung'als anfeheinender
Fürfprecher für die Union thatfächlich auf die Discredi-
tirung und Auflöfung derfelben hingearbeitet hatte. Natürlich
kann diefer unvollendet gebliebene Auffatz bei
feiner fo fpeciell zeitgefchichtlichen und perfönlichen
Beziehung nicht ein ebenfo grofses Intereffe in Anfpruch
nehmen, wie die übrigen Abhandlungen in der Sammlung
. M. Er. hätte die Veröffentlichung diefes Auffatzes
unterbleiben können, nachdem der Herausgeber über
den wefentlichen Inhalt desfelben in der Biographie R.'s
referirt hatte.

Die in diefer Sammlung vereinigten Auffätze R.'s
tragen, wie Alles, was R. fchrieb, fehr deutlich den Stempel
feines fcharf ausgeprägten perfönlichen und theolo-
gifchen Charakters. Gewiffe Härten und Schwächen treten
leicht erkennbar hervor. Wer aber mit feinem Blicke
nicht an der Oberfläche haftet, wird fich beim Lefen
diefer Abhandlungen eigenthümlich angezogen fühlen
durch die grofse geiftige Kraft, die fich überall äufsert,
durch das Fehlen jeder Phrafe, jeder Schablonenhaftig-
keit, durch die aufserordentliche Selbftändigkeit in der
Stellung und Verfolgung der Probleme, durch die fcharfe
Dialektik in der Gedankenentwicklung und Begriffsunter-
fcheidung, durch die Conception gefchichtlicher Zufam-
menhänge und Entwicklungen nach grofsen Gefichts-
punkten. Man kann auch aus diefen kleineren Arbeiten
R.'s einen lebhaften Eindruck davon gewinnen, worin
die Gröfse des Mannes lag und was ihn zum Haupte
einer theologifchen Schule qualificirte: nicht dafs er viele
folche Refultate dargeboten hätte, die feine Schüler ohne
Mühe fertig hätten übernehmen können, wohl aber dafs
er auf verfchiedenen wichtigen Gebieten der Theologie
und mit Bezug auf viele befonders bedeutende Probleme
folche neue Wege befchritt und Anderen wies, welche
(ich denen, die feinen Anregungen folgten und felbftändig
in feiner Richtung weiter zu arbeiten fuchten, im Grofsen
und Ganzen als richtig, weiterführend und ergiebig er-
wiefen. Mit genialem Blicke verftand er es, das Bedeut-
fame und Charakteriftifche zu erfaffen und in die gehörige
Beleuchtung zu rücken. Als eine befonders glänzende
Probe diefer feiner bahnbrechenden und genial'en Art
erfcheint mir in der vorliegenden Sammlung der Auffatz
über die Methode der älteren Dogmengefchichte.

Es ift zu hoffen, dafs der Herausgeber bald eine
weitere Sammlung folcher Auffätze feines Vaters her-
ftellen wird.

Jena- H. H. Wen dt.

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